Dr. Volker Rodekamp: Tradition und Innovation, Bildung und Begegnung – Deutschlands Museumslandschaft

Als „Schatzhäuser unserer Städte“ hat der Schriftsteller Martin Mosebach die Museen in seiner Rede anlässlich der Wiedereröffnung des Museums Kunst­palast 2011 in Düsseldorf bezeichnet. In Deutschland ist die Zahl dieser Schatzhäuser im europäischen Vergleich ungewöhnlich hoch, über 6.500 Museen sind beim Institut für Museumsforschung verzeichnet. Darunter sind allein 660 Kunstmuseen, aber auch Volkskunde- und Heimatmuseen, Museen für Natur­kunde, Technik, große Museums­kom­plexe und Spezialmuseen. Sie alle werben mit ihren Sammlungen, Aus­stellungen und Veranstaltungen um Besucher. Sehr erfolgreich, denn wie die Umfrage zu den Besuchszahlen aus dem Jahr 2010 belegt, zählten diese Einrichtungen in den vergangenen 20 Jahren noch nie so viele Besuche wie im Jahr 2010. Über 109 Millionen Besuche verzeichneten die Museen, hinzu kommen weitere 6,1 Millionen Besuche in den Ausstellungshäusern, die keine eigene Sammlung besitzen. Ein Rekord­ergebnis, das nachdrücklich belegt, wie die Museen ihr Profil entsprechend den Anforderungen der modernen Wissens- und Erlebnisgesellschaft entwickeln. Zugleich etablieren sich Museen weiter als Orte der Bildung und der Vermittlung und bauen ihre Kompetenz als außerschulische Lernorte aus. Kooperationen mit Schulen und anderen Bildungs­einrichtungen und die Zusammenarbeit mit verschiedensten Bevölkerungs­gruppen gehören selbstverständlich zur Arbeit der Museen. Als Bildungs- und Freizeiteinrichtungen leisten sie ihren Beitrag zur gesellschaftlichen Ent­wick­lung und sind unverzichtbare Bestand­teile einer lebendigen und weltoffenen Kulturnation.

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Die vielfältige Museumslandschaft Deutschlands hat traditionsreiche Wur­zeln. Es ist die Sammelleidenschaft der Fürs­ten und Könige, der wir die reichen Samm­lungen insbesondere der großen Muse­ums­komplexe in Berlin, Dresden, München oder Kassel verdan­ken. Die Staatlichen Museen zu Berlin oder auch die Staat­lichen Kunst­samm­lungen Dres­den bewah­ren heute das Er­­be der Herr­scherhäuser für die Nach­welt und ziehen mit ihren aufsehenerregenden Expo­naten ein inter­nationales Publikum an. Doch auch in den kleineren Fürsten­tümern entstanden umfangreiche Samm­lungen, die heute den kul­­­turellen Reich­tum in den Re­­gio­nen bilden, wie bei­spiels­weise die Samm­­­­­lung­en von Schloss Friedens­stein in Gotha oder Schloss Got­torf in Schles­­wig. Das erste öffentlich zugängliche Museum des Kon­­ti­nents eröffnete 1754 im nieder­sächsischen Braun­schweig und da­­­­­­­mit nahezu zeitgleich mit dem Londoner British Museum.
Herzog Carl I. von Braun­schweig-Lüneburg richtete das „Kunst- und Naturalien­kabi­nett“ ein und zeigte fortan Bronzestatuet­­ten, Kunstkammer­ob­jekte, Elfenbein­schnit­zereien, Antiken, Ostasiatika und vieles mehr, und zwar nicht nur für ein auserwähltes Pub­li­kum, sondern auch für den normalen Bürger.

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Das wachsende Selbstbewusstsein des Bürgertums im 19. Jahrhundert fand seinen Niederschlag auch im Muse­ums­­­bereich. Bedeutende Kunst­samm­lungen entwickelten sich durch bür­gerschaft­liches Engagement. Hier ist besonders das Städel Museum in Frank­furt am Main zu nennen. 1815 legte der Frankfurter Kaufmann und Bankier Johann Friedrich Städel den Grundstock für eines der ältesten Kunstmuseen Deutschlands, in­­dem er verfügte, dass seine Kunstsam­m­lung und sein Vermögen in eine Stiftung zugunsten der Stadt und der Bürger­schaft zu überführen seien. Getragen von großer Unterstützung aus der Bürger­­schaft hat das Städel Museum seither seine Sammlung kontinuierlich erweitert und jüngst sogar einen großen Erwei­terungsbau ermöglicht. In Bremen wurde von Bürgern der Stadt 1823 ein Kunst­verein gegründet, der bis heute Träger der höchst erfolgreich arbeitenden Kunst­­halle ist. Zu ihrer Sammlung gehören Werke aus 600 Jahren Kunstge­schichte, darunter über 200.000 Hand­zeichnungen und druckgrafische Blätter.
Die größte Gruppe mit über 2.800 Museen bilden in Deutschland die Volkskunde- und Heimatkundemuseen. Zumeist sind es kleine Museen mit lokal- und regionalgeschichtlichen Samm­lungen, oftmals unter ehrenamtlicher Leitung. Gerade sie leisten einen wertvollen Beitrag zur Verankerung der Bevölkerung in ihrem kulturellen Erbe und zum Bewusstsein um die Wurzeln unserer Kultur und gewährleisten auch in den Regionen ein attraktives kulturelles Angebot.

Die Bedeutung Deutschlands als Indus­trienation führte zu einer großen Band­­breite an technikhistorischen Mu­­seen und Orten der Industriekultur.
Stillgelegte Industrieanlagen beispielsweise im Ruhrgebiet aber auch im Saarland oder in Sachsen begeistern heute die Besucher als eindrucksvolle Zeugnisse unserer industriellen Ver­gangenheit. Manche darunter habe den Status eines UNESCO-Welterbes erlangt, wie beispielsweise die Völklinger Hütte in Saarbrücken oder die Zeche Zoll­verein in Essen, wo zu Beginn des Kultur­hauptstadtjahres Ruhr.2010 das Ruhr Museum neu eröffnete.

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Das reiche kulturelle Erbe in Deutsch­land will bewahrt und erforscht, vermittelt und vermehrt werden. Staat und Gesellschaft sind sich in weiten Teilen dieser Verantwortung bewusst und stellen sich mit viel Liebe und auch viel Geld in den Dienst, das kulturelle Erbe für die nächsten Generationen zu erhalten. Eine große finanzielle Heraus­forderung vor allem für die Städte und Gemeinden, denn mehr als ein Drittel der Museen befindet sich in lokaler Träger­schaft. Wirtschaftsunternehmen haben sich hier oft als verlässliche und starke Partner erwiesen, die aus dem Be­­wusstsein für ihre gesellschaftliche Verantwortung heraus ihren Beitrag zu einem lebendigen und attraktiven Lebens­umfeld leisten und Museen in vielfältiger Weise unterstützen, beispielsweise durch Sponsoring von Ausstellungen und Bil­dungsangeboten, aber auch durch For­men der Public-private-partnerships wie im Fall der Stiftung Museum Kunstpalast, die gemeinschaftlich von der Landes­haupt­stadt Düsseldorf, der E.ON AG und der METRO Group getragen wird. Eines der bedeutendsten Beispiele privatwirtschaftlichen Engagements der jüngsten Zeit ist sicherlich der Neubau für das Museum Folkwang in Essen. Der spektakuläre Bau, entworfen von dem englischen Star-Architekten David Chipper­field, wurde zu 100 Prozent durch die Krupp-Stiftung finanziert.

Hervorragende Architektur von internatio­nalem Rang ist in den vergangenen Jahren zu einem Markenzeichen der Museums­szene geworden und zu einem Anziehungs­punkt für Architektur­begeis­­­­­terte und Museums­jünger. Beeindruckende Beispiele sind die kontemplative Inszenierung des Kölner Diozösanmuseums St. Kolumba, durch Peter Zumthor. Aber auch der Neubau des Militärhis­torischen Museums von Daniel Libeskind in Dresden oder der Wieder­aufbau des im Krieg zerstörten Neuen Museums auf der Museums­insel in Berlin von David Chipperfield, in dem seit der Neueröffnung im Jahr 2009 die Nofretete zu bewundern ist, locken die Besucher an.

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Zu den meistbesuchten Museen Deutsch­lands gehört das Deutsche Meeres­­­mu­seum in der Hansestadt Stralsund, dessen Neubau des Ozeaneums von Behnisch Architekten geschaffen wurde, dem Stuttgarter Architekturbüro, das durch den Bau des Münchner Olympia­­­­stadiums berühmt wurde. Die vier Stand­orte des Deutschen Meeres­mu­seums, zu denen auch das Ozeaneum gehört, besu­chen jährlich rund eine Million Menschen. Gewürdigt wurde die herausragende Qua­lität des Hauses im Jahr 2010 durch die Verleihung des European Museum of the Year Award. Der renommierte euro­päische Museums­preis ging in den vergangenen Jahren immer wieder nach Deutschland. So wurde im Jahr 2007 das Deutsche Auswandererhaus in Bremer­haven ausgezeichnet. Das tim – Textil- und Industrie­­­museum Augsburg wurde im Jahr 2011 durch eine Sonder­aus­zeich­nung gewürdigt und auf der Nomi­­nierungs­liste für 2012 steht das Rauten­strauch-Joest-Museum – Kul­turen der Welt in Köln, das vorab bereits als Preisträger des Mu­­seums­preises des Europarates 2012 bekannt gegeben wurde. Das im Jahr 2010 neu eröffnete ethnologische Museum ist ein gutes Beispiel für ein zeitgemäßes Ver­ständnis von Museums­­arbeit. Die rund 100 Jahre alte Institution hat sich mit der Neupräsentation seiner Dauer­aus­stellung von der traditionellen, nach Ländern geordneten Präsentation der ethnologischen Museen gelöst und ver­mittelt seine Inhalten themenspezifisch. Die Arbeit mit „Communities“ vor Ort ist genauso selbstverständlich wie die Öffnung des Museums als interkultureller Begegnungsort und das Aufgreifen aktu­­eller Entwicklungen und Themen.

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Im preisgekrönten Naturkundemuseum Ozeaneum Stralsund lassen sich die Giganten der Meere hautnah erleben.

Museen in der Bundesrepublik Deutsch­land, das sind heute Orte der Verge­wisserung, der Reflexion und der Kon­zentration, aber auch Orte der Be­­geg­nung, der Bildung, der Er­­fahrung, der Gemeinschaft und des Erlebnisses – in einer Vielfalt, die wahrlich einzigartig ist in der Welt.

 

rodekamp1-KopieDer Autor ist Präsident des Deutschen Museumsbundes. Er studierte Volkskunde, Ethnologie und Publizistik in Braunschweig und Münster, Promotion 1980. Ab 1983 war er Leiter des Museums für Geschichte, Landes- und Volkskunde in Minden. Seit 1996 ist er Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig und seit 2011 Geschäftsführer der Stiftung Völkerschlachtdenkmal Leipzig.