Hans-Jürgen Beerfeltz: Afghanistan – Chancenland für deutsche Unternehmen

Wird über Afghanistan berichtet oder gesprochen, denken die meisten Men­schen zuerst an den dort in vielen Teilen des Landes herrschenden Konflikt. Als mit den Anschlägen vom 11. September 2001 Afghanistan in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit geriet, herrschte im Land ein bereits über 20 Jahre unter wechselnden Vorzeichen geführter, je­­doch kaum beachteter Bürgerkrieg. In den Jahren nach den Anschlägen von New York und Washington konzentrierte sich die Berichterstattung der Medien vorwiegend auf den militärischen Ein­satz in Afghanistan. Nicht zuletzt diese einseitige Betrachtung führte dazu, dass Afghanistan in Deutschland von vielen Menschen in erster Linie als Krisenland wahrgenommen wird. Ohne Zweifel ist ein unternehmerisches Engagement in Afghanistan mit Herausforderungen ver­­bunden, die nicht verschwiegen werden sollten. Zu diesen Herausforderungen zählen beispielsweise die regionalen und saisonalen Unterschiede in der Sicher­heitslage. Allerdings ist die Gefähr­dungs­lage, entgegen der häufigen Annahme, nicht in allen Landesteilen gleich. So wird die Bedrohung beispielsweise in den meisten Distrikten im Norden des Landes, wo Deutschland besondere Ver­­antwortung trägt, als niedrig eingestuft. Auch schwache staatliche Verwal­tungs­kapazitäten und die weitverbreitete Kor­­ruption werden häufig als Hemm­nisse für Investitionen in Afghanistan be­­nannt. Diese Probleme sind jedoch keine ori­gi­när afghanischen Phänomene, sondern leider in vielen Entwicklungs­län­dern an­­­­zu­­treffen. In konkreten Projekten und Pro­­­­grammen des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Ent­­wicklung (BMZ) wird der Bekämp­­fung der Korruption und der Stärkung der Ver­­waltung in Afghanistan besondere Auf­­merksamkeit gewidmet. Die deutsche Entwicklungs­zusam­men­arbeit mit Afgha­­n­istan arbeitet somit auch an der Ver­bes­­serung der wirtschaft­lichen Rahmen­­­­bedin­­gungen im Land. „Invest in Afgha­­nistan“ ist heute eine große Chance, die wir als BMZ mit allen Möglichkeiten unterstützen wollen.

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Die ausschließliche Konzentration auf die noch immer großen Heraus­for­de­run­gen, vor denen Afghanistan steht, wird dem vielfältigen Land nicht gerecht. Denn ins­­besondere die rege wirtschaftliche Ent­wick­­lung in den letzten Jahren belegt: Afgha­­nis­­tan ist ein Chancenland. So ver­­zeichnete die afghanische Wirtschaft im Jahr 2009/10 durch eine Rekordernte und deutliche Zuwächse im Dienst­leis­tungssektor ein reales Wirtschafts­wachs­­tum von über 20 Prozent, im Jahr 2010/11 wuchs die Wirt­­schaft preisbereinigt um 8,2 Prozent.

Einen bedeutenden Anteil am Brutto­inlandsprodukt (BIP) hat im ländlich geprägten Afghanistan nach wie vor die Landwirtschaft. Allerdings nahm dieser laut Asiatischer Entwicklungsbank (Asian Development Bank, ADB) von 45 Pro­zent im Jahr 2002 auf 32 Pro­zent im Jahr 2008 kontinuierlich ab. Industrie und Bauwirtschaft hingegen konnten ihren Anteil am BIP auf 26 Pro­­zent steigern. Am deutlichsten zeichnet sich die zu­­neh­mende Bedeutung des Dienst­leistungs­sektors ab, in dem mitt­lerweile 42 Prozent des Brutto­inlands­produktes erwirtschaf­tet werden. So besitzen beispielsweise von den rund 30 Millionen Afghanen mittler­­weile etwa 17 Millionen ein Handy, wäh­­rend es im Jahr 2002 faktisch keine Mobilfunk­nutzer im Land gab. Es ist daher nicht übertrie­­ben, wenn man den Mobilfunk­bereich als die Boombranche Afghanistans schlecht­­hin bezeichnet. Dies erzeugt Rahmen­bedin­­gungen für viele weitere Innovationen.
Aber auch Bodenschätze wie Eisenerz und Kupfer sowie Gold- und Erdöl­vor­kom­men versprechen wirtschaftlich interessante Perspektiven für Unternehmen. Ferner verfügt das Land über Lithium-Vor­kom­men, die zu den größten weltweit gezählt werden und beispielsweise für den Bau von Batterien von Bedeutung sind. Die afghanische Regierung legt gemäß den Prinzipien der Extractive Industries Trans­­parency Initiative (EITI) großen Wert auf eine transparente Konzessionsvergabe und eine ebenso transparente Verwal­tung der erwarteten Einnahmen. Allerdings kann das Potenzial, das der Bergbau in Afghanistan bietet, bislang aufgrund fehlender Infrastruktur und einer unter­entwickelten verarbeitenden Industrie erst ansatzweise ausgeschöpft werden. Im Lichte dieser Rahmenbedingungen konzentrieren sich ausländische Inves­toren, darunter auch Unternehmen aus Deutschland, in ihrem Engagement der­­zeit auf die Bau- und Telekommuni­kations­­branche, die Leichtindustrie, die Weiter­­ver­­arbeitung von Agrarerzeugnissen sowie den Beratungs- und Dienst­leistungs­sektor. Vor dem Hintergrund deutscher Werte und Interessen unterstützt das Bundes­ministerium für wirtschaftliche Zusam­menarbeit und Entwicklung aber gerade auch Unternehmen im Rohstoffbereich.

Einen nicht zu unterschätzenden Faktor für die afghanische Wirtschaft stellen Importe dar, die für viele Branchen sogar überlebenswichtig sind. Dabei wurden aus Deutschland im Jahr 2010 Güter im Wert von rund 269 Millionen Euro importiert. Wenngleich Experten davon ausgehen, dass sich die Wachs­tums­raten des afghanischen Imports der letzten Jahre abschwächen werden, verspricht sich der gesamte Außenhandel Afgha­nistans Auf­­wind vom größeren Transit­handel zwischen Pakistan und den zen­tral­­asia­ti­schen Repu­­b­­liken sowie vom im Jahre 2010 geschlossenen und am 12. Juni 2011 in Kraft getretenen Afgha­­nis­tan-Pakistan Transit Trade Agree­ment (APTTA).

Nach Deutschland exportiert Afghanistan nur in geringem Umfang. In erster Linie handelt es sich hierbei um getrocknete Früchte und Nüsse. Aber auch hochwer­tige Produkte wie Safran finden ihren Weg zu deutschen Konsumenten. Gleich­­wohl weisen deutsche Importe aus Afgha­­nistan beeindruckende Wachstums­raten auf: laut Statistischem Bundesamt stei­­gerten sie sich von nur 2,76 Millionen Euro im Jahr 2008 auf knapp 24 Millio­nen Euro im Jahr 2010.

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Afghanistan gilt als eines der investoren­freundlichsten Länder Zentralasiens, da das Investitionsrecht fast nicht zwischen inländischen und ausländischen Invest­ments unterscheidet. Der augenfälligste Unterschied besteht darin, dass auslän­­dische Investoren keinen Grundbesitz in Afghanistan erwerben, sondern lediglich langjährige Pachtverträge schließen dürfen. Nicht zuletzt aufgrund dieser Inves­­ti­tionsfreundlichkeit haben sich seit dem Jahr 2001 bereits mehr als 90 deutsche Unternehmen in Afghanistan angesiedelt, um in den wachsenden Markt zu investie­­ren. Derzeit sind 45 Firmen als „deutsch“ beziehungsweise „deutsch-afghanisch“ registriert. Die Mehrzahl dieser Firmen zählt zur Bau-, Energie- oder Infra­struk­tur­branche, aber auch aus den Bereichen Consulting, Medizintechnik und Tele­kommunikation werden Produkte und Dienstleistungen angeboten.

Zur Förderung der Geschäftstätigkeit im Land wurden mit Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung im September 2003 eine Investitions­för­der­agentur (Afghanistan Investment Support Agency, AISA) und im September 2006 eine Exportförderungsagentur (Export Promotion Agency of Afghanistan, EPAA) gegründet. Dabei ist die AISA in erster Linie für die Registrierung von Firmen verantwortlich. Da die Registrierung weni­ger Verwaltungsschritte als in allen ande­ren Entwicklungsländern der Welt benötigt und binnen einer Woche abgeschlossen ist, wird die Registrie­rungs­tätigkeit der Investitionsförderagentur regelmäßig von der Doing-Business-Umfrage der Weltbank als eine der besten in der Welt beurteilt. Die afghanische Exportförderagentur EPAA wurde mit dem Ziel geschaffen, Vertrieb und Marketing von afghanischen Produkten zu fördern. Derzeit konzentriert sich ihre Arbeit auf die wettbewerbsfähigsten Branchen und somit auf landwirtschaft­liche Produkte (insbesondere Trocken­früchte), Teppichwaren und Bergbau­erzeugnisse (vorrangig Marmor und Edelsteine). Neben diesen staatlichen Einrichtungen existiert die afghanische Industrie- und Handels­­kammer (Afghan Chamber of Commerce and Industry, ACCI) als Zusam­­men­­schluss zur Inter­essen­vertretung der privaten Unter­neh­mer in Afghanistan mit bislang über 25.000 Mitgliedern. Sie bietet unter anderem Unterstützung und Beratung auch für ausländische Investoren, damit diese erfolgreich im Land tätig werden können. Derzeit befindet sich zudem die Euro­­päisch-Afghanische Handels­kammer (European Chamber of Commerce in Afgha­­nistan, EUCCA) im Aufbau, die künftig die Interessen europäischer Unter­­­­nehmen in Afghanistan vertreten soll.

Deutsche Unter­­nehmen genießen im Wett­­bewerb mit aus­­­ländischen Mit­be­­wer­bern einen unschlagbaren Vorteil in Afgha­nis­tan: Deutschland ist in Afgha­nistan hoch angesehen. Die deutsch-afghanische Freundschaft geht auf eine deutsche Dele­­gation zurück, die das Land vom Jahr 1915 bis 1916 bereiste. Dabei erwarb sie sich das Ansehen der afghanischen Bevölkerung unter anderem dadurch, dass Deutschland dem Land auf Augen­­höhe begegnete und es nicht wie eine Kolonie behandelte. Diese Einstellung dem Land gegenüber kann heute angesichts fast 100 Jahre gelebter deutsch-afghanischer Freundschaft – ohne zu übertreiben – als „nachhaltig“ be­­schrieben werden. Sie trifft damit ein Kern­an­liegen, das die deutsche Ent­wick­­lungs­­zusammenarbeit prägt: das Ver­fol­­gen einer langfristigen und damit tragfähigen Perspektive. Die Bundes­regie­rung hat für die Jahre 2010 bis 2013 allein die finanziellen Mittel für den Wiederaufbau Afghanistans nahezu verdoppelt, um die Entwicklungs­per­­­spek­­tiven Afghanis­tans spürbar zu ver­­bessern. Deutsche Unter­­­nehmen haben da­­bei schon heute die Chance, von Afgha­­nistans Wachstum zu profitieren und gleichzeitig an der Ent­wick­lung des Lan­­des mitzuwirken. Denn auch am Hindu­­kusch gilt: Eine florierende Wirt­schaft ist das beste Wieder­aufbau­pro­gramm.

vita_beerfeltz-KopieDer Autor ist Staats­sek­­retär im Bundes­­ministerium für wirt­­schaft­­liche Zusammen­­arbeit und Ent­wicklung und war von 1995 bis 2009 Bundes­geschäftsführer der FDP. Er lernte die Grundzüge der Entwicklungs­­politik als Referent bei der Friedrich-Naumann-Stif­­tung kennen und leistete insgesamt mehr als 100 interna­­tionale Einsätze in Mittel- und Süd­amerika sowie Südostasien.