Dr. Hans-Georg Knopp

Der 1945 geborene Autor studierte in Tübingen, Wien, Marburg und Gießen Theologie, Indologie, Ara­bistik, So­­­­zio­­logie und Politologie. Er wurde 1974 an der Universität Marburg promoviert. Seit 1974 wirkte er für das Goethe-Insti­tut unter anderem in Bom­bay, Colombo, Ja­­­­karta, Singapur, München und Chicago. Dr. Knopp ist seit 2005 Ge­­neral­sekre­tär des Goethe-Instituts.

Kunst kennt keine Grenzen – Deutschland als Ort der kulturellen Begegnung



„Die Soldaten“ auf der RuhrTriennale 2006
© Lutz Edelhoff

„Land der Dichter und Denker“ – so sprachen gebildete Bürger im 19. Jahr­­hundert über Deutschland. Sie drückten damit ihren Stolz auf Goethe und Schiller, auf Kant und Hegel aus. Klas­­sische Literatur und idealistische Philo­­sophie mussten aber auch als Garanten der nationalen Zusammengehörigkeit her­­halten, wo es den politisch einigen Staat nicht gab.

Der Ausspruch von den „Dichtern und Denkern“ blieb Deutschland auch nach der Reichsgründung 1871 erhalten. Er entwickelte so viel Eigenleben, dass man auch Musiker und Maler damit meinen konnte. Selbst bei den europäischen Nachbarn, die gleichfalls für sich in An­­spruch nahmen, Heimat von Kultur und Wissenschaft zu sein, dachte man bei „dichten und denken“ an die Deut­schen – so wie die „Grande Nation“ eindeutig westlich des Rheins beheimatet ist.
 


Noch heute nennen manche, wenn sie an Kultur aus Deutschland denken, zu­­erst die Namen Goethe und Schiller. Das Goethe-Institut vertritt deutsche Kultur im Aus­­land nicht zufällig im Namen des Wei­marer Dichters.

Als Standort für die Wirtschaft, für die Wissenschaft, für internationale Begeg­nungen und nicht zuletzt einfach als Le­­bensmittelpunkt ist Deutschland auch deshalb so beliebt, weil es spannen­de, herausfordernde, spritzige und tief­­gehende kulturelle Traditionen zu bieten hat. Gesellschaft und Staat pflegen ihr kulturelles Erbe mit viel Liebe und Aufwand. Wer sich einmal hat erzählen lassen, wie die Restauration eines Kir­chengemäldes vonstatten geht, kommt aus dem Staunen so schnell nicht mehr heraus.




Ensemble im Rahmen der RuhrTriennale
© Lutz Edelhoff

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts zeichnet sich kulturelles Leben in Deutschland jedoch durch viel mehr aus als durch die Wei­­terentwicklung von Traditionen. Die kul­­turelle Vielfalt der Bundesrepublik ist geradezu unüberschaubar geworden. Der farbenfrohe Berliner Karneval der Kulturen zeigt sinnlich-fröhlich, wie Mi­­gration das kulturelle Leben bereichert. Love Parade, Kulturbrauerei, Club-Szene und Webdesigner aus aller Her­ren Län­der haben das neue Berlin zu einer europäischen Kulturhaupt­stadt ge­­­­­macht.    
         
Die kulturelle Vielfalt ist in Deutschland auch politisch verankert. Kulturförde­rung ist Sache der Bundesländer, und sie nehmen die Aufgabe ernst. In der Bundesrepublik gibt es circa 370 Thea­ter, 140 Berufsorchester, mehr als 100 jähr­­liche Festivals für klassische Musik, 600 Museen für Gemälde, Plastik und an­­dere darstellende Kunst, Dutzende Li­teraturhäuser, es werden 80.000 ver­­schiedene Buchtitel verlegt, 5.000 Li­­zenzen für Übersetzungen ins Aus­land verkauft, von populäreren Kunst­formen wie Unterhaltungsmusik und Film ganz zu schweigen … Die Zahlen verdeutlichen vor allem eines: Das Kulturangebot in Deutschland ist reichhaltig und vielschichtig. Jeder kommt hier auf seine Kosten.


Kunst mit dem Anspruch auf direkte politische Wirkung ist seltener geworden und sie findet nicht mehr so leicht ein Publikum wie noch vor 20 Jahren. Dafür äußert sich eine Lust am Er­­zäh­­len und Fabulieren, und dies nicht nur in der Literatur. Die behandelten Fra­gen sind privater ge­­worden; der Ton­­fall alles in allem leichter: Der „typische“ deutsche Ernst ist aktuell nur noch schwer zu finden.           
          
Viele dieser Entwicklungen kann man nicht nur in Deutschland, sondern auch in einer Reihe anderer europäischer Sta­­aten beobachten. Sie alle fördern den kulturellen Austausch über ihre Gren­zen hin­­weg, sie alle stellen sich im­­mer wieder An­­regungen von außen. Als Zu­­wande­rungs­länder nehmen sie kul­­turel­le Tra­ditionen und Ideen aus fern ge­­legenen Regionen auf. Es ist daher kein Wunder, dass sie auch an ähnlichen kul­­turellen Ent­wicklungen teil­­ha­­ben. Wer heute über deutsche Kultur reden wollte, ohne Europa und die wich­­­tigs­ten Herkunftsländer von Migranten mit ein­­zubeziehen, würde dem Thema nicht gerecht.


Die Kulturszenen lassen sich mit einem Ka­­­­leidoskop vergleichen: Je nachdem, aus welchem Winkel man sie betrachtet, bieten sie neue Bilder. Das macht ihren Reiz und ihre Faszination aus. Einige Trends lassen sich dennoch feststellen.


Vielleicht kennzeichnen sich die kulturellen Szenen Deutschlands heute ja sogar durch eine besonders große Of­­fenheit. Sie nehmen Menschen, Anre­gungen und Ideen aus allen Richtungen auf und set­­zen Kreativität frei. Die Bun­­desrepublik ist ein welt­offenes, für Neu­es dankbares Land. Diese Botschaft räumt auf mit manchen über­­kom­me­­nen Klischees. Ihrer Richtig­keit tut das keinen Abbruch.


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