Dr. Wilhelm W. Zörgiebel: Tradition und Moderne – Tech­­nologiezentren im Innovationswettbewerb

Anziehungskraft schöpft Dresden heu­­te aus vielschichtigen Verk­nüpf­­un­­gen von Kultur, Industrie und Bildung. Wirt­­schaft und Wissenschaft der Stadt profitieren von lebendigen Traditionen, die weit in die Vergangenheit zurückreichen.

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Für die weitere Entwicklung ist entscheidend, kreative Potenziale – Men­­schen und Institutionen – so gut mit ei­­nander ins Gespräch zu bringen, dass dauerhaft Neues entsteht: Ideen, For­­schungsfragen, Wissen, Produkte und Kooperationen – Innovationen. Einen Widerhall findet dieses Neue dann nicht nur in der Welt der Wirtschaft und in Wettbewerbsvorteilen, sondern in For­­schung und Lehre, Kunst und Kultur, denn Innovationen erschöpfen sich nicht allein in Technologien und Markt­­er­­folg.

Eine wesentliche Rolle spielen dabei Technologie- und Gründerzentren als Orte, an denen Wissen und Kom­­mu­­ni­­kation einen produktiven Nährboden finden. Was zeichnet diese Orte aus? Welche besonderen Eigenschaften muss eine Immobilie – ein Gebäude oder ein Standort – bieten, um at­­traktiv zu sein für wissensintensive Un­­ter­­neh­­men und ihre Mitarbeiter? Wie können eine Immobilie und ihr Management für sie Mehrwert schaffen?
Vor einhundert Jahre wurde Hellerau am Rande Dresdens erbaut, gründend auf dem Gartenstadt-Gedanken, um Arbeit, Wohnen, Bildung und Na­­tur zu vereinen. Heute, mit dem Wach­­­­sen der Wissensgesellschaft, sie­deln dort Unternehmen der Hoch­­tech­­no­­lo­­­­gie. Am Beispiel des Gebäude­­En­­sem­­­­bles­­ Deutsche Werkstätten Hell­­erau wird deutlich: Vermietung, Gas­­tro­­no­­­mie und Veranstaltungs­­mana­­gement in einem technologieorientierten Um­­feld funktionieren nicht als Immo­­bilien­­ver­­wal­­tung im klassischen Sin­­ne. Warum? Erfolgreiche Ideen, Ge­­schäftsmodelle und Un­­ternehmen wachsen zuerst in den Köpfen von Menschen. Kraft gewinnen sie dann im Austausch mit anderen und ge­­dul­­­­dige Arbeit an „echten“ lebendigen Orten.


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Zwar liegen die Vorteile der Digi­­ta­­li­­sier­ung auf der Hand: Entfernungen schrumpfen. Menschen rücken zusammen. Geschäfte werden schneller. Kos­­ten sinken. Dienstreisen sind heute längst nicht das einzige Mittel, gemeinsam mit anderen an Projekten zu ar­­beiten und sich auf dem Laufenden zu halten. Aber ein guter Unter­­neh­­mens­­standort ist mehr ein dichtes Dach über einem kreativen Kopf, mit schneller Internetverbindung und Haus­­mei­­s­­ter­­service.
Ein unternehmerisch geführtes Tech­­no­­logiezentrum als Adresse für technologieorientierte Unternehmen und Exis­­tenzgründer muss deshalb auf Prin­­­­zipien aufbauen, die im Folgenden zusammengefasst sind.

Nachhaltig bauen
Ein Gebäude, das – für den Möbelbau vor 100 Jahren visionär geplant und er­­baut – noch heute zweckmäßige mo­­derne Arbeitsbedingungen für Labore, Büros und Gewerbe bietet, darf verdientermaßen als wert- und nachhaltig bezeichnet werden. Dies ist der An­­spruch an nachhaltige Architektur, in der Wissen und Kommunikation als Antriebskräfte wirken. Der Mensch mit seiner Handwerkskunst und Kreativität ist das Maß für die Gestaltung seiner Umgebung.

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Vielfalt gewinnt
Vielfalt ist eine Ressource. Impulse für Neues entstehen dann, wenn sich Men­­schen und Themen begegnen, die bisher wenig miteinander zu tun hatten, zum Beispiel Forscher und Unterneh­­mer und Künstler. Zündende Ideen brau­­chen Konfrontation, um zu reifen. Und zu­­gleich verspricht ein guter Mietermix Schutz vor Konjunkturschwankungen.

Kommunikation und kurze Wege
Offene Kommunikation in alle Rich­­tun­­gen schafft Gelegenheiten für Ko­­oper­­a­­t­ionen. Technologie- und Gründer­­zen­­tren sind nur erfolgreich, wenn sie stetig dafür sorgen, dass ihre Mieter und de­­ren Partner nicht allein bleiben. Sie haben somit eine Plattformfunktion. Die Forschungs- und Unter­­neh­­mens­­land­­schaft in Dresden bietet dafür vielfältige Kontakte und Netzwerke. Ist die un­­mit­­telbare Nähe zur Technischen Uni­­versität Dresden und zu den For­­schungsinstituten deshalb für Gründer und wachsende Unternehmen ein un­­verzichtbarer Standortfaktor? Ich den­­ke nicht, denn Dresden ist vor allem eine Stadt der kurzen Wege. For­­schungs­­in­­stitute und Technologieparks finden sich in allen Teilen der Stadt. Entscheidend ist doch, wie gut diese Verbindungen tragen und wie es jungen Unternehmen gelingt, schnell Kontakte zu finden und Netzwerke zu knüpfen, die eine Ge­­schäfts­­idee zum Erfolg führen.

Markenpflege
Wem es gelingt, einen Ort als lebendige Marke zu etablieren, wird Mieter finden und binden, die ihrerseits zu­­gleich die Attraktivität des Standorts verstärken. Für junge Unternehmen bie­­ten Technologiezentren in erster Linie ein Versprechen auf Ge­­schäfts­­er­­folg in einem innovationsgetriebenen Umfeld.


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Wachstum und Wandel
Junge und erfolgreiche Unternehmen wachsen oder sie gründen Tochter­­fir­­men. In der Fähigkeit, immer wieder neue Freiräume für Nutzer zu schaffen, die sich kontinuierlich verändern, liegt die unternehmerische Herausforderung für private Technologie- und Gründer­­zen­­tren.

Internationaler Wettbewerb und Kooperation
Dresden ist der Wachstumsmotor der Region. Und zugleich gilt: Die Welt­­­wirt­­schaft ist überall. Zum Glück, wie ich finde! Weltoffenheit ist deshalb der richtige Weg, die Anziehungskraft der Region zu verstärken. Inspiration entsteht doch zumeist im Kontakt mit vermeintlich Fremden im gewohnten Umfeld.

Betont werden muss: Diese Prinzipien sind kein Patentrezept, eher Elemente für den Erfolg eines wissens- und tech­­nologieorientierten Gewerbe­­stand­­­orts. Orte wie das GebäudeEnsemble Deutsche Werkstätten Hellerau, die aus sich heraus ein Geheimnis verraten, ohne alles preiszugeben, geraten nicht in Vergessenheit. Wirtschaft und Wissenschaft verstärken sich im besten Fall gegenseitig und zugleich andere Bereiche der Gesellschaft. Das ist die große Stärke, die Dresden und Hellerau als Lebens- und Arbeitsort so attraktiv macht.

085_05_46_ADer Autor wurde 1953 geboren und hat nach dem Abitur in Darmstadt Wirt­schafts­in­­ge­­­nieur­­wesen studiert. Es folgten ein Stu­­dien­­­­­­aufenthalt an der Harvard Busi­ness School in Boston und 1983 die Pro­mo­­tion. Nach der Wieder­ver­eini­gung wirk­­te er als Unter­­neh­mens­berater. Seit 1998 ist er Ge­­­­schäfts­­führer der Grund­­­­­­­besitz Hell­er­­au GmbH und an ver­­schie­­denen Bio­­tech­­­­no­­­­­­­logie­­un­­ter­­neh­­men be­­teiligt.