Dr. Hans Joachim Bremme

Der Autor wurde 1937 in Wuppertal geboren. Nach dem Studium von Geschichte und Romanistik in Heidelberg, Freiburg und Genf und Promotion über „Genfer Buchdruck und Buchhandel im 16. Jahrhundert" war er bei der Stadtverwaltung Wuppertal und anschließend bei der heutigen Akzo beschäftigt, seit 1969 ist er bei der BASF AG in Ludwigshafen. Dr. Bremme ist Vorsitzender des Aufsichtsrats der Regionalmarketing Rhein-Neckar-Dreieck GmbH, stellvertretender Vorsitzender des Rhein-Neckar-Dreieck e. V., war einer der Sprecher der BioRegion Rhein-Neckar-Dreieck und ist Präsident des Gesundheitsnetzes Rhein-Neckar-Dreieck. Er ist Projektleiter der von der Bertelsmann-Stiftung, der IG BCE und der BASF ins Leben gerufenen „Initiative für Beschäftigung!" im Rhein-Neckar-Dreieck.

Ludwigshafen - Schmiede zahlreicher
Erfindungen und Innovationen



Publikation der Falzziegel-Firma Carl Ludowici.

Deutschlands Erfinder sitzen vor allem in Süddeutschland. Eine Hochburg der Tüftler ist dabei vor allem auch das Rhein-Neckar-Dreieck mit den Städten Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen, das war im „Mannheimer Morgen" im Juli 1999 zu lesen. Tatsächlich kann man feststellen, dass ohne das Rhein-Neckar-Dreieck und seine Erfinder in den vergangenen 150 Jahren das alltägliche Leben um so manche Annehmlichkeit ärmer gewesen wäre. Der wirtschaftliche Erfolg wird wesentlich von den Fortschritten in der Forschung, also von den Erfindungen, bestimmt.

 

Schon Mitte des 19. Jahrhunderts verwandelt die industrielle Revolution innerhalb kurzer Zeit die bestehende Agrarwirtschaft in Deutschland zu einem Industriestaat. Dieser wirtschaftliche Wandel bringt neue Entdeckungen und den technischen Fortschritt mit sich. Besonders die Stadt Ludwigshafen ist eine Schmiede zahlreicher Erfindungen und bedeutender Innovationen. Sie gehört in dieser Zeit zu den am schnellsten wachsenden deutschen Städten. Der Rhein spielt hierbei eine wichtige Rolle und befördert Ludwigshafen zu einer „Hochburg der Chemie". Einerseits dient er als Transportweg, andererseits können ihm die rasch steigenden, für die Produktion notwendigen Wassermengen entnommen und die Abwässer abgeleitet werden. Lage und Verfügbarkeit von Gelände erweisen sich als zusätzlicher Anreiz für neue Unternehmer und damit für intensive Forschungsaktivitäten.

 

Es lohnt sich deshalb, an einige in der Geschichte der Stadt Ludwigshafen bedeutende Erfindungen zu erinnern. Weitgehend unbekannt dürfte zum Beispiel sein, dass der bis heute gebräuchliche Falzziegel für die Dachdeckung aus Ludwigshafen stammt. Wilhelm Ludowici entwickelte ihn 1857. Der entscheidende Kniff dieses Falzziegels ist, dass die gebrannten Tonpfannen hier sowohl zur Seite als auch am Kopf mit Ausbuchtungen versehen sind. Auf diese Weise lassen sie sich einfach verlegen und können schlechtem Wetter besonders erfolgreich trotzen. Wilhelm Ludowici gilt, seit er seine Falzziegel patentieren ließ, als „der Vater der heutigen Dachziegel". Er war wohl auch der erste in der Branche, der die eigenen Entwicklungen über Patente absichern ließ.

 

Rasant entwickelt sich im 19. Jahrhundert auch die Chemie. Namhafte Firmen wie BASF, Benckiser, Raschig, Knoll, Grünzweig + Hartmann sind hier tätig und machen schon Mitte des 19. Jahrhunderts Ludwigshafen zu einer Chemiemetropole mit internationaler Bedeutung. Friedrich Engelhorn, Besitzer einer Leuchtgasfabrik in Mannheim und später der Gründer der „Badischen Anilin- & Soda-Fabrik", erkennt sehr schnell die Möglichkeiten, die der in seinem Unternehmen anfallende Steinkohlenteer bietet. Aus diesem Abfallprodukt lassen sich bei der Verkokung von Kohle herrliche Farbstoffe. Bereits 1861 startet Engelhorn die Produktion von Anilin und Fuchsin.

 

Die anfängliche Begeisterung über die Brillanz der ersten Teerfarben flaut Anfang der 80er-Jahre ab, mangelnde Farb- und Lichtechtheit enttäuschen mitunter den Verbraucher. So experimentieren die Wissenschaftler in den Laboratorien der BASF, um neue Farbstoffe zu entwickeln. So beginnt die systematische Forschungstätigkeit des Unternehmens und damit eine Zeit der zahlreichen Erfindungen in der Chemie.

 

1878 macht Carl Grünzweig den natürlichen organischen Kork zu einem industriellen Großprodukt. Zusammen mit dem Chemiker Hartmann gründet er die „Fabrik chemisch-technischer Produkte von Grünzweig + Hartmann" und fängt mit seinen Forschungen im Bereich Kork an. Der Kork war schon seit langem bekannt und man nutzte ihn zur Herstellung von Flaschenkorken. Niemandem war es aber bis jetzt eingefallen, ihn in größerem Umfang als Isoliermaterial indus-triell zu verwerten. Für die Isoliertechnik erwies sich diese Entdeckung als ein Meilenstein. Auch die BASF suchte damals nach Verfahrensalternativen in der Chemie.

 

Basierend auf Versuchsergebnissen, die Clemens Winkler 1875 veröffentlicht hatte, entwickelte Rudolf Knietsch, Chemiker bei der BASF, im Jahre 1888 das sogenannte Schwefelsäure-Kontaktverfahren. Diese Erfindung machte die BASF zum weltweit größten Schwefelsäurehersteller der damaligen Zeit. Mit der Einführung des Kontaktverfahrens übernahm das Unternehmen die Führung auf dem Gebiet der großtechnischen Katalyse. Zugleich wurde der Weg für katalytische Verfahren geebnet.

 

Überhaupt war Ludwigshafen im 19. Jahrhundert eine Erfinderhochburg. Hier wurde zum Beispiel die Synthese, also die künstliche Herstellung des wichtigen Hustenmittels Codein entdeckt. Dr. Albert Knoll, der Begründer der heutigen Knoll AG, meldet 1886 ein Patent an, das die Synthese der wirkungsvollen Substanz erfasst. Bis zu jener Zeit war Codein ein hochwirksames Mittel gegen schwere Husten- und Schmerzzustände, das nur in geringen Mengen direkt aus Opium gewonnen wurde und so entsprechend teuer war. Albert Knoll gelang es, ein neues wirtschaftliches Verfahren zur Umwandlung von Morphin in Codein zu entwickeln und damit der Medizin einen dringend benötigten Wirkstoff gegen Husten zugänglich zu machen. Wie so oft, ist auch Knolls Entdeckung vielmehr die Geschichte eines Entwicklungsprozesses mit großen Hoffnungen und nagenden Zweifeln, mit ungünstigen Rahmenbedingungen und langen Arbeitstagen.

 

Neben Codein wurden nach den ersten Anlaufschwierigkeiten nun neue Arzneimittel entwickelt und in den Handel gebracht, beispielsweise Tannalbin. 1906 wurde das Schlafmittel Bromural in den Markt eingeführt, und so wurde der Name „Knoll" inderganzenWelt bekannt. Indigo, der „König der Farbstoffe", wird seit ewigen Zeiten zur Blaufärbung von Stoffen verwendet. Die BASF steigt 1880 in das Wettrennen um die Synthese des Indigo ein. Umgerechnet 2,2 Milliarden Mark - mehr als das damalige Grundkapital der Gesellschaft - steckte der Chemiekonzern Ende des 19. Jahrhunderts in die Erforschung des Farbstoffs, ohne den es heute zum Beispiel keine Blue-Jeans gäbe. Neue technische Synthesen und damit ein breites Angebot neuer Farbtöne hatten das junge Unternehmen aufblühen lassen. Doch auf dem Gebiet der Blautöne war eine Lücke geblieben. Adolf von Baeyer, Chemiker in Straßburg, gelingt schon bald die Aufklärung der chemischen Struktur des Farbstoffs.

 

Nach 17 Jahren intensiver Forschung und unter Einsatz großer Geldmittel gelingt es, den synthetischen „Indigo rein BASF" auf den Markt zu bringen, der sich bald gegen den Naturindigo erfolgreich durchsetzt. Die BASF hatte das Wettrennen um die künstliche Herstellung des Farbstoffs gewonnen.Aufgrund der positiven Entwicklungen im Chemiebereich und der günstigen Verkehrs-, Wasser- und Energiesituation gründete auch Dr. Fritz Raschig im traditionsreichen Ludwigshafen seine Fabrik. 1899 beabsichtigte er, Produkte auf der Basis von Teerbestandteilen zu entwickeln.

 

Die Suche nach einem Verfahren, um Karbolsäure möglichst rein herzustellen, führten Raschig zur Entwicklung neuer Füllkörper für die Destillationskolonnen. Nach vielen Versuchen mit „Füllkörpern" aller Art konnte er tatsächlich die Trennung der Rohcarbolsäure in Phenol, Kresol und Xylenole durchführen. Raschig gelang es als erstem, diese Fraktionen in bis dahin nicht gekannter Reinheit zu gewinnen. Für diese Aufgaben beschritt der Chemiker verfahrenstechnisch völlig neue Wege. Das von ihm entwickelte Füllmaterial für chemisch-technische Apparate, der sog. „Raschig-Ring", avancierte zu einem Meilenstein in der chemischen Verfahrenstechnik.

 

Ein weiterer wichtiger Schritt war die großtechnische Ammoniaksynthese. Die Arbeiten von Prof. Fritz Haber ließen die technische Synthese von Ammoniak aus Stickstoff und Wasserstoff möglich erscheinen. Nachdem die BASF in Ludwigshafen den Umgang mit korrosiven Gasen technisch beherrschte, konnte Carl Bosch es auch wagen, katalytische Reaktionen bei hohem Druck und hoher Temperatur ablaufen zu lassen.

 

Diese Arbeiten führten zur technischen Durchführung des Verfahrens mit Hilfe eines Eisenkatalysators. Damit begann der weltweite Siegeszug der Hochdrucksynthesen. Das so genannte Haber-Bosch-Verfahren (1908) ermöglichte der BASF als erstem Unternehmen den Einstieg in die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten der Hochdrucktechnik.

 

Das Verfahren eröffnete aber nicht nur der Wissenschaft völlig neue Dimensionen, es war auch eine Erfindung von großem praktischen Nutzen: Die Landwirtschaft brauchte industriell gefertigten Stickstoffdünger, um die Ernährung der wachsenden Bevölkerung sicherzustellen. Haber und Bosch erhielten dafür 1931 den Nobelpreis.

 

Die Chemie für den Verbraucher stand im Mittelpunkt der Aktivitäten von Benckiser. Der Weg der Benckiser GmbH begann in Pforzheim, im Jahre 1898 siedelte die Firma nach Ludwigshafen um. Ludwig Reimann entwickelte hier ein Verfahren zur industriellen Herstellung von Weinsteinsäure, das heute noch grundlegende Bedeutung hat. Über 100 Jahre lang war Weinsteinsäure das Haupterzeugnis von Benckiser. Als die Rohstoffe aus der Weinproduktion nicht mehr ausreichten, um den Bedarf an Fruchtsäuren zu decken, wurde 1932 die Produktion von Citronensäure aufgenommen. Diese wurde aus Zucker und Melasse durch Fermentation erzeugt. Später kam die Produktion von Glukonsäure dazu.

 

Es dürfte heute kaum bekannt sein, dass Ludwigshafen auch Standort eines Autowerkes war. Als Gasfachmann baute Lux zunächst Apparaturen für den Gasbedarf, das in den 90er-Jahren seine erste Blütezeit erlebte. Doch populär machte ihn später die Entwicklung eines Ludwigshafener Automobils. 1892 gründete Friedrich Lux die nach ihm benannte Fabrik, die zu den ersten Automobilherstellern zählte.

 

Das Ludwigshafener Werk war somit nach der Firma „Benz + Co." in Mannheim die zweite Automobilfabrik auf der Welt. Wäre dieser Betrieb erhalten geblieben, so hätte Ludwigshafen vielleicht, um ein wenig zu spekulieren, nicht nur als „Stadt der Chemie", sondern auch als Autostadt wirtschaftliche Popularität erlangt. Bei den Erfindungen handelt es sich oft auch um die kleinen Ideen der Ludwigshafener, die das tägliche Leben im 20. Jahrhundert enorm erleichtert haben.

 

Beispielsweise die Erfindung des Butterersatzes (1912), der seit gut 100 Jahren unter dem Namen „Palmin" verkauft wird. Der Name selbst war die Folge von Bauernprotesten gegen eine unerwünschte Konkurrenz zu ihrer Butter. Heinrich Schlinck, der Erfinder von Palmin, lebt in einer Zeit, in der die Bevölkerungszahl und mit ihr der Bedarf an Ölen und Fetten rasant ansteigt und nicht mit tierischen Produkten zu befriedigen ist. So versucht er, die enormen Öl- und Fettreserven tropischer Pflanzen zu nutzen. Nach langen Versuchen findet der Chemiker ein Verfahren zur Nutzung der Kokosnuss.

 

Aber auch Entdeckungen auf völlig anderen Gebieten als dem der Chemie prägen die 20er-Jahre. Otto Feick, der gelernte Schlosser, verbindet zwei mannshohe Metallringe mit Griffen und Verstrebungen. Das Ergebnis ist ein kreisrundes Sportgerät, mit dem sich der Turner sozusagen Hals über Kopf fortbewegen kann. Der neuartigen Konstruktion verleiht ein Professor den Beinamen „Flugrad", da er meinte, dass „es doch den im Rhönrad Übenden zu Bewegungen zwingt, die einem Sturzflug ähneln". 1925 erhält Feick ein Patent auf sein Flugrad, das er nun aufgrund seiner neuen Heimat Rhön folgerichtig „Rhönrad" nennt.

 

Otto Feick kann zu jener Zeit nicht ahnen, dass sich 50 Jahre nach Kriegsende ein „Internationaler Rhönrad-Verband" gründen wird, der in dieser Disziplin die ersten Weltmeisterschaften durchführt. Eine Aufzählung der technischen Meilensteine unseres Jahrhunderts wäre unvollständig ohne das Magnetband. Eine bahnbrechende neue Entwicklung, das Magnetophonband, gelingt 1934 BASF-Forschern im Werk Ludwigshafen. Aus der Farbenproduktion stammt die Erfahrung zur Herstellung außerordentlich feiner Dispersionen.

 

Aus dem ersten „Magnetophonband" für die Tonaufzeichnung, das die BASF an die AEG in Berlin lieferte, wurden vielgestaltige Speichermedien für alle Arten von Informationen, z. B. Compact-Cassetten, Disketten, VHS-Cassetten und Computerbänder. Wie auch immer diese Informationsträger alle heißen, sie sind aus unserer modernen Welt nicht mehr wegzudenken. Dr. Fritz Stastny und seinem mit Neugier gepaarten Sachverstand verdanken wir das Styropor als extrem leichten Kunststoff zur Wärme- und Schalldämmung oder auch zum Transport zerbrechlicher Gegenstände.

 

Die Suche nach gut isolierendem Schaumstoff war in dieser Zeit - Ende der 40er- und Anfang der 50er-Jahre - schon weit gediehen. Ironie der Geschichte, dass sich Styropor für die eigentliche Triebfeder von Stastnys Arbeit, die Entwicklung einer tauglichen Kabelisolierung, als letztlich untauglich erwies. Trotzdem, seit seiner Vorstellung auf der Düsseldorfer Kunststoffmesse 1952 trat das Styropor einen unaufhaltsamen Siegeszug an. Von nun an eroberte ein Werkstoff den Weltmarkt, der zu 98 Prozent aus nichts anderem als aus Luft besteht. Dank seiner wichtigen Eigenschaft, der hohen Isolierfähigkeit, wird er in Dach-, Wand- und Deckenisolierungen ebenso gern eingesetzt wie als Verpackungsmaterial für zerbrechliches Porzellan benutzt.

 

Seit den Anfängen der Chemie interessieren die Forscher die in der Natur vorkommenden Stoffe. Sie bemühen sich, sie zu isolieren, ihre Struktur und ihre Eigenschaften zu ergründen und schließendlich zu synthetisieren. Eine Gruppe von Naturstoffen ist für den Menschen besonders bedeutsam - es sind die Vitamine. 1963 gelingt endlich den Forschern der BASF die neue technische Synthese von Vitamin A zu entdecken. Nicht zuletzt aufgrund dieser Innovationen ist das Rhein-Neckar-Dreieck und hier vor allem Ludwigshafen auch heute noch ein Industriestandort mit großem wirtschaftlichen Potenzial.

 

Die Stadt zeichnet sich durch eine lange Wissenschaftstradition und Forschungsaktivität aus und bleibt bis heute eine Erfinderhochburg. Alle diese in der Vergangenheit getätigten Entdeckungen beweisen, wie attraktiv und kreativ dieser Standort ist. Vielleicht werden wir in einigen Jahren Innovationen auf dem Gebiet der Gesundheit feiern können, wenn die sich jetzt abzeichnenden Möglichkeiten konsequent genutzt werden, die die Informationstechnologie bietet.


Unternehmensbeiträge:

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GLOBANA TRADE CENTER LEIPZIG/HALLE Die starke Kombination.
Plattform für den Austausch direkter Marktinformationen
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Autorenbeiträge:

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