Vertiefung unvermeidlich –
Globalisierung fordert EU-Mitgliedsstaaten
Als die Römischen Verträge im Frühjahr 1957 verhandelt wurden, hätten die wenigsten es für möglich gehalten, dass dieses Vertragswerk überhaupt seinen 50. Geburtstag erleben könnte. Unsere britischen Freunde, die bei den ersten Verhandlungen beteiligt waren, haben sich rechtzeitig mit dem bemerkenswerten Hinweis zurückgezogen, daraus könne eh nichts Vernünftiges werden. Damals, 1957, als sechs größere und kleinere westeuropäische Staaten eine Europäische Wirtschaftsgemeinschaft gegründet haben, hätte niemand geglaubt, dass diese Gemeinschaft 50 Jahre später ihren Geburtstag mit 27 Mitgliedsstaaten aus Westeuropa, aus Mitteleuropa und aus Osteuropa würde feiern können, und schon gar nicht, dass daraus in der Zwischenzeit aus einer Wirtschaftsgemeinschaft eine politische Union entstanden sein würde. Man wird in der rund tausendjährigen europäischen Geschichte nur ganz wenige halbwegs vergleichbare Beispiele für eine ähnliche Erfolgsgeschichte finden wie die 50 Jahre, die wir jetzt gerade hinter uns gebracht haben.
Konrad Adenauer, zusammen mit Robert Schumann und Alcide de Gasperi einer der Motoren des europäischen Einigungsprozesses, hat damals eine viel zitierte Bemerkung zu diesem Europa gemacht: „Am Anfang war Europa ein Traum von wenigen. Dann wurde es eine Hoffnung für viele. Inzwischen ist es eine Notwendigkeit für alle.“
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Schon die seit dem 1. Januar 1995 15 Staaten umfassende Gemeinschaft war zu der Einsicht, aber nicht zu der Entschlusskraft gekommen, die Verfahren ihrer Zusammenarbeit gründlich modernisieren zu müssen, weil sich die Zusammenarbeit in einem Bündnis von 15 Staaten ganz offenkundig anders regeln muss als eine Gemeinschaft von sechs. Schon gar dann, wenn diese Gemeinschaft in der Zwischenzeit mehr sein will als ein großer Wirtschaftsclub.
Ich habe noch lebhaft im Ohr das leidenschaftliche Plädoyer von Helmut Kohl – dem die jetzigen osteuropäischen Mitgliedsstaaten mehr als irgendjemandem sonst in Europa verdanken, dass sie heute Mitglieder
sind –, dass wir die erste historische Chance, Europa wieder zu vereinigen, ergreifen müssen. Völlig gleichgültig, welche sonstigen Ambitionen vielleicht vorübergehend zurückgestellt werden müssen. Er hat dies mit dem Argument verbunden, spätestens die Erweiterung werde die Vertiefung erzwingen, zu der die 15 Westeuropäer aus eigener Kraft nicht in der Lage waren.
Inzwischen sind wir ein paar Jahre weiter und um ein paar Erfahrungen reicher. Zum Zeitpunkt der Gründung dieser Europäischen Gemeinschaft machte die europäische Bevölkerung etwa ein Viertel der Weltbevölkerung aus. 50 Jahre danach sind es noch etwa halb so viel. Europa ist immer größer geworden, aber der statistische Anteil an der Weltbevölkerung immer kleiner. Und selbst das größte Mitgliedsland der Gemeinschaft, Deutschland, spielt als Nationalstaat in Zeiten der Globalisierung keine Rolle. Das ist eine leichte Übertreibung eines im Kern zutreffend beschriebenen Sachverhalts. Wenn Deutschland alleine keine hinreichende Rolle spielt: Welche Aussicht auf ernsthafte Wahrnehmung ihrer Interessen mögen Länder wie Zypern oder Malta, die Niederlande, Estland, Litauen, Portugal, Polen oder Spanien haben?
Wenn der Integrationsprozess Europas nicht vorankommt, dann hat Europa seine Zukunft hinter sich, und gewiss auch jeder einzelne Staat.
Es ist völlig in Ordnung, dass alle Länder sich mit der Frage beschäftigen: Wie hätten wir es denn am liebsten? Wie weit sollte denn unserer Vorstellung nach die Zuständigkeit der Europäischen Gemeinschaft gehen und über welche Verfahren sollte sich diese Zuständigkeit realisieren?
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Reichstagskuppel und Bundesadler – Die Exportnation Deutschland ist schon aus eigenem Interesse auf Verständigung mit den EU-Partnern angewiesen. |
Es wird keine weiteren Beitritte geben. Weder Kroatien noch die Ukraine – von der Türkei, Georgien oder Moldau gar nicht zu reden – werden einer Gemeinschaft beitreten können, die mit 27 Ländern nicht handlungsfähig ist und es mit 28, 29 und 30 sicher nicht würde. Das Europäische Parlament, ohne dessen Zustimmung es keine weiteren Mitgliedschaften geben wird, hat förmlich beschlossen, keinem weiteren Beitritt zuzustimmen ohne einen neuen Verfassungsvertrag.
Solange wir uns darauf nicht einigen können, treten wir alle gemeinsam auf der Stelle, aber nicht alle werden in der Sackgasse bleiben wollen. Es wird ein Europa der zwei Geschwindigkeiten geben, wenn sich nicht 27 Staaten auf eine gemeinsame Geschwindigkeit des gemeinsamen Fortschritts einigen. Es ist leider eines der Strukturprobleme dieser Gemeinschaft, dass selbst breiteste Mehrheiten, die es gibt, notwendige Veränderungen nicht ermöglichen, weil die Zustimmung jedes einzelnen Landes notwendig ist.
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Lassen Sie mich zum Schluss die Frage ansprechen, ob Europa eigentlich Grenzen hat und wo diese Grenzen verlaufen könnten. Drei mögliche Kriterien für die Bestimmung der Grenzen Europas: Wenn hinter der Klärung der Grenzen Europas ein rationaler Prozess, ein rationales Konzept steht, dann muss Europa sein Selbstverständnis klären, als was sich diese Gemeinschaft eigentlich versteht. Die erste denkbare Variante ist die Vorstellung von Europa als einer gemeinsamen politischen Administration. Unfreundlicher formuliert, Europa als Bürokratie. Der Charme dieses Konzepts hält sich in sehr erkennbaren Grenzen. Selbst unter den Gründungsstaaten entwickelt er nur noch eine sehr begrenzte Motivationswirkung.
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Individuum und Staat – EU-Erweiterung soll sich künftig noch mehr an Demokratie und Rechtsstaatlichkeit orientieren. |
Es gibt eine zweite, sehr viel interessantere Variante und das ist die Vorstellung von Europa als einem großen gemeinsamen Markt. Dieser Gedanke ist in Zeiten der Globalisierung bestechend und taugt dennoch nicht. Wenn das Kriterium für die Zugehörigkeit zu Europa das jeweilige ökonomische Interesse ist, fällt mir kaum ein Platz in der Welt ein, an dem wir keine europäischen Interessen hätten. Und wenn es nicht nur um die Frage geht, wo wir jetzt Interessen haben, sondern wo wir sie in Zukunft haben könnten, gibt es überhaupt keinen mehr. Wenn es um die Intensität der Handelsbeziehungen als Kriterium geht, müssen Japan, China und Indien ganz sicher früher Mitglieder der Europäischen Union werden als Georgien, die Ukraine oder Kroatien. Dies wird als Kriterium nicht taugen. Bleibt die Vorstellung von Europa als einer großen wie gemeinsamen Idee. Eine gemeinsame Vorstellung über das Verhältnis von Individuum und Staat, von der Unantastbarkeit der Menschenwürde und dem Anspruch auf persönliche Freiheit und zugleich der Zumutung persönlicher Verantwortung, einer gemeinsamen Vorstellung von Demokratie und Rechtsstaat und Menschenrechten und Toleranz. Ich glaube, dass weit über ökonomische Interessen hinaus dies das Kriterium sein könnte, an dem sich der weitere Prozess der Erweiterung der Europäischen Gemeinschaft orientiert. Jedenfalls befinden wir uns an einer außerordentlich wichtigen, schwierigen, aber wesentlichen Weggabelung des weiteren Weges dieser Gemeinschaft.
Und wenn richtig ist, was Konrad Adenauer vor 50 Jahren formuliert hat, dass aus dem Traum Weniger eine Hoffnung Vieler geworden ist, und bei nüchterner Betrachtung Europa längst eine Notwendigkeit für alle geworden ist, dann müssen wir uns auch alle herausgefordert fühlen, die Politik wie die Wirtschaft, die Einsicht in diese Notwendigkeit zur Grundlage unserer eigenen Entscheidungen zu machen.


















