Hans-Dietrich Genscher: Starkes Schaufenster für Sachsen-Anhalt

Mit der Schulstadt August Hermann Franckes – den Franckeschen Stif­tun­gen – und unserer mehr als 500 Jahre alten Universität wurden schon früh Tore zur Welt aufgestoßen; das ist bis heute so geblieben. Weltoffenheit und Aufgeschlossenheit gegenüber dem Neuen sind Grundbedingungen für die Gestaltung der Zukunft. Wir erfahren hier jeden „Zuwachs“ als kulturelle und soziale Bereicherung.
Halle ist ein Ort mit reicher, spannungs­­voller Geschichte. Mit der Salz­ge­win­nung wurde die Saalestadt ein bedeutendes Handelszentrum und Mitglied der Hanse.

Der Reformator Martin Luther predigte in der 450 Jahre alten Marktkirche und setzte sich gegen Kardinal Albrecht durch. Von hier aus trat die emanzipatorische Frühaufklärung ihren Sieges­zug an und veränderte das Bild Europas.

Opernhaus-Nacht1

Auch in Halle gab es mutige Bür­ge­rin­nen und Bürger aus allen politischen Richtungen, die sich mit dem Hitler­re­gime nicht abfinden wollten. Viele von ihnen verloren deshalb ihr Leben.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges begann in der nur wenig zerstörten Stadt der Neuanfang. Er wurde getrübt durch die Eingriffe in das aufkeimende politische Leben. Mutige Sozial­de­mo­kraten erhoben sich gegen die Zwangs­­ver­­ei­­n­­i­­gung mit der KPD. Mutige Li­­berale und mutige Christliche Demo­­kraten stellten sich gegen die Verein­nahmung als Blockpartei. Wie an den anderen Uni­­ver­­sitäten der sowjetischen Be­­satz­­ungs­­­­zo­­ne gab es auch an der Uni­­ver­­sität Halle in den ersten Jahren nach dem Krie­­ge studentischen Wider­stand und auch Ver­­­­haftungen von Stu­denten. Am 17. Juni 1953 war Halle eines der Haupt­­zen­­­­tren, in denen der Volks­aufstand für freie Ge­­­­werk­­schaften, für politische Freiheit und für die Einheit Deutschlands zeigte, wel­­­­che Meinung die Bürgerinnen und Bür­­ger wirklich hatten. 1989 war Halle wie­­der­­um einer der wichtigen Or­­te der fried­­lich­­en Frei­heits­­re­­vo­­lu­­ti­­on.

Heute hat Halle circa 230.000 Ein­woh­ner und wird geprägt von lebendiger Kul­tur, modernen Wissenschaften und wirtschaftlicher Innovation. „Unsere Stär­­­ken stärken“ ist die Aufgabe der kommenden Jahre.

Riebeckplatz-neu

Halle an der Saale ist der Geburtsort Georg Friedrich Händels, des großen Ba­­rockkomponisten von Weltrang. 2009 stan­­den die Internationalen Händel-Fest­­spiele unter dem Motto „Händel – Der Europäer“. Mit dem Opernhaus, der Mu­­­­sikinsel, der Staatskapelle und ihren The­­­­atern bietet die Stadt kulturbegeisterten Besuchern Vielfalt und At­­trak­­ti­­vi­­tät.
An der Martin-Luther-Universität studie­­ren heute 16.000 junge Menschen aus allen Teilen der Welt. 2007 wurde die 350 Jahre alte Deutsche Akademie der Na­­­­turforscher Leopoldina zur Na­­ti­­o­­na­­len Akademie der Wissenschaften er­­nannt und kommuniziert damit in „Au­­gen­­hö­­he“ mit den Akademien in Groß­­bri­­ta­­n­­nien und Frankreich.
Für die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt ist klar: „Aus Halle kommen Lö­­sungen“ und „Halle verändert“. Mit dem infrastrukturellen und sozialen Projekt des Stadtumbaus und der Entwicklung neuer Technologien ist die größte Stadt des Landes Sachsen-Anhalt heute Teil umfassender Transformationsprozesse, die nur im weltweiten Verbund zu be­­wältigen sind. Das ist zumindest in ei­­nem wichtigen Punkt mit dem Beginn des 18. Jahrhunderts vergleichbar: Wenn die Welt durch Entdeckungen, Erkun­dungen und Reisen „kleiner“ wird, dann wird sie auch „entzaubert“ und damit erklärbar und veränderbar. Mehr voneinander zu wissen und voneinander zu lernen, war auch vor 300 Jahren die Chance für Entwicklung.
Als damals die halleschen Missionare Bartholomäus Ziegenbalg und Heinrich Plütschau im Auftrag des dänischen Königs Frederik IV. am 29. November 1705 an Bord des Schiffes „Sophia Hed­­vig“ in Richtung des indischen Tran­que­­bar aufbrachen, konnten sie so wenig wie alle anderen wissen, welche langwirkenden „Folgen“ diese protestantische Mission haben würde.
Die Hallenser lernten Tamilisch, predig­ten in dieser Sprache zu den Einhei­mi­­schen und kleideten sich nach indischer Tradition. Also: keine Missionie­rung mit Feuer und Schwert, sondern Achtung vor dem Anderen, dem Frem­den.

Luthers-Totenmaske

In der Festpredigt zum 300-jährigen Jubiläum der Dänisch-Halleschen Mis­sion im Kopenhagener Dom am 29. November 2005 heißt es treffend: „Zwei­­fellos können wir viel in anderen Reli­gio­nen finden, das wir schätzen und was uns fremd ist.
Über beides müssen wir reden können in einer Weise, dass wir weder unseren eigenen Glauben verraten noch den der anderen herabwürdigen.“
Heute erinnern sich die Menschen in Tranquebar mit großer Hochachtung an ein humanes Missionswerk, in dem Bil­­dung und Wohlfahrt eine entscheidende Rolle spielten.
Im Festjahr 2006 zum 1.200-jährigen Stadt­­jubiläum und darüber hinaus weisend stand neben dem Motiv der „Ver­­än­­derung“ der Begriff der „Inter­na­tio­na­­lität“ im Mittelpunkt. Inter­na­tio­na­­lität ver­­stehen die Hallenser als Pro­­zess, als Of­­fenheit der Stadt für Neues und Über­­ra­­schendes, als Motor von Ent­­wick­­lun­­gen und als Weg für Impulse aus aller Welt. Das ist keine abstrakte Behauptung. Städte­part­­nerschaften mit Linz, Gre­noble, Coim­­bra, Oulu und Jiaxing sind zu gelebten Freundschaften geworden. Hochka­rä­­ti­­ge internationale Tagungen und Kon­gres­­se gehören wie selbstverständlich zum Veranstaltungskalender der Saale­stadt. Wer zum ersten Mal nach Halle kommt, der ist fasziniert vom besonderen Ambiente, von der spannenden Beziehung zwischen Tradition und Mo­­derne. Das Mitteldeutsche Mul­ti­me­dia­­zentrum und die Marktkirche sind nur wenige Meter voneinander ent­­fernt. Ich denke, das hat Symbolkraft!
Durch Vernetzungen, durch Inter­natio­nalität entstehen Synergieeffekte. Die Hallenserinnen und Hallenser sind auch heute „neugierig“ auf die Welt und offen für das Unbekannte. Sie halten sich da­­bei an die Worte von Alphonse de La­­martine: „Die Welt ist ein Buch, und jeder Schritt, den wir auf ihr tun, öffnet uns darin eine neue Seite.“

80R11_GENSCHER_PORTRAITDer Autor, geboren 1927 in Reideburg, trat 1946 der LPD bei, studierte bis 1949 in Halle und Leipzig Rechts­­wis­­sen­­schaf­­­­­­ten. 1952 Über­sied­­lung nach West­­deutsch­­­­land und Eintritt in die FDP. 1965–1998 Mit­­glied des Deut­­sch­­en Bun­­destages. 1969–1974 Bun­­des­­­­in­­nen­­­­mi­­nis­­ter, 1974–1992 Bun­­des­au­­ßen­­­­­­mi­­nister und Vizekanzler so­­wie FDP-Bun­­­­des­­vor­­sitzender (bis 1985).