Holger Schmidhuber: Die heimliche Designmetropole

Wenn man sich die alljährlichen Agen­tur­­rankings von Fachzeitschriften wie Page, w&v oder Horizont ansieht und einen Blick auf die Standorte der je­­wei­­ligen Büros wirft, liegt neben den typischen Kreativ-Metropolen wie Berlin, München oder Hamburg eine Stadt ganz weit vorn: Wiesbaden.

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Es hat einige Zeit gedauert, bis den Be­­teiligten der unerwartete Standortfaktor bewusst wurde. Vielleicht, weil man es der betuchten, aber reichlich betulichen Stadt erst mal gar nicht ansieht, wie viel Kreativität hinter den neoklassizisti­schen Fassaden alles andere als schlum­­mert. Die üblichen Klischees der Kreativbran­che – jung, laut, chaotisch, schnelllebig – lassen sich mit dem Image der Stadt Wiesbaden jedenfalls nur schwer in Ein­­klang bringen. Doch sind das, wie ge­­sagt, Klischees – die Tatsachen erzählen eine andere Geschichte. Aus Wiesbaden kommt nämlich seit vielen Jahren hervorragendes Design, das nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt Beachtung findet. Vom interdisziplinären Team von 3deluxe, mit seinen multi­medialen Projekten wie dem Fußball­glo­­bus zur Weltmeisterschaft 2003, dem futuristischen Interieur des Frankfurter Cocoon Clubs oder dem beeindrucken­den Leonardo Glass Cube. Oder von der Web-Agentur Scholz & Volkmer. Hier ge­­nügt ein Blick auf die Kunden, um fest­­zustellen, mit wem man es zu tun hat: Mercedes-Benz, Samsung, Coca-Cola, ThyssenKrupp, Swarovski … Oder aber von Die Firma: Die Online-Spezialisten entwickeln sehr ausgefallene Inter­ak­­tiv-Anwendungen und können auf eine au­­ßergewöhnliche Erfolgsgeschichte zu­­rückblicken.
Wie die bereits genannten Designagen­turen ist auch Fuenfwerken ursprünglich ein Kind der Fachhochschule Wies­baden und dem Standort bis heute treu geblieben. Zwar hat das Unternehmen inzwischen auch einen Standort in Ber­­lin, um näher bei den zahlreichen Auf­trag­gebern zu sein, die dort ihre alte oder neue Heimat haben. Aber der Haupt­­sitz liegt noch immer bei seinen Wur­­zeln zwi­­schen Rhein und Taunus. Fuenf­­werken ist auf Corporate Design, Com­munication und Publishing spezialisiert und für Kun­­den aus ganz Deutschland tätig. Wie bei­­spielsweise für den Ber­li­ner Senat: Im März 2008 startete die neue Marketing­kampagne der deutschen Hauptstadt unter dem Motto „be Ber­lin“. Fuenf­wer­­ken hat hierzu das Cor­po­­rate Design ent­­wickelt, mit dem der­­zeit welt­­weit für die deutsche Haupt­stadt ge­­wor­­ben wird. Als flexibles und multifunktionales Key Vi­­sual dient eine stilisierte Sprechblase, die mit ihrem nach innen wie außen ge­­richteten Pfeil für eine of­­fene, dialogbe­­reite Stadt, ihre Einwohner und deren berühmte Ber­liner Schnauze steht.
Für den Nürburgring hat Fuenfwerken ein neues Logo und Corporate Design ge­­schaffen, um die legendäre Renn­strecke bei ihrer Neupositionierung als Erleb­nis­­welt Motorsport zu unterstützen.


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Mit seinen Kernkompetenzen ist Fuenf­werken sowohl für große Auftraggeber wie die Messe Frankfurt, Bayer Schering Pharma oder den Technologiekonzern Schott tätig, aber auch für kleine Be­­triebe wie beispielweise innovative Win­­zer aus der Region. Jedoch auch jenseits des normalen Tagesgeschäfts en­­­­gagiert sich das Unternehmen: zum Beispiel mit der Universität Duisburg-Essen und an­­­deren Partnern in dem vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt getragenen Forschungs­pro­­jekt MICC (Musik – Innovation – Cor­­po­rate Culture). Hier geht es darum, mit den Mitteln der Mu­­sik Unternehmens­kulturen zu analysieren und auszuloten, ob sich diese Erkenntnisse für den Management­sek­tor frucht­­bar machen lassen.

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Im Januar 2008 wurde au­­ßerdem von Fuenfwer­ken die Initiative gestaltBildung e.V. ins Le­­ben gerufen mit dem Ziel, einen ge­­sellschaftlichen Beitrag zu leisten, in­­dem das Un­­ternehmen seine Kern­kom­­petenzen an Schüler und Studierende weitergibt und diese in ihrer Kreati­vi­­tät bestärkt. Mittlerweile wurden in der ers­­­ten Aktion „unliniert“ fast 1.000 Skiz­­zenbücher mit einfachen Kreativitäts­übungen an Schülerinnen und Schüler in Wiesbaden, Berlin, Hannover und an­­­deren deutschen Städten verteilt. Im Herbst 2008 startete in Ko­­operation mit dem Hamburger Verein „Werte er­­le­­ben“ e.V., den Hamburger Deichtor­hal­­len und dem Flughafen Ham­­burg die Fol­­ge-Ak­­tion „Mut“. Die Ini­tia­tive wendete sich an 110 Ju­­gend­liche aus zwölf Schulen der Hansestadt. „Mut“ hatte das Ziel, neben der Förderung der Kre­­ativität und dem Vermitteln von Ge­­stal­­tungsgrund­lagen soziale Eigen­schaften und Werte wie Selbstbewusst­sein und Courage zu stärken. Die Siebt- bis Neunt-Klässler er­­hielten eigens gestaltete Skiz­­zen­bü­­cher, in denen sie sich frei gestalterisch be­­tätigen konnten. Außer­­dem planten und realisierten die Schü­ler/-innen in Work­shops künstlerische Gemein­schafts­­projekte. Im Frühjahr 2009 wurden die kreativen Ergebnisse dann in einer gro­­ßen Ausstellung in den Ham­­burger Deich­­torhallen präsentiert.
Über all diese Tätigkeiten hinaus ist für Fuenfwerken das Engagement für den Designstandort Wiesbaden von zentraler Bedeutung. Ein erster wichtiger Schritt war und ist die Initiative „Access All Areas“, die 2007 gemeinsam mit 3deluxe, Die Firma, Scholz & Volkmer, Michael Eibes Design und anderen Wiesbadener Agenturen sowie dem Amt für Wirt­schafts­­förderung gegründet wurde. Im diesem Rahmen präsentiert sich seither jeden Frühling das Wiesbadener Creative Bu­­si­­ness mit offenen Büros, Filmen, Vor­trägen sowie anderen Aktionen in der ganzen Stadt, um der Branche zu zeigen, dass es im Herzen der Kurstadt brodelt, und den regionalen Unterneh­men zu ver­­deutlichen, dass man nicht in die Ferne schweifen muss, um mit Spitzenagen­turen an einem Tisch zu sitzen.

5w_holgerDer Vor­standsvorsitz­en­­de der Fuenfwer­ken Design AG hat in New York und Wies­baden Malerei und Kom­mu­ni­­ka­tions­de­sign studiert. Seine Kern­kom­pe­­tenz liegt in der strategischen Mar­­ken­­bera­­tung und der Entwicklung sys­tema­­tischer Kon­zep­te für Gestal­tungss­­prache und Iden­­ti­tät. Schmid­huber lehrt Cor­po­rate Design an der FH Wies­baden und Visuel­le Kommu­nika­tion an der Freien Univer­sität Bozen.