Erik Bettermann: Mit Medien Hilfe zur Selbsthilfe leisten

Freie und professionelle Medien sind für die Stärkung von Demokratie und die Unterstützung zivilgesellschaftlicher Pro­­zesse unerlässlich. Seit 40 Jahren medialer Begleiter, leistet die Deutsche Welle (DW) beim Wiederaufbau in Afghanistan zu­­nehmend auch Hilfe zur Selbsthilfe – selbst wenn die Sicherheitslage immer schwieriger wird.

Den Medien fällt in Afghanistan eine wichtige Rolle beim Demokratisierungs- und Aufbauprozess zu. Nur von unabhängigen Medien kann eine Kontroll­­funk­­tion gegenüber den politischen Insti­tu­tionen wahrgenommen werden. Sie sind darüber hinaus eine bedeutende Infor­ma­­tionsquelle für die Bevölkerung über Auf­­bau und Funktion der Zivilgesellschaft sowie die Demokratisierung des Landes. Vorherrschendes Medium in Afghanistan ist das Radio, nicht zuletzt aufgrund der Analphabetenrate, die bei Frauen und Mädchen besonders hoch ist.

Deutschland kann auf fast ein Jahr­­hundert partnerschaftlicher Beziehungen mit dem Vielvölkerstaat am Hindukusch zurückblicken. Ohne koloniale Interessen gewannen die Deutschen schnell den Ruf eines ehrlichen Maklers in einem Land, dessen Geschichte geprägt ist von Über­­griffen fremder Mächte. Seit dem Sende­­start ihres Radioprogramms in den Landes­­sprachen Dari und Paschtu 1970 hat die Deutsche Welle Afghanistan nicht aus dem Fokus verloren. Ihr Programm gilt als unabhängig und neutral. Der Name Deutsche Welle hat einen guten Klang am Hindukusch, die Programme in Paschtu und Dari genießen einen ausgezeichneten Ruf. Viele Menschen in Afghanistan ver­­trauen dem Sender, der die Geschicke des Landes seit Jahrzehnten mit seinen Programmen begleitet und diese immer wieder den Erfordernissen der politischen Entwicklung angepasst hat.

Seit Beginn des Petersberg-Prozesses zur Demokratisierung Afghanistans und nach der Vertreibung der Taliban sieht sich die DW in der Krisenregion vorrangig als Werteplattform einer offenen Gesell­schaft: Meinungs- und Pressefreiheit, Gleich­be­­rechtigung und Menschenrechte sind zentrale Themen, die das Programm wie ein roter Faden durchziehen.

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Diese werden auch in innovativen Pro­­grammprojekten aufgegriffen. Eines davon ist „Learning by Ear“, ein multilinguales und interaktives Distance-Learning-Pro­­gramm, das sowohl im Radio als auch im Internet und über Partnersender ver­­fügbar ist. Mit Unterstützung des Aus­­wärtigen Amts richtet sich „Learning by Ear“ in Paschtu und Dari an junge Afghanen zwischen zwölf und 20 Jahren und behandelt Themen, die im täglichen Leben der jungen Hörer eine bedeutende Rolle spielen.

Episoden zum Thema „Politische Bildung/ Zivilgesellschaft und Demokratie“ etwa veranschaulichen das Zusammen­wirken politischer Institutionen auf lokaler und nationaler Ebene. Es zeigt die Einfluss­möglichkeiten zivilgesellschaftlichen Engagements und erläutert die Grund­lagen demokratischer Strukturen von der lokalen bis zur nationalen Ebene. Die Serie „Mädchen- und Frauen­för­derung“ wiederum behandelt vorherrschende Defi­­zite und Vorurteile. So haben Mädchen aus traditionell gesellschaftlichen, aber auch aus aktuellen politischen Gründen weniger Zugang zu Bildung. In dem Modul werden verschiedene Ausbildungs­möglich­­keiten für Mädchen exemplarisch dargestellt und Zugangswege aufgezeigt. Die Autorinnen und Autoren stammen vorwiegend aus Afghanistan selbst, wo auch alle Folgen produziert werden. Die Hörer können sich beteiligen, indem sie etwa über Kommentarfunktionen auf der Internetseite Ideen, Anregungen und Themen­­vorschläge äußern. Selbst­ver­­ständlich stehen auch traditionelle Feed­­back-Kanäle wie die kostenlose SMS- und Telefon-Hotline, Briefe oder E-Mails zur Verfügung, um mit der Redaktion in Verbindung zu treten.

Ein weiterer Themenkomplex, der von der Agenda der DW-Angebote nicht mehr wegzudenken ist: der zivile Aufbau und die Entwicklungszusammenarbeit. Die DW hat dazu ein Aufbaumagazin entwickelt, das wochentäglich in der morgendlichen Primetime über den Partner­­sender Ariana FM in allen Provinzen des Landes ausgestrahlt wird. Berichte über diesen Aufbauprozess dienen nicht nur dazu, Hoffnung in der Bevölkerung zu fördern. Sie sind unverzichtbar, um den Glauben an den demokratischen Veränderungsprozess aufrechtzuerhalten. Dies erscheint umso wichtiger, als es auch Medien gibt, die genau das Gegen­­teil erreichen wollen. Die Taliban etwa unterhalten mit Radio Scharia einen Radio­­sender, der fast in ganz Afghanistan zu empfangen ist. Auf einer mehrsprachigen Website wenden sie sich zudem an die junge, internetaffine Generation. Die Bot­­schaft hier lautet: Die westlichen Länder seien lediglich in Afghanistan, um Krieg zu führen, der auf Kosten der Zivil­bevöl­­kerung geht. Dabei wird ständig behauptet, in Afghanistan gäbe es keinen Wieder­­aufbau, vielmehr würde das Land nach und nach von den ausländischen Streit­­kräften zerstört.

Radiosendungen sind wichtig, denn es gibt viel mehr Radio- als TV-Geräte in Afghanistan. Ihre Reichweite ist dank deutscher Unterstützung sehr hoch.

Radiosendungen sind wichtig, denn es gibt viel mehr Radio- als TV-Geräte in Afghanistan. Ihre Reichweite ist dank deutscher Unterstützung sehr hoch.

Umso erfreulicher sind die Hörer­reak­tionen auf das Magazin der DW. Die Deutsche Welle füllt damit offenbar eine Lücke in der lokalen Berichterstattung und setzt dort an, wo andere aufhören. Die Reporter sind vor Ort, wo Aufbau stattfindet, und weniger auf Presse­kon­­ferenzen, wo Aufbau angekündigt wird. In der journalistischen Darstellung sind die Leistungen der deutschen Ins­ti­tu­tionen und Nichtregierungs­organisationen zentrales Thema. Die Nähe zum Geschehen bei journalistisch-kritischer Distanz hat die Deutsche Welle zu einer Appel­lations­­instanz gemacht. Oft wenden sich Höre­rinnen und Hörer an die Redaktion, weil sie mit dem Aufbau in ihrer Region un­­zu­­frieden sind oder weil in ihrer Um­­gebung ein beispielhaftes Projekt um­­gesetzt wurde, das keine mediale Beach­­tung gefunden hat. Mit Blick auf einen möglichen Truppenrückzug bis zum Jahr 2014 hat in Afghanistan eine heftige Diskussion begonnen, wie sich das Land nach diesem Termin entwickeln wird. In diesem Diskussionsprozess liefert das Aufbaumagazin Impulse und Entwürfe für den Aufbau einer Zivilgesellschaft und wirkt den Ängsten und Sorgen entgegen, dass die afghanische Bevölkerung ohne Hilfe von außen alleingelassen wird.

Afghanistan ist für die DW aber nicht nur ein „Thema“, das medial begleitet wird. Seit Jahren gibt der deutsche Aus­­landssender – auch mit Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaft­­liche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) oder des Auswärtigen Amtes (AA) – Hilfe zur Selbsthilfe. So setzt sich die DW konsequent für den Aufbau einheimischer Medien ein. Nach dem Sturz des Taliban-Regimes etwa wurde das Angebot in den Landessprachen Paschtu und Dari erweitert: Ab 2002 wurden zusätzlich zum Hörfunkprogramm täglich zwölf Minuten DW-TV-Weltnachrichten speziell für die afghanischen Zuschauer aus den Fern­­sehstudios der DW in Berlin gesendet.

Darüber hinaus hat die DW-AKADEMIE, das Aus- und Fortbildungszentrum der Deutschen Welle, mit vielfältigen Fort­bildungsprojekten zur Qualifikation der afghanischen Medienmacher beigetragen. Mithilfe des BMZ standen ab 2002 zu­­nächst Grundkenntnisse über Journa­lismus, über Technik, über Fragen des Managements im Vordergrund. Anfangs nur im Großraum Kabul und beim Staats­­sender Radio Television Afghanistan (RTA), wurden die Trainings später auf Kundus, Herat, Dschalalabad und Mazar-e Sharif ausgeweitet – hier wurden Regional­sender von RTA mit aufgebaut. Dieses intensive Programm der Deutschen Welle für die RTA-Mitarbeiter erwies sich als Erfolg: Sie können seit Anfang August 2006 internationale Nachrichten eigenständig produzieren.

Das Jahr 2009 stand für die DW-AKADEMIE ganz im Zeichen von Trainings zur Wahl­­berichterstattung. Im Herbst waren die Afghanen aufgerufen, einen neuen Prä­­sidenten zu wählen. Das Projekt bestand aus Trainings vor Ort und einer Infor­­ma­­tionsreise nach Deutschland, bei der die Teilnehmer die Wahlbericht­erstattung des MDR bei den Kommunalwahlen in Sachsen-Anhalt direkt beobachten konnten. Auch bei „Learning by Ear“ und dem „Aufbaumagazin“ hat die DW-AKADEMIE mitgewirkt. Mitarbeiter des deutschen Auslandsrundfunks übernahmen etwa die Sprecher- und Technikerausbildung und führten darüber hinaus Trainings in Kabul, Mazar-e Sharif und Faysabad durch.

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Ein aktuelles Projekt der DW-AKADEMIE richtet sich an Kinder. Noch immer ist Kindern und Jugendlichen in Afgha­nistan, vor allem in umkämpften Gebieten und im Einflussbereich der Taliban, der Zugang zu Bildung erschwert. Das Kinder-TV für Afghanistan will dazu beitragen, diesen Mangel zu mildern, und leistet damit einen wichtigen Beitrag im Rahmen von Demo­kra­ti­sierungs- und Bildungs­an­stren­gungen. Durch das vom AA finanzierte Projekt sollen Bildungsinhalte nach dem Vor­­bild etwa der „Sendung mit der Maus“ oder „Logo!“ direkt zu den Kindern gelangen. Immer im Bewusstsein, dass damit eine Schulbildung nicht ersetzt werden kann. Dennoch bieten edukative Kinderprogramme ein Tor zur Welt – beson­­ders wichtig für Mädchen, die in Gebieten mit wieder erstarkendem Islamismus oft nicht mehr das Haus verlassen können.

Ein neuer Schwer­­punkt im kommenden Jahr werden daher Trainings zur Bericht­­erstattung in Krisen­­gebieten für die afgha­­nischen Partner­sender sein. Im Zentrum stehen dabei Themen wie Veri­fizierung von Nachrichten sowie der Umgang mit Pro­­pa­­ganda und Informa­tionen bei Ent­­­­­­­führungen. Trotz der noch immer instabilen Sicher­­­­heitslage leisten die DW-Mitarbeiter auch weiterhin wertvolle Arbeit im Sinne des DW-Leitbilds: „Wir vermitteln die Werte freiheitlicher Demokratie und setzen uns für die Menschenrechte ein“, heißt es dort. Und: „Wir fördern zivil­­gesellschaft­liche und Frieden stiftende Prozesse.“ Ohne freie und profes­­sio­­nelle Medien wird dies in Afghanistan nicht möglich sein.

4594370485_781466c0cd_b-KopieDer Autor, geboren 1944 in Lindenthal (Kreis Leipzig), studierte Philosophie, Päda­­gogik und Sozialpädagogik. Erik Better­­mann war von 1989 bis 1991 stellvertretender SPD-Bundesgeschäftsführer und von 1995 bis 2001 Bevollmächtigter für Bundes­­angelegenheiten, Europa und Entwicklungs­­zusammenarbeit der Freien Hansestadt Bremen. Er ist seit 2001 Intendant der Deutschen Welle.