Franz-Josef Holzenkamp: Erfolgsfaktor Ernährungswirtschaft

Salat-hmk-2007-(1)Wenn irgendwo in Deutschland ein Schnit­­zel mit Pommes frites bestellt wird, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass das Fleisch und die Kartoffelstäbchen in Niedersachsen produziert worden sind. Schon an diesem Beispiel lässt sich er­­kennen, welche außerordentliche Be­­deutung die Ernährungswirtschaft in Niedersachsen hat. Die Branche ist in dem Bundesland zwischen Ems und Elbe nach der Auto­mobilindustrie der zweitwichtigste Wirt­schaftszweig des verar­­beitenden Gewerbes. Zur Ernährungswirt­­schaft zählen zum Beispiel Fleisch- und Wurstwarenhersteller, Molkereien, Back­warenunternehmen, Mühlen, Süßwaren- und Getränkehersteller und Zuckerfabriken. Mehr als die Hälfte dieser Betriebe in Niedersachsen hat nach wie vor handwerklichen Charakter. Zur Ernährungs­wirtschaft gehören aber auch 20 der 100 umsatzstärksten Unternehmen des Landes. Darunter sind bekannte Namen wie Berentzen und Bahlsen, Jägermeister, Rügenwalder Mühle und Wiesenhof, um nur einige wenige zu nennen.

Insgesamt umfasst das produzierende Ernährungsgewerbe in Niedersachsen über 700 Betriebe (ab 20 Arbeitnehmern) mit insgesamt 67.000 Beschäftigten. Das sind ein Achtel aller Betriebe der Branche in ganz Deutschland und mehr als zehn Prozent aller dort Beschäftigten. Mit einem Umsatz von mehr als 26 Milliarden Euro erzielte die Branche 2009 in Niedersachsen erheblich höhere Erlöse als der Maschinenbau, die chemische Industrie oder die Elektro­industrie. 20 Prozent der niedersächsischen Lebens­­mittelproduktion werden exportiert, der Auslandsumsatz liegt bei gut fünf Milli­­arden Euro und nimmt kontinuierlich zu. Exportberatung ist deshalb eines der aktuellen Kernthemen für die Arbeit der niedersächsischen Landesregierung und insbesondere der von ihr beauftragten Marketinggesellschaft der niedersächsischen Land- und Ernährungswirtschaft. Niedersächsische Lebensmittelhersteller gehören auf den nationalen und internationalen Leitmess­en der Branche regelmäßig zu den am stärksten vertretenen Ausstellergruppen im Vergleich der deutschen Bundesländer.

Niedersachsen ist in der landwirtschaft­lichen Erzeugung führend in Deutsch­land: Hier werden ein Drittel aller Schweine und rund die Hälfte des deutschen Geflügels gemästet, die Hälfte der deutschen Kar­­toffelernte stammt aus Niedersachsen, und jedes dritte Hühnerei wird irgendwo zwischen Ems und Elbe gelegt. Das Kerngeschäftsfeld der niedersäch­sischen Ernährungsindustrie ist die Fleisch­­wirt­­schaft. 2007 wurden in Nie­­dersach­sen rund fünfzehn Millionen Schweine und 425.000 Rinder geschlachtet. Der Jahresumsatz betrug 2009 mehr als 8,1 Milliarden Euro, davon knapp 1,5 Milli­­arden aus dem Exportgeschäft. Regio­­­nales Zentrum der Fleischverarbeitung ist traditionell die südliche Weser-­­Ems-Region in den Landkreisen Cloppen­burg und Vechta. Die Milchwirtschaft ist die zweite tragende Säule der niedersäch­sischen Ernährungswirtschaft. Insge­­samt verteilen sich über Niedersachsen 35 milchwirtschaftliche Unternehmen. Die an die Molkereien gelieferte Milchmenge lag 2009 bei knapp fünf Millionen Tonnen, das ist rund ein Fünftel der Milchproduk­tion Deutschlands. Der Umsatz der Milch­­verarbeiter lag im gleichen Zeitraum bei etwa 3,1 Milliarden Euro, wovon 23,5 Pro­zent im Ausland erwirtschaftet wurden.

Bei der Verarbeitung pflanzlicher Roh­­stoffe ist in Niedersachsen an erster Stelle die Kartoffel zu nennen. Fast die Hälfte der deutschen Kartoffeln wird hier geerntet. Die verarbeitende Industrie stellt daraus Kartoffelstärke, Kloßmehl, Püreepulver, Kartoffelsuppenpulver und zahlreiche Tiefkühlprodukte her. Haupt­­­umsatzträger sind mit Abstand Pommes frites. Eine bedeutende Rolle spielt auch die Getreidevermahlung. Am zweitgrößten Mühlenstandort Deutschlands finden sich mehr als 20 Mühlen mit einer Vermah­­lung von über 500 Tonnen pro Jahr.

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Leistungsfähige Gemüsebetriebe bewirt­­schaften oft mehrere hundert Hektar Freilandfläche und haben sich auf wenige Kulturen spezialisiert. Sie beliefern die großen Handelsketten des Lebensmittel­einzelhandels entweder direkt oder über Erzeugerorganisationen. Eine der bedeutendsten ist die Gartenbauzentrale e. G. in Papenburg. Die Gegend um das emsländische Städtchen Papenburg ist der mit Abstand wichtigste Lieferant von Topfkräutern und der bedeutendste An­­bieter von Salatgurken in Deutschland. Was das Emsland für Gemüse und Kräuter, ist das „Alte Land“ für Äpfel, Kirschen und andere Obstsorten: In dem Gebiet an der Niederelbe wurden in den letzten Jahren gut 30 Prozent der deutschen Apfelernten gepflückt. Auch Fischfang und Fischverarbeitung sind nach wie vor von großer Bedeutung. Der Schwerpunkt liegt in der Kutter- und Küsten­fischerei. 43.000 Tonnen Frischfisch, Krabben und Muscheln wurden von der Kleinen Hoch­see- und Küstenfischerei 2009 angelandet, die Große Hochseefischerei besteht aus drei Universalfrostern, die ihre Fänge überwiegend auf internationalen Märkten anlanden. Bundesweit agierende Fisch- und Fein­kostunternehmen produ­zieren seit vielen Jahren an der Küste und im Binnen­land, so zum Beispiel Appel Fein­­kost GmbH & Co. KG und die Pickenpack- Hussmann & Hahn Seafood GmbH.

Ökologische Ernährungswirtschaft. Hohe Wachstumsraten weist die ökologische Ernährungswirtschaft auf. Seit dem Jahr 2000 hat sich die Zahl der Bio-­Verarbeitungsunternehmen in Nieder­sachsen verdreifacht. Zu Beginn des Jahres 2010 waren 1.061 Bio-Verarbei­tungsunternehmen re­­gistriert. Gut ein Drittel davon sind Hof-Verarbeiter, die oft innerhalb landwirtschaftlicher Betriebe entstanden sind, beispielsweise Hofbä­cke­­­reien, Hofkäser­eien oder Hofschlach­t­e­reien. Hinzu kommt eine große Zahl hand­­werklicher Verarbeitungsbetriebe wie Bäcker und Fleischer und etliche mittel­­ständische Verarbeitungsunter­nehmen wie die Bauck GmbH & Co. KG, der Fruchtsafthersteller Voelkel GmbH, die Bohlsener Mühle, die Ulrich Walter GmbH oder die Firma Allos GmbH.

Drehscheibe in der Mitte Europas. Die geografische Lage in Ver­bindung mit guten Verkehrs­anbindungen und logis­tischer Kompetenz macht Niedersachsen zu einem Wirtschafts­standort der Extra­­klasse. Von der Dreh­scheibenfunktion des Landes in der Mitte Europas profitiert auch die Ernährungswirtschaft. Neben Absatzmärkten in Ost­europa und dem intensiven Austausch mit den Benelux-Staaten finden nieder­sächsische Unter­­nehmen kaufkräftige Verbraucher­poten­­ziale direkt vor der Haustür: Hamburg und Bremen liegen nebenan, Nordrhein-West­falen, das größte Ballungszentrum Euro­pas mit entsprechender Nachfragekraft, ist schnell zu erreichen.
Wirtschaft

Beispielgebende Ernährungscluster. Ein struktureller Vorteil gegenüber vielen Mitbewerbern in Europa ist die intensive Kooperation von Land- und Ernäh­rungswirtschaft. Überall im Land haben sich Produktionsschwerpunkte gebildet, in denen sich alle Herstellungs- und Marktstufen, von der Landwirtschaft bis zum „Point of Sale“, vernetzt haben. Beispiele sind die Fleischverarbeitung in der südlichen Weser-Ems-Region oder die Mühlenwirtschaft im Raum Hannover/Braunschweig. Darüber hinaus unterstützen Organisationen, Verbände, For­­schungsinstitute und Univer­sitäten das Ernährungsgewerbe. Sie stellen Fach­­kompetenz zur Verfügung oder sorgen für eine zukunftsweisende Ausbildung. Niedersachsen verfügt über eine Cluster­bildung, die für andere Wirt­­schaftsräume beispielgebend ist.

Lebensmittel haben in Niedersachsen nicht nur Geschichte sondern auch eine Heimat. Die Voraussetzungen dafür, dass in der Branche auch künftig Erfolgsge­schichten geschrieben werden, sind gut. Herausforderungen liegen in der Interna­tionalisierung und Exportorientierung. Für die großen Trends in der Ernährung, wie Convenience Food und Functional Food, sowie die immer diff­erenzierteren An­­forderungen an die Produktqualität sind niedersächsische Unternehmen nicht nur gut gerüstet, sie gehören vielfach sogar zur weltweiten Spitzengruppe.

Weltweit an der Spitze, in der Region zuhause, das beweist der seit 2010 stattfindende Wett­­bewerb „Kulinarisches Niedersachsen“, an dem sich bisher rund 200 Unternehmen mit ihren je­­weils besten Produkten beteiligt haben. Als einziges Bundesland hat Nieder­sachsen „Kulinarische Botschafter“. Mit diesem Label zeichnet die Marketing­gesellschaft der niedersächsischen Land- und Ernährungswirtschaft jährlich die Top-Produkte der Branche aus. Die Auszeichnung gilt zunehmend auch im Handel als Zeichen für Exzellenz. Alles spricht also dafür, dass Lebensmittel aus Niedersachsen in den nächsten Jahren in noch größerer Zahl Kunden in aller Welt begeistern werden.

Holzenkamp_-2009Der Autor ist Vorstandsvorsitzender der Marketinggesellschaft der niedersäch­s­ischen Land- und Ernährungswirtschaft e.V. Seit 2005 ist er Mitglied des Deut­sch­­en Bundestages für den Wahlkreis Cloppen­burg-Vechta. 2011 wurde er zum Vorsit­­z­enden der Arbeitsgruppe Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucher­schutz der CDU/CSU-Bundestagsfraktion gewählt. Er lebt auf seinem landwirtschaft­­lichen Be­­­trieb in Garthe, im Landkreis Cloppenburg.