Karl Haase

Der Autor gilt als international anerkannter Experte auf dem Gebiet der Edel­­stahlindustrie. Er absolvierte ein Studium des Ei­­sen­hüt­ten­we­sens an der TU Berlin und des Ma­­terial Science and Engineering an der Uni­ver­sity of Ca­­lifornia, Berkeley. Karl Haase ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Edelstahlwerke GmbH.

Stahl – Das Stehaufmännchen
der Ruhrgebietsindustrie



Beim Tieflochbohren werden bis zu zehn Meter lange Stangen durchbohrt, die im Bereich der Bohrfeldtechnik zum Einsatz kommen.




Die Deutsche Edelstahlindustrie schafft den Spagat zwischen Tradition und Zukunft. Der Aufstieg des Ruhrgebiets zu einem der größten deutschen Ballungs­­räume ist eng mit der Entwicklung der In­­dus­trie verknüpft. Für das Gebiet entlang des gleich­­namigen 219 Kilometer langen Flus­­ses waren Kohle und Stahl für lange Zeit ein untrennbares Duo. In der Stadt Witten sind Spuren dieser In­­dus­trie-Symbiose noch heute deutlich zu erkennen. Zum Beispiel im Muttental, wo sich immer noch Überreste zahlreicher Stollen und Zechen befinden. Hier begann um etwa 1510 der Kohleabbau im Ruhrgebiet, was die Stadt Witten als „Wiege des Berg­baus“ weit über die ei­­ge­­nen Grenzen hinaus bekannt machte. Kohle auf der einen Seite des Flusses, Stahl auf der anderen.

Gegenüber dem Muttental – nur ge­­trennt durch die Ruhr – befindet sich eines der bedeutendsten Produktions­zentren der deutschen Edelstahl­indus­trie, das Rich­tung Innenstadt vom Haupt­bahn­­hof be­­grenzt wird. Eine ideale La­­ge, um die für die Edel­stahl­pro­duktion notwen­digen Roh­­stof­fe, zum Beispiel Schrott, be­­quem via Schiene beziehen zu können.

 






Von der geografischen Lage des Stand­orts war 1854 auch Carl Berger überzeugt, der nach ersten Erfolgen in der Gussstahlproduktion die Expansion der Firma „Berger & Co“ am Ruhrufer weiter vorantrieb. Er profitierte dabei von der direkten Kohlezufuhr vom anderen Ruhr­­ufer. So wie er benötigten auch an­­dere Stahlproduzenten im Ruhrgebiet die Kohle für die Befeuerung ihrer Öfen, der Berg­­bau wiederum brauchte den Stahl, um der steigenden Nachfrage mit besseren Werkzeugen gerecht werden zu können.


Dank guter Kontakte zur regionalen Wirt­­schaft befand sich die Technik im Wittener Stahlwerk immer auf aktuellem Stand: Den Anfang machte das Puddel­ver­fah­ren, bei dem man Stahl aus Roh­eisen ge­­wann, das in einer Pfan­­ne un­­ter ständigem Rühren er­­schmol­­­zen wurde. Durch das Rühren wurde die Schlacke mit Sauerstoff an­­ge­­reichert, der andere Elemente (zum Bei­­spiel Koh­­lenstoff) ent­­fernt hat. Ab 1878 setzten die Ge­­brüder Berger dann zu­­nehmend das Siemens-Martin-Verfahren ein, bei dem man den reinigenden Effekt des Sauer­stoffs durch die Zugabe einer be­­stimm­­ten Menge Schrott, Roh­ei­sen­er­zen und Kalk er­­reichte. Das Siemens-Martin-Ver­­fahren hat die deutsche Stahl­­in­­dus­­trie bis in die 1960er Jahre ge­­prägt. Im Jahr 1937 wagte man im Werk Witten dann einen weiteren technologischen Vor­­stoß: Die damalige „Ruhrstahl AG Guss­­stahlwerk Witten“ baute das erste Elek­trostahlwerk.




Bei der Erschließung neuer Bodenschätze ist der Werkstoff
Stahl ein unverzichtbarer Bestandteil moderner Abbaumaschinen.


Im Laufe der Jahrhunderte hat das Un­­ternehmen an der Ruhr mehrfach Fir­mennamen und Eigentümer gewechselt, hat aber letztlich durch die Fo­­kus­­sierung auf moderne Produkt­­ions­­ver­­fahren und Zukunftsbranchen die Wirren zweier Welt­­kriege und so manche Stahlkrise überstanden. Zum Beispiel in den 1970er Jah­­ren, als tausende Arbeitsplätze ab­­gebaut wurden. Auch im Kohlebergbau ging es in dieser Zeit aufgrund des im­­mer günstiger werdenden Rohöls mit den Zahlen in den Keller. Ein Ab­­wärts­trend, der auch in den nächsten Jahr­zehnten nicht aufzuhalten war. Immer mehr Zechen wurden geschlossen.

Doch im Vergleich zum schwarzen Gold war die Entwicklung der Stahlindustrie weniger geradlinig – auch die des Wit­tener Stahlwerks nicht. Auf ein Hoch folgte ein Tief und umgekehrt. Als Toch­­­ter des Thyssen-Konzerns arbeitete man schließ­­lich in den 1990er Jahren zu­­neh­­mend mit dem Stahlstandort Krefeld zu­­sam­men und machte auch im Namen deutlich, in welchem Stoff man die Zu­­kunft sah: Edelstahl. Die klare Aus­rich­tung entpuppte sich später als starkes Rück­­grat: Witten und Krefeld schlossen sich zur eigenständig operierenden Edel­­stahl Witten-Krefeld GmbH zusammen. 2005 begann dann mit der Über­nah­­me durch die SCHMOLZ + Bicken­bach Gruppe eine neue Ära für den Stahl­­stand­­­ort Witten, die Anfang 2007 mit der Fusion der Edelstahl Witten-Kre­feld GmbH und der Edel­stahl­werke Süd­­west­falen GmbH ihren Höhepunkt fand. An­­ge­trie­ben von einer starken Konjunktur de­­mons­­trier­te das neue Un­­ter­­neh­­men mit einer welt­­weit ei­­n­­­­zig­artigen Pro­­duk­t­­­vielfalt im Be­­reich der Edel­­­­stahl-L­­angprodukte, dass Edel­­­stahl nicht zum alten Eisen ge­­hört. Es war nur eins von vielen Stahl­un­ter­­­neh­men im Ruhr­­gebiet, das auf der Boomwelle zwischen 2005 und 2008 mitschwamm.

 




Stahl findet sich überall. Zum Beispiel in
sogenannten Lochscheiben für Windradgetriebe.

Fazit: Während der Begriff Kohle mehr und mehr zum Synonym für das „alte Ruhrgebiet“ wurde, hat Stahl es ge­­schafft, zum unverzichtbaren Binde­­­glied zwischen traditionellen und zu­­kunfts­wei­senden Hightechbranchen zu werden.


Zukunft – das sind Märkte und Themen, die das Leben auf der Erde langfristig verändern und verbessern können. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Ener­­­­gie­­sektor. Die bisherigen Ölressourcen sind innerhalb der nächsten 40 Jahre erschöpft. Um den Energiebedarf der Industriestaaten zu decken, sind daher schon jetzt neue Ölquellen erforder­lich. Diese liegen zum Beispiel vor der Küste Brasiliens bis zu 5.000 Meter tief unter der Meeresoberfläche, was hohe Anfor­de­­rungen an die zur Öl­­exploration ver­­wen­­deten Werkzeuge stellt – insbesondere hinsichtlich ihrer Kor­ro­sions­be­ständig­keit. Daran arbeiten auch die Ingenieure an der Ruhr, die in­­zwi­­sch­­en auf mehr als 25 Jahre Er­­fah­­r­­ung in der Ent­wick­lung von warm­­kalt-ver­­fes­­tigten Amagniten zu­­rück­­­blicken. Auf mo­­dernen Tief­loch­bohr­ma­schi­­nen im Krefelder Bear­bei­tungs­­betrieb stellen sie beispielsweise Drill Collars her. Diese Bauteile mit einer Länge von 9,5 Metern und einem In­­nen­durch­mes­­ser von 50 bis 80 Milli­metern befinden sich in der Um­­gebung des Bohrkopfes von hoch­­intelligenten Ölbohrsystemen.

 




Im Elektrolichtbogenofen werden Schrott und bestimmte Legierungselemente erschmolzen – die Basis für Hightechprodukte aus Edelstahl.

Sie müssen aus nichtmagnetisierbaren Stählen gefertigt sein, damit über das Magnetfeld der Erde – ähnlich wie bei GPS über Satelliten – die genaue Po­­si­tion und Richtung des Bohrers unter dem Deck­ge­­birge eingestellt und verfolgt werden kann.

Trotz aller technologischen Fortschritte bei der Erdölgewinnung sind alternative Energien, zum Beispiel Windkraft, auf dem Vormarsch und ein wichtiger Zu­­kunfts­­markt für die Deutsche Edel­stahl­­­­indus­­trie, die einbaufertige „Loch­schei­­ben“ für Windradgetriebe herstel­len. Die Her­­stellung erfolgt vollständig in den ei­­­ge­­nen Betrieben – von der E­r­schmel­zung über die Warmformgebung bis zur Be­­ar­beitung. Da die Rotorblätter eines Wind­­rads über 100 Meter lang sind und bei böigem Wind schlagartig be­­an­sprucht wer­­­den, muss auch das Ma­­terial der Ge­­triebe einige An­­for­de­­­r­un­gen erfüllen. Ver­­­schleiß- und Dau­er­­­festigkeit, hohe Zä­­hig­­keit und Ho­­mo­ge­nität müssen sich in einem Produkt ver­­einen. Da­­zu bedarf es eines speziellen Verhältnisses be­­stimm­­ter Le­­gie­rungs­ele­­mente, eines aufwendi­gen Schmie­de­­prozesses und ei­­­ner ge­­ziel­­ten Wär­me­behandlung der Edel­stahl­stä­­be, die abschließend ge­­bohrt und in Scheiben gesägt werden.

 

Zum Energiesektor gehören jedoch auch Technologien, die dazu beitragen, dass die kostbaren Ressourcen der Welt ver­­lustarm gehandhabt und rund um den Globus verteilt werden. Nahtlose Rohre spielen hier zum Beispiel eine wichtige Rolle. Nahezu alle Naht­los­rohr­walz­werke der Welt werden dabei mit Dorn­stan­gen aus dem Ruhrgebiet beliefert. In­­ner­­halb der Nahtlosrohre sind sie das un­­verzichtbare Kernstück, weil sie die Form für die Rohrinnen­fläche vorgeben.

Beispiele, die belegen, dass eine Welt ohne Edelstahl nicht mehr denkbar ist. Genauso wenig wie das Ruhrgebiet oh­­ne Stahlunternehmen. Heute und erst recht nicht in Zukunft.

 


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