Dr. Wilhelm Zörgiebel: Der richtige Nährboden für erfolgreiche Innovationen

Als Dr. Wilhelm Zörgiebel 1992 das Gebäudeensemble der Deutschen Werkstätten Hellerau erwarb, ging es neben der Erhaltung der historischen Bausubstanz auch um die Entwicklung eines Innovationszentrums. Gemeinsam mit Prof. Jörg Gabert gründete er hier 1999 die Biotype Diagnostic GmbH. Mittlerweile haben sich zahlreiche weitere Unternehmen in dem Komplex eingefunden, als erfolgreiches Netzwerk am Standort Dresden.

Anders als bspw. in den USA, sind Risikobeteiligungen an Bio­­technologie-Start-ups in Deutschland nicht die Regel. Was bedeutet das für Gründer und welche Alternativen gibt es?

Dr. Zörgiebel: Stimmt. Das liegt nun leider schon auch in der Natur der Dinge: Biotechnologie ist kein schnelles Ent­­wick­­lungs­­feld, schon gar kein günstiges und mit vielen Risiken be­­haftet. Gel­ten­­de Zulassungsanforderungen und auch die geringe Größe des deutschen Binnenmarktes stellen dabei auch eine nicht un­­be­­trächtliche Hürde dar. Chancen und Alternativen für diese Bran­­che sehe ich persönlich im Um­­feld des an Einfluss gewinnenden Family Equity. Die nicht auf den schnellen Gewinn ausgerichteten Family Offices haben oft ein erheblich längerfristiges Beteili­­gungs­­interesse und sind es gewohnt, langfristige Risiken zu tragen. Au­­­ßer­­dem wurde das zu verwaltende Vermögen oft durch eigene Unter­­­­neh­­mungen erwirtschaftet, was nicht selten zu mehr Ver­­ständnis für Geschäftsentwicklungen führt. Es ist die Form von Unter­­neh­­mens­­beteiligung, die ich auch selbst bevorzuge.

2001 kam es zur Gründung der Sächsischen Koordinie­r­ungs­­­stelle für Biotechnologie, biosaxony. Was hat sich, konkret am Stand­­ort Dresden, seitdem getan?

Dr. Zörgiebel: Die regionale unternehmerische Vernetzung liegt mir sehr am Herzen und es freut mich, dass mittlerweile über 114 Unternehmen und renommierte Institute dem Verband an­­ge­­hören. Die Verbandsarbeit trägt Früchte und viele der Mitglieder profitieren davon. Seit 2011 unterstützt die biosaxony-Management GmbH kleine und mittelständische Unternehmen zu­­sätz­lich. Eine Steigerung der Schlagkraft erhoffe ich mir durch die 2012 gegründete Zukunftskommission für Biotechnologie und Lebenswissenschaften biosax2030. Denn jetzt muss meiner Ansicht nach die Politik wieder verstärkt mit ins Boot, den Tech­­nologietransfer im Freistaat weiter vorantreiben und günstige Voraussetzungen für die Weiterentwicklung des Standortes schaffen. Diese Stärkung des Technologietransfers ist für Unternehmen und Forschungsinstitute von großer Bedeutung. Denn sonst geht zu viel des wertvollen in den Instituten generierten Innovationspotenzials verloren und zu viele große Chancen werden nicht genutzt. Für Sachsen erhoffe ich mir mehr Präsenz von global agierenden Unternehmen mit breitgefächerter inhaltlicher Ausrichtung. Wir, die Mitglieder der biosaxony e. V., sind bereit.

GebäudeEnsemble Deutsche Werkstätten Hellerau „Leben und Arbeiten, Kultur und Natur” – nach diesem Modell ließ der Unternehmer Karl Schmidt zusammen mit dem Deutschen Werkbund zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Gartenstadt Hellerau und ihr Kernstück, das GebäudeEnsemble Deutsche Werkstätten Hellerau, errichten.

GebäudeEnsemble Deutsche Werkstätten Hellerau
„Leben und Arbeiten, Kultur und Natur” – nach diesem Modell ließ der Unternehmer Karl Schmidt zusammen mit dem Deutschen Werkbund zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Gartenstadt Hellerau und ihr Kernstück, das GebäudeEnsemble Deutsche Werkstätten Hellerau, errichten.

Auf dem Areal des GebäudeEnsembles Deutsche Werkstätten Hellerau hat sich, weitgehend unabhängig von staatlicher Unterstützung, ein wichtiger Biotechnologie-Standort in Dresden etabliert. Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Dr. Zörgiebel: Die Entwicklung dieses Biotechnologie-Standortes entspricht auch meiner eigenen unternehmerischen Entwicklung und die Vision dazu entstand mit der Gründung der Biotype Diagnostic 1999. Dabei verbindet der Standort Ge­bäudeEnsemble Deutsche Werk­stätten Hel­lerau „drei“ Seelen in meiner Brust: zum einen die Bio­­tech­­nologie am Technologiestandort Dresden, dann das Euro­­päische Zentrum der Künste – im Fest­­spiel­­haus Hellerau – quasi in Sichtweite und, nicht zuletzt, mein Büro in einem historischen Ort der Innovation, des Designs und begeisternder Qualität. Von Beginn an blieb das unternehmerische Geschick und das nötige Glück auf meiner Seite und so füllten sich die Büros und Labore. Zuletzt mit den Ver­wal­tungs- und Laborräumen der Biotype Innovation GmbH, dem Joint Venture aus quicklebendiger sächsischer Bio­­tech­­nologie und globaler Technologie und Vertriebskraft, der QIAGEN N.V.

Die Biotype Innovation GmbH ist ein Joint Venture der QIAGEN N.V. und des Dresdner Biotechnologie­unternehmens Biotype Diagnostic GmbH. Welcher Netzwerkgedanke steht hinter dieser Kooperation und wie kam es dazu?

Dr. Zörgiebel: Die Intentionen für diese Kooperation kommen zum Teil aus der erfolgreichen Zusammenarbeit und zum Teil aus gemeinsamen Zukunftsplänen. Sie sind an einem meiner Lieblingsthemen orientiert, der Personalisierten Medizin.Die darin liegenden Möglichkeiten, Diagnostik und Therapie patientenorientiert zu verknüpfen, sehe ich als den Weg der Medizin in der Zukunft. Mit den in der Biotype Diagnostic GmbH entwickelten Verfahren sind wir schon von Beginn an mit auf diesem Weg. Die QIAGEN kennt die Biotype aufgrund einer jahrelangen Zuliefererbeziehung bei der Produktion von forensischen Tests bereits und verlässt sich auf unsere Qualität und unser Know-how. Dadurch spiegelt gerade dieses Joint Venture den Netzwerkgedanken in seiner reinsten Form wieder: QIAGEN schätzt die Wendigkeit und Zuverlässigkeit des mittelständischen Unternehmens, und die Biotype Dia­­gnostic profitiert von der Technologiestärke und der Markt­­präsenz eines Global Players.

V.l.n.r. Peer M. Schatz (CEO QIAGEN), Dr. Karim Tabiti (GM Biotype Innovation),  Dr. Wilhelm Zörgiebel (CEO Biotype Diagnostic), Dr. Kerstin Korn (Laborleitung  Biotype Innovation), Stanislav Tillich (Sächsischer Ministerpräsident)

V.l.n.r. Peer M. Schatz (CEO QIAGEN), Dr. Karim Tabiti (GM Biotype Innovation),
Dr. Wilhelm Zörgiebel (CEO Biotype Diagnostic), Dr. Kerstin Korn (Laborleitung
Biotype Innovation), Stanislav Tillich (Sächsischer Ministerpräsident)

In welchen weiteren Netzwerken hat sich die Biotype Diagnostic GmbH engagiert?

Dr. Zörgiebel: Unternehmen können nicht „netzwerken“, das müssen die Menschen tun und die Mitarbeiter der Bio­type Diagnostic arbeiten schon viele Jahre mit verschiedenen Partnern in Dresden zusammen. Dazu ge­­hören, neben bio­­saxony e. V., mehrere Institute der TU Dresden, das Max-Planck-Institut für molekulare Zell­­bio­logie, verschiedene Fraun­­hofer-Institute, das DFG Zentrum für Regenerative Therapien Dresden und das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen der Helm­­holtz Gesellschaft. Gelebtes „Netz­werken“ findet auch in dafür geschaffenen Infrastrukturen statt, wie zum Beispiel dem Bioinnovationzentrum oder dem B CUBE (Center for Molecular Bioengineering), deren Kontakt­­daten sich ebenfalls in unseren Adresslisten befinden. Privat engagiere ich mich auch bei Healthy Saxony, den International Friends Dresden e. V., den „Jazztagen Dresden“ und im Vorstand der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ).

Sie haben sich der Förderung junger Biotech-Unternehmen verschrieben. Wie genau sieht diese Förderung aus?

Dr. Zörgiebel: Als promovierter Innovationsmanager lasse ich mich schon immer von innovativen Produkten, Ideen oder Herangehensweisen begeistern. Fördern und unterstützen konnte ich junge Biotech-Unternehmen während meiner Gutachter-Tätigkeit bei „Future-Sax“. Dabei ging es darum, einen Gründerwettbewerb des Freistaates Sachsen als Juror zu begleiten, Start-ups den besten Weg durch die Gründungs­­jahre aufzuzeigen und die richtigen Impulse zu setzen. Diese spannende Erfahrung bewog mich bei der Gründung der Sherpa.Dresden GmbH, mit einem kompetenten Team mit­zuwirken, einem Unternehmen das genau dort ansetzt. Hierin sehen wir unseren persönlichen Beitrag zur Regional­­entwicklung der Hightech-Industrie.

Die reine Forschungsarbeit wird an den Standorten Leipzig und Dresden stark gefördert, doch daraus entwickeln sich nur relativ wenige Job-Effekte in der freien Wirtschaft. Was kann und muss hier konkret verbessert werden?

Dr. Zörgiebel: Meines Erachtens liegen große, noch nicht genutzte Chancen in der konsequenten Realisierung des Technologietransfers hier in Sachsen. Das enorm starke Potenzial der wissenschaftlichen Institu­­tionen sollte besser genutzt werden, doch die „Traute“ fehlt. Dabei zeigt jetzt schon die Präsenz national- und international anerkannter Institute, Wissenschaftler und Technologie­­unternehmen, dass die Wahrnehmung der Region als Wissen­­schafts- und Technologiestandort längst stattgefunden hat. Jetzt müsste meines Erachtens nicht nur die außeruniversitäre Forschung, sondern auch der Technologietransfer zur Entwicklung von marktfähigen Produkten oder Dienst­­leistungen verstärkt organisiert und gefördert werden. Dadurch wären sicher viele der gut ausgebildeten Wissen­­schaftler nach ihrer Ausbildung zu halten. Dabei geht es nicht nur um eine finanzielle För­de­r­ung, sondern auch um den Abbau administrativer Hürden.

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1992 kaufte und sanierte Dr. Wilhelm Zörgiebel die Deutsche Werkstätten Hellerau GmbH in Dresden. Seit 1996 hat er verschiedene Unternehmens­gründungen initiiert, finanziert und operativ als ge­­schäftsführender Gesellschafter begleitet. Die Aktivitäten sind in der ZIB Zörgiebel Industriebeteiligungen GmbH gebündelt. Dort sind auch die Beteiligungen Biotype Diagnostic GmbH, Qualitype GmbH, ROTOP Pharmaka GmbH, InnoTERE GmbH und Alacris GmbH angebunden.