Graf v.d. Schulenburg & Ute Lohse: Risikomanagement und Versicherbarkeit im Zeitalter der Energiewende

Das Streben nach Sicherheit stellt eines der Grundbedürfnisse der Menschen dar, und die Notwendigkeit einer Gefahren­­ge­meinschaft ist fest im Versicherungs­gedanken verankert. Historisch betrachtet ist neben der Seefahrt die Ver­siche­rung von Feuergefahren der älteste Ab­­sicherungsbereich.

Grundlage für das Versicherungs­ge­schäft sind die Erkenntnisse aus der Wahr­schein­lichkeitstheorie und das sogenannte „Ge­­setz der großen Zahl“. Aus der Beob­ach­tung der Häufigkeit bestimmter Schaden­­ereignisse in der Vergangenheit können Aussagen zur Wahrscheinlichkeit des Ein­­tretens eines Schadens in der Zukunft pro­­gnostisch abgeleitet werden. Diese Werte bilden die Grundlage für die Prä­mienkalkulation von Versicherungs­ver­trä­gen. Das „Gesetz der großen Zahl“ kann ein Versicherer nur dann für sich nutzen, wenn er eine hinreichend große Anzahl und Mischung an Risiken in seinem Ver­­sicherungsbestand hat. Erst dann kommt es zum „Risikoausgleich im Kollektiv“ unter der Bedingung, dass die Risiken nicht po­­sitiv korrelieren, das heißt miteinander ver­­bunden sind. Als Beispiele für positive Korrelationen sind Großbrände auf einem Fabrikgelände oder Hagelschäden in einem Stadtgebiet anzuführen. Weiter­­hin gilt der „Risikoausgleich in der Zeit“, das heißt nicht alle versicherten Personen haben in dem gleichen Zeitraum (zum Beispiel in­­ner­­­halb eines Jahres) einen Ver­sicherungs­schaden.

Aus dieser Überlegung leitet sich die Defi­nition für Versicherung ab: „Versicherung ist die Deckung eines im Einzelnen un­­­­­ge­­wissen, insgesamt aber geschätzten Mittelbedarfs auf der Grundlage des Ri­­sikoausgleichs im Kollektiv und in der Zeit“.

Risikomanagement und Versicher­bar­keit als Herausforderung. Das Managen von Risiken gilt grundsätzlich als Kern­­­kompetenz der Versicherungs­unter­neh­men. Grundsätzlich kann der Risiko­­ma­­­na­gementprozess in 4 Phasen unterteilt werden: Risikoidentifikation, Risiko­ana­lyse und -bewertung, Risiko­steu­erung sowie Risikokontrolle beziehungsweise -reporting.

Nach der Identifikation der Risiken und Aufstellung eines Risikoinventars ist es erforderlich, die erfassten Risiken mit Ein­trittswahrscheinlichkeiten und Scha­­denpotenzialen zu hinter­legen, damit die relevanten, für das Unter­neh­men wesent­lichen Risiken berücksichtigt werden. Diese Risiken werden dann in der Phase der Steuerung durch folgen­­de vier Mög­­lichkeiten beeinflusst: Risi­kover­mei­dung, -verminderung (differenziert nach Scha­­denanzahl und -höhe), -transfer (zum Bei­spiel auf Versiche­rungs­un­ter­­neh­men) und zuletzt Ak­­zeptanz des Restrisikos. Die letzte Pro­­zessphase der Evaluierung und Doku­mentation dient sowohl der Ab­­siche­rung bei Haftungs­fragen als auch dem Wissensaufbau.

Der Versicherungsmarkt unterliegt der­­zeit fast in allen Bereichen gravierenden Ver­­änderungen: Die Zunahme von Groß- und Elementarrisiken (zum Beispiel Sturm und Hochwasser) und das Auf­treten neuer Gefahren (zum Beispiel Ter­­roris­mus) führt bei den Versicherungs­unter­neh­­men zu einer vermehrten Nach­frage nach größeren Selbstbehalten, hö­­he­ren Kapa­­zitäten, Produkten mit inte­grie­r­ter Abdec­kung mehrerer Risi­­ko­klas­sen sowie mit einer Abdeckung neuer oder bisher als nicht versicherbar gelten­­der Risiken.

Durch zunehmende Schadenvolumina und -volatilitäten gewinnt der Staat als so genannter „lender of last resort“ zu­­nehmend an Bedeutung. Beispielhaft über­­nimmt der Staat ein Teil der Ver­­si­che­­rungsdeckung von Terrorrisiken, da­­­mit eine Absicherung der Risiken zu akzeptablen Versicherungsprämien für die Kunden erfolgen kann, und sorgt für schnelle Hilfe bei Naturkatastrophen und der Bewältigung von Finanz- und Unter­nehmensrisiken.

Hinzu kommen neue Heraus­forderun­­gen durch die „Öffnet externen Link in neuem FensterEnergiewende“, die seit der Nu­­klearkatastrophe in Japan im März 2011 an politischer Dynamik ge­­wonnen hat. Das Kyoto-Protokoll zeigt die Ge­­fahren und Lösungen für eine welt­­weite Energiepolitik auf. Die von der deut­­schen Bundesre­gie­rung konstatierten Kli­­ma­ziele bis 2050 bedingen eine nach­­hal­­tige Veränderung der Risi­ko­landschaft.

KfW_2542Die Energiewende und ihre Inter­de­pen­­­denzen zur Versicherungswirtschaft. Durch die Energiewende, also dem Wan­­del von der konventionellen Stromer­zeu­­gung hin zu erneuerbaren Energien und dem damit verbundenen Aus- bezie­­­hungs­­weise Umbau der Energie­infra­struk­tur, än­­dern sich sowohl die Zusam­men­­set­zung als auch die Eintrittswahr­schein­­lich­keiten bereits bestehender Risiken. Exempla­risch sei hier die Entwicklung von On- und Offshore-Windanlagen ange­­führt. Zu Beginn der Intensivierung der Nut­zung von Onshore-Windenergie­an­la­gen um das Jahr 2000 hatte die Ver­si­ch­e­rungs­­wirtschaft wenig Expertise bei der Versicherung solcher Anlagen. Die Scha­denpotenziale der Hauptkom­po­nen­ten, wie Rotorblätter, Getriebe, Generator und Fundamente, wurden in der Regel unterschätzt und lagen zum Teil bei bis zu 300 Prozent. Die fortlau­fende Be­­glei­tung dieser An­­lagen durch die Ver­siche­rungs­­wirtschaft führ­­te zu besseren Er­­­­fah­rungswerten hinsichtlich der Schaden­­entwicklung (Erfah­rungs­­tarifierung) und erlaubte es der Assekuranz, immer risi­­ko­­adäquatere Versicherungslösun­­gen zu entwickeln. Aktuell gilt die Ver­­siche­rung von On­­s­­hore-Anlagen längst als Rou­tine­geschäft.

Die damalige Situation der Versiche­­­­rungs­­­wirtschaft hinsichtlich Onshore-Wind­ener­gieanlagen ist mit der heutigen Situ­a­tion in Bezug auf Offshore-Anlagen vergleich­bar. Dennoch haben die im Zuge der Er­­probung von Offshore-Wind­­­­energie­an­la­gen auftretenden neuen Ri­­siken eine andere Dimension als die tec­h­­nischen Risiken der Onshore-An­lagen. Während die wachsenden Größen­­dimensionen als Weiterentwicklung der bekannten tech­nischen Risiken gewertet werden können, bringt der Standort auf See neue, bislang nicht relevante be­­­­zieh­­ungsweise bislang unbekannte Risiken mit sich: Zu nennen sind hier neben den logistischen und tech­­nischen Herausforderungen bei Bau und War­tung der Windanlagen (Spe­­­­zial­schiffe, wetterbedingte Anla­gen­­er­reich­­barkeit et cetera) die Proble­matik des zeitnahen und effizienten Netzan­schlusses dieser Anlagen.

Laufwasserkraftwerk_ID38855_300dpi-KopieDie Rolle der Versicherungs­unter­neh­men bei diesen Herausforderungen ist vielschichtig. Nach der Abklärung der Ver­­sicherbarkeit von solchen neuartigen Ri­­si­­ken stellt sich die Frage nach der not­­wendigen Höhe der Versiche­rungs­­prä­mien in den verschiedenen Ge­­­schäfts­­fel­dern. Oft wird die Risiko­über­nahme an Be­­din­­­gungen durch die Ver­siche­rungs­­unter­neh­men geknüpft. Die­se be­­stehen zum Bei­­spiel in der Ein­haltung bestimmter pro­­zessualer oder technischer Stan­dards. Die Versicherer tragen so häufig zum Setzen neuer Standards, zum Bei­­s­piel im Be­­­reich der Sicherheitstech­nik, bei. Trotz der Risikoexpertise bleiben es oft unter­­neh­merische Entschei­dun­gen hinsichtlich der Risikotragfähigkeit seitens der Ver­sicherungsunternehmen. Auf­­grund des erhofften Potenzials be­­gleitet aber die deutsche Versiche­rungs­bran­che die neuen Technologien im Rah­­men der Energie­­wende konsequent.

 

Versicherungsunternehmen werden oft auf ihre Rolle als reine Schadenregulie­rer reduziert, doch ist ihr Stellenwert we­­sent­­­lich größer: Versicherer sind ein wesent­­­­licher Produktionsfaktor innerhalb von Volks­wirtschaften und ihre Be­­deutung ist allein aufgrund ihres Ka­­pital­vo­lu­mens nicht zu unterschätzen. Erst die Bereit­stel­lung von Versiche­rungs­schutz erlaubt es oftmals, wirtschaftlich sinnvolle Pro­­­­jekte durchzuführen. Projekt­finan­zie­r­un­g­en jeglicher Art sind ein gutes Bei­spiel dafür. Ein Merkmal von Projekt­fi­nan­zie­rung be­­steht ex­­plizit im Risk-Sharing zwischen den Projektpartnern. Versich­e­rungs­­­unter­nehmen nehmen in diesem Kontext, nicht zuletzt aufgrund ihrer brei­­ten und vielfältigen Risikoexpertise, eine Schlüs­­selrolle ein, da sie Risiken zeichnen können, die beispielsweise eine Bank aufgrund mangelnden Know-hows nicht managen könnte. Sie ermöglichen so kon­­stante Cashflow-Zusagen aus ei­­nem Projekt, die häufig Grundvoraus­setzung für den Einstieg weiterer Fremd­­ka­pi­tal­geber sind.

Die Energiewende begleitet die deutsche Assekuranz nicht nur als Versiche­rer, son­­dern auch als Investor. Der deutsche Ge­­­­setzgeber hat dazu eine Änderung der Kapitalanlagenverordnung beschlossen. Abgesehen von diesem politisch gewoll­ten finanziellen Arrangement haben die Versicherungsunternehmen auch längst die ökonomische Vorteilhaftigkeit solcher Investments erkannt. So garantieren zum Beispiel Investitionen in Windparks nicht nur mitunter langlaufende und daher ins­besondere für das Geschäftsmo­dell der Lebensver­sicherer geeignete Cash­­­flows, sondern auch in Zeiten der Nie­­d­­rig­zinsphase überdurchschnittliche Renditen.

15_J-MSch-0050bProf. Dr. J.-M. Graf von der Schulenburg: Der Autor promovierte und habilitierte in München. Matthias Graf von der Schulenburg ist Professor für Versicherungsbetriebslehre an der Leibniz Universität Hannover und Geschäftsführer des Kompetenzzentrums Versicherungswissenschaften. Weiterhin ist er Herausgeber der Zeitschrift für die gesamte Versicherungswissenschaft und des European Journal of Health Economics.

Resümee. Die Rolle von Versicherungen ist im Kontext der Energiewende vielfältiger geworden. Das Kerngeschäft von Versicherungsunternehmen ist der Um­­­­gang mit Risiken. Sie sind daher aufgrund ihrer Risikoexpertise, aber auch ihrer Finanzkraft, ein unverzichtbarer Partner für die Förderung von Inno­­va­­tio­nen. Durch eine Zusammenarbeit von Wirtschaft und Staat kann die Grenze der Versicherbarkeit immer weiter hinausgeschoben werden, um somit markt­akzeptable Versicherungslösungen an­­zu­bieten. Es stellt sich die Frage, ob der dafür notwendige hohe Kapital­be­darf zusätzlich über alternative Ver­siche­rungskonzepte auf dem Kapi­tel­markt (Captives oder Verbriefungen et cetera) realisiert werden kann.

DSC_4572Dr. Ute Lohse: Die promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin ist langjährige Forschungsleiterin für Versicherungswissenschaften am Institut für Versicherungsbetriebslehre der Leibniz Universität Hannover. Dr. Ute Lohse ist auch als Dozentin bei diversen Bildungsträgern und Finanzdienstleistern tätig.