Strukturwandel in moderner Industrie- und Wirtschaftsregion Südwestsachsen
![]() | |
Die Gewerbeentwicklung von 1991 bis 2004 |
Die Region Südwestsachsen, identisch mit dem Regierungsbezirk Chemnitz im Freistaat Sachsen, zählt seit Jahrhunderten zu den bedeutendsten Wirtschaftszentren Deutschlands. Viele technische und industrielle Entwicklungen von weltweiter Bedeutung hatten hier ihren Ursprung. Beispielhaft erwähnt seien nur die Innovationen des sächsischen Erzbergbaus, die Impulse für den Werkzeug- und Textilmaschinenbau, die Leistungen der Automobil- und Zweiradproduzenten wie Horch, Audi, DKW und Wanderer sowie die Entwicklungen in der Büromaschinentechnik. Seit dem 19. Jahrhundert ist Südwestsachsen über seine gesamte Fläche hochindustrialisiert. Zu den Besonderheiten der südwestsächsischen Industrie gehören ihre mittelständische Struktur, ihre Branchenvielfalt und ihre Exportkraft.
![]() | |
Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes im Kammerbezirk Südwestsachsen 2006 |
Durch wichtige Gesetze der „Noch-DDR“ im Frühjahr und Frühsommer 1990 (Gewerbefreiheit, Reprivatisierung enteigneter Betriebe, Treuhandgesetz zur Privatisierung des volkseigenen Vermögens) wurde das Ende der sozialistischen Planwirtschaft fixiert. Durch die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion vom 1. Juli 1990, durch den Einigungsvertrag vom 31. September 1990 sowie durch die deutsche Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 wurden die Prozesse unumkehrbar und wesentlich beschleunigt. Kernstücke der wirtschaftlichen Umgestaltung waren die Existenzgründungen, Reprivatisierungen und Privatisierungen in allen Branchen sowie Neuansiedlungen deutscher und ausländischer Investoren in Südwestsachsen.
Im Treuhandbereich Chemnitz existierte mit mehr als 10.000 Reprivatisierungsanträgen auf Betriebe und Betriebsteile die höchste Zahl an derartigen Ansprüchen in den neuen Bundesländern. Die Dynamik der Gewerbeanmeldungen zeigt nebenstehende Grafik (Bild 1). Parallel zu den wirtschaftlichen Veränderungen von großer Tragweite und individueller Auswirkung vollzogen sich ähnlich gravierende Umgestaltungen in allen Bereichen der Gesellschaft.
Als wichtigste Ergebnisse des Aufbaus einer neuen Wirtschaftsstruktur in Südwestsachsen sind zu nennen:
• der Erhalt einer beachtlichen Industriedichte und Branchenvielfalt, keine Deindustriealisierung (Bild 2) und völlige Veränderung der Betriebsgrößenstruktur und Eigentumsverhältnisse
• drastischer Belegschaftsabbau und deutliche Produktivitätssteigerungen in der Industrie (Bild 3)
• starker Ausbau des Handwerkssektors
• grundlegende Erneuerungen der Produkte, Dienstleistungen und Technologien, massive Investitionen
• tiefgreifende Veränderungen der Absatz- und Exportmärkte
• entscheidende Verbesserung der wirtschaftsnahen Infrastruktur, vor allem des betrieblichen und regionalen Umweltschutzes
• Erhalt einer leistungsfähigen betrieblichen Forschung und Entwicklung sowie einer außerbetrieblichen Forschungs- und Wissenschaftsstruktur
• Aufbau eines leistungsstarken Dienstleistungssektors
Stärken der Region
![]() |
Basierend vor allem auf seiner modernisierten, breitgefächerten Industriestruktur, die überwiegend von kleinen und mittelständischen Unternehmen geprägt wird, gehört Südwestsachsen heute zu den sich dynamisch entwickelnden deutschen Wirtschaftsregionen. Sein Spitzenplatz in Sachsen ist unbestritten, vor allem die wachsende Exportkraft verschafft der südwestsächsischen Industrie einen Sonderstatus in den neuen Ländern. Mit einer Exportquote von derzeit 35,7 Prozent hebt sich die Region deutlich vom Durchschnitt in Sachsen und dem Niveau in den anderen neuen Bundesländern ab. Gegenüber dem bundesdeutschen Ergebnis ist die Region Südwestsachsen gut aufgestellt (Bild 4).
Aus der Branchenvielfalt der Industrie sind der hochmoderne Fahrzeugbau, einschließlich einer leistungsfähigen Zulieferindustrie, sowie der innovative, zunehmend auf Sonderbereiche und Spezialgebiete orientierte Maschinenbau hervorzuheben.
In Freiberg sind bedeutende Produktions- und Forschungskapazitäten im Bereich der Werkstoffe und Materialien für die Mikroelektronik, Mikrosystemtechnik und Solartechnologie entstanden, die ebenfalls zunehmend Komplementärindustrien und spezialisierte Dienstleister anziehen.
Eine Übersicht ausgewählter südwest-sächsischer Unternehmen zeigt Bild 5.
Einmalig sind in der Region die Forschungs- und Praxisergebnisse im Bereich der Wismut- und Altbergbausanierung, bei der Sanierung von industriellen Altlasten, Deponien und Kläranlagen. Die vorhandenen spezialisierten Dienstleister und Referenzobjekte werden Ausgangspunkt einer zunehmenden internationalen Anwendung und Vermarktung dieser Technologien.
Vor allem der Umfang, die Dynamik und die modernen Technologien der Wismutsanierung sind eine weltweite Pionierleistung. Die bei der Flutung von Grubenbauen, der Haldensanierung, oder etwa der Verbringung kontaminierter Materialien gesammelten Erfahrungen sind internationales Spitzen-Know-how.
![]() | |
Entwicklung ausgewählter Wirtschaftsdaten im Kammerbezirk Südwestsachsen |
Auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit, die heute zur globalen Strategie der Zukunftsvorsorge geworden ist und auf Ideen des Freiberger Oberberghauptmanns Hans Carl von Carlowitz von 1713 zurückgeht, ist Südwestsachsen weltweit eine der ersten Adressen. Das betrifft neben den ökologischen Ergebnissen der Umgestaltung nach 1990 auch die Meisterung der ökonomischen und sozialen Herausforderungen.
Zu den weiteren Leistungspotenzialen der Region Südwestsachsen zählen:
• die Dichte und Leistungsfähigkeit der Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen
• vier Universitäten und Hochschulen (Chemnitz, Freiberg, Mittweida, Zwickau)
• drei Berufsakademien (Glauchau, Breitenbrunn, Plauen)
• 13 Forschungsinstitute und Forschungs-GmbH
• der höchste Anteil technologieorientierter Existenzgründer in den neuen Bundesländern
• ein attraktives Netz von Technologiezentren
• zahlreiche wirtschaftsorientierte Netzwerke von Unternehmen, Wissenschaft, Verwaltung und andere
- Interessenverband Chemnitzer Maschinenbau (ICM eV)
- Kompetenzzentrum Maschinenbau Chemnitz/Sachsen eV (KMC)
- Verbundinitiative Maschinenbau Sachsen (VEMAS)
- Verbundinitiative Automobilzulieferer 2005 (AMZ)
- Geokompetenzzentrum Freiberg eV (GKZ)
- Initiative Südwestsachsen eV
- Arbeitskreis Technologietransfer (ATT eV)
- Industrieverein Sachsen 1828 eV
• Die Aktivitäten als Kultur- und Tourismusstandort
• Die hochwertige Telekommunikationsinfrastruktur einschließlich der entsprechenden Dienstleistungskapazitäten im Multimedia- und IT-Bereich
Künftige Herausforderungen
![]() | |
Entwicklung der Exportquote Südwestsachsen im Vergleich zu Deutschland |
Mit seinem Wirtschafts-, Wissenschafts-, Forschungs- und Infrastrukturpotenzial ist die Region Südwestsachsen auf die Herausforderungen der Zukunft gut eingestellt. Die Meisterung dieser Herausforderungen wird von den Unternehmen ähnliche Anstrengungen erfordern wie die Prozesse der Umgestaltung nach 1990. Schwerpunkte vor allem für die südwestsächsische Wirtschaft werden zukünftig sein:
• Die Erhöhung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der zumeist kleinen und mittleren Unternehmen durch ihre Einbringung in nationale und internationale Kooperationen und Arbeitsteilungen, die Entwicklung und Nutzung alternativer Finanzierungsstrategien sowie die weitere Stärkung der Innovationsbereitschaft und -fähigkeit.
• Die Sicherung des Fachkräftenachwuchses unter verschärften demografischen Bedingungen bei wesentlich härterem nationalem und internationalem Wettbewerb um die besten Köpfe und höheren Anforderungen durch neue Technologien, veränderte Arbeitsorganisation sowie die Wissens- und Informationsgesellschaft.
Gerade für die Industrie- und Technologieregion Südwestsachsen ist dieses Thema schon heute von höchster Priorität und Brisanz (Bild 6).
![]() | |
Wichtige Industriestandort Chemnitz/Südwestsachsen |
In die dazu erforderlichen Aktivitäten, deren Ergebnisse oft erst mittel- und langfristig zur Verfügung stehen (unter anderem praxisorientierte Berufsorientierung und Studium, Bindung von Fachkräften, kontinuierliche, anwendungsorientierte Aus- und Weiterbildung, professionelles Personalmanagement, Abbau von Ressourcenverschwendung im Bildungs- u. Arbeitsmarktbereich) müssen sich die Unternehmen, vor allem die kleineren, selbst aktiv einbringen.
![]() |
• Die Meisterung der EU-Erweiterung direkt vor der Haustür der Region. Der EU-Beitritt der mittel- und osteuropäischen Länder, die seit langem traditionelle Partner der südwestsächsischen Industrie sind, bietet neue Entwicklungschancen für die Wirtschaft, bedeutet aber andererseits auch große Herausforderungen für die ehemaligen Grenzregionen beiderseits der heutigen EU-Außengrenze (etwa Entwicklung der Infrastruktur, Arbeitskräftewanderungen, gemeinsame Entwicklungskonzepte, Tourismus). Hier müssen noch schneller und stärker als bisher gemeinsame, grenzüberschreitende Planungen der Regionen realisiert und die vielfältigen Erfahrungen der deutschen Wiedervereinigung in aktive Maßnahmen umgesetzt werden.
• Im weltweiten Wettbewerb der Regionen um Investoren, Touristen, Studenten, Fachkräfte, Fördermittel u. a. muss Südwestsachen sich noch stärker als Region profilieren, seine Stärken noch professioneller und weltweiter vermarkten. Die Basis und Attraktivität des Angebots braucht schon heute keinen internationalen Vergleich zu scheuen.
![]() | |
Aussagen zur Fachkräftesituation*) im Regierungsbezirk Chemnitz von 2000–2005 |
Am Anfang des 21. Jahrhunderts, nur 16 Jahre nach Öffnung der Mauer, hat die südwestsächsische Wirtschaft den tiefgreifenden Strukturwandel von der Plan- zur Marktwirtschaft erfolgreich gemeistert. Die Lage der gewerblichen Wirtschaft in dieser traditionsreichen deutschen Industrieregion ist gemessen an den Ausgangs- und Rahmenbedingungen gut. Sie ist wesentlich besser als ihre Darstellung in manchen Medien und ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit.
Die Wirtschaft in Südwestsachsen ist für die Zukunft gerüstet und zuversichtlich
Nicht zuletzt gründet sich diese Zuversicht auf die jahrhundertealten Traditionen und auf die eigenen Leistungen in vielen schwierigen Situationen sowie das große, ungebrochene Innovationspotenzial vor allem im Bereich der Unternehmer. Von dem schrieb schon 1783 Johann Kaspar Riesbeck in seinem Werk „Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland“:
„Sachsen ist ein herrliches Land. Ein fleißigeres Volk als die Sachsen habe ich noch nie gesehen. Ihr empfindsamer und reger Geist ist unermüdet und unerschöpflich. Wenn die Mode oder die Mitbewerbung ihrer Nachbarn ihnen einige Arten von Manufakturen niederschlägt, so haben sie in einem Augenblick zehn andere um die ersteren wieder zu ersetzen“.






















