Hans Jürgen Kerkhoff: „Made in Germany” lebt vom Stahl

Deutschland ist der größte Stahlhersteller in der EU und der siebtgrößte Stahlhersteller der Welt. Als Basisindustrie hat die Stahlbranche eine besondere Bedeutung für die Wertschöpfungsketten und ist zudem das Rückgrat der ­deutschen Volkswirtschaft.

Deutschland und besonders Nordrhein-Westfalen (NRW) haben immer auf den Erhalt eines leistungsfähigen in­dustriellen Kernes geachtet. Das zahlt sich heute aus. Länder mit einer ehemals starken Industrie, wie Groß­britannien, beneiden uns inzwischen darum. Nicht nur dort spricht man von einer notwendigen Reindus­triali­sierung und Stei­gerung des Beitrags der Industrie. Mit rund einem Viertel In­­dus­­triebeitrag zum Bruttoinlands­produkt (BIP) steht Deutschland an der Spitze innerhalb aller EU-Länder. Das gilt auch für NRW. In keinem anderen Bundesland ist die Bruttowertschöpfung der Industrie so hoch wie in NRW. Die Industrie ist und bleibt hierzulande der Garant und Stabilitätsanker für Wachs­­tum und Beschäftigung. Der Anteil der Industrie an der Gesundung der Staatsfinanzen und der Sicherung des Wachstums war in den vergangenen Jahren beachtlich.

Als 1887 Großbritannien die Kennzeichnung ausländischer Produkte einführte, weshalb Produkte aus Deutsch­­land fortan „Made in Germany“ tragen mussten, sollte das eigentlich dem Schutz der britischen Industrie dienen. Auslöser waren ausgerechnet englische Stahlverarbeiter, die sich gegen nachgemachte Messer, Scheren, Feilen und Rasierklingen aus dem Ausland wehrten. Der Schrift­­zug „Made in Germany“ sollte die Verbraucher warnen, ein billiges Imitat aus Deutschland zu kaufen. Doch ging der Plan nicht auf. Im Gegenteil: Viele Käufer erkannten, dass viele Produkte aus Deutschland gut und sogar besser waren. Die als Brandmarke gedachte Kenn­zeich­­nung auf deutschen Produkten wurde innerhalb weniger Jahre zu einem Gütesiegel. Kaum ein Jahrzehnt nach seiner Einführung war dieses „Made in Germany“ eine kostenfreie Empfehlung deutscher Industrieprodukte geworden. Nicht zuletzt durch diese Kennzeichnung be­­gann Deutschlands Aufstieg zum Exportweltmeister.

­Während „Made in Germany“ also ursprünglich als Diskri­­minierung auch von deutschen Stahlprodukten gedacht war, ist heute die deutsche Exportindustrie ohne Stahl nicht denkbar. Mehr als die Hälfte deutscher Waren­exporte entfällt auf stahlindustrielle Güter. An den stahlin­­tensiven Industrien hängen in der Bundesrepublik rund 3,5 Millionen Arbeitsplätze. Darunter sind so exportstarke Branchen wie Maschinenbau, das Baugewerbe und die Automobilindustrie, also alles Banchen, die auch in NRW stark vertreten sind. Viele Produkte und Exportschlager „Made in Germany“ wären ohne moderne, leistungsfähige Stahlerzeugnisse nicht möglich. Stahl ist dabei nicht nur der mit großem Abstand weltweit am häufigsten ver­­wendete industrielle Basiswerkstoff. Die Stahlindustrie ist mit einer jährlichen Produktion von rund 45 Millionen Tonnen Rohstahl der wichtigste Werkstofflieferant für zahlreiche Schlüsselsektoren. Stahl ist die Grundlage für viele Innovationen. Wenn es darum geht, leistungsfähige Bauteile und Systeme, exportfähige Produkte und nach­­haltige Konzepte für Infrastruktur, Energie­ver­sor­gung oder Klimaschutz zu entwickeln, führt am Werkstoff Stahl kein Weg vorbei.

NRW ist das Bundesland mit der mit Abstand größten Stahlproduktion. Rund 40 Prozent der deutschen Roh­­stahl­­produktion erfolgen an Rhein und Ruhr. Beim Roh­eisen sind es sogar über 50 Prozent. Und bei den Mit­­arbeitern hat NRW einen Anteil von rund 56 Prozent an den Stahlbelegschaften in Deutschland. Die Herstellung des Werkstoffes Stahl hat an Rhein und Ruhr eine lange Tradition: Bereits 1758 wurde im Ruhrgebiet in der Hütte St. Antony in Oberhausen Roheisen erschmolzen. Die Stahlherstellung in Nordrhein-Westfalen zeichnet sich heute durch die Anwendung modernster Technologien und umweltfreundlicher Methoden aus. In Duisburg steht der größte und leistungsfähigste Hochofen Europas.

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Es ist aber nicht allein diese Größe, die die Besonderheit von NRW als ein Zentrum der Stahlproduktion auszeichnet, sondern auch die enge und fruchtbare Zusammenarbeit zwischen den Stahlunternehmen und renommierten For­­schungseinrichtungen. In diesem Zusammenhang sind etwa die RWTH Aachen, die Universität Duisburg-Essen, das Forschungszentrum Jülich, das Max-Planck-Institut für Eisenforschung oder das Betriebsforschungsinstitut BFI in Düsseldorf zu nennen. Die engen industriellen Wert­­schöp­­fungsnetzwerke sind immer auch Innovationsnetzwerke.

Die Bedeutung von Innovationen ist für die Zukunfts­fähigkeit unserer Industrie groß. In Deutschland werden rund um das Produkt Stahl jährlich knapp 1.000 Patente veröffentlicht. Das ist ein Drittel der weltweiten, branchen­übergreifenden Patente mit Stahlbezug. Diese Zahl hat sich in den letzten 20 Jahren nahezu verdoppelt und wächst jähr­­lich um durchschnittlich drei Prozent. Material­­wissen­schaftler sind sich einig: Das Entwick­lungs­potenzial des Stahls ist noch lange nicht ausgeschöpft. Die Inno­va­tions­­fähigkeit unserer Industrie ist die Basis für ihre Zukunftsfähigkeit.

Innovationen in der Stahlindustrie umfassen sowohl die Prozesse als auch die Produkte und die Anwendungen. Sie hängen eng mit der Wettbewerbsfähigkeit der Stahl­­industrie zusammen. Wenn die Stahlindustrie in Deutsch­­land nach wie vor eine führende Position in der Welt hat, so liegt das auch daran, dass sie in enger Zusam­­menarbeit mit ihren Kunden vor Ort Innovationen entwickelt und umsetzt, die ihr einen Vorsprung im Wett­bewerb sichern. Kurze Wege, dasselbe Technik­ver­ständnis und eine Zukunftsorientierung machen vieles möglich: Die Geschäftspartner arbeiten eng zusammen und entwickeln miteinander maßgeschneiderte, zukunftsfähige Techno­­logielösungen. Die Wissenstiefe aller Partner erlaubt eine hohe Spezialisierung und bringt international hochwett­­bewerbsfähige und innovative Industrieprodukte hervor. Stahlunternehmen in Deutschland sind daher gleichzeitig Werkstoff- und Systemanbieter.

Ob Windräder, Kraftwerke, Automobile, Maschinen, medi­­zinisches Gerät oder Hightech-Laser: Stahl ist als „Grund­­nahrungsmittel“ der deutschen Industrie für die Lösung zukünftiger Herausforderungen unverzichtbar.

Portrait-Kerkhoff-kopierenHans Jürgen Kerkhoff
Der Autor (Jahrgang 1956) studierte Geisteswissenschaften und Ökonomie an den Universitäten Düsseldorf und Cambridge. Von 1987 bis 1999 war er als Büroleiter der Wirtschaftsvereinigung Stahl in Bonn und Brüssel tätig. Bis 2008 leitete er das Geschäftsfeld Politik der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Ab 2003 war er zunächst als Geschäftsführer und ab 2004 als Hauptgeschäftsführer der Wirtschafts­ver­eini­­gung Stahl aktiv. Seit April 2008 ist Hans Jürgen Kerkhoff Präsident der Wirt­schafts­­vereinigung Stahl und Vorsitzender des Stahlinstitutes VDEh.