Dr. Ulf Kämpfer: Kieler Woche … und die Welt blickt auf die Förde

Kieler-Woche-Windjammerparade-0004-©Landeshauptstadt-Kiel---Thomas-Eisenkrätzer

Weit über drei Millionen Besucher aus 70 Nationen – die Kieler Woche ist nicht nur die weltgrößte Segelveranstaltung und das größte Sommerfest Nordeuropas. Sie ist vor allem auch ein touristisches Highlight.

Vielleicht beginnt man seinen Kieler-Woche-Besuch einfach mal auf dem Rathausturm. So wie die fast 2000 Touristen, die sich zu jeder Festwoche in den engen Fahrstuhl drängen, um nach 67 ruckeligen Metern auf der kleinen Aussichtsplattform anzulanden. Von hier hat man einen kilometerweiten Blick über die gesamte Stadt. Man sieht die Förde, wie sie nach Norden hin immer breiter und schließlich zum Meer wird. Man sieht Hunderte Zelte, Buden und Bühnen. Und man sieht Tausende Menschen, die wie kleine bunte Punkte durch die Stadt wimmeln.

Doch wer auf dem Rathausturm steht, bekommt allenfalls einen ersten Eindruck von dem, was die Kieler Woche ausmacht. Das große Ganze, das, was die Kieler Woche so besonders und einzigartig macht, ist auch von hier oben nicht zu überblicken. Es steckt im Detail. In den 2000 Veranstaltungen, die die zehn Festtage ihren Besuchern bieten. Denn die Kieler Woche ist nicht irgendein Volksfest. Die Kieler Woche hat viel mehr Facetten. Und sie hat vor allem eines: einen Anspruch.

Das ist zunächst einmal ein sportlicher: Auf den Regattabahnen vor dem Olympiazentrum Schilksee starten Boote aus 50 Nationen, 4000 Segler sind dann zehn Tage lang mit ihren Internationalen, Olympischen und Paralympischen Bootsklassen auf dem Wasser. Die Kieler Woche ist die weltgrößte Segelveranstaltung, wer hier gewinnt, gehört zur internationalen Elite. Das alles erleben die Zuschauer an Land unmittelbar mit. Die mediale Aufbereitung mit Live-Übertragungen der Wettfahrten hat sich in den vergangenen Jahren beeindruckend entwickelt.
Dazu besuchen über hundert Windjammer und Traditionssegler die Stadt und unternehmen mit ihren Gästen tägliche Ausfahrten. Das alles gipfelt dann am zweiten Sonnabend der Festwoche in der großen Windjammerparade, die regelmäßig über hunderttausend Menschen von den Ufern der Förde aus verfolgen.

Kieler-Woche-Windjammerparade-0031-©Landeshauptstadt-Kiel---Thomas-Eisenkrätzer

Überhaupt, die Besucher. Knapp 3,8 Millionen aus 70 Nationen waren es im Jahr 2015, ein neuer Rekord. Das bedeutet: Auf jeden Kieler Einwohner kommen 15 Kieler-Woche-Gäste, rein rechnerisch zumindest. Ganz klar, dass die meisten Hotels der Landeshauptstadt bis unters Dach ausgebucht sind, ebenso wie Pensionen und Privatquartiere.

Die Kieler Woche genießt mit ihrer einmaligen Mischung weltweite Aufmerksamkeit. Das macht sich natürlich auch beim Tourismus bemerkbar. Viele Gäste, die Kiel während der Festwoche kennen gelernt haben, kommen auch später gerne noch mal wieder. Sofern die zehn Tage nicht in die Schulferien fallen, sorgen sie wie zuletzt auch 2015 regelmäßig für eine Saisonverlängerung. Dann ist Kiel auch im Juni sehr gut gebucht.

Sicher auch deshalb, weil die Kieler Woche für wirklich jeden das passende Angebot bietet. Das größte Sommerfest im Norden Europas ist an Vielfalt kaum zu übertreffen. Und das fängt schon bei der Musik an: Mehr als ein Dutzend Bühnen zwischen dem Olympiazentrum und der Innenstadt präsentieren über 300 Konzerte – und das in den allermeisten Fällen kostenlos. Die musikalische Spanne reicht von aktuellen internationalen Stars über Cover- und Partybands, lokale Größen und deutschen Dauerbrennern bis hin zum Shanty-Chor.

Kinder schauen unterdessen auf der Spiellinie vorbei, die – natürlich – auch mit einem Superlativ daherkommt. Auf der Krusenkoppel gegenüber dem Kieler Landeshaus lädt die Stadt seit mehr als 40 Jahren zu „Europas größtem Kinder-Kultur-Angebot unter freiem Himmel“ ein. Auf dem fast 60.000 Quadratmeter großen Gelände erschaffen sich 450.000 kleine Besucher in jedem Jahr wieder ihre ganz eigene Fantasiewelt. Auf der Spiellinie wird gebaut, gehämmert, gemalt und gematscht; während der zehn Tage entsteht so ein riesiges Abenteuerland. Und das stets unter einem anderen Motto. Das Angebot ist gleichermaßen einmalig wie beliebt. So beliebt, dass Eltern auch stundenlange Anfahrten in Kauf nehmen. Die Zahl der süddeutschen Spiellinien-Stammgäste zumindest wächst jedes Jahr.

Abschlussfeuerwerk-0002-©Landeshauptstadt-Kiel---Bodo-Quante

Eine noch weitere Anreise haben die Nationen auf dem Internationalen Markt. Gut 30 Länder präsentieren auf dem Rathausplatz ihre landestypischen Spezialitäten und dazu viel Kunst und Folklore. Die verschiedenen Nationen machen den Bummel zu einer Art Weltreise der kurzen Wege: Von Argentinien nach Australien, von Indien nach Irland, von Nepal nach Norwegen sind es jeweils nur ein paar Meter. Zwischendurch lässt es sich dann ausgezeichnet rasten – etwa bei Rentiergeschnetzeltem (Finnland), Krokodilspieß (Ruanda) oder Zebra im Brötchen (Südafrika).

Wer dann immer noch nicht satt ist, vom Essen, Trinken, der Musik, von all dem, der zieht einfach immer weiter. An den Kleinkünstlern vorbei oder zur Balloon Sail, dem Treffen der Heißluftballone auf dem Nordmarksportfeld. Zum Seifenkistenrennen, zu den Trendsporttagen oder zum größten Zusammentreffen internationaler Marineeinheiten in Deutschland. Oder auch zu den eher ruhigen Ecken der Kieler Woche, ins Hoftheater mit seinem zauberhaften Figurenspiel etwa, oder in eine der zahlreichen Ausstellungen, die die Festwoche begleiten.

Und das alles alleine ist ja nur das Sonmerfest. Dabei hat die Kieler Woche auch politisch und gesellschaftlich so viel zu bieten. Den Weltwirtschaftlichen Preis etwa, mit dem in den vergangenen Jahren schon Nobelpreisträger und Persönlichkeiten wie Altkanzler Helmut Schmidt oder Ikea-Gründer Ingvar Kamprad ausgezeichnet wurden. Zum Internationalen Städteforum kommen jedes Jahr Vertreter aus Kiels Partnerstädten zusammen, um sich über aktuelle Herausforderungen auszutauschen. Und auch die Verleihung des Kultur- beziehungsweise Wissenschaftspreises der Landeshauptstadt hat in der Kieler Woche ihren Platz.

Für jeden etwas dabei also. Und damit ein Highlight für den Tourismus-Standort Kiel.

kaempfer-mittelDr. Ulf Kämpfer
Der Autor wurde 1972 in Eutin geboren, hat Jura und Philosophie in Göttingen sowie Galway (Irland) studiert und wurde 2004 zum Dr. iur. promoviert. 2008 ging Kämpfer in den Justizdienst. 2012 wurde er zum Staatssekretär im Energie- und Landwirtschaftsministerium ernannt. 2014 erfolgte seine Wahl zum Oberbürgermeister der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt Kiel.