Maritime Wirtschaft –
Im Land zwischen
den Meeren aus Tradition Spitze
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Erstes U-Boot der Kaiserlichen Werft in Kiel „Forelle“. |
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stand die Eroberung der Arktis im Interesse der Forschung. In Wien fand die erste Polarkonferenz statt und ein Student der Kunstgeschichte mit Namen Hermann Anschütz-Kämpfe lauschte fasziniert den Berichten über die Mühsal der Expeditionen, durch das Packeis mit stabilen Segelschiffen möglichst dicht an den geografischen Nordpol heranzukommen.
Anschütz-Kämpfe war durch seine Adoptiveltern an ein ansehnliches Vermögen gekommen und wollte dieses in den Dienst der Wissenschaft stellen – eine Reise zum Nordpol sollte in Angriff genommen werden. Auf der Suche nach einem geeigneten Schiff reiste Anschütz-Kämpfe auch durch Schleswig-Holstein und machte auf der Kieler Förde eine erstaunliche Entdeckung. Eben dort erprobte die Germania Werft zu Kiel ein neuartiges Tauchboot mit dem Namen Forelle für den Zar von Russland.
Eine Vision war geboren – all die Mühsal der Querung des Packeises vermeidbar durch eine komfortable Reise im Unterseeboot. Warum nicht unter der Eisdecke fahren und dicht am Nordpol auftauchen? Die Werftleitung war nicht wenig überrascht, einen privaten Interessenten vor sich zu haben, zeigte aber etwas, das wir heute mit Lösungskompetenz bezeichnen.
Eine Reise unter dem Eis ist an sich kein Problem. Wie aber mit den navigatorischen Mitteln des ausgehenden 19. Jahrhunderts, zum Beispiel dem Magnetkompass, in einer Röhre aus Eisen den Nordpol finden? Wie sollte man in einem Seegebiet sicher navigieren, in dem die Kompassnadel den Feldlinien des Erdmagnetfelds folgt und in der Nähe des magnetischen Pols eigentlich nach unten weisen möchte?
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USS Nautilus. Anschützwerke in Neumühlen/Kiel, 1909. |
Anschütz-Kämpfe stand also vor einem ernsten Problem – trotz des innovativen Schiffstyps des Tauchbootes war das Problem der Navigation weder für die Tauchfahrt noch für das fragliche Seegebiet geklärt. Der inzwischen promovierte Kunsthistoriker verschrieb sich nun der Physik und dem Ingenieurwesen. Das Foucaultsche Pendel – heute wie auch Anschütz’ Erfindungen zu besichtigen im Deutschen Museum in München – wies ihm den Weg: Wie ein Pendel orientiert sich ein so genannter gefesselter, das heißt an einer Achse festgehaltener rotierender Kreisel an der Achse des Superkreisels den unsere Erde darstellt.
Im Jahre 1905 patentierte Anschütz-Kämpfe seinen Kreiselkompass und ging in seinem in Kiel errichteten ersten Werk unweit des neuen alten Rathauses in Produktion. Es folgten weitere Innovationen, wie zum Beispiel der Autopilot und der mechanische Kartenplotter, welche die Navigation auf den Seeschiffen revolutionierten und auch heute noch mit optischen und mechanischen Kreiseln und modernster Mikroelektronik die Grundlage der eigenständigen Navigation bilden und im Gegensatz zu GPS oder Galileo nicht auf Satelliten im Orbit angewiesen sind.
Es dauerte noch bis zum 3. August 1958, bis das Atom-U-Boot Nautilus der amerikanischen Marine den Nordpol erreichte. Im damaligen Rüstungswettlauf eine Demonstration der technologischen Führung gegenüber den Sowjets und somit eine ähnliche Macht- und Anspruchsdemonstration wie das Setzen der Flagge am Nordpol auf dem Meeresgrund durch ein russisches Forschungs-U-Boot im letzten Jahr.
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Modernes U-Boot der Klasse U 212A mit Hybridantrieb. © ThyssenKrupp Marine Systeme/HDW, Kiel |
Doch zurück zu den 20er und 30er Jahren, zu Anschütz-Kämpfe, der mit seinem Anschütz Werk in Kiel-Neumühlen zu einem Innovationsmotor in der gesamten Region wurde. Anschütz-Kämpfe finanzierte die Entwicklung des Echolotes und diskutierte nach dem Untergang der MS Titanic mit seinem Freund Albert Einstein, der sich mit der Analytik des Kreiselkompasses intensiv beschäftigte, die Überlegung, einen horizontalen, gerichteten Schallimpuls zur Detektion von Eisbergen zu nutzen. Nach dem Echolot wurde in Kiel von der damaligen Signal GmbH im Neufeldthaus an der Holtenauer Straße das Sonar entwickelt. Der technologische Nachfolger, die L-3 Communications ELAC Nautik GmbH, ist wie die Raytheon Anschütz GmbH oder die zu TKMS gehörige HDW Lieferant der heute modernsten und leistungsfähigsten konventionellen U-Boote, an der Kieler Förde ansässig.
Der Pioniergeist des jungen 20. Jahrhunderts hat sich bis in das folgende Jahrtausend im Land zwischen den Meeren fortgesetzt. Wie ist diese nachhaltige Entwicklung zu erklären? Was sind die Voraussetzungen für diesen Erfolg und wie kann die führende Position in zahlreichen Marktsegmenten der maritimen Wirtschaft ausgebaut werden?
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Weltweit die modernste Segeljacht „Maltese Falcon“. Doppelhüllentanker für die Republik der Seychellen. © Amory Ross/Superyachtart.com; © Lindenau |
Schleswig-Holstein ist – getragen durch die Hanse – ein klassisches Schiffbauland. Anders als der Handel in den Städten der Hanse dominierten auf dem flachen Land „der Hände Arbeit“ und in den Städten das Streben nach Technologie, die das Produkt Schiff leistungsfähiger machen und den Reedern die Arbeit erleichtern sollten. Die Universitäten und Fachhochschulen des Landes lieferten wissenschaftliche Grundlagen und unterstützen auch heute die Entwicklung von Technologien, die für ein breites Spektrum an maritimen Applikationen benötigt werden.
Die Anforderungen des Handels haben also den Schiffbau gefördert, in dessen Umfeld maritime Zulieferer und die maritime Wissenschaft gedeihen. In einer globalisierten Welt könnte man meinen, dass die lokale Nähe von Schiffbau, Zulieferindustrie, Meerestechnik und Wissenschaft verzichtbar wäre und durch weltweite Netzwerke zu ersetzen sei. Im Schiffbau ist die lokale Nähe, auch gern als Cluster bezeichnet, jedoch ein Garant Erfolg. Schiffe sind verglichen mit Flugzeugen oder Kraftfahrzeugen Unikate. Der Bau etwa von vier gleichen Fregatten oder zehn Containerschiffen gilt bereits als „Serie“.
Die Kosten für die Entwicklung bezogen auf die Stückzahlen der Produktionsphase sind enorm hoch und nur mit der Raumfahrt zu vergleichen. Die Entwicklungsstrukturen müssen also überaus effizient sein.
Kurze Wege und ein hohes Maß an gegenseitigem Verständnis, der Aufbau von gemeinsamen Standards an den jeweiligen Schnittstellen und ein Vertrauen auf den gemeinsamen Erfolg auf den Weltmärkten sind kennzeichnend für die maritime Wirtschaft in Schleswig-Holstein.
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Das SUGAR Projekt: Die Einlagerung von Kohlendioxyd (CO2) im Austausch mit der Gewinnung von Methan (CH4) als Gashydrat. © IFM-GEOMAR |
So ist es dann auch nicht verwunderlich, auf der alle zwei Jahre stattfindenden maritimen asiatischen Leitmesse in Shanghai, China, nicht nur den größten Gemeinschaftsstand mit schwarz-rot-goldener Banderole zu finden, sondern auch alle Unternehmen aus Schleswig-Holstein, vom Winden- und Motorenhersteller, über Nachrichtentechniker und Firmen der Schiffsautomation und Energietechnik, Softwarelieferanten für spezifische Lösungen der Schifffahrt bis hin zu den Systemintegratoren und Werften.
Seien es eine moderne Fähre für den Liniendienst der kanadischen Pazifikküste, ein Doppelhüllentanker für die Seychellen oder U-Boote für Südkorea – für die globale Kundschaft ist Schleswig-Holstein eine Region, die als Garant für Systemlösungen mit höchstem Integrationsanspruch gilt.
Von den rund 46.000 Beschäftigten in der maritimen Wirtschaft des Landes zwischen den Meeren ist fast jeder zweite dem Schiffbau, der Schifffahrt oder der Zulieferindustrie zuzurechnen. In diesen Segmenten liegt der Schwerpunkt im Export mit einem erheblichen Wachstumspotenzial trotz momentaner Finanzkrise und Rezession.
Die Marine mit fast 10.000 Beschäftigten und der gesamte maritim geprägte Tourismus mit 2.000 Mitarbeitern fördern die Nachfrage nach Gütern im Lande und sind wichtige Partner der maritimen Verbundwirtschaft. Die Marktrelevanz einzelner Segmente lässt sich allerdings nicht nur aus Umsatzzahlen und der Anzahl der Beschäftigten ermitteln. So ist die volkswirtschaftliche Bedeutung der lokalen maritimen Forschungseinrichtungen und der zugehörigen, vielfach kleinen Unternehmen der Meeres- und Offshore-Technologie für die Zukunft nicht nur des Landes zwischen den Meeren von existenzieller Bedeutung.
Die Fachhochschulen im hohen Norden haben einen exzellenten Ruf über die Grenzen des Landes hinaus und bereiten nicht nur Absolventen auf Aufgaben in der Wirtschaft vor – kaum eine Segelregatta von globaler Bedeutung, wo nicht der Riss oder die Besegelung von lokalen Experten ermittelt wurden. Selbstverständlich stammt das automatische Rigg der wohl derzeit spektakulärsten Segelyacht, der Maltese Falcon, aus der Fachhochschule zu Kiel. Flensburg ist dagegen eine feste Burg in der Ausbildung von Nautikern und Elektronikern für die Seefahrt.
Die Universitäten im Lande haben Weltruf in der Medizin, der Medizintechnik, Biotechnologie und der Meereswissenschaft, zusammengeführt im Leibniz-Institut. Die Klimaerwärmung ist vermutlich die größte Herausforderung für die Menschheit zum Ende dieses Jahrhunderts. Jede Herausforderung bietet aber auch Chancen. Das Leibniz-Institut nimmt eine Führungsposition in der Ozeanografie, der Meeresgeologie und der Meerestechnologie ein. Hier werden nicht nur Klimamodelle entwickelt und verifiziert. Das Institut erarbeitet auch konkrete Lösungsansätze, beispielsweise für die Deponierung von Kohlendioxid und für die nachhaltige Nutzung von Energieressourcen der Ozeane.
Auch hier gilt, die maritime Forschung im nördlichsten Bundesland ist Spitze und ein unverzichtbares Glied als „Think Tank“ der maritimen Verbundwirtschaft in Schleswig-Holstein.



















