Dr. Thomas Reiter: Die Raumfahrt als unverzichtbarer Bestandteil von Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft

Herausragende Meilensteine sind mit der Raumfahrt oft durch spektakuläre Ereignisse verbunden, so wie der erste Flug eines Menschen in den Weltraum 1961 oder, nicht einmal zehn Jahre später, die Landung auf dem Mond. Andere Ereignisse, und insbesondere solche von eher irdischer Natur, kommen nicht gleich in den Sinn, wenn man an Raumfahrt denkt. Trotzdem reichen ihre Nachwirkungen bis in die Gegenwart:

Vor 50 Jahren begann in Europa die Zusammenarbeit in der Raumfahrt mit der Gründung der beiden Vor­­läuferorganisationen der Europäischen Weltraum­­or­ga­nisation ESA. Heute ist ESA die führende Raum­fahrt­agentur in Europa und eine der wenigen weltweit, die das breite Spektrum der Weltraumaktivitäten vollständig abdecken. Dies reicht von den klassischen Weltraum­wis­senschaften und der Exploration über Erdbeob­ach­tung und die anwendungsorientierten Fel­­der Navigation und Kommunikation bis zur zentralen Frage nach dem zuverlässigen Zugang zum Welt­raum. Dazu gehört insbe­­sondere die Aufgabe, Raum­fahrttechnologien von morgen zu entwickeln. Das Welt­­­­raumjahr 2014 steht für diese vielfältigen Aufgaben geradezu beispielhaft: Im Januar erwachte die Raum­sonde ROSETTA nach einer zehnjährigen Reise durch unser Sonnensystem auf ihrem Flug zum Kometen Churyumov-Gerasimenko, seit Au­­gust befindet sich die Sonde in un­­mittelbarer Nähe des Kometen, sodass mit den wissenschaft­lichen Untersuchungen be­­gonnen werden konnte. Auf der Internationa­len Raumstation ISS, dem bislang größ­­ten internationalen technischen Ge­meinschaftsprojekt der Menschheit, das sich seit über­ 15 Jahren in einer nahen Erdumlaufbahn befindet, ist Eu­ropa mit zwei Astronauten ein Jahr lang quasi ununterbrochen vertreten. Ende Mai startete der deutsche ESA-Ast­ro­naut Alexander Gerst zu seinem sechsmonatigen Aufenthalt in dem außer­irdischen For­­schungs­labor, im November wird er von seiner italienischen Kollegin Samantha Cristo­fo­­retti­ abgelöst werden. Mitte August dockte das Raum­­fahrzeug „Ge­­­­­orges Lemaître“, das letz­te Auto­ma­tische Trans­­­­ferfahrzeug (ATV) vollautomatisch und eben­­so problemlos wie seine vier Vorgänger an der ISS an, um die Crew mit lebensnotwendigen Gütern und neuen Forschungs­ge­räten zu versorgen. Im gleichen Monat wurde ein weiterer GALILEO-Satellit gestartet. Ge­­meinsam mit der Europäischen Kommission legt die ESA die Grund­lagen für ein umfassendes europäisches Naviga­ti­ons­system, welches die europäische Unabhän­gigkeit in einem zentralen Bereich sichern wird. Im April startete der erste von insgesamt zehn SENTINEL-Sa­­telliten. Die Beobachtungen dieser SENTINEL-Missionen umfassen die Atmosphäre, die feste Landmasse und die Ozeane und sind somit ein wesentlicher Beitrag zu dem weltumspannenden Bemühen, unsere Erde zum Beispiel auch in der Klimafrage besser zu verstehen. Alle die genannten unbemannten Missionen sind vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guinea auf Ariane- oder Soyuz-Raketen gestartet worden. Im Dezember 2014 wird die Europäische Minister­rats­kon­ferenz über die nächste Generation europäischer Trä­gerraketen entscheiden, um auch in Zukunft Europas Zugang zum Weltraum zu garantieren. Man liegt sicher nicht falsch, wenn man diese Beispiele als eine europäische Erfolgsgeschichte begreift.

Solche Erfolge kommen nicht von ungefähr. Die große Vielfalt der Missionen zeigt das weite Spektrum an Wissen und Können, das in Europa nicht nur in der Agentur ESA, sondern auch bei den Partnern in Wissen­­schaft und Indus­trie heute vorhanden ist. Doch es wäre zu kurz gegriffen, wenn man diese Erfolge ausschließlich auf die herausragende Arbeit und das Wissen und Können der heutigen Teams zurückführte: Die Erfolge von heute wurden insbesondere auch durch die entsprechenden Entscheidungen vor zehn und mehr Jahren ermöglicht. Und letztlich waren diese politischen Vor­­­­gaben nur möglich, weil die Ent­scheidungs­träger­ eine gemeinsame Sicht der zu erreichenden Ziele hatten und weil Europa über eine leis­­tungs­fähige Basis in Wissen­­schaft­ und Industrie verfügte, die bei einem vertretbaren Ri­siko eine rea­­lis­­­ti­sche Aus­­­sicht auf Er­folg solch­­ an­spruchs­­­­­voller Welt­­raum­­mis­si­onen versprach. Da­raus­ folgt im Umkehr­schluss­­, dass wir in der mit­­telbaren Zukunft nur Erfolge er­warten können, wenn wir heute dafür die Weichen stellen, die gemeinsame Ziele definieren und es wagen, die dazu notwendigen Entscheidungen zu treffen. Ge­rade in einem Hochtechnologiebereich wie der Raum­fahrt gilt, dass Stillstand Rückschritt nach sich zieht. Von der Kon­­zeption einer Weltraummission bis zur Ent­­wicklung und erfolgreichen Durchfüh­rung vergehen oft ein oder gar zwei Jahr­zehnte. Die Notwendigkeit, über einen so langen Zeitraum Wissen und Können nicht nur zu er­hal­ten, sondern­ wei­terzuentwickeln, macht es unbedingt er­for­derlich, dass die heranwach­sende Ge­ner­­ation an Ingenieuren und Tech­­nikern die Mög­lichkeit zum Tun erhält. Europa ist heute gut aufgestellt, um die Heraus­for­derungen der nahen Zukunft zu meistern.­ Damit die­ser Satz auch noch in zehn und zwanzig Jahren seine Gültigkeit behält, sind heute weitreichende Ent­schei­dungen notwendig.

Exemplarisch gilt das insbesondere für das Ge­­biet der Explo­ration. Alle raum­fahrt­trei­­benden Na­­ti­­on­en sind sich einig, dass der Mensch in den nächsten zehn Jahren die Erdumlaufbahn verlassen und zu weiteren Zielen aufbrechen wird. Schon heute gibt es eine Viel­zahl ro­botischer Mis­si­onen, die unseren Mond und den Mars erkunden – eine wesentliche Vor­aussetzung dafür, dass später Menschen in diese Welten vorstoßen können. Dafür gibt es viele gute Gründe: Raumfahrt schafft Wissen und Können, das uns nicht nur bei der Be­­wältigung raumfahrtspezifischer Prob­leme, sondern auch hier unten auf der Erde hilft. Der Vorstoß des Menschen in das Weltall wird in breiter internationaler, wenn nicht sogar globaler Zu­­sam­men­arbeit durchgeführt werden: ein beredtes Zeu­gnis dafür, dass Raum­­fahrt Gesprächskanäle in der Politik öffnet oder offen halten kann und in bestem Sinne Völker auf dem ganzen Globus verbindet. Gerade für die „Soft Power“ Europa ist die Beteiligung an einem ebenso anspruchsvollen wie sichtbaren Unterfangen von zentraler Bedeutung, um in der Zukunft auf globaler Ebene Gehör zu finden. Und nicht zuletzt wird der notwendige Druck, neue, in­­novative Lösungen zu finden, die europäische Industrie nicht nur im Raumfahrtsektor, sondern in vielen weiteren Bereichen stärken.

Thomas Reiter war von 1992 bis 2007 ESA-Astronaut und der achte Deutsche im All. In der russischen Raumstation Mir absolvierte er 1995/96 den ersten ESA-Langzeitflug überhaupt. Dabei unternahm er als erster Deutscher einen Weltraumausstieg. Auch auf der ISS war er 2006 der erste europäische Lang­zeitflieger. Heute ist er ESA-Direktor für Bemannte Raumfahrt und Missionsbetrieb und Leiter des Europäischen Satellitenkontrollzentrums ESOC in Darmstadt.