Erich Staake: Duisport – Weltgrößter Binnenhafen und führende Logistikdrehscheibe in Zentraleuropa

In der Welt werden die Deutschen für ihr organisatorisches Talent
gerühmt. Logistische Fähigkeiten liegen uns also offensichtlich nahe. Wie
sehr dies stimmt, das belegt der weltweit größte Binnenhafen in Duisburg,
dort wo man sich noch immer ganz bergmännisch mit „Glück auf!“ begrüßt.

Eine Zugverbindung über 10.300 Kilometer verbindet seit dem Jahr 2011 die mutmaßlich größte Industrie­stadt der Erde mit dem größten Wirtschaftsraum Euro­pas. 16 Tage lang ist die Bahn mit Containern unter­wegs. Transportiert werden vorwiegend Produkte von Elektronik-Zulieferern, ebenso Computer der Hersteller Hewlett-Packard und Acer. Zunächst verkehrten die Züge einmal, inzwischen sind sie bis zu dreimal in der Woche auf den Schienen. Der „Yuxinou-Zug“ fährt zwischen der 30-Millionen-Einwohner-Stadt Chongqing in der Volksrepublik China und dem Duisburger Hafen, dem größten Binnenhafen der Welt. Von dort aus sind 150 Millionen Menschen im Umkreis von 500 Kilometern zu erreichen. In China schwärmt man von der Bahnver­bin­dung und nennt sie bereits blumig „neue Seidenstraße“.

Aber auch wir eher nüchternen Mitteleuropäer kommen nicht umhin, die Dimension dieser logistischen Attraktion zu bestaunen. Was in Zusammenarbeit von DB Schenker, russischer Staatsbahn, chinesischen Experten und den Fachleuten der Duisburger Hafen AG – duisport – hier entwickelt wurde, führt Märkte zusammen und eröffnet Unternehmen an beiden Enden der Strecke neue Pers­pektiven – ein herausragendes Beispiel für die Konzep­tionen und Strategien, denen Duisburgs Binnenhafen seit nun 15 Jahren wachsende Umsätze und Erträge verdankt. Der Duisburger Hafen hat sich in dieser Zeit zur führen­den Logistikdrehscheibe in Zentral­­eu­ro­­pa entwickelt.

Inzwischen realisieren die gut 300 im Hafengelände angesiedelten Unternehmen gemeinsam mit der Hafengesellschaft und den beteiligten Firmen der Region einen Güterumschlag von über 120 Millionen Tonnen bei einer Wertschöpfung von drei Mil­liarden Euro pro Jahr. 2013 gab es mit dem Umschlag von mehr als drei Millionen Standardcontainern (TEU) ein Plus von 16 Prozent. Zugleich wurde die Beschäf­tigung, die im Ruhrgebiet unmittelbar mit den Akti­vitäten im Hafen zu tun hat, binnen 15 Jahren mehr als verdoppelt – von damals 20.000 auf heute über 40.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir in Duisburg haben dabei schon früh auf die Bahn gesetzt. Denn beispielsweise der Zug zwischen Chong­­qing und Duisburg ist auf dieser Distanz doppelt so schnell wie ein Transport zur See. Zugleich ist die Fracht nur halb so teuer wie der schnellere Transport durch die Luft. Insgesamt verkehren inzwischen jede Woche mehr als 360 Eisenbahnzüge im Linien-Güter­verkehr zwischen dem Duisburger Hafen und 80 Zielen in Deutschland und der Welt. Damit wird zugleich ein hohes ökologisches Ziel erreicht, denn Tausende Tonnen Güter müssen nicht mehr über verstopfte Straßen und Autobahnen transportiert werden. Die Bahn-Orientie­rung wurde zum ersten Standbein unserer „trimodalen“ Verkehrskonzeption. Erstklassige Hafenanbindung an den Rhein als Europas größte Wasserstraße und an das dichte deutsche und europäische Kanalnetz ist das zweite Standbein, komplettiert durch hochmoderne Lager-, Verpackungs- und Ladetechnik im Hafen. Hinzu kommt die exzellente Anbindung an Hauptlinien des europäischen Autobahnnetzes. So gerüstet ist der Duis­­burger Hafen in der Lage, ausgefeilte Konzeptionen für die Versorgung des großen Hinterlandes in der Mitte der Europäischen Union zu entwickeln – dies hat sich in den vergangenen Jahren als wirkungsvoller Wettbe­werbsvorteil herausgestellt.

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Die Verantwortlichen der nahen belgischen und nieder­ländischen Seehäfen im Westen sowie die norddeutschen Seehäfen nutzen Europas größten Binnenhafen als kundennahe Güter-Drehscheibe. Inzwischen werden beispielsweise zwischen Rotterdam und NRW jedes Jahr mehr als 70 Millionen Tonnen Güter transportiert – der größte Teil davon läuft über den Duisburger Hafen. Intensiv entwickelt sich auch die Verbindung nach Antwerpen. Dort ist die Duisburger Hafen AG am Con­­tainerterminal Antwerp Gateway beteiligt und unterhält einen Standort für Verpackungslogistik. Bis zu zehn Mal wöchentlich verkehren inzwischen die Container­züge zwischen beiden Standorten. Und kürzlich wurde zwischen beiden Häfen vereinbart, die Achse Ant­werpen-Duisburg weiter zu stärken und zu einem der zentralen Logistikkorridore in Europa zu entwickeln. Dazu sollen unter anderem neue, schnelle Zugverbin­dungen zwischen Duisburg und Antwerpen entstehen. Zusätzlich arbeiten beide Partner an der Erweiterung der bestehenden Verbindung Wien-Duisburg-Antwerpen, um Wien als Tor zu den osteuropäischen Märkten noch stärker als bisher an den zentraleuropäischen Markt anzubinden. Duisburgs Hafengesellschaft spielt auch in diesem Fall die Rolle eines Konsolidierers und eines Logistikverteil­zentrums.

Ein weiterer Baustein des Hafenwachstums in Duisburg ist die betonte Orientierung auf Dienstleistungen für unsere Partner. Dieser Sektor ist in den vergangenen 15 Jahren immer wichtiger geworden. Da ging es zunächst um Immobilienmarketing im Zusammenhang mit der Ansiedlung von Unternehmen, besonders auf den neuen „logport“-Flächen wie zuerst auf dem Areal der einstigen Krupp-Hütte in Rheinhausen. Hier ist es gelungen, mehr als 4.000 neue Arbeitsplätze in der Logistik zu schaffen, doppelt so viele, wie in einem modernen Stahl­werk entsprechender Größe heute an­­geboten würden. Inzwischen sind weitere ehemals freie Flächen durch „logport II“ und „logport III“ belegt. Nun entwickeln wir gemeinsam mit Nachbarkommunen weitere Areale au­­ßer­­halb des Stadtgebiets – darunter „logport IV“ in Kamp-­Lintfort und „logport V“ in Oberhausen – und unterstützen zusätzliche logistische Ansiedlungen wie beispielsweise in Castrop-Rauxel.

Zur Infra- und Suprastruktur kommt der Bereich der logistischen Dienstleistungen: Unsere Tochtergesell­schaft duisport agency entwickelt mit großem Erfolg maßgeschneiderte logistische Hinterlandkonzepte für die Transportketten unserer Kunden, ebenso Marke­ting- und Vertriebskonzepte. Diese Expertise bietet duisport auch international an, wie zuletzt in Brasilien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Dort haben Experten von duisport ein Hinterlandkonzept für den Ausbau des Hafens Jebel Ali in Dubai entwickelt, der zur logisti­schen Drehscheibe für die gesamte Region werden soll.

Weil Logistik und Produktion in der globalisierten Welt immer enger zusammenwachsen, gehört zum Spek­­trum einer modernen Hafengesellschaft auch die eigene Verpackungslogistik, die wir in unserem Tochterunter­nehmen duisport packing logistics zusammengefasst haben. Dieses Unternehmen arbeitet inzwischen an zahlreichen nationalen und internationalen Logistik-Knotenpunkten wie in Antwerpen, China oder Indien. Das Unternehmen gehört zu den Marktführern im Bereich der Industrie- und Exportverpackung für den Maschinen- und Anlagenbau.

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Duisburgs Hafen hat sich also in den vergangenen Jah­­ren neu erfunden: Während die traditionellen Güter wie Kohle, Eisen und Stahl an Marktanteilen im Güter­um­schlag ver­­loren, wuchs die Bedeutung von chemischen Produkten, Maschinen- und Industrieanlagen, Lebens­mitteln und Produkten der Informationstech­nologie. Führende Unter­­nehmen der Logistik haben sich hier etabliert: Welt­marktführer Kühne + Nagel betreibt hier seinen weltweit größten Standort, Japans NYK/Yusen Logistics er­­weitert gerade seinen stärksten Standort in Europa. DHL, DB Schenker oder CMA CGM wissen Duis­burgs Hafen ebenfalls zu schätzen. Und weil die in­­dustrielle Pro­­duk­­tion und logistische Dienstleis­tun­gen zu­­neh­­mend enger zusammenrücken, bieten Un­­terneh­men im größten Binnenhafen der Welt ihren Industrie-Kunden heute immer häufiger auch die Kom­missio­nierung, Verpackung und europaweite Dis­tribution von Gütern an. Diese Möglichkeiten nutzen große Marken wie He­w­lett-Packard, Johnson & John­­son, Danone Waters, Siemens oder Mitsubishi.

Auch Deutschlands Schlüsselbranche schätzt die Duis­burger Qualitäten. 2013 ließ die Audi AG ihr weltweit größtes Logistikzentrum in Duisburg errichten. Hier werden Baukomponenten aus deutschen Zulieferfirmen für unterschiedliche Audi-Fahrzeugtypen kommissioniert, verpackt und verschickt. Ziel sind die Produktions­bänder der internationalen Audi-Werke in Asien und demnächst Mexiko. Im April 2014 kam ein Logis­tik­zentrum für Autokomponenten von Volkswagen hin­zu, die ebenfalls von Duisburg aus in die Welt verschickt werden. Mehr als 700 Beschäftigte werden hier im Auf­­trag der beiden Auto-Marken arbeiten – ein neues Bei­spiel für die Jobmaschine Logistik, die im und um den Duisburger Hafen entstanden ist.

130412_Porträtfoto-Erich-Staake-Neu-KopieErich Staake
Der 1953 in Hildesheim geborene Autor ist Vorstandsvorsitzender der Duisbur­ger Hafen AG und Vorsitzender der Ge­­schäfts­­führung mehrerer Tochtergesell­schaften. Der Diplom-Kaufmann Staake war nach seinem Studium als Manager bei namenhaften internationalen Konzernen, unter anderem der Bertelsmann AG Gütersloh, tätig.