Gabriele Warminski-Leitheußer: Berufliche Schulen – Bildung fürs Leben, Ausbildung für den Beruf

513621_original_R_B_by_Joujou_pixelio.de

Ein gutes Bildungssystem bietet allen Kindern und Jugendlichen mit ihren unter­­schiedlichen Talenten, Fähigkeiten und Interessen passgenaue Bildungs­ange­bote – unabhängig von der sozialen Herkunft. Die beruflichen Schulen orien­tieren sich an den Bedürfnissen der jun­­gen Men­schen und an den Anfor­de­rungen, die das Leben und die Arbeits­welt stellen. Sie bilden qualifizierte Fach­­kräfte aus und bereiten auf ein gelingendes Leben vor.

Die duale Berufsausbildung ebnet für knapp sechzig Prozent eines Alters­jahr­­gangs einen verlässlichen Weg in eine qualifizierte Berufstätigkeit und ist gleich­­zeitig Garant für die im europäischen Vergleich niedrige Jugend­arbeits­losig­keit in Deutschland. Derzeit absolvieren in Baden-Württemberg rund 210.000 Jugend­­liche eine Lehre. Als leistungsstarke Partner der Wirtschaft stellen sich die Berufsschulen der Heraus­­forderung, junge Menschen auf den dynamischen Wandel der Arbeits­welt vorzubereiten: Das Lernfeldkonzept ori­­en­­tiert sich an den betrieblichen Arbeits- und Geschäftsprozessen. Der Unter­richt an der Berufsschule knüpft damit an die Berufsrealität der Auszu­bil­den­den an und vermittelt neben fach­­lichen auch methodische und soziale Kom­pe­ten­zen. Die enge Kooperation der Lern­orte Berufs­­schule und Betrieb sichert die Ver­zah­nung von Theorie und Praxis.
Die beruflichen Schulen in Baden-
Würt­­temberg bieten darüber hi­n­­aus das bundesweit umfangreichste Ange­bot voll­­zeitschulischer Bildungs­gänge. Un­­ter dem Motto „Kein Abschluss ohne An­­schluss“ erhalten die Jugend­lichen eine Vielzahl von Möglichkeiten, weiter­füh­rende Schulabschlüsse bis hin zur Hoch­­schulreife zu erwerben.

Das zum Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf (VAB) weiterentwickelte Berufs­vorbereitungsjahr für leistungsschwächere Jugendliche steht beispielhaft für die stetige Weiterentwicklung von Bildungsgängen. Als Grundlage für die individuelle Förderung wurde im VAB eine Kompetenzanalyse eingeführt. Leis­­tungsstarke Schülerinnen und Schüler mit mittlerem Bildungsabschluss können am beruflichen Gymnasium die allgemeine Hochschulreife erwerben. Die beruflichen Gymnasien wurden in den letzten Jahren ausgebaut und mit Pro­filen wie „Umwelttechnik“ oder „Inter­nationale Wirtschaft“ weiterentwickelt.
Mittlerweile wird fast jedes dritte Abitur in Baden-Württemberg an ei­­nem beruflichen Gymnasium erworben. Den beruf­­lichen Gymnasien gelingt es, Jugend­liche mit unterschiedlichster Herkunft zum Abitur zu führen und so soziale Her­kunft und Bildungs­erfolg zu entkoppeln.

Die beruflichen Schulen des Landes stehen vor langfristigen Heraus­for­de­rungen, die aus der demografischen Entwicklung und dem Strukturwandel resultieren. Dazu zählen zum Bei­spiel die Inte­gra­tion von Jugendlichen mit besonderem För­derbedarf sowie die Siche­rung des Fach­­kräftebedarfs der Wirtschaft. Mit diesen Themen hat sich die im Okto­ber 2009 von allen Frak­tio­nen des Land­­tags von Baden-Württem­berg ein­­­gesetzte Enquête-Kom­mission „Fit fürs Leben in der Wissens­gesellschaft – Beruf­­liche Schu­len, Aus- und Wei­ter­bildung“ beschäftigt. Der im De­­zem­ber 2010 vor­­gestellte Abschluss­­bericht enthält einen Kata­log von über 50 Handlungs­em­pfeh­lungen und 160 Einzel­vorschlägen für die Zukunft des beruflichen Schul­we­sens, der dualen Aus­bildung und der Aus- und Weiter­bildung.
Für die Landesregierung bilden die Hand­­lungsempfehlungen der Enquête-Kom­mis­­sion die Leitlinie für die Weiter­entwicklung des beruflichen Schul­we­sens. Erste Maßnahmen zur Sicherung des Fachkräftebedarfs und zur Stär­kung der Integrationsleistung der beruflichen Schulen wurden bereits auf den Weg gebracht. So wird beispielsweise an den Berufsschulen des Landes schrittweise das Fach Englisch eingeführt. Ziel ist es, junge Menschen auf die globa­lisierte Welt vorzubereiten, die Wett­bewerbsfähigkeit unserer Arbeitskräfte zu sichern und die Attraktivität des dua­­len Systems auch für leistungsstarke Jugendliche zu stärken. Gleichzeitig sol­­len schwächere Auszubildende in der Berufsschule künftig noch zielgerichteter gefördert werden. Dazu werden individuelle Unterstützungssysteme auf­­gebaut, um Ausbildungsabbrüchen früh­­zeitig entgegenzuwirken und die Chan­cen auf einen erfolgreichen Berufs­­abschluss zu erhöhen.

In den berufsvorbereitenden Bildungs­gängen werden ab dem Schuljahr 2011/12 schrittweise Ganztages­ange­bote einge­führt. So wird das schulische Lern­an­ge­bot ausgeweitet und der zeitliche Tagesablauf wird der Arbeits­welt angenähert. Vor allem die individuelle Förderung und die Verbesserung der überfachlichen Kompetenzen werden eine noch stärkere Rolle als bisher spielen. Bei der geplanten „Dualisierung“ der berufsvorbereitenden Bildungs­gänge werden die integrierten Betriebs­prak­tika zeitlich ausgedehnt und durch Lehr­­kräfte begleitet. Dafür braucht es die Unterstützung der Wirtschaft. Ziel ist es, die Chancen der Schülerinnen und Schüler auf einen Ausbildungsplatz zu verbessern und soziale Ungerechtig­kei­ten zu vermindern.

All die Maßnahmen dienen dazu, die beruflichen Perspektiven der jungen Menschen und zugleich den Fach­kräfte­­bedarf der Wirtschaft zu sichern. Neben kreativen Ingenieurinnen und Ingenieu­ren sind es qualifizierte Fach­arbeiter und tüchtige Kaufleute, die Erfindungen und Innovationen in Pro­dukte umsetzen und weltweit erfolgreich vermarkten. Die berufliche Bil­dung ist damit ein Erfolgsfaktor für die Sicherung des heimischen Wirtschafts­standortes und für die gesellschaftliche Integration der Bürgerinnen und Bürger unseres Landes.

 

Foto-Frau-MinDie 1963 geborene Autorin ist seit Mai 2011 Ministerin für Kultus, Jugend und Sport des Landes Baden-Württemberg. Gabriele Warminski-Leitheußer hat Rechts­­wissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum studiert. Seit 2010 ist sie Mit­glied im Landesvorstand der SPD Baden-Württemberg. Von 2008 bis 2011 war sie Bürgermeisterin für Bildung, Jugend, Gesundheit, Sport und Freizeit der Stadt Mannheim.