Entschleunigung: Runter vom Karussell …

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Gas geben im Beruf: Entschleunigen ist eine Überlebensstrategie im Privaten. Bild: Rainer Sturm / www.pixelio.de

Wir leben und arbeiten auf einem Karussell, das sich immer schneller zu drehen scheint und uns Orientierung und Sinne raubt. Die Digitalisierung aller Lebensbereiche hat nicht nur neue Wirtschaftszweige entstehen lassen, sondern auch die weltumspannende Kommunikation auf Echtzeit beschleunigt. Im Produktmarketing zählt heute die Echtzeitkommunikation sowohl bei der Platzierung als auch beim Umgang mit Produktkritik. Fehler am Produkt werden in den einschlägigen social media und Diskussionsforen schneller zerlegt und der Shitstorm im Schneeballprinzip zügiger vorangetrieben als die Sitzung so mancher Aufsichtsräte dauert.

 

In der rasanten Welt der Digitalisierung rächt sich jeder Fehler

 

Der größte Feind der Qualität sei die Eile, meinte einst Henry Ford. Das gilt heute mehr denn je. Doch Qualität allein genügt in Zeiten des digitalen Preisvergleichs nicht, wie selbst die besten Direktvermarkter etwa von Haushaltsgeräten oder Matratzen wissen. Denn auch Oma geht heute ins Internet und vergleicht Qualitätsversprechen und Preise. Der Perfektion eines Produkts kommt inzwischen die gleiche Bedeutung zu wie dem marktgerechten Preis im Wettbewerb.

 

Auf der anderen Seite gewinnt in unserer digitalen Welt der fortgesetzten Echtzeit-Interaktion, die schon vor dem ersten Kaffee beginnt, auch die Entschleunigung, das Abschalten an Bedeutung. Lebensqualität jenseits von Smartphone und Tablet finde ich im Privaten, wenn ich sie denn suche. Doch dazu muss ich mir erst einmal eine entsprechende Wohlfühlatmosphäre schaffen, die mich dazu einlädt, vom Karussell abzusteigen und den Orientierungssinn zu stabilisieren. Das fängt schon bei der Lage des Rückzugsorts „Wohnraum“ an. Habe ich einen freien Blick ins Grüne oder auf ein Gewässer? Kann ich aus der Tür rausfallen und im Wald den Stress wegjoggen oder als Wassersportler auf dem Fluss meine Freiheit genießen und mich regenerieren? Gerade in den pulsierenden und dicht bewohnten Zentren der Metropolregionen kann der Wert der Lebensqualität nicht hoch genug eingeschätzt werden. In der Rhein-Main-Region ist etwa das Leben am Rande des Odenwalds oder an den Ufern von Rhein und Main gefragt. Bauprojekte mit Uferzugang – noch dazu ohne Hochwasserrisiko – sind entsprechend werthaltig. In Wiesbaden lockt jetzt das Entwicklungsprojekt Rheinblick-Quartier mit neuen Angeboten im Stadtteil Kastel direkt auf Höhe der Petersaue.

Doch ob Rhein- oder Mainufer, Taunus oder Odenwald – letztlich müssen wir alle unsere individuelle Oase der Entschleunigung finden, einen ruhigen Standort der Erholung und doch nah genug am Karussell, um täglich frisch erholt wieder aufspringen zu können.

 

Bernhard Knapstein