Schlaglichter der Wirtschaftsgeschichte Recklinghausens
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Stadtansicht Recklinghausens von 1646 nach Matthäus Merian |
Die urkundliche Ersterwähnung Recklinghausens datiert von 1017. Mutmaßlich karolingischen Ursprungs (9. Jh.) waren sowohl eine erste befestigte Hofanlage südlich des Vestischen Höhenrückens als auch die Urpfarrei St. Petrus. Im Hochmittelalter entwickelte sich südlich der Petruskirche eine Marktsiedlung als Zentralort für Gerichtsbarkeit, Pfarrsprengel und Regionalhandel mit agrarwirtschaftlichen Gütern. Die Stadtgründung dokumentiert sich 1236 in der steuerrechtlichen Privilegierung ansässiger Bürger durch den Kölner Erzbischof; auch Siegel- und Münzprägerecht sind wenig später nachgewiesen. Eine erste Stadtummauerung, die dem Handel und Wandel Schutz bot, stammt aus dem späten 13. Jh. Zur Mitte des 14. Jhs. entstand eine erweiterte Ringmauer, von der noch Reste erhalten sind.
Recklinghausen gehörte vom Ende des 12. Jhs. bis 1802/03 zum Erzstift Köln. Rechtsgrundlage hierfür war die landesfürstliche Hochgerichtsbarkeit zwischen Emscher und Lippe. Seit dem 14. Jh. ist die bis heute gängige Territorialbezeichnung „Vest Recklinghausen“ überliefert. Wirtschaftsgeografisch befand sich das Vest jedoch abseits wichtiger Fernhandelsstraßen, fehlende Süd-Nord-Verbindungen und Flussübergänge beließen die Region an der Peripherie der prosperierenden Hellweg-Zone, entlang welcher sich große Handelsstädte wie Dortmund oder Soest etablierten. Von 1316 bis 1618 war Recklinghausen Mitglied der Hanse und gewann dadurch Anschluss an die Wirtschafts- und Handelspolitik des norddeutschen Städte- und Kaufmannsbundes. Aufgrund finanzieller Nöte des Kurfürstentums Köln gerieten Stadt und Vest selbst zum Handelsobjekt, indem beide von 1446 bis 1576 gewinnbringend verpfändet wurden.
Seit Beginn des 18. Jhs. war Recklinghausen Amtssitz kurkölnischer Richter bzw. Statthalter, die in der sog. Engelsburg residierten. 1802/03 bewirkte die Säkularisation den staatsrechtlichen Übergang von Stadt und Vest Recklinghausen an das Herzogtum Arenberg. Recklinghausen mit kaum mehr als 3.500 Einwohnern wurde Residenzstadt, was mit französischrechtlicher Modernisierung von Ökonomie, Handel und Gewerbe sowie von Verwaltung und Justiz einherging. 1811–1813 gehörte Recklinghausen zum Großherzogtum Berg. Prägend war in der Frühen Neuzeit der sekundäre Sektor: Manufakturbetriebe wie Leinwandwebereien, Spinnerei- und Mühlenbetriebe, Ziegeleien, Druckereien, Papierfabriken, Brauereien und Brennereien bestimmten die Wirtschaftsstruktur der Stadt. Hinzu kamen Händler und Gewerbetreibende mit agrarischem Nebenerwerb, sog. Ackerbürger.
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Zeche „Recklinghausen I“, um 1900 |
1815/16 endete die wirtschaftshemmende alte Kleinstaaterei. Stadt und Vest wurden in den neuen preußischen Großraum zwischen Rhein und Weser („Provinz Westfalen“) eingegliedert. Moderne Infrastrukturpolitik bescherte der Gemeinde die Überwindung der traditionell nachteiligen Randlage: Das Jahr 1842 sah den Bau der durchgehenden Landstraße von Bochum über Recklinghausen nach Münster, wodurch endlich eine weitreichende Nord-Süd-Verbindung mit Brücken über Emscher und Lippe entstand.
1864–1869 siedelte sich an der Emscher die erste Zeche auf Stadtgebiet an. Mit dem Bergwerk „Clerget“ (später „Recklinghausen I“, bereits 1931 stillgelegt) begann das Montanzeitalter; das alte Ackerbürgerstädtchen machte sich rasch auf den Weg ins Industriezeitalter. 1873 nahm auch das Bergwerk „General Blumenthal“ die Kohleförderung auf, 1882 folgten „Clerget II“ (später „Recklinghausen II“) in Hochlarmark und 1872–1889 das Bergwerk „König Ludwig“. Mechanisierte und rationalisierte Kohlegewinnung führten ab 1900 zum Aufschwung mittelständischer Bergbauzulieferindustrie; bedeutende Unternehmen für maschinellen Grubenbau und Kohleveredelung ließen sich in Recklinghausen nieder.
Kreis- und Stadtsparkasse gestalteten ab 1855 bzw. ab 1871 das Geld- und Kreditwesen der expandierenden Industriestadt. Ein weiterer Entwicklungssprung des Wirtschaftsstandortes Recklinghausen war nach 1871 die Eröffnung der Bahnstrecke Wanne–Münster. 1905 schloss sich die Ost-West-Strecke Hamm–Osterfeld an. Die Verkehrsrevolution des Eisenbahnzeitalters bescherte den Anschluss an das werdende Ruhrgebiet und die Kohleexporthäfen an der Nordsee, ebenso an die künstlichen Wasserstraßen im Revier. Ein Netz von Zechenbahnen sorgte für eine zusätzliche Binnenerschließung des Stadtgebietes. Die Hafenanlage am Rhein-Herne-Kanal besteht seit 1914. Moderner Personennahverkehr – sehr wichtig für einen Wirtschaftsstandort – entwickelte sich ab 1898 durch Straßenbahnen in Richtung Herne bzw. Wanne-Eickel. 1895 begannen flächendeckende Kanalisierung und Gasversorgung, gefolgt von der Elektrifizierung privater Haushalte ab 1905. Der bereits 1937 begonnene, dann ab 1966 fortgesetzte Autobahnbau verbesserte die wirtschaftsgeographische Qualität Recklinghausens erheblich.
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Luftaufnahme des „Zukunftsparks Blumenthal-Saatbruch“, 2005 |
Wegen des Bergbaus verzehnfachte sich von 1850 bis 1910 die Einwohnerzahl von ca. 5.000 auf über 50.000, die ca. zu 30 Prozent aus polnischstämmigen Arbeitsmigranten bestand. Ein neuer Siedlungsschwerpunkt entstand ab 1880 mit dem Stadtteil Bruch/Süd. 1901 folgte die Einrichtung eines eigenen Stadtkreises Recklinghausen, der bis zur kommunalen Gebietsreform von 1975 bestand. 1926 wurden diverse Nachbarsiedlungen (Hochlarmark, Suderwich, Röllinghausen) eingemeindet. Der statistische Großstadtwert von 100.000 Einwohnern wurde 1949/50 überschritten, u. a. durch den Zustrom Heimatvertriebener, später auch durch südeuropäische Arbeitskräfte. Seine höchste Bevölkerungszahl erreichte die Stadt um 1960 mit 132.000 Einwohnern.
Städtebauliches Symbol für die Urbanisierung Recklinghausens wurde der ab 1900 entlang der mittelalterlichen Stadtbefestigung errichtete Wallring, als repräsentativer Boulevard eingebettet in die Innenstadterweiterung nach Plänen des berühmten Städteplaners Hermann Joseph Stübben. Verbesserte Verkehrsanbindungen ließen schon vor dem Ersten Weltkrieg die alte merkantile Tradition wieder aufleben: Es entstanden moderner Einzelhandel sowie Kauf- und Warenhäuser, welche bis heute die Grundlage für die „Einkaufsstadt Recklinghausen“ mit starkem tertiärem Wirtschaftssektor bilden.
Die Schließung der Bergwerke „König Ludwig“ (1965) und „Recklinghausen II“ (1974) verwies auf die Krise der montanindustriellen Wirtschaft im Ruhrgebiet und verursachte tiefgreifende Umbrüche auf dem Arbeitsmarkt im primären Sektor: Der sozialökonomische Strukturwandel setzte im späten 20. Jh. auch in Recklinghausen ein. Die zügige Konvertierung des ehemaligen Zechengeländes von „Blumenthal/Haard“ nach 2001 versinnbildlicht das Ende des „Kohlezeitalters“ und den Übergang in die Wirtschaftsgeschichte des 21. Jhs.


















