Dr. Wilhelm Krull: Außergewöhnliches ermöglichen – Chancen eröffnen für exzellente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

Die Bedeutung der Ressource „Wissen“ für die Zukunftsfähigkeit eines Landes – ob arm oder reich an Rohstoffen – steht außer Zweifel. Optimale Rahmenbedingungen für diejenigen zu schaffen, die dieses Wissen generieren und publizieren, hat daher auch in Deutschland höchste Priorität.

Forschung findet hierzulande an Universitäten und Fachhochschulen, an außeruniversitären Forschungs­einrichtungen und in der Industrie statt. Die so genann­­te angewandte Forschung wird überwiegend von Wirt­schaftsunternehmen finanziert, die Grundlagen­forschung erhält ihre Mittel größtenteils vom Staat und auf ausgewählten Feldern auch von Stiftungen. Die breit gefächerte deutsche Forschungslandschaft bietet eine Viel­zahl an Arbeitsmöglichkeiten für Wissenschaftler(innen). Durch die enorme Ausweitung des Drittmittelmarkts und auch durch die Exzellenzinitiative wurden in den letzten Jahren viele neue Stellen insbesondere für den wissenschaftlichen Nachwuchs geschaffen. Dennoch zieht es zahlreiche Spitzenforscherinnen und -forscher ins Ausland – und zwar keineswegs ausschließlich in die USA. Ein Blick auf die aktuelle Statistik des Euro­pean Research Council weist beispielsweise Großbri­tannien als beliebtestes europäisches Forschungsziel­land aus: Seit 2008 haben über 400 erfolgreiche An­­tragstel­ler(innen) ihr Advanced-Grant-Forschungsvor­haben an einer britischen Forschungseinrichtung ange­siedelt, nur knapp 250 wählten eine deutsche Einrich­tung, rund 150 zogen das kleine Nachbarland Schweiz vor. Auch das Jahres­gutachten 2014 der Expertenkommission For­schung und Innovation (EFI) kritisiert die fortdauernde Abwanderung von deutschen Spitzenforscher(inne)n ins Ausland. Als Gründe für den Wechsel an ausländische Forschungs­einrichtungen werden unter anderem die größere und vor allem auch frühere wissenschaftliche Selbststän­digkeit, die verlässlicheren Karriereperspektiven sowie die bessere finanzielle Ausstattung genannt. Die deutschen Wissenschaftsförderer reagieren auf diese Situ­ation: Um inländische Forscher(innen) in Deutschland zu halten oder nach Deutschland zurückzuholen und um ausländische Spitzenforscher(innen) sowie besonders talentierte Nachwuchskräfte aus dem Ausland für den Forschungsstandort Deutschland zu begeistern, bieten sie seit einigen Jahren gezielt Förderprogramme an. Genannt seien hier zum Beispeil das Emmy Noether-, das Heisenberg- und das Reinhart Koselleck-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

Der Jahresetat der DFG entspricht mit 2,5 Milliarden Euro in etwa dem Kapital der größten wissenschaftsfördernden Stiftung in Deutschland: der Volkswagen­Stiftung. Angesichts dieses Größenverhältnisses ist die Frage berechtigt, welche Wirkung Stiftungen auf dem Gebiet der Wissenschaftsförderung erzielen können. Es ist jedoch nicht die Größe ihres Fördervolumens, sondern ihre Vorgehensweise, die den Unterschied macht. Ihre Unabhängigkeit und ihre Flexibilität ermöglichen es ihnen, rasch und wirkungsvoll zu handeln. Durch ihre Förderung von sorgfältig ausgewählten Personen und Vorhaben können sie „Inseln des Gelingens“ schaffen und somit indirekt einen erheblichen Einfluss auf die Wissenschaftspolitik und die Entscheidungsträger in den einzelnen Institutionen ausüben. Dies zeigen zum Bei­spiel die Förderangebote der VolkswagenStiftung für ex­­zellente Wissenschaftler(innen). Bereits in den 1990er Jahren hat die Stiftung an den damals noch sehr hierar­chisch orientierten deutschen Universitäten Nach­wuchs­­­­gruppen gefördert und da­­mit jungen For­­scher(inne)n erstmals eine frühe wissenschaftliche Selbstständigkeit und Leitungsver­antwortung ermög­­licht. Anknüp­fend an diese Förde­rung hat die Stiftung 2002 die noch heute be­stehenden „Lichtenberg-Professu­­ren“ ins Leben ge­­rufen, die herausragenden Wissen­schaftler(inne)n – wiede­­rum erstmals – eine Tenure-Track-Option an einer selbst gewählten deutschen Uni­­versität eröffneten. 2013 wurde zudem die Option eingeführt, aus der Lichten­berg-Profes­sur eine echte, mit eigenem Kapital ausgestattete Stiftungs­­professur zu entwickeln. Außerdem ist das Förderange­bot der Stif­­tung um die „Freigeist-Fellowships“ erweitert worden. Diese fachoffenen Fellow­­ships richten sich an außergewöhnliche Forscherper­sönlichkeiten nach der Promo­tion, die sich zwischen etablierten Forschungs­feldern bewegen und besonders kreative, oftmals risiko­behaftete Wissenschaft betreiben möchten. Da solche Forschung einen längeren Zeitho­rizont erfordert, werden die Fellow­ships für fünf Jahre ver­­geben mit der Option einer bis zu dreijährigen Ver­längerung. Die Stiftung bietet somit eine langfristige Unterstützung exzellenter Forscher(innen) an, reagiert aber auch kurzfristig auf neue Entwicklun­gen in der Forschung. Seit 2011 fördert sie beispielsweise deutsche Postdoktorand(inn)en, die zukunftsweisende Forschung mit Freie-Elektronen-Lasern betreiben möch­­ten. Durch eine dreijährige Förderung er­­möglicht die Stiftung den jungen Forscher(inne)n, Expe­­rimente mit dem bis dato leistungsfähigsten Röntgenlaser in Stan­ford durchzuführen und ab 2015 die in Stanford erworbenen Kennt­nisse am dann fertiggestellten Freie-Elek­tronen-Laser im Hamburger Forschungszentrum DESY anzuwenden.

Die moderne Wissensgesellschaft braucht transformative Forschung. Diese wiederum benötigt herausragende Talente, gute institutionelle Rahmenbedingungen und eine ausreichende institutionelle Grundfinanzierung, Förderung von hervorragenden Forscherpersönlich­keiten mit vielversprechenden Projekten, kurzfristige Bereitstellung von Mitteln zur Realisierung origineller Ideen, langfristige Förderung innovativer Projekte und nicht zuletzt mehr Mut zu risikoreichen Vorhaben bei allen Beteiligten. Das Verhältnis zwischen fördernden und Forschung betreibenden Organisationen und dem wissenschaftlichen Nachwuchs sollte geprägt sein von Verantwortung, Vertrauen und Verlässlichkeit. Exzellente Wissenschaftler(innen) sollen sich beherzt aufmachen können in das Grenzland transformativer Forschung und dort nicht nur den Weg zu neuen Erkenntnissen, sondern auch zu einer erfolgreichen wissenschaftlichen Karriere finden. Auf diese Weise werden wir auch weiterhin Außergewöhnliches ermöglichen.

 

Nach dem Studium der Germanistik, Philosophie, Pädagogik und Politikwissen­schaft war der Autor als Lektor an der Universität Oxford, beim Wissenschaftsrat, sowie in der Generalverwaltung der Max-Planck-Gesellschaft tätig. Seit 1996 ist Dr. Krull Generalsekretär der VolkswagenStiftung. Neben Tätigkeiten in der Wissen­schaftspolitik und Forschungsförderung nimmt er zahlreiche Funktionen in ver­schiedenen Gremien des In- und Auslandes wahr.