Friederike C. Kühn & Björn Ipsen: Wirtschaftsstandort Schleswig-Holstein

Schleswig-Holstein hat eine große Zukunft vor sich. Bedingungen sind ein Zuzug der benötigten Fachkräfte sowie eine konsequente Weiterentwicklung des Landes in den Bereichen Bildung, Verkehr, Kommunikation, Handel und Dienstleistungen. Die drei IHKs, Flensburg, Kiel und  Lübeck, nehmen die Herausforderungen an und wollen einen aktiven Beitrag zur Gestaltung des Landes leisten. Die besten Voraussetzungen für eine positive Entwicklung sind bereits gegeben.

Schleswig-Holstein ist geprägt von seiner Lage zwischen den Meeren und als Tor Westeuropas zum und aus dem Ostsee­raum. Zudem verbindet es die Metropolregionen  Hamburg und Kopenhagen. Sichtbare Ausrufungszeichen setzt es wirtschaft­­lich mit Lösungen, um den Wind  in nutzbaren Ener­­gieüberschuss für ganz Deutschland umzuwandeln, mit einer breit gefächerten Produkt- und Dienstleistungspalette der Maritimen Wirtschaft und mit Tourismusstandorten, die zu den bundesweit attraktivsten gehören. Seine Kompetenz in Wissenschaft, Wissens- und Technologietransfer basiert auf einer leistungsfähigen Hochschullandschaft, die durch  mehrere Fraunhofer-, Leibniz-, Max-Planck- und Helm­­holtz-Zentren, ein Universitätsklinikum an zwei Stand­orten  und insg. mehr als ein Dutzend Forschungs- und Hochschulstandorte ergänzt wird.  Und: Der echte Norden punktet mit intakten Landschaften, attraktiven Zentren und jeder Menge Raum zum Arbeiten, Lernen und Leben (Abb.1, Standortkarte).

In ihrem Strategiepapier „Schleswig-Holstein 2030“ hat sich die IHK Schleswig-Holstein mit der Frage beschäftigt, wo die Stärken und Perspektiven des Landes zwischen den Meeren liegen und wie diese gestärkt und ausgeschöpft werden können. Die Ant­wort lau­­tete: Schleswig-Holstein muss Zuzugsland werden! Zuzugsland für engagierte, motivierte Fachkräfte, die hier ein attraktives und in­­­taktes Umfeld zum Leben, Lernen und Arbeiten suchen – und finden.

Wie sieht es aus, in dem Land, in dem laut „Deutsche Post Glücksatlas“ die bundesweit zufriedensten Menschen leben?

Ziemlich gut! Schleswig-Holstein bietet  abwechslungsreiche und unverbrauchte Kulturlandschaften. Dazu die Weite von und zwischen zwei Meeren und Deutschlands einzige Hochseeinsel – Hel­­­­goland. Dies bedeutet Ruhe und Inspiration für Geist und Augen kreativer Geister. Und für Menschen, die gezielt Abstand zur Hektik des Alltags suchen und diese für ihre Leistungsfähigkeit brauchen wie die Luft zum Atmen. Zudem punktet unser Land mit seiner geo­­grafischen Lage, die es zur Drehscheibe zwischen den Ballungs­­gebieten Deutschlands und dem Ostseeraum macht. Insbesondere Dänemark und  die dänisch-schwedische Öresund-Region sind wichtige Partner im Norden, Hamburg und die Metropolregion sind es im Süden. Um diese Lage als Standortvorteil zu nutzen, wird mit Hochdruck an einer infrastrukturell erstklassigen An­­bindung über alle Verkehrsträger gearbeitet. Dies gilt für den Nord-­­Ostsee-Kanal als weltweit wichtigste künstliche Wasser­straße, es gilt für die Bundesautobahnen und auch für das Schienen­netz im Norden. Nach Abschluss der Arbeiten werden diese Ver­­kehrsachsen zu noch wichtigeren Entwicklungsachsen und die Märkte für die Unternehmen werden noch leichter erreichbar – in alle und aus allen Richtungen!

Zu einer wirtschafts- und ansiedlungsfreundlichen Infrastruktur gehören darüber hinaus auch leistungsfähige Datennetze – in den Zentren und der Region. Dies gilt heute und wird mit den Herausforderungen einer sich weiter beschleunigenden Digitali­sierung zu einer existenziellen Herausforderung für jeden Wirt­schafts­­standort, der auch zukünftig vorne mitspielen will. Das Stichwort Industrie 4.0 ist in diesem Kontext von herausragender Be­­deutung, da die Industrie der zentrale Treiber für die Wert­­schöpfung und die Beschäftigung eines Standortes ist, auch wegen der vielen daran hängenden Jobs im Dienstleistungs­sektor. Ohne entsprechende Anbindung an die Datennetze wird es nicht möglich sein, dezentral geleistete Arbeit zentral in exzellente Forschung und Entwicklung  einzuspeisen  und die  effizienz-­steigernden Vorteile arbeitsteiliger Prozesse auch in diesem Kontext in wirtschaftlichem Erfolg münden zu lassen. In Schles­­wig-­­Holstein gelingt dies schon seit geraumer Zeit.

netzanbindungsarten-von-offshore-windparksForschung und Entwicklung auf höchstem Niveau finden sich etwa in den Unternehmen der Medizintechnik, des maritimen Bereichs und der regenerativen Energien. Über ein dichtes Netzwerk sind diese Unternehmen mit den Hochschulen des Landes verbunden. Beispiele gefällig? Gerne: Bei den regenerativen Energien haben u. a. die Fachhochschule Westküste, die Fraunhofer-Gesellschaft sowie die Schleswig-Holstein Netz AG die “Smart Region Pellworm“ initiiert. Quasi ein Feldversuch für „Smart Grid“, also die intelligente Vernetzung von Energieerzeugung, -transport, -speicherung und -verbrauch. Die Geowissenschaftler an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel forschen mit dem Projekt „Angus+“ zur En­­er­gie­­speicherung unter Tage. Das Zentrum für nachhaltige Ener­giesysteme, getragen von den beiden Flensburger Hochschulen, setzt mit seinem Projekt „Furgy Clean Innovation“ verschiedene Schwerpunkte z. B. auch bei intelligenten Energie­systemen und in der Speichertechnologie.

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Offizielle Eröffnung des Wissenschaftsjahres 2016*17 „Meere und Ozeane“ in Berlin mit GEOMAR-Direktor Professor Peter Herzig, Bundesforschungsministerin Johanna Wanka, dem KDM-Vorsitzenden Ulrich Bathmann und Professorin Antje Boetius.

Die Maritime Wirtschaft nutzt die Reputation und Kompetenz etwa des Instituts für Küstenforschung des Helmholtz-Zentrums Geest­­hacht oder auch des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozean­forschung Kiel. Bei GEOMAR wurde mit dem „HISEM“ ein neuartiges Unterwasser-Messsystem entwickelt, welches z. B. für Leckage­messungen im Bereich der Offshore Öl- und Gasförder­ung anwend­­bar und bereits am Markt verfügbar ist. Im Biotech-Segment  arbeitet die Coastal Research & Management – CRM, unterstützt durch das von GEOMAR geleitete Projekt „Interreg Baltic Blue Bio­tech­nology Alliance“,  an einem neuen Produkt auf der Basis von Makro­­algen-Extrakten. Der Wirkstoff soll in Kosmetika verwendet werden, um die Haut vor freien Radikalen zu schützen. Zudem verfügt die Branche mit dem Maritimen Cluster Nord­deutsch­­land (MCN) über eine, die maritime Wirtschaft aus fünf Bundesländern zusammenführende Plattform – ein praxisorientierter Ansatz, wie es ihn so im föderalen Deutschland kaum gibt.  Rund 325  Mitglieder und mehr als 20 Kooperationspartner sorgen für gemeinsame Interessen­vertretung nach außen sowie kurze Wege und enge Zusammen­arbeit untereinander. Das Projekt “Munitec“ zur effizienten und gefahrfreien Beseitigung von Muni­­tions­­altlasten in Nord- und Ostsee ist ein Beispiel, das beide Facetten abdeckt. Hinzu kommen viele, auch bilateral angelegte Kooperationen zwischen MCN-Mit­gliedern und Kooperations­part­nern, die zu regional angelegten Initiativen oder auch konkreten Geschäftsbeziehungen führen. 

Generell stehen alle Partner für einen intensiven, Innovationen fördernden Wissens- und Technologietransfer. Schwerpunkte der in Schleswig-Holstein bei der WTSH GmbH gebündelten Aktivitäten sind die Nanotechnologie, die Entwicklung von Steuerungssoft­­ware und die industrielle Bildbearbeitung als weitere Schlüssel­­technologie, die sich auch im nachstehenden Absatz noch einmal wiederfindet. Hinzu kommt die Elektromobilität mit ihren Schnittstellen zur Energieproduktion und -speicherung.

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Interdisziplinärer Austausch bei einer Fallkonferenz im Exzellenzzentrum Entzündungsmedizin.

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Die menschliche Gewebszelle unter dem Laserscan-Mikroskop – Zelloberfläche (rot) und Zellkern (blau) werden hier sichtbar.

Eine enge Kooperation ist auch charakteristisch für die Gesund­heits­­wirtschaft mit zwei Medizinischen Fakultäten und dem Uni­­versitätsklinikum Schleswig-Holstein. Gemeinsam mit dem Forschungszentrum Borstel – Leibniz-Zentrum für Medizin und Biowissenschaften –  wird das Exzellenzcluster Entzündungs­medizin mit zahlreichen Kooperationsprojekten in die Bereiche der Tumor- und Krebsforschung hineingetragen.  Komplettiert wird das wissen­­schaftliche Know-how durch die Fraunhofer-Einrichtung für Marine Biotechnologie (EMB) mit dem Forschungs­schwer­punkt zellbasierte Medizintechnik und die ebenfalls der Fraun­­hofer-Ge­sellschaft angegliederte Projektgruppe MEVIS, die sich der medizinischen Bildverarbeitung widmet. Mit Life Science Nord verfügen Schleswig-Holstein und Hamburg zudem über ein leis­­tungsfähiges Cluster im Bereich Biotechnologie, Pharma- und Medizintechnik mit mehr als 500 Unternehmen aus der Region.

Neben diesen durchweg technologieorientierten Branchen spielt in Schleswig-Holstein der Tourismus eine bedeutende Rolle als Wirt­schaftsfaktor. In vielen Räumen prägt er maßgeblich das Wirtschafts­leben, wie auch das Erscheinungsbild. Besonders gilt das für die Inseln und Halligen und die touristischen Zentren an den Küsten. Mehr als 140.000 Mitarbeiter in mehr als 16.500 Tourismusbetrieben sorgen dafür, dass sich zuletzt rund sechs Millionen Gäste bei gut 23,5 Millionen Übernachtungen wohlfühlen konnten. Für den Stand­ort Schleswig-Holstein ist der Tourismus nicht nur wegen seiner Umsätze von Bedeutung, sondern auch, weil sich diese Umsätze auf zahlreiche Branchen verteilen und weil touristische Arbeits­plätze standortgebunden und damit so gut wie nicht verlagerbar sind. Darüber hinaus tragen die touristischen Angebote zu einem positiven Image für Schleswig-Holstein bei. Ein Asset, das sich vorteilhaft auf die Attraktivität auch anderer Wirtschaftssektoren, das Standortmarketing und nicht zuletzt das Werben um Fachkräfte auswirkt. Auch für die Schleswig-Holsteiner selbst sind sie ein wesentlicher Bestandteil der Lebensqualität vor Ort. 

Diese gefühlte Lebensqualität, und damit schließt sich der Kreis zum Grundansatz des Strategiepapiers der IHK Schleswig-Hol­­stein, wird für Fachkräfte und ihre Familien bei der Auswahl des bevorzugten Lebensmittelpunkts immer wichtiger. Und da diese gut ausgebildeten, engagierten und motivierten Fachkräfte zukünftig der entscheidende Engpassfaktor für viele Unternehmen sein werden,  dürften auch diese nicht nur auf die harten Standort­faktoren wie verkehrliche und datentechnische Erreichbarkeit oder die Verfügbarkeit geeigneter Flächen schauen. Sie werden auch darauf achten, ob ein Standort ihnen die personellen Ressourcen bieten kann, die sie benötigen. Und dies wird maßgeblich davon abhängen, wie attraktiv die Menschen das Umfeld  wahrnehmen, das sie vor Ort erwartet. Eine reizvolle geografische Lage, eine intakte, abwechslungsreiche Natur und ein breitgefächertes Sport-, Kultur- und Freizeitangebot verbessern die Ausgangslage dabei erheblich. Die Chance, sich zwischen metropolnahen Stand­­orten einerseits, urbanen, aber dennoch dynamischen Hoch­­schulstandorten andererseits oder  einem bewusst  ruhigeren Ambiente zum Wohnen und/oder Arbeiten entscheiden zu können, ist ebenfalls ein Argument, das positiv  für Schleswig-Holstein zu Buche schlägt. So gesehen gibt es keinen Grund, sich nicht für Schleswig-Holstein zu entscheiden.

autorenbild-kuehn_copyrightFriederike C. Kühn
Friederike C. Kühn, Jahrgang 1962, absolvierte ein Studium zur Kommunikationswirtin an der KAH Kommunikations­ Akademie Hamburg. 2004 wurde sie erstmals in die Vollversammlung der IHK zu Lübeck gewählt. Seit 05.02.2013 ist sie Präses der IHK zu Lübeck und wurde am 19.04.2013 zur Präsidentin der IHK Schleswig-Holstein berufen.

autorenbild-ipsenBjörn Ipsen
Björn Ipsen, Jahrgang 1969, studierte Rechtswissenschaften an den Universitäten Bochum, Kiel, Tours/Frankreich. Von 2000 bis 2016 war er in der IHK zu Kiel tätig, zuletzt als Leiter des Geschäftsbereichs Existenzgründung und Unternehmensförderung. Seit Juni 2016 ist er Hauptgeschäftsführer der IHK zu Flensburg und zudem Haupt­geschäftsführer der IHK Schleswig-Holstein.

Weitere Informationen zu den angerissenen Themengebieten finden Sie unter:


Zur Arbeit der IHK Schleswig-Holstein: www.ihk-schleswig-holstein.de

Zum Strategieprozess Schleswig-Holstein 2030: www.ihk-schleswig-holstein.de/news/SH_2030

Zum Projekt Angus+: www.angusplus.de/de

Zur Smart Region Pellworm: www.smartregion-pellworm.de

Zum Projekt Furgy: www.furgyclean.eu/de

Zur Arbeit von GEOMAR – Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel: www.geomar.de

Zum Thema Kosmetika auf Basis von Algenextrakten: www.submariner-network.eu

Zum Maritimen Cluster Norddeutschland: www.maritimes-cluster.de

Zum Projekt „Munitec“: www.maritimes-cluster.de/Das-Cluster/Themen-und-Projekte

Zur Arbeit der Wirtschaftsförderung und Technologietransfer Schleswig-Holstein GmbH: www.wtsh.de

Zur Nanotechnologie:  www.nina-sh.de

Zum Thema Steuerungssoftware: www.kosse-sh.de

Zum Thema „Industrielle Bildbearbeitung“: www.initiative-bildverarbeitung.de

Zum Thema Elektromobilität: www.ihk-schleswig-holstein.de/innovation/energie/zahlen_daten_fakten

Zum Exzellenzcluster Entzündungsmedizin: www.inflammation-at-interfaces.de

Zur Arbeit von Life Science Nord: www.lifesciencenord.de