Ein Blick auf die Vergangenheit der Region Coburg - die wechselvolle Wirtschaftsgeschichte
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Bahnhof Coburg um die Jahrhundertwende (Privatbesitz). |
Der Zeitpunkt, zu dem Coburg das Marktrecht erhielt, läßt sich nicht mehr feststellen, da die Verleihungsurkunde fehlt", schreibt der frühere Staatsarchivar Dr. Walther Heins in der Jubiläumsschrift von 1931 zur Stadtrechtsverleihung von 1331. Und weiter bemerkt Heins , daß in der Urkunde von 1217, in der das Kloster Veilsdorf auf all seine Rechte in Coburg verzichtet, von einem "stadtähnlichen größeren Ort" die Rede ist.
Klaus von Andrian- Werbung vermerkt in seinem Aufsatz "Rat und Stadtregiment im spätmittelalterlichen Coburg" (Jb. d. Coburger Landesstiftung 1978, S. 83): "Coburg wird 1217 sicher als Stadt bezeichnet"
Aus dem Jahre 1272 stammt das älteste Coburger Stadtsiegel mit der Umschrift: "Sigillum Civitatis in Koburch" um die wehrhafte Mauer mit Torturm und auf der Mauer die Henne der damaligen Landesherren, der Grafen von Henneberg.
Coburg als Handels- und Marktort bis 1800
Mit Urkunde vom 14. Juni 1331 befreite Kaiser Ludwig der Bayer die Stadt Coburg von der Gerichtsbarkeit ihres Landesherren, des Grafen Berthold VII. von Henneberg und verlieh ihr das Recht (Gerichtsbarkeit) der Stadt Schweinfurt. Doch spricht von Andrian-Werbung in diesem Zusammenhang nur von einer "Stadtrechtsbesserung" und meint, daß alles dafür spräche, daß Coburg spätestens in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts zur Stadt erhoben worden ist, also sich eine städtische Verfassung für die an der Itzfurt planmäßig nach 1200 angelegte Siedlung herausgebildet hat als typische Gründung der Stauferzeit. Die innerhalb des ersten Mauerrings erkennbare ovale Form ist durch zwei Straßenachsen von annähernd gleicher Länge in vier Sektoren aufgeteilt. Die Hauptsache in Nord-Süd-Richtung vom Spitaltor zum nicht mehr vorhandenen inneren Ketschentor bezieht die alte Fernstraße von Erfurt nach Nürnberg in den Straßenverlauf der Stadt ein. Die hierzu senkrecht verlaufende Ost- West- Achse vom ebenfalls abgebrochenen Steintor über den Markt bis zum Judentor war für den Verkehr von Kulmbach über Kronach und weiter ins würzburgische Gebiet. So entstanden vier Stadtviertel mit klar bestimmten Funktionsunterschieden. Den beiden östlichen Vierteln mit Kirche und Schulviertel (Ratsschule, Gymnasium) stehen die beiden westlichen mit gewerblicher und handwerklicher Struktur gegenüber, Zoll mit Zollhof hinter dem Rathaus, städtisches Kaufhaus, das später der herzoglichen Kanzlei weichen mußte, Handwerkerviertel, worauf die heute noch bestehenden Straßen- und Gassenbezeichnungen hinweisen (Webergasse, Metzergasse, Gerbergasse).
Als das Coburger Land 1353 im Erbgang von den Hennebergern an Markgraf Friedrich den Strengen von Meißen aus dem mitteldeutschen Grafenhaus Wettin fiel, wurde Coburg mehr und mehr zum Mittelpunkt der "sächsischen Ortlande in Franken", wobei das mittelhochdeutsche Wort "Ort" die alte Bedeutung von der äußersten Spitze oder dem äußersten Rand eines Landes wiedergibt. Und so wurde ja nun auch das Coburger Land der südlichste Zipfel der wettinischen Lande bis 1918, zunächst als "Pflege Coburg" des Kurfürstentums Sachsen, dann als Fürstentum Sachsen-Coburg und schließlich ab 1806 als souveränes Herzogtum Sachsen- Coburg- Saalfeld, von 1826-1918 als Doppelherzogtum Sachsen-Coburg und Gotha.
Die Stadt Coburg erlebte als Schnittpunkt zahlreicher Fernstraßen inmitten des Coburger Landes einen gewaltigen Aufschwung als Markt- und Handelsplatz und als Etappenort zwischen den Handelsmetropolen Nürnberg, Erfurt und Leipzig in der Zeit des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit.
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Coburg, links im Vordergrund die Gasfabrik (Baubeginn 1854); Lithographie von Max Brückner (Kunstsammlungen Veste Coburg). |
So waren die Coburger Landesherren und Bürger gleichermaßen daran interessiert, daß sich Kaufmannszüge möglichst lange durch das Coburger Territorium bewegten, zumal in zunehmendem Maße seit Ende des 16. Jahrhunderts Leipzig mehr und mehr Erfurt den Rang als Reichs-Messestadt ablief und sich somit der Nürnberger Verkehr zusehendes auf die Routen über Kronach bzw. Bayreuth - Hof umzustellen begann. Es mußte also von seiten des Landesherrn für den Ausbau und Unterhalt ordentlicher Geleitstraßen gesorgt werden und in Coburg durch die Bürger für einen angenehmen Aufenthalt in guten Raststätten und für gute Vorspanndienste über den Thüringer Wald gesorgt werden, da "viel an Tranksteuer abgeht, wenn die Fuhrleuth nicht zehren" und "nicht über Coburg, sondern über den Forst auf Sonnefeld zu ihren Weg ... nehmen" (nach Höhn, Jb.d.CL.1983, S 193).
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Kaiserliche Reichspost seit 1871 am Oberen Bürgerlaß; bis 1934 Reichspost, heute Arbeitsgericht (Kunstsammlungen Veste Coburg). |
Vor allem war man in Coburg am Unterhalt und Ausbau der alten Nord- Südachse von Erfurt nach Nürnberg zwischen Eisfeld und der Südgrenze des Coburger Territoriums bei Gleußen bis tief ins 18. Jahundert interessiert. Die alte Nord- Süd- Straße Erfurt - Coburg - Nürnberg hat trotz der fast parallelen Eisenbahnführung im 19. Jahrhundert und der unglücklichen 40 Jahre währenden Durchschneidung durch die Zonengrenze in unserem Jahrhundert nichts an Bedeutung als Bundesstraße 4 eingebüßt, ja nach der Grenzöffnung 1989 wurde ihre erneute Verkehrsbedeutung erneut offenbar, weshalb ihre Anpassung an die modernen Verkehrs- Verhältnisse in Form einer parallel geführten Autobahn unumgänglich ist. Schon bald nach dem Dreißigjährigen Krieg vollzog sich auch im Coburger Land ein spürbarer Wandel im Fernhandel. Hierzu kam die gesamte Umstrukturierung des Welthandels nach Übersee. Deutschland verlor in zunehmenden Maße seine bisherige führende Mittlerrolle im Warenaustausch Europas. Noch wird um 1700 von zeitgenössischen Autoren unter den Messehandelswegen von Nürnberg nach Leipzig die Route von Coburg nach Saalfeld genannt; doch sinkt Erfurt mehr und mehr nur noch zum Etappenort der wichtiger werdenden West- Ost- Messestraße Frankfurt- Eisenach- Leipzig ab. Der Umweg von Nürnberg über Coburg und Erfurt nach Leipzig wird nun doch uninteressanter. Als am Ende des 18. Jahrhunderts unter dem französischen Einfluß die "Kunstchausseen" auch in Deutschland aufkamen, veränderte sich die Linienführung, die vorgegebenen bisherigen Geländeverhältnisse mußten für die neuen Handelsstraßen angepaßt werden. Auch hatten sich die politischen Verhältnisse grundlegend geändert. Der neue Nachbar, das Königreich Bayern forcierte seit 1806 den Ausbau der Chausseen auf seinem neuen fränkischen Territorium bis nördlich Hof mit dem direkten Anschluß an Sachsen.
Coburgs Handel, Verkehr und Industrie im 19. Jahrhundert
Vom Zollverein 1834 zur Reichsgründung 1871
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Neugotisches Eingangstor zur Post am Oberen Bürgerlaß, das in den 50er Jahren abgerissen wurde (Kunstsammlungen Veste Coburg). |
Es ist auffallend, in welchem umfassenden Maße das Coburger Land mit der allgemeinen industriellen Entwicklung des 19. Jahrhunderts in Deutschland Schritt hielt, allerdings in einer für Coburg typischen Ausprägung. Abgesehen von einigen verwertbaren Tonvorkommen, die hauptsächlich im Rödentaler Raum zur Grundlage für Ziegeleien und keramische Betriebe werden konnten, mangelte es von jeher an Bodenschätzen, die zur Ausgangsbasis für einen Industrieaufschwung hätten werden können. Und dennoch trugen verschiedene Faktoren dazu bei, diesen bis heute "gesund gewachsenen" Industrieraum Coburg entstehen lassen. Die in der Landwirtschaft von alters her vorherrschende Realteilung ließ keinen allzu großen Grundbesitz entstehen und zweit- und drittgeborene Kinder in die städtischen Siedlungen abwandern bzw. schon sehr früh zum Nebenerwerb greifen. Hierbei wurden besonders die Impulse des Thüringer Waldes auf dem Gebiet der Spielwarenindustrie, der Holzverarbeitung und Glasherstellung dankbar aufgenommen, da sie sich oft in Form der Heimindustrie ohne Wohnortverlegung umsetzen ließen. Der Einfluß des Sonne-berger Wirtschaftsraumes auf Neustadt bei Coburg ist bekanntlich hierbei unverkennbar. Der Zwang zur Konkurrenz bei steigender Bevölkerungszahl, der Arbeitswille und die stets Neuerungen aufgeschlossene Geisteshaltung der Coburger Bevölkerung trugen viel dazu bei, eine breitgestreute Palette von Industriezweigen in der zweiten Hälfte des 19. Jahunderts aufblühen zu lassen. Hinzu kam, daß die Verantwortlichen weitgehend in Anlehnung an das ehemals mittelalterliche Straßennetz den Ausbau der aufkommenden Eisenbahn zu fördern bestrebt waren. Nachdem 1846 die bayerische Nord-Süd-Achse bis Lichtenfels ergänzt worden war, betrieb Herzog- Ernst II. (geboren 1818; regierte 1844-1893) den Ausbau der sogenannten Werratalbahn, die ab 1858/59 Coburg mit Lichtenfels und Eisennach verband. Damit wurde sie zur frühesten Verbindungsbahn zwischen den bayerischen und thüringisch- preußischen Grundstrecken, der allerdings in der knapp 20 Jahre später erstellen Saaletalbahn (München - Nürnberg - Lichtenfels - Probstzella - Leipzig - Berlin) ein entscheidender Konkurrent erwachsen war. Dennoch blieb die Werratalbahn mit ihren Nebenstrecken nach Neustadt bzw. Sonneberg, nach Rodach und der Steinachtelbahn (oder "Karussellbahn") eine wichtige Grundlage für die Industrieentwicklung und den Handel über Coburg zwischen Nord und Süd. Die Stadt Coburg wuchs zu einer Art Verkehrsstern heran, was auf die Stadtentwicklung nicht unbedeutenden Einfluß hatte.
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Coburg als Verkehrszentrum seines Umlandes mit den wichtigsten Straßen des 15. bis 17. Jahrhunderts (Jb.d.CL 1983, S. 188/189). |
Insgesamt verlagerte sich der Anteil der Coburger Bevölkerung in dem kurzen Zeitraum zwischen1895 bis 1907 auf dem Gebiet der in der Land- und Forstwirtschaft Tätigen von 30,9 % auf 24,4 %, im gleichen Zeitraum stieg der Anteil der in der Industrie und im Handwerk Tätigen auf 51,1 % für Handel und Verkehr weist die Statistik für 1907 10,9 % aus. Damit lag das Coburger Herzogtum über dem Reichsdurschnitt, der für 1913 noch 33 % Erwerbstätige in der Land- und Forstwirtschaft und erst 40 % in Industrie- und Handwerk Beschäftigte ausmachte. Nicht unbeachtet sollte in den beiden Jahrzehnten nach 1815 die umfassende Bautätigkeit des Coburger Herzogs Ernst I. (geboren 1784; regierte von 1806- 1844) bleiben. Der Umbau des Residenz- Schlosses Ehrenburg, überhaupt die Umgestaltung des Schloßplatzes mit dem Neubau der Arkarden und des Theaters sowie die Renovierungsarbeiten an der Veste und der Um- und Ausbau der Schlösser Rosenau und Callenberg brachten für das Baugewerbe, für das Schlosser- und Schreinerhandwerk, einschließlich der Möbeltischlereien, sowie für Ziegeleien und Steinbruchunternehmer einen gewaltigen Aufschwung. In diesen Jahren erregte die Gemüter der Coburger Handels- und Wirtschaftskreise die Diskussion um die Schaffung eines einheitlichen deutschen Wirtschaftsraums in Form des Deutschen Zollvereins.
Am 16.Januar 1833 erfolgte eine der wohl umfangreichsten Vorstellungen des Gewerbe- und Handelsstandes, um die Regierung mit allen Mitteln für den Eintritt in einen gesamtdeutschen Zollverein zu bewegen.
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Stadtplan von Coburg 1848 (Stadtarchiv Coburg). |
Man war vor allem empört über das Verhalten des Polizeirats Eberhardt aus Gotha, der sich benommen habe, als ob er "ein preußischer Kommissär" sei, der sogar mit Verlegung der Residenz nach Gotha offen gedroht habe, wenn sich der Gewerbebestand in dieser Angelegenheit nicht bald beruhigen sollte. Doch legte sich dieser "Sturm im Wasserglas", wie wir ihn heute empfinden, als bekannt wurde, daß die Zollvereins- Verhandlungen mit allen deutschen Staaten vor dem Abschluß stünden und mit dem 1. Januar 1834 der Deutsche Zollverein, allerdings ohne Österreich- Ungarn, ins Leben treten werde. Mit dem bürgerlichen Liberalismus trat eine politische Kraft ins Leben, die weit mehr zum integrierenden Faktor einer unmißverständlich geforderten Reichseinheit wurde als die damaligen staatsragenden Gesellschafts- Schichten erkennen konnten, und auch die Geschichtsschreibung bis lange nach dem zweiten Weltkrieg wahrhaben wollte. Das Maschinen-Zeitalter mit all seinen Gefahren und Auswüchsen, aber auch seinen unverkennbaren Segnungen nahm seinen Anfang. Eine breite Schicht liberaler Unternehmer bildete sich genauso heran wie das Heer der Arbeiter wegen der zunehmend neu geschaffenen Arbeitsplätze. Beide Schichten drängten in die politische Mitsprache und Mitverantwortung. Zunächst jedoch bewegte auch die Coburger Gewerbebetreibendenen das Problem der aufkommenden Maschinen, die so manchen Handwerker unter ihnen in Zukunft brotlos machen würden. Die immer noch weiter bestehenden, längst überholten Zunftgebräuche waren eine weitere Frage. "Mögen auch einzelne über den Gebrauch der Maschinen, durch welche Menschenhände erspart werden, über die Verletzung veralteter, den Geist tötender Gewohnheiten schreien, ... ihre Klage werden verstummen, sobald sich die Mehrheit...vom Nutzen des Vollkommeneren und Zweckmäßigeren überzeugt hat. Unsere Zeit ist eine andere geworden ... Neue gewaltige Erscheinungen und Erfindungen haben Altes verdrängt und Neues gebildet", lesen wir in einem Protokoll über eine erregte Aussprache innerhalb des Kunst- und Gewerbevereins. Die Umstellung vom handwerksmäßigen Kleinbetrieb zum fabrikmäßigen Mittel- und Großbetrieb nahm auch im Coburger Land ab der Mitte des 19.Jahrhunderts ihren Lauf. Am 25.Juni 1859 erließ der Herzog Ernst II. ein Gesetz das die volle Gewerbefreiheit garantierte. Danach wurde die Niederlassung eines Handwerkers ohne Unterschied in Stadt und Land innerhalb des Herzogtums erlaubt, ebenso der Handel an jeden beliebigen Ort. Der Wanderzwang war aufgehoben worden. Die selbständige Geschäftsführung sollte allein von den entsprechenden Handwerksprüfungen und der Volljährigkeit abhängen.
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Die europäischen Verwandten der Coburger beim Fürstentreffen in Coburg 1894. |
Die Gründerjahre nach 1871 bis zum I.Weltkrieg
Doch wurde diese auf manchen Gebieten durchaus fortschrittliche Coburger Gewerbeordnung des Jahres 1859 durch eine neue im Rahmen des Norddeutschen Bundes ersetzt, die dann nach Errichtung des Deutschen Reiches 1871 einheitliches Reichsgesetz wurde. Mit der Reichsgründung ging der Wunsch des liberalen Unternehmertums nach einem gesamtdeutschen Wirtschaftsgebiet, nach einem überall gleich gültigen Wirtschaftsrecht, nach einheitlichen Maßen, Gewichten und einer einheitlichen Währung in Erfüllung. Auch die Planung neuer Eisenbahnlinien konnte nun nach modernen Gesichtspunkten erfolgen. Die "Gründerjahre" förderten Industrie und Handel im gesamten Reich. In den letzten Jahren nach 1871 wurden im Coburger Land neue Industriebetriebe ins Leben gerufen bzw. nahmen bereits bestehende Firmen einen solch ungeahnten Aufschwung, daß sie jahrzehntelang, und manche bis heute, der wirtschaftlichen Entwicklung unseres Heimatraumes ein entscheidendes Gepräge gaben. Es kann im Rahmen dieses Überblicks nur auf einige markante Industriezweige hingewiesen werden. Bereits 1857 hatte der Fabrikant Jos. Rudolf Geith die Konzession zur Errichtung einer Backsteinfabrik, Kalkbrennerei und zur Fabrikation von Waren aus Ton und feuerfenster Erde erhalten, woraus sich das heute noch bestehende Annawerk entwickelte, ein Mittelpunkt des Industriebandes entlang der Röden. Unweit davon gründeten im Jahre 1871 Franz Detlef Goebel und sein Sohn William gemeinsam die Firma F. & W. Goebel, heute das weltbekannte Hummelwerk. Die Porzellanfabrik Cortendorf wurde 1890 von Julius Griesbach ins Leben gerufen.
1863 erwarb der Gießermeister Louis Langenstein eine Konzession zur Errichtung einer Eisengießerei in Cortendorf, heute als Maschinenfabrik Langenstein & Schemann AG, nach Kriegsende 1871 ließ sich Nikolaus Trutz in Coburg nieder, übernahm hier eine kleine Wagnerei und baute sie zu einer viele Jahrzehnte führenden Karosseriefabrik aus. 1905 ließ sich die Maschinenfabrik Gustav Brückner, bereits 1901 in München gegründet, in Coburg nieder. Auf dem Gebiet der Polstermöbelindustrie seienaus den Jahrzehnten zwischen 1871 und dem Ersten Weltkrieg die Firmen Johann Nicol Schindhelm, gegründet 1870 in Coburg, und Friedrich Wagner, gegr. 1892 (heute Untersiemau-Scherneck), genannt. Als die bekannteste Puppen und Spielwarenfabrik in der Stadt Coburg galt seit ihrer Gründung im Jahre 1893 die Firma H. Leh. In Neustand entstand 1894 die Puppen- und Plüschwarenfabrik Ernst Liebermann. Die Puppenfabrik Edmund Knoch wurde 1896 in Mönchröden begründet und die Hermann Steiner KG in Neustadt besteht seit 1911. Aufgrund der weltweiten Verwandschaften der Coburger Dynastie mit zahlreichen Thronen in Europa und davon abhängiger Länder in Übersee kam es zur Gründung von Konsulanten und damit Handelsniederlassungen in Coburg, so daß der Export von Spielwaren, besonders von Puppen, aus dem Coburger Land nach England, Australien, Holland, Dänemark, Schweden und auch nach den USA möglich wurde. Leider bereitete der I.Weltkrieg diesem florierenden Exportgeschäft der Coburger Wirtschaft ein jähes Ende.
Coburger auf den Thronen Europas
Die wirtschaftliche Prosperität in Deutschland in den Jahren vor dem I.Weltkrieg ging für Coburg Hand in Hand mit der zunehmenden Bedeutung Coburgs in der europäischen Politik. Aus der Haupt- und Residenzstadt eines Kleinstaates wurde mehr und mehr der Mittelpunkt und Treffpunkt des damals in Europa herrschenden Hochadels. Aufgrund der geschickten Heiratspolitik des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha nach dem Wiener Kongreß und vor allem in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts waren die Coburger auf zahlreiche Throne Europas gekommen. So herrschten sie in Belgien, Portugal, England, Bulgarien und Rumänien oder waren zumindest mit dem übrigen Herrscherhäusern verwandt, so mit Rußland, Spanien, Dänemark oder Schweden. So kann man bei den Gipfeltreffen des europäischen Hochadels in Coburg anläßlich der Hochzeit des Großherzogs Ernst Ludwig von Hessen- Darmstadt (1868- 1937), eines Enkels der Queen Victoria aus der Ehe ihrer Tochter Alice mit Großherzog Ludwig von Hessen, mit Victoria Melita (1876- 1936) von Sachsen-Coburg und Gotha, ebenfalls einem Enkelkind der Queen aus der Ehe ihres damals in Coburg herrschenden Sohnes Alfred (geb.1844; reg.1893- 1900) und der Herzogin Maria Alexandrowna, Tochter des Zaren Alexanders II., am 19.April 1894 beinahe von einer "monarchischen Internationale" sprechen. Das weit verbreitete Photo des damals international geachteten Coburger Photographen Prof. Eduard Uhlenhuth, aufgenommen im Hof des Palais Edinburg (heute Industrie- und Handelskammer), gilt bis heute als Symbol für die damals so harmonisch anmutende Eintracht der europäischen Dynasten, ging deshalb in zahllose Geschichtsbücher ein, wurde im vergangenen Jahr zum Leitmotiv der Bayerischen Landesaustellung 1997 in Coburg und dient neuerdings als Werbeplakat für die Touristik- Abteilung der Stadt Coburg. Das Photo entstand allerdings schon vor dem Hintergrund des sich wandelnden Bismarckschen Bündnissystems Deutschlands: 1890 hatte Wilhelm II. nach der Entlassung Bismarcks den Rückversicherungsvertrag nicht mehr erneuert, zwischen 1891 bis 1893 kam es daraufhin zur zunehmenden Annäherung zwischen Frankreich und Rußland, woraus der französisch-russische Zweibund mit deutlich antideutscher und panslawistischer Tendenz hervorging. So könnte man in dem Bild der "Coburger Verwandtschaft" ein Gipfeltreffen der damaligen europäischen Herrscher sehen, die aber, und darüber täuscht das so einmütig und friedlich anmutende Bild hinweg, den Einfluß auf ihre Völker und damit auf die europäische Politik doch schon zu verlieren begann. Leider hat zudem die latent stets vorhandene Eifersucht unter Verwandten das Auseinanderleben auch der Herrscher mit gefördert.
Das unselige nationalistische Denken hatte alle Völker Europas erfaßt und sie weitgehend von den herrschenden Monarchen entfernt, so daß man allgemein einen Weltkrieg als "reinigendes Gewitter" in Kauf zu nehmen bereit war. Die große Überraschung dieser Coburger- Fürstenhochzeit war die Bekanntgabe der Verlobung zwischen Prinzessin Alix von Hessen (geb. 1872, erschossen 1918) mit dem späteren Zaren Nikolaus (geb. 1868, reg. 1894- 1917, erschossen 1918). Sie stehen unmittelbar hinter Queen Victoria und dem daneben sitzenden Kaiser Wilhelm II., die beide am Zustandekommen dieser Verbindung während der Coburger Tage mitgewirkt haben. Wilhelm II. ging es ja immer wieder in seinem Verhältnis zu seinem "Vetter Nicky" um die Wiedergewinnung der Rückendeckung durch Rußland, die er so leichtfertig durch die Aufkündigung des Rückversicherungsvertrags verspielt hatte. Damit sind die Vertreter der damals wichtigsten europäischen Monarchien schon genannt worden. Es sei im folgenden auf einige noch besonders hingewiesen, um die Fäden dynastischer Politik, wie sie über Coburg liefern, noch deutlicher zu machen. Neben Queen Victoria, die übrigens aus diesem Anlaß das letzte Mal in Coburg weilte, sitzt ihre Tochter Victoria, die wir meist als Kaiserin Friedrich und Mutter Wilhelms II. kennen. Unmittelbar neben dem Zaren am linken Bildrand steht der damalige Erbprinz Alfred von Coburg (1874- 1899), der bereits ein Jahr vor seinem Vater, der in der letzten Reihe ganz rechts außen alle überragt, starb. Als zweite in der letzten Reihe von rechts ist die Tochter des Coburger Herzogpaares, die Prinzessin Maria (1875- 1938) zu sehen, die ein Jahr vorher (1893) den rumänischen Kronprinzen Ferdinand aus dem Hause Hohenzollern- Sigmaringen (geb. 1865, reg. 1914- 1927) geheiratet hatte. Er steht unmittelbar vor ihr in deutscher Uniform. In der letzten Reihe ist als dritter von links Prinz Philipp von Coburg mit seiner Frau unmittelbar vor sich, einer belgischen Prinzessin, zu erkennen. Er ist der älteste Bruder des Zaren Ferdinand von Bulgarien aus dem katholischen Familienzweig Kohary des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha, der 1816 durch die Heirat des Coburger Prinzen Ferdinand (1785- 1851), Bruder des regierenden Herzogs Ernsts I., mit der reichen ungarischen Magnatentochter Antonie von Kohary entstanden war, weitgehend in Österreich-Ungarn seine Besitzungen hatte, jedoch in Coburg das heutige Bürglaßschlößchen bis zum Tode des Bulgarenzaren im Jahre 1948 innehatte und mit der Erbauung der St.Augustin- Kirche eine Gruft bis heute schuf für die Familie Kohary. Wie schon oben angedeutet, brachte das Ende des I.Weltkriegs den entscheidenden Einschnitt in der politischen und wirtschaftlichen Geschichte Coburgs.
Das Ende der Monarchie auch in Coburg machte den Weg frei für eine Volksabstimmung im neuen "Freistaat Coburg"- übrigens die erste Volksabstimmung in Deutschland überhaupt-, nach deren Ergebnis mit 88,28 % gegen ein sich erst bildendes Land Thüringen der Weg zum Anschluß an Bayern frei war. Seit 1.Juli 1920 ist nun das ehemalige Herzogtum Coburg ein Landkreis des Regierungsbezirks Oberfranken und teilte seitdem als Teil Bayerns die Geschicke Deutschlands in der Wirtschaftskrise der 20er Jahre, in der Zeit des Nationalsozialismus und des II.Weltkriegs und schließlich die Höhen des Wirtschaftswunders und nun seit einiger Zeit die Tiefen der wirtschaftlichen Rezession unserer Tage. Doch dies ist Gegenstand anderer Beiträge dieses Sammelwerkes.





















