Dr. Theodor Weimer: Finanzplatz München – Status Quo und Zukunftsaussichten

In München wird augenfällig wie sonst nirgendwo in der Republik: Der Erfolg der bayerischen – wie auch der gesamtdeutschen – Wirtschaft basiert auf ei­­nem Nebeneinander und Miteinander ei­­­ner starken, innovativen Industrie und hoch spezialisierten Dienstleistungs­­un­­ternehmen. Während andere deutsche Städte und Regionen nur über eine oder zwei „Leitbranchen“ verfügen, stützt sich Münchens Wirtschaftskraft auf mehrere, sehr unterschiedliche Standbeine. Die bayerische Landeshauptstadt ist In­­dus­­­trie- und Dienstleistungsmetro­po­­le zu­­gleich, wobei die Finanzwirtschaft ei­­ner der zentralen Dienstleistungs­sek­­to­­ren der Stadt ist. Sowohl das produzie­ren­de Gewerbe als auch die Finanz­wirt­­schaft verfügen in München über Unterneh­men mit Weltgeltung. Der Finanzplatz München ist eine der tragenden Säulen der bayerischen Wirtschaft.
Der Großraum München zählt dabei zu den bedeutendsten Finanzplätzen Eu­­ro­pas. Er zeichnet sich durch einen hohen Grad an Diversifikation aus. So ist Mün­­chen und sein Umland der deutsche Ver­­sicherungsplatz Nummer eins, Banken­platz Nummer zwei sowie die führende deutsche Stadt für Private Equity, Ven­ture Capital und Leasing. Zudem ist die Stadt ein bedeutender Standort für das Asset Management. Die Bayerische Bör­­se hat sich erfolgreich als schlagkräftiger Partner der Wirtschaft aufgestellt und macht München zu einem der in­­no­­vativsten Börsenplätze in Europa.

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Insgesamt sind rund 170 Kreditinstitu­­te in München vertreten, davon haben rund 50 ihren Sitz in der Stadt. Zu die­­sen zählt mit der HypoVereinsbank auch die drittgrößte Bank Deutschlands, die zu einer der bedeutendsten europäischen Bankengruppen, der UniCredit Group, gehört. Durch den Zusammenschluss von HypoVereinsbank und UniCredit hat der Finanzplatz vor vier Jahren einen starken europäischen Player gewonnen der ei­­nen bedeutenden Teil seiner Geschäfts­felder und Kompetenzen – beispielswei­se das Investment Banking – in Mün­chen konzentriert hat.
In München sind jedoch nicht nur die Banken prägend für den Finanzplatz, son­­dern in ganz besonderem Maße die Ver­­sicherungsunternehmen. Im Versiche­rungs­­bereich gehört München auch welt­­weit zu den führenden Plätzen. Rund 70 Versicherungen mit rund 32.000 Mitar­beitern haben in der Landeshauptstadt ihren Sitz. Gerade angesichts der Fi­­nanz­­marktkrise und ihrer Folgen ist das Vor­­handensein mehrerer Säulen ein un­­schätz­­barer Vorteil für den Finanzplatz und gibt der Finanzwirtschaft Münchens zu­­sätzliche Stabilität. Denn wie überall auf der Welt waren es auch in München die Banken, die von der Finanzmarktkrise besonders stark betroffen waren.
Dabei wird diese Krise die Rahmenbe­din­­gungen, unter denen die Banken und die gesamte Finanzwirtschaft arbeiten, nach­­haltig verändern. Und auch die üb­­­ri­­ge Wirtschaft wird aufgrund ihrer en­­gen Verflechtung mit der Kredit­wirt­schaft spür­­bar von diesen Veränderungen be­­trof­­fen sein. Mehrere große Entwick­lun­­gen sind zu erkennen, denen sich auch der Finanzplatz München stellen muss:
So wird es zu einer stärkeren Regu­lie­rung der Finanzwirtschaft kommen. Dies ist die Konsequenz aus einer der zentralen Erkenntnisse der Krise: dem par­­tiellen Versagen der Selbstregulie­rungs­­kraft der Finanzmärkte. Angestoßen von den G20-Staaten ist eine neue Finanz­marktarchitektur auf dem Weg der Um­­setzung: Neue Strukturen der Banken­aufsicht, erhöhte Transparenz- und Be­­richtsanforderungen und insbesonde­­re höhere Eigenkapitalanforderungen wer­­den die Finanzwelt nachhaltig verändern sowie die Handlungsfreiheiten und -mög­­lichkeiten der Finanzwirtschaft ohne Zweifel beschränken.

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Auch durch diese Veränderungen stellen wir gegenwärtig ein neues Spannungs­verhältnis fest: Einerseits werden die Banken von der Politik, aber auch seitens ihrer Kunden, unter Druck gesetzt, ihr Kreditengagement in der Krise voll auf­­rechtzuerhalten. Andererseits schränken die neuen Regulierungen und die hö­­heren Eigenkapitalanforderungen die Kre­­ditvergabemöglichkeiten der Ban­ken mas­­siv ein. Gleichzeitig ist der Risiko­transfer mittels Verbriefung durch die teilweise Lähmung des Kapitalmarkts immer noch eingeschränkt, auch wenn hier in den vergangenen Monaten deutliche Verbesserungen zu konstatieren waren.
Der Finanzplatz München ist gefordert, diesem Trend etwas entgegenzusetzen. Auch vor diesem Hintergrund wurde da­­her im Sommer 2009 der bayerische Mittelstandspakt ins Leben gerufen. Po­­litik, Wirtschaftsorganisationen und Kre­­ditwirtschaft arbeiten in diesem Pakt eng zusammen, um gute Rahmen­be­din­­gungen für eine erfolgreiche Arbeit der mittelständischen Wirtschaft und zur Sicherung ihrer Arbeitsplätze zu schaf­­fen. Konkret bedeutet dies: ge­­mein­­sam die Substanz der Unternehmen stärken; neue Wege in ein zukunftsorientiertes Wirtschaften öffnen und den notwendigen Strukturwandel frühzeitig anpacken. Zusätzlich wurden in einer gemeinsamen Anstrengung, an der auch die HypoVer­einsbank beteiligt war, Leitlinien zur Si­­cherstellung der Kreditversorgung der bayerischen Wirtschaft entwickelt und umgesetzt.
Auch diese Initiativen gehören zu den Maßnahmen, die zu einer schnellen Rück­­gewinnung des Vertrauens in die Ak­­teu­­re der Finanzwirtschaft beitragen. Denn der Vertrauensverlust in die Banken, der den Finanzplatz München genauso trifft wie alle Finanzplätze, ist eine der einschneidensten Folgen der Krise. Um lang­­fristig erfolgreich sein zu können, muss das gestörte Vertrauensverhältnis zu Kun­­den und Gesellschaft wieder vollkom­­men hergestellt werden. Die Akteure des Mün­­chener Finanzplatzes arbeiten be­­reits intensiv daran, die Voraussetzun­gen hier­­für zu schaffen. Geschäfts­mo­delle werden auf nachhaltige Prinzipien ausgerichtet, in vielen Häusern ist ein intensiver Kul­­tur­­wandel hin zu langfris­tigen Orientierun­gen festzustellen. Und auch in die inter­­nen Regularien fließen die Erfahrungen und Lehren der Krise ein.

Damit werden Voraussetzungen ge­­schaf­fen, um das teilweise getrübte Verhält­nis zu den Kunden wiederherzustellen. Nachhaltigkeit und Langfristigkeit sind die Stichworte, die jetzt am Finanzplatz München im Vordergrund stehen und ge­­meinsam von den Akteuren vertreten werden. Der Finanzplatz hat die Her­aus­­forderung angenommen. Er wird auch zukünftig ein innovativer und leistungsstarker Finanzplatz bleiben, der für die Unternehmen überzeugende Finanzie­rungslösungen bereithält.

Theodor-Weimer-grDer Autor ist seit 2007 bei der Uni­­Credit Group tätig; seit 2009 als Vorstands­spre­­cher der Hypo­­Ver­eins­­bank sowie als Country Chairman Ger­­many Mitglied des Management Com­­mittees der UniCredit Group. Nach sei­­nem Studium in Tübin­gen/St. Gallen und Promotion an der Univer­si­­tät Bonn ar­­bei­­tete er bei McKinsey, Bain & Company und Goldman Sachs.