Cord Meijering

Der Autor (Jahrgang 1955) ist Direktor der Akademie für Tonkunst Darmstadt. Nach Studien an der Akademie für Ton­kunst in Gitarre und Komposition absol­­vierte er eine Ausbildung als Meister­schüler bei Hans Werner Henze in Köln. Er erhielt ein Stipendium an der ehemals Ost­­berliner Akademie der Künste bei Hans Jürgen Wenzel. Cord Meijering wurden verschiedene Förderpreise zugesprochen.

Musikausbildung in Darmstadt




© Barbara Aumüller

Musik ist so vielgestaltig wie die Men­schen, die sie zur Darstellung bringen. Wie die Menschen sich in ihren Gesten, in ihren Lauten und Gedanken unterschei­den, so unterscheiden sich die Klänge, der Rhythmus und der Ausdruck ihrer Musik.

 

Musik hat viele verschiedene Orte, mit deren Atmosphäre sie aufs Engste verbunden ist. Ein solcher Ort kann ein Gasthaus in einem spanischen Dorf sein, in dem ein Flamenco erklingt, ein Kon­zert­­saal, ein buddhistischer Tempel, ein ganzer Kulturkreis oder auch die innere Vorstellung eines einzelnen Menschen, der an eine Musik denkt, die außer ihm niemand hören kann.

 

Musik entsteht in der Zeit, und sie hat verschiedene Zeiten, zu denen sie entsteht. Mal ist die Zeit, in der sie zele­briert wird, verbindlich wie bei einem indischen Morgen-Raga oder der Matutin der katholischen Litur­­gie. Selten ist ihr Erklingen unabhängig von örtlicher Umgebung, Jahreslauf und Tageszeit.






© Barbara Aumüller

Menschen treffen sich, um Musik zu machen. Mal ist der Weg, den sie dafür zurücklegen, so kurz wie von einer Klos­­ter­zelle bis in den sakralen Raum, in dem gemeinsam das Gebet gesungen wird. Mal führt der Weg die musizierenden Menschen über tausende von Kilo­me­tern zu einer bestimmten Konzerthalle, zu einem bestimmten Festival-Ort, zum gemeinsamen Erleben von Musik.

 

Musik geht um die Welt und Musik er­­klingt auf der Welt. Die Menschen machen den Planeten Erde zu einem mit Musik tönen­­den Planeten. Vielleicht ist der Planet Erde der einzige Ort im Uni­versum, der auf eine solche Weise klingt. Musik hat ihren Ort und ihre Zeit – ihren aktuellen Ort und ihr Heute sowie ihre Tradition und ihre Hoffnung auf eine wun­­derbar tönende Zukunft.

 

Musik gibt dem Ort und der Zeit, an dem und zu der sie ertönt, einen unverwech­selbaren Charak­ter.





© Barbara Aumüller

Seit Menschengedenken kann Musik der naive, spontane Ausdruck eines einzelnen Menschen wie auch eine hoch­­komplexe, über Generationen von Meister an Schüler vermittelte Kunst­fertigkeit sein.

Auch Darmstadt ist ein Ort, an dem sich Menschen an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten treffen, um Musik zu machen. Es gibt das private Musi­­zieren, die sogenannte freie Szene, die Straßenmusik sowie die kom­­mu­na­len Insti­­tutionen, in denen Musik zur Dar­stel­­lung gebracht und die Fähig­­keit zu ihrer Dar­stellung durch Unter­richt vermittelt wird. Die Akademie für Tonkunst ist einer die­­ser Orte, der wiederum aus vielen einzel­­nen Räumen besteht, in denen sich wöchent­­lich zweitausend Men­schen treffen, um auf unterschiedlichste, viel­­gestaltigste Weise Musik zu machen und zu erlernen.

 

Sie ist ein Kulturinstitut der Wissen­schaftsstadt Darmstadt, versehen mit einem Kulturauftrag zum Wohle der Darmstädter Bürgerinnen und Bürger.

 

In der Akademie für Tonkunst, die aus einer im Auftrag des Landes Hessen arbeitenden Studienabteilung sowie einer im Auftrag der Wissen­schafts­stadt Darm­­stadt arbeitenden Städ­ti­schen Musik­schule besteht, treffen sich Musi­ke­­rinnen und Musiker unter­­schiedlichs­ten Alters, unterschiedlichster Kultur und unterschiedlichsten Aus­­bildungs­stan­des, um auf vielgestal­tige Weise zwei ge­­mein­­samen Zielen zu folgen: Musik zu lernen und Musik zu machen.

 





© Barbara Aumüller

Die Wege, die sie dafür zurücklegen, sind unterschiedlich lang. Die einen wohnen in Darmstadt, andere in den umliegenden Landkreisen oder auch an weiter entfern­­ten hessischen Orten. Studie­rende kom­­men aus dem gesamten Bundes­gebiet und aus aller Welt, um an der Akademie für Tonkunst das Musizieren und das Ver­mit­­teln von Musik zu erlernen: aus Brasilien, Frankreich, Korea, Italien, Mexiko, Japan, der Ukraine, China, den USA ...

 

Die Jüngsten sind zwölf Monate alt und werden auf den Armen ihrer Eltern zum ersten Unter­­richt getragen. Die ältes­­ten haben seit vielen Jahren den Zeit­punkt ihrer Pen­sio­nierung überschritten.

 

Ganz gleich, ob man Musik zu seinem eige­­nen Lebensinhalt wählt, indem man Opern­­­sängerin, Orchester­musi­ker, Kom­po­nis­tin, Chorleiter, Pianistin, Saxo­fo­­nist werden will, oder ob man Musik als eine Berei­che­rung des eige­­nen ansonsten von einer anderen Berufs­wirklichkeit bestimmten Lebens er­­fah­­ren möchte: Die Akademie für Ton­­kunst ist dafür in Darmstadt der aufs Beste geeignete Ort.


Die Akademie für Tonkunst, Darmstadts zentraler Ort für das Musizieren und die Musik­­ausbildung, blickt auf eine langjährige Tradition zurück. Ort und Zeit ihres Musikmachens sind über 160 Jahre hinweg gewachsen.

 

Die wesentlichen Rahmen­be­din­gun­gen für ein den Menschen erfüllendes Musik­­machen stellen sich dar als örtliche und zeitliche Gegebenheiten. Da diese sich im gesellschaftlichen Wandel manch­­mal dramatisch ändern können, ist immer wieder aufs Neue dafür Sorge zu tragen, dass Raum und Zeit für das Machen und das Erlernen von Musik gegeben sind. Die Verände­run­gen der Schulen mit der heutigen Tendenz zur Ganz­tags­­schule erfordern von den Verant­wort­lichen eine Neuorga­ni­sa­tion des örtlich-zeitlichen Ver­­hältnisses von allgemeinbildender Schule und Musik­­schule. In den Schulen müssen Übeorte und Übezeiten ge­­schaffen und das Musik­machen muss als schulische Leis­­tung anerkannt werden.





© Barbara Aumüller

Musik braucht ihren Ort. Musik braucht ihre Zeit.

 

Wer den Menschen Ort und Zeit für ihr Musikmachen raubt, raubt ihnen eine der wesentlichsten Vor­aus­­setzungen für ein erfülltes Leben.

 

Die Wissenschaftsstadt Darmstadt ist ein Ort, an dem es eine so hohe Kon­­zen­­tra­tion wissenschaftlich-kreativer-poli­­ti­­scher Intelligenz gibt, dass ich zu­­ver­sicht­­lich bin, dass ein Weg gefunden wird, der in eine Stadt der Zukunft führt, in der Ort und Zeit für das Erfinden und Er­­le­­ben von Musik zu den selbst­ver­ständ­­lichen Gegeben­hei­ten ihres urbanen Lebens gehören werden.


 

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