Kunst kennt keine Grenzen – Deutschland als Ort der kulturellen Begegnung
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„Die Soldaten“ auf der RuhrTriennale 2006 © Lutz Edelhoff |
Der Ausspruch von den „Dichtern und Denkern“ blieb Deutschland auch nach der Reichsgründung 1871 erhalten. Er entwickelte so viel Eigenleben, dass man auch Musiker und Maler damit meinen konnte. Selbst bei den europäischen Nachbarn, die gleichfalls für sich in Anspruch nahmen, Heimat von Kultur und Wissenschaft zu sein, dachte man bei „dichten und denken“ an die Deutschen – so wie die „Grande Nation“ eindeutig westlich des Rheins beheimatet ist.
Noch heute nennen manche, wenn sie an Kultur aus Deutschland denken, zuerst die Namen Goethe und Schiller. Das Goethe-Institut vertritt deutsche Kultur im Ausland nicht zufällig im Namen des Weimarer Dichters.
Als Standort für die Wirtschaft, für die Wissenschaft, für internationale Begegnungen und nicht zuletzt einfach als Lebensmittelpunkt ist Deutschland auch deshalb so beliebt, weil es spannende, herausfordernde, spritzige und tiefgehende kulturelle Traditionen zu bieten hat. Gesellschaft und Staat pflegen ihr kulturelles Erbe mit viel Liebe und Aufwand. Wer sich einmal hat erzählen lassen, wie die Restauration eines Kirchengemäldes vonstatten geht, kommt aus dem Staunen so schnell nicht mehr heraus.
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Ensemble im Rahmen der RuhrTriennale © Lutz Edelhoff |
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts zeichnet sich kulturelles Leben in Deutschland jedoch durch viel mehr aus als durch die Weiterentwicklung von Traditionen. Die kulturelle Vielfalt der Bundesrepublik ist geradezu unüberschaubar geworden. Der farbenfrohe Berliner Karneval der Kulturen zeigt sinnlich-fröhlich, wie Migration das kulturelle Leben bereichert. Love Parade, Kulturbrauerei, Club-Szene und Webdesigner aus aller Herren Länder haben das neue Berlin zu einer europäischen Kulturhauptstadt gemacht.
Die kulturelle Vielfalt ist in Deutschland auch politisch verankert. Kulturförderung ist Sache der Bundesländer, und sie nehmen die Aufgabe ernst. In der Bundesrepublik gibt es circa 370 Theater, 140 Berufsorchester, mehr als 100 jährliche Festivals für klassische Musik, 600 Museen für Gemälde, Plastik und andere darstellende Kunst, Dutzende Literaturhäuser, es werden 80.000 verschiedene Buchtitel verlegt, 5.000 Lizenzen für Übersetzungen ins Ausland verkauft, von populäreren Kunstformen wie Unterhaltungsmusik und Film ganz zu schweigen … Die Zahlen verdeutlichen vor allem eines: Das Kulturangebot in Deutschland ist reichhaltig und vielschichtig. Jeder kommt hier auf seine Kosten.
Kunst mit dem Anspruch auf direkte politische Wirkung ist seltener geworden und sie findet nicht mehr so leicht ein Publikum wie noch vor 20 Jahren. Dafür äußert sich eine Lust am Erzählen und Fabulieren, und dies nicht nur in der Literatur. Die behandelten Fragen sind privater geworden; der Tonfall alles in allem leichter: Der „typische“ deutsche Ernst ist aktuell nur noch schwer zu finden.
Viele dieser Entwicklungen kann man nicht nur in Deutschland, sondern auch in einer Reihe anderer europäischer Staaten beobachten. Sie alle fördern den kulturellen Austausch über ihre Grenzen hinweg, sie alle stellen sich immer wieder Anregungen von außen. Als Zuwanderungsländer nehmen sie kulturelle Traditionen und Ideen aus fern gelegenen Regionen auf. Es ist daher kein Wunder, dass sie auch an ähnlichen kulturellen Entwicklungen teilhaben. Wer heute über deutsche Kultur reden wollte, ohne Europa und die wichtigsten Herkunftsländer von Migranten mit einzubeziehen, würde dem Thema nicht gerecht.
Die Kulturszenen lassen sich mit einem Kaleidoskop vergleichen: Je nachdem, aus welchem Winkel man sie betrachtet, bieten sie neue Bilder. Das macht ihren Reiz und ihre Faszination aus. Einige Trends lassen sich dennoch feststellen.
Vielleicht kennzeichnen sich die kulturellen Szenen Deutschlands heute ja sogar durch eine besonders große Offenheit. Sie nehmen Menschen, Anregungen und Ideen aus allen Richtungen auf und setzen Kreativität frei. Die Bundesrepublik ist ein weltoffenes, für Neues dankbares Land. Diese Botschaft räumt auf mit manchen überkommenen Klischees. Ihrer Richtigkeit tut das keinen Abbruch.

















