Frederik & Gerrit Braun: An einem Tag um die ganze Welt

Die Einwohner der Stadt Knuffingen leben in der sprichwörtlichen Idylle. Eingebettet zwischen Harz und Alpen, liegt sie in einer sanften Hügelregion mit prächtigem Bergpanorama im Hintergrund. Allerdings wird kein Navigationsgerät den Weg nach Knuffingen jemals finden. Wer sich von der Pracht des Städtchens selber überzeugen möchte, der schaut am Besten im Miniatur Wunderland in Hamburgs Speicherstadt vorbei.

Wie alles begann. Am Anfang war das Wort. Ein Wort und eine Absicht, die von kaum einem ernst genommen wurde. Als die Gründer des Miniatur Wunderlandes vor gut zehn Jahren die Absicht äußerten, die größte Modelleisenbahn der Welt zu bauen, wurden sie von Familie, Freunden und Geschäftspartnern belächelt. Und wenn sie hinzufügten, dass diese Miniatureisenbahn eine Attraktion für Männer, Frauen und Familien werden sollte, die mehr als 100.000 Besucher pro Jahr in die Speicherstadt locken sollte, wurde aus dem Lächeln schallendes Gelächter.

Trotz aller Zweifel ließen sie sich nicht abhalten, überzeugten die Hamburger Sparkasse von der Idee und bekamen, basierend auf einem zweiseitigen Konzept, einen Kredit über 2.000.000 DM. Der Anfang einer einmaligen Glücksge­­schichte. „Neben all der Liebe und dem Fleiß, die wir in das Miniatur Wunderland gesteckt haben, haben wir zudem unendlich viel Glück gehabt. Angefangen bei der Kredit­­vergabe, der Auswahl der Mitarbeiter und so viel anderen Faktoren. Dafür bin ich unendlich dankbar“, erklärt Frederik Braun, einer der Gründer, rückblickend.

Zudem stand das Umfeld der beiden Brüder der Idee sehr kritisch gegenüber. „Die meisten unserer Freunde erklärten uns zu diesem Zeitpunkt für verrückte, weltfremde Träumer, als wir ihnen von unserer Idee erzählten“, beschreibt Frederik Braun die Stimmung von damals. Bruder Gerrit fügt hinzu: “Wahrscheinlich hätten wir mehr Zustimmung für eine Bobby-Car-Rennbahn auf dem Heiligengeistfeld bekommen als für eine Modelleisenbahn. Das Bauen von Modelleisenbahnen galt damals als antiquiertes Hobby von Eigenbrötlern.“ Daher musste im Vorwege geklärt werden, ob sich ihr Traum finanziell überhaupt realisieren ließe, genügend Besucher kommen würden, alles technisch umsetzbar wäre und ob es einen geeigneten Ort für die Ausstellung geben würde. So begaben sich die beiden Zwil­­lings­­brüder auf eine Reise durch Modellbau-Deutschland, um den Ursachen für die spezielle Außenwahrnehmung des Hobbys auf die Spur zu kommen.

Zusätzlich wurde eine Umfrage über das AOL-Mitglieder­ver­­zeichnis durchgeführt, um festzustellen, ob genügend Besucher kommen würden, um den enormen Kapitalauf­wand jemals zu decken. Über 3.000 Personen mit verschiedensten soziodemografischen Merkmalen wurden hierfür per Email befragt und sollten beurteilen, welche von 45, teils fiktiven, Sehenswürdigkeiten sie in Hamburg besuchen würden. Bei den Männern lag das Gedankenkonstrukt Miniatur Wunderland auf Platz drei, bei den Frauen auf dem allerletzten Platz. Trotz dieser gar nicht eindeutigen Ergebnisse stand nun für die beiden fest:  „WIR BAUEN DIE GRÖSSTE MODELLEISENBAHN DER WELT“.

Nachdem der Entschluss feststand, machten sie sich an die Auswertung der Ergebnisse aus der Umfrage und der Reise. Dabei entstanden hunderte Ideen und der Grund­­gedanke, ein Erlebnis für die ganze Familie zu bauen, fundamentierte sich. Es sollte keine Anlage hinter einer Glas­scheibe entstehen, sondern eine komplette Modellwelt, in der Züge nur eines von vielen Highlights sind. „Unsere Idee war es, eine Welt zu bauen, die gleichermaßen Männer, Frauen und Kinder zum Träumen und Staunen animiert“, beschreibt Gerrit Braun das Konzept. Mit dieser Grundidee und vielen weiteren Ideen und Spinnereien zur Ausge­staltung der Anlage fuhren sie zu Gerhard Dauscher nach Mühlhausen in der Nähe von Neumarkt.

Gerhard Dauscher war sofort von der Idee der beiden überzeugt und sagte alle Termine und Aufträge ab. Seit diesem Tag ist er der Chefmodellbauer des Miniatur Wunderlandes und für einen großen Teil des Erfolges verantwortlich. Bevor allerdings mit dem Bau begonnen werden konnte, musste ein Team gefunden werden. Daher entschlossen sich die drei, ein Modellbau-Casting durchzuführen. Für dieses Casting bewarben sich mehr als 150 Personen. Es wurden insgesamt 40 Interessierte verteilt auf zwei Tage eingeladen. Basierend auf dem Casting suchte sich Gerhard Dauscher ein Team aus Männern und Frauen zusammen, die zu 95 Prozent keine klassischen Modellbauer, sondern exzellente Handwerker waren.

Und so begann der Bau des Miniatur Wunderlandes in der Speicherstadt, der bis heute andauert.

Von damals bis heute. Am ersten Tag kamen gut zweihundert Besucher und alle Wunderländer begannen zu bangen. Glücklicherweise nur für 24 Stunden. Was ab dann geschah, erinnert an ein Märchen. Vom zweiten Tag an standen Tausende in Schlangen vor der Tür. Im ersten Jahr allein kamen 300.000 Besucher und aus einer Spinnerei ist über die Jahre die mit Abstand größte Modelleisenbahn und erfolgreichste Touristenattraktion für Hamburg geworden.

Aus zwanzig geplanten Mitarbeitern wurden bis zur Eröffnung am 16.08.2001 vierzig und die Kosten für den Bau explodierten. „Die Zeit bis zur Eröffnung verging wie im Traum. Völlig euphorisiert haben wir damals Tag und Nacht gebastelt und keine Minute ans Scheitern gedacht. In der Nacht vor der Eröffnung holte mich das ein. Ich realisierte, dass ich auf immer verschuldet sein würde, wenn am nächsten Tag keine Besucher kommen würden. Ich habe in dieser Nacht kein Auge zugetan“ resümiert Gerrit Braun, Gründer und Zwillingsbruder von Frederik.

In den nächsten Jahren wuchsen sowohl das Wunderland als auch die Besucherzahlen. Im Jahr 2002 eröffnete der Hamburg-Abschnitt, im Jahr 2003 die USA und im Januar 2004 kam der 1.000.000 Besucher in die Speicherstadt. Mittlerweile hat sich die Größe der Anlage mit aktuell 1.300 qm mehr als vervierfacht. Mit den Abschnitten Skandinavien, Schweiz und zuletzt dem Airport Knuffingen wurden Highlights gesetzt, die weit über die Grenzen Deutschlands hinaus Anklang fanden. Allein über den Airport Knuffingen wurde in mehr als 100 Ländern berichtet.

Die steigende Bekanntheit wirkte sich auch auf die Be­­sucherzahlen aus. Im zehnten Jahr hintereinander wurde auch 2010 mit 1.070.000 Besuchern ein neuer Rekord auf­­gestellt. In den kommenden Jahren wurden es sogar 1.300.000, wovon nur noch 10 Prozent aus Hamburg kommen. „Um ehrlich zu sein, als ich vor der Eröffnung Freunden erzählte, dass wir gleichermaßen Frauen, Männer und Kinder ansprechen werden und Touristen aus allen Teilen der Welt kommen würden, um das Wunderland zu besuchen, habe ich mir nicht immer selbst geglaubt. Sich heute die Zahlen anzuschauen und zu realisieren, dass unser Traum auf­ge­­gangen ist, ist ein unglaubliches Gefühl,“ berichtet Frederik Braun, Geschäftsführer des Miniatur Wunderlandes.

Und ein Ende ist nicht in Sicht. Es wurden neue Flächen dazugemietet und es gibt konkrete Ausbaupläne bis 2020. Als Nächstes folgt Italien, dann Frankreich, England und Afrika. „Ich bin stolz auf die ersten zehn Jahre, das Team und was wir erreicht haben. Satt bin ich aber noch kein bisschen. Wenn es nach mir geht, werden wir auch noch in  fünfzig Jahren am Bauen sein, “ schließt Gerrit Braun träumend.

autorenbild_braunFrederik & Gerrit Braun
2001 eröffneten die Brüder Frederik & Gerrit Braun in der Speicherstadt am Hamburger Hafen das Miniatur Wunderland und wurden dafür 2006 zu „Unternehmern des Jahres“ der Stadt Hamburg ernannt.