Horst Dieter Bürkle: Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit

Kunst ist immer auch Provokation. Nicht jedem gefällt jedes Gedicht, jedes Bild, jedes Lied, jede Skulptur. Kunst hat deshalb mit Individualität zu tun. Und nicht immer ist Kunst im Sinne der politischen Eliten, die Kunst schon seit Jahrhunderten im Sinne des Zeitgeistes interpretierten. Freies künstlerisches Wirken hat daher unweigerlich etwas mit Freiheit zu tun. Ohne freie Künste existiert kein freier Geist – keine Demokratie. Schiller brachte es in seinem berühmten Ausspruch auf den Punkt: „Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit.“

Aus dem Darmstädter Freundeskreis um die spätexpressionistischen Zeitschriften „Die Dachstube“ und „Das Tribunal. Hessische Radikale Blätter“ ging am 8. Juni 1919 die Darmstädter Sezession hervor. Im ersten Sezessions-Katalog ist der Auftrag der Künstlervereinigung klar formuliert: „Darmstadt fühlt sich stark genug, aus künst­­lerischer Provinz wieder künstlerische Hauptstadt zu werden; aus einer Metropole geistiger Reaktion ein Mittelpunkt neuer geistiger Werterzeugung.“ Die Künstler suchten die Provokation – den freien Geist – in einer Zeit der politischen und wirtschaftlichen Not. Gegründet wurde die Vereinigung von einer 21-köpfigen Gruppe „sich als radikal bezeichnender Künstler“, zu denen unter anderem die Maler Max Beckmann und Ludwig Meidner gehörten.

Schon ein Vierteljahr nach der Gründung präsentierten die Künstler eine umfangreiche erste Ausstellung in der damaligen Kunsthalle am Rheintor, der in den Folgejahren weitere Schauen von überregionaler Bedeutung folgten. Das ausgesprochen blühende Ausstellungsgeschehen kam mit dem aufkommenden Nationalsozialis­mus in den 1930er Jahren zum Erliegen. Einige Mitglieder blieben damals in Darmstadt, andere emigrierten, gingen in den Widerstand oder ganz einfach nur „in Deckung“, wieder andere kamen ins KZ oder wurden – wie Theodor Haubach – nach dem Attentat auf Adolf Hitler hingerichtet.


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Es lag auf der Hand, dass diejenigen unter ihnen, die die Freiheit der Kunst auf ihre Fahnen geschrieben hatten, diese Runde verloren hatten, sie verlieren mussten. Doch nach 1945 konnten sie ihren Kampf wieder aufnehmen. Denn es musste doch wohl noch etwas anderes gegeben haben als das, was „großdeutsche Kunst“ zwölf Jahre lang zu sein hatte. Wo stand man nach zwölf Jahren verordneter Kunst? Womöglich war mittlerweile Abstraktion angesagt? Null Realismus? Farbe pur? Das waren Fragen, welche die Künstler damals abseits knurrender Mägen und abgerissener Klamotten ganz intensiv beschäftigt haben. „Was ist uns vorenthalten worden?“, haben sie sich gefragt. „Wie viel haben wir versäumt?“

An ihnen vorbeigelaufen war beispielsweise eine Musik wie die Fugen des Paul Hindemith, die der – als einstiges Mitglied der Sezession – im amerikanischen Exil komponiert hatte. Die wollten sie jetzt hören und hatten sie deshalb, kein halbes Jahr nach Kriegsschluss, in „den Ruinen entrissenen“, zugigen Räumen der Technischen Hochschule erstauf­geführt. Wenig später schoben sie mit „Befreite Kunst“ eine Ausstellung nach, mit der sie entscheidend zur Rückkehr der Moderne im Deutschland der Nachkriegszeit beitrugen.
Und die Sezession blieb tonangebend: Aus ihren Reihen kam der Vorschlag für das legendäre erste der so genannten „Darmstädter Gespräche“ im Jahre 1950, das den Titel „Das Menschenbild in unserer Zeit“ trug. Im Nachhinein betrachtet, ging es bei den damals äußerst emotional geführten Gesprächen vorrangig um jene Streitpfeile, welche die jeweiligen Anhänger von gegen­­ständlicher und abstrakter Kunst in ihren Köchern hatten, ausgefochten vor einem Publikum, welches das Gelingen von Kunst überwiegend am Grad der Imitation eines vorgefundenen oder idealisierten Natürlichen zu messen gewohnt war und das sich – so scheint es im Rückblick – nur in geringem Maß mit der Frage befasste, ob nach all den erlittenen Traumata das Bild des Menschen womöglich für immer entwertet bleiben könnte.

Kaum jemand würde heute noch die helle Empörung verstehen, die in der Darmstädter Bevölkerung losbrach, als man einst im Schulhof des Ludwig-Georgs-Gymnasiums Bernhard Heiligers „Zwei Figuren in Beziehung“ aufstellte. In den 1950er Jahren beschimpfte man sie in wütenden Reaktionen als „kranke Neger“, verunstaltete sie mehr­­fach und verlangte per Antrag von der Stadtverordneten­­ver­samm­­lung deren Entfernung. Und abermals war es die Sezes­­sion, die diesmal gleichermaßen mäßigend wie frei­­heitsbewusst zur Glättung der Wogen beitragen konnte.

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In den folgenden Jahrzehnten veränderte sich unter dem Schlagwort „Erweiterung des Kunstbegriffs“ die Szene zunehmend rasanter. Die Sezession reagierte mit der Einführung des Preises für junge Künstler. Er sollte – da den Preisträgern automatisch die Mitgliedschaft angetragen wurde – von 1975 an für Verjüngung innerhalb der eigenen Reihen sorgen. Heute entstammt rund ein Drittel aller Mitglieder jener zukunftsweisenden Entscheidung und alle tragen dazu bei, die „Stilrichtung“ der Sezession nach wie vor alles andere als uniform aussehen zu lassen.
Mittlerweile kommt die Darmstädter Sezession in die Jahre – anno 2019 wird sie ihren einhundertsten Geburts­­tag feiern. Das ist einerseits ein beachtliches Alter, jedoch kein Grund für sie, sich auf irgendwelchen Lorbeeren auszuruhen. Noch nicht einmal darauf, dass bis in die Jetztzeit hinein von 54 Kunstpreisträgern unserer Stadt exakt die Hälfte aus den Reihen der Sezession kam. Einen „Programmwechsel“ braucht es ebenfalls nicht. Der Blick auf einige Kernsätze, wie sie der bedeutende Kunst- und Architekturhistoriker Josef Adolf Schmoll, genannt Eisen­­werth, im Katalog zur Ausstellung der Darmstädter Sezes­­sion im Haus der Wiener Sezession einst geschrieben hat, beleuchtet das. Was er – ebenfalls Mitglied der Vereini­gung – vor über einem halben Jahrhundert geäußert hat, lässt sich noch immer als Maßstab betrach­­ten: „Die Zugehörigkeit zu bestimmten künstlerischen Richtungen“, so schrieb er damals, „ist im Grunde unwesentlich, sie macht nur die Farbigkeit der Sezessionsgemeinschaft anschaulicher und übersichtlicher. Getragen wird diese Farbigkeit selbstverständlich allein von den Persönlich­keiten, die die Sezession sich erwählt, die von ihr angezogen werden, die ihr Profil formen. Sie schwört auf kein Stilprogramm und verfolgt keine tagesgebundenen künstlerischen Theorien. Sie nimmt Experimente in Kauf, fördert junge Kräfte und begeht ungewohnte Wege.“

Mit einem solcherart freiheitlichen Programm – ist anschließend festzustellen – lässt es sich gut „in die Jahre kommen“.

BüKswHorst Dieter Bürkle wurde 1934 in Teningen im Breisgau geboren. Seit 1960 hat er zahlreiche Preise für Experimental-, Trick-, und Doku­men­­tarfilme bei nationalen und internationalen Kurz­film­festivals erhalten. Ab 1976 war er freischaffender Fotograf, Filme­­­­­macher und Objekt­­künstler. Von 1995 bis 2007 war er als Mitglied und Geschäftsführer der Darmstädter Sezession tätig, seit 2001 ist er deren Vorstandssprecher. Außerdem ist der Autor seit 2001 Co-­Kurator von „Vogelfrei“, der Kunstbiennale im Darmstädter Kom­­ponistenviertel. Im Jahr 2004 er­­hielt Horst Dieter Bürkle für seine kulturellen Bemühungen die „Bronzene Verdienstplakette der Stadt Darmstadt“.