Dr. Theo Zwanziger: Breitensport Fußball – Vereinskultur in Deutschland

Unser geliebter Fußballsport bringt Men­­schen zusammen. Männer und Frauen, Kinder und Jugendliche über alle Gene­ra­­tionen hinweg spielen, feiern und organisieren gemeinsam. Her­kunft, Religion oder Hautfarbe machen keinen Unter­­schied. Der Sport verbindet und er vereint.

5IMG_0684-Kopie

In unseren Vereinen haben wir dadurch die Chance, Gemeinschaftsleben und Gemeinschaftsentwicklung nachhaltig zu fördern und mitzugestalten. Daraus entsteht eine gesellschaftliche Aufgabe, die keinesfalls unterschätzt werden darf. Prägend dabei ist in Geschichte und Gegenwart das Bestreben, den Mit­­gliedern nicht nur eine sportliche Heimat zu bieten, sondern auch einen Ort der Begegnung zu schaffen, an dem Freund­­schaft und Gemeinschaft gelebt und gepflegt werden.

Die Bedeutung und den Wert ehrenamt­licher Tätigkeiten für unsere Gesell­schaft und natürlich auch für den Fußballsport kann man dabei gar nicht oft genug herausstellen. Der Fußball bewegt Deutschland und seine Bürger, und zwar im wahrsten Sinn des Wortes: Bei wöchentlich rund 80.000 Spielen in allen Ligen und Klassen sind nicht nur die Sportlerinnen und Sportler selbst aktiv. Man schätzt, dass der Fußball rund eine Million ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mobilisiert, die Woche für Woche ihren Beitrag für den organisierten Spielbetrieb in rund 26.000 Vereinen und 180.000 Mannschaften leisten. Trainer, Betreuer, Jugendleiter, Schiedsrichter und nicht zuletzt die vielen Eltern, die ihre Kinder zu den Spielen begleiten, leisten hier einen unersetzlichen Beitrag zur Förderung unserer Kinder und Jugendlichen. Ohne ihren Einsatz würde die Jugend­mann­­schaft nie ihr Ziel erreichen, wären die Trikots dreckig, würden dem Platz die Linien fehlen. Aus diesem Grund ist die Förderung des Ehrenamtes für mich nicht nur eine der wichtigen Zukunfts­fragen für unseren Verband, sondern auch für unsere Gesellschaft insgesamt – und vor allen Dingen auch eine ganz besondere Herzensangelegenheit.

4e982909b9f2e-o-Kopie

Zur Förderung des Ehrenamts wurden in der Vergangenheit einige vielverspre­­chen­­­­de Aktionen ins Leben gerufen. Be­­reits seit 1997 verleiht der Deutsche Fußball-Bund (DFB) in Zusammenarbeit mit den Landes­­verbänden den Ehren­­amts­­preis. Darü­ber hinaus ist es gelungen, ein Netz­werk von der Spitze bis an die Basis aufzubauen. Alle 21 Landes­ver­­bände haben einen Landesehren­amts­be­auf­trag­ten, in allen Fußballkreisen gibt es einen Ehrenamtsbeauftragten und auch über 12.000 Vereine haben bereits einen Ehren­­amtsbeauftragten.
Im Jahr 2000 wurde durch Verankerung im Paragraph 4 der DFB-Satzung die Pflege und Förderung des Ehrenamts zu einer festgeschriebenen Aufgabe des DFB. Im Paragraph 4 heißt es nun: „Zweck und Aufgabe des DFB ist es insbesondere, das Ehrenamt zu pflegen und zu fördern.“

107821_7919-Kopie

Der Fußballsport ist mittlerweile auch ein wichtiges soziales Netzwerk. Immer mehr Menschen erfüllen ihre Funktion als Trainer, Kassierer oder Platzwart nicht nur aus reinem Pflichtbewusstsein. Wir sehen zunehmend, dass Menschen in und mit einem Ehrenamt auch an ihrer eigenen Persönlichkeit bauen. Während die Spieler auf dem Rasen Tore schießen, punkten unsere Ehrenamtlichen außerhalb des Spielfelds. Sie haben durch ihr ehrenamtliches Engagement Spaß, gewinnen Freunde, erweitern ihre Fähig­­keiten und geben ihrem Leben mehr Sinn. Verbände, Vereine und ihre Mit­­glieder profitieren von den Kenntnissen und Stärken der Ehrenamtlichen. Und diese wiederum sammeln Erfahrungen, die ihnen weiterhelfen – ein Geben und Nehmen, bei dem es nur Gewinner gibt.

Aktion Ehrenamt – eine Erfolgs­geschichte. Diese positiven Aspekte sind es, die auch die DFB-Aktion Ehrenamt weiter vorantreiben. Seit nunmehr vierzehn Jahren wollen wir unseren Beitrag dazu leisten, unsere Vereine und ihre Mitarbeiter zu unterstützen und für zukünftige Heraus­­forderungen zu wappnen. Keine andere Aktion des DFB existiert so lange. In diesen Jahren haben wir zweifellos eine Menge erreicht. Damit sich aber im Ehren­­­­amt auch weiterhin Menschen enga­­gieren, die in unseren Vereinen etwas bewirken möchten, ist es zum einen weiterhin unsere Aufgabe, die Ehrenamtlichen zu unterstützen, ihre Leistungen zu würdigen und sie zu ermutigen, nicht nachzulassen in ihrem Tun. Zum anderen müssen wir versuchen, noch mehr Menschen für das Ehrenamt zu interessieren, ja zu begeistern! Unter dem Motto „Danke ans Ehrenamt“ würdigen die Deutsche Fuß­­ball Liga (DFL) und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) jährlich gemeinsam die vielen stillen Helfer im Hintergrund. Die Initiative wird von allen 36 Profivereinen der Bundesliga und der 2. Bundesliga sowie den Mann­­schaften der 3. Liga und auch der Frauen-Bundesliga an einem Spieltag gemeinsam durch Banner, Vereinszeitungsberichte und Stadionanzeigen unterstützt. Wichtig sind und bleiben vor allem die Ehren­­amtsbeauftragten in den Verei­nen. Sie bilden das Rückgrat der DFB-Aktion Ehren­­amt, sind die Botschafter unserer Philosophie, tragen den Gedanken in immer mehr deutsche Vereine. Es freut mich sehr, feststellen zu können, dass das Netz­­werk der Ehrenamts­beauf­trag­­ten dichter und dichter wird.
Man kann mit Fug und Recht behaupten: Ohne diese engagierten Frauen und Män­ner wäre unser Anliegen nicht um­­setzbar.

4e9829a2adf4d-o-Kopie

Eine enge Abstimmung mit den DFB-Landesverbänden ist eine Voraus­setzung für eine erfolgreiche Arbeit. Ich freue mich sehr, dass auch alle Landes­ver­­bände die „Förderung und Pflege des Ehrenamts“ in ihre Satzung aufgenommen haben – ein wichtiger Schritt, wie ich meine. So haben die 21 Landes­ehren­­amts­­beauftragten die notwendige Rücken­­deckung für ihre Aufgaben: Informieren über neue Entwicklungen, Durchführen von Schulungen, Angebote bereitstellen zum Erfahrungsaustausch, so zum Bei­­spiel mit dem „Treffpunkt Ehrenamt“, bei dem Kreis- und Vereinsehren­amts­beauftragte praxisnah aktuelle Themen diskutieren.

Qualifizierung der Ehrenamtsbeauf­tragten: der Schlüssel zum Erfolg. Nur wer selbst gut ausgebildet ist, kann auch andere adäquat ausbilden. Die Qualifizierung der Ehrenamtsbeauftragten ist daher der Schlüssel zu einer erfolgreichen Ent­wick­­lung an der Basis. Sie erfolgt auf zwei Ebenen: Auf der ersten Ebene wird das Netzwerk selbst qualifiziert, also Vereins-, Kreis-, Landesehrenamtsbeauftragte und die Kommission Ehrenamt. Die Kreis­ehrenamtsbeauftragten beispielsweise werden schon seit Jahren kontinuierlich geschult und in ihrem Aufgabenprofil unterstützt. Auf der zweiten Ebene wird regelmäßig durch den DFB-Infobrief über verschiedene Aktionen informiert.

528606_98542423-Kopie

Die Weichen für die Zukunft sind gestellt. Die Förderung und Pflege ehrenamtlicher Tätigkeiten sind auf dem richtigen Weg. Wir haben in den vergangenen Jahren ein gut funktionierendes Kommunika­tions­­system geschaffen, vielfältige Aktionen durchgeführt, nützliche Materialien erstellt. Damit konnten wir unserem Anliegen in der Öffentlichkeit Gehör verschaffen und sind sehr weit an die Basis vorgedrungen. Aber wir sind noch lange nicht am Ziel: Noch hat nicht jeder Verein einen Ehren­­amtsbeauftragten. Die Kommission Ehrenamt wird daher auch in Zukunft nicht müde werden, ihre Ziele weiter voran­­treiben. Sie wird Impulse geben und die Landesverbände in ihrer Arbeit bestmöglich unterstützen. Letztlich müssen wir uns aber daran messen lassen, ob wir den Vereinen konkret Nutzen stiften und sie für zukünftige Heraus­forde­rungen fit machen können – eine Aufgabe, an der der DFB und seine Landesverbände kontinuierlich arbeiten müssen. Dieser Weg der nachhaltigen Verbands- und Vereins­­führung ist eine Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit des Fußballsports in Deutschland. Mein Dank gilt daher an dieser Stelle den unzähligen Menschen und Mitarbeitern, die sich während des gesamten Jahres mit Herz und Leiden­schaft zum Wohle unseres Sports einsetzen. Ihr Engagement ist einfach großartig!

 

Portrait-quer-KopieDer Autor war von 2004 bis 2012 Präsi­dent des Deutschen Fußball-Bundes. Theo Zwanziger wurde 1945 in Altendiez gebo­­ren. Dem ortsan­sässigen Verein, dem VfL Altendiez, ist er noch heute verbunden, nachdem er bis 1975 als Aktiver dort die Fußball­schuhe geschnürt hatte. Für seine Verdienste um den deutschen Fußball wur­­de er beim DFB-Bundestag 2004 mit der Goldenen Ehrennadel des DFB geehrt.