Dr. Stefan Schulte: Drehkreuz Frankfurt – Mobilitätszentrum im Herzen Europas

Der Flughafen Frankfurt ist ei­­ne der wichtigsten Logistikdreh­schei­ben der Welt. Im internationalen Ver­gleich liegt Frankfurt auf Platz sieben, nach den Fracht-Flughäfen Memphis und Ancho­rage, den asiatischen „Rie­­sen“ Hong­kong, Shanghai und Seoul sowie dem Pariser Flughafen „Charles de Gaul­­le“. Dort schlägt nicht zuletzt der um­­fang­reiche Austausch von Luft­post zwi­­schen der französischen Haupt­­stadt und den Kolonien sowie den ehema­ligen Über­­seeterritorien zu Bu­­che. In Frankfurt wurde der Trans­­­port von Luft­­post auf null zurückgefahren, was für die Lärm­belastung während der Nacht positiv ist.

Flugzeugabfertigung-Kopie

Die Luftfracht ist mehr noch als der Pas­­sagierverkehr auf zentrale Luft­ver­kehrs-Hubs angewiesen. Die Hälfte aller geflo­­genen Güter weltweit entfällt auf 22 Flug­­häfen. Für Frankfurt spricht be­­sonders die zentrale Lage mitten in Europa. Dem korrespondiert die her­vor­­­ragende Stra­ßenverkehrsanbindung am Schnitt­punkt zweier europäischer Auto­­bahn-Haupt­­ach­sen, die von täglich mehr als 330.000 Kraftfahrzeugen befahren wer­­den. Für den Cargo-Verkehr weniger relevant, dafür umso mehr für Reisende: Die in­­termodale Verknüpfung des Flug­hafens Frankfurt mit dem Schienen­­netz – vom Re­­gionalverkehr bis zu den europäischen Hoch­geschwindig­­­keits­linien – ist mehr als ausgezeichnet, sie ist wohl einzigar­­tig.

Tower-Personal-Kopie

Die Bedeutung der Logistik wird mit der sich intensivierenden Globalisie­rung deut­­lich zunehmen. Produkte werden immer klei­­ner, leichter und „intelligen­ter“. Gleich­­zeitig verkürzen sich die Markt­er­neu­­e­­rungs­­zyklen. Daraus folgt: Wer wett­­be­wer­­bs­­fä­­­hig bleiben will, muss fliegen. Sonst läuft er Gefahr, mit seinen Pro­duk­­ten erst am Markt anzukommen, wenn schon die nächs­­te Geräte-Gene­ration an­­gesagt ist.

Schon jetzt werden – an ihrem Wert ge­­messen – 40 Prozent aller grenz­über­­schreitend transportierten Güter geflogen. Der Anteil wird zunehmen, da sich das Organisationsmodell der Wirt­schaft wandelt. Die statischen, industriellen Ker­ne lösen sich auf, ihre Funktionen werden durch ständig variabel geknüpfte Aus­­­tausch­bezieh­un­gen im weltweiten Netzwerk ersetzt. Dies trifft vor allem auf Großunter­nehmen zu, die die Inno­vations- und Wertschöpfungs­vorteile der Globali­sie­­­rung nutzen und dadurch den globalen Wettbewerb untereinander ver­­schärfen. Denn dank der weltumspannenden Mo­­bi­­lität werden Industrie­produkte heute mo­­dular konzipiert, damit sie modular aus der ganzen Welt bezogen werden können.
Damit geht eine modulare Aufspaltung der Innovations­kom­petenz einher. Sie wird durch den gesteigerten Wettbe­werb in ihrer Ent­­wicklungsdynamik erheblich beschleunigt. Idee und Konzipierung sowie Planung und Produktion eines Gutes finden nicht mehr an einem Standort statt, sondern sind netzwerkartig über den gesamten Globus verteilt. Den Tay­lo­­­rismus am Band löst die globale Wert­schöpfungskette ab. Die weltweit distri­buierte Herstellung muss Logistik von der ersten Produkt­idee an integrieren und nicht erst, wenn die Ware ausgeliefert werden soll. Die globale Supply-Chain wird ein elementarer Bestandteil des Produktions­pro­zes­ses. Sie ist nicht minder komplex aufge­­baut als die herkömmliche Produk­tions­­straße.

Terminal_2_am_fruehen_morgen-Kopie

Heute entfällt schon ein Drittel der ge­­sam­­ten Beschaffungskosten eines Pro­­dukts auf die Logistikkette. Beschaf­fungs­­kosten schließen alle Mobilitäts­kosten vom Ma­­terialeinkauf bis zum Vertrieb, ein­­schließ­­lich Zwischenlager, sowie das immer wich­­tiger werdende Qualitäts­ma­­nagement ein („Ist das billige Teil aus xyz mit hoher Ausschussrate wirklich billiger als das teurere Quali­tätsprodukt aus ei­­nem Hoch­­lohnland?“). Dieses Drittel stellt ein großes Effi­zienz­­steigerungs­potenzial dar, wenn es ge­­lingt, die Supply­Chain noch intelligenter und rationeller zu konfigurieren. Der physische Transport kon­­zentriert sich zunehmend auf große Ver­teilknoten, weil in den Hubs Skalen­ef­fekte des Trans­­port­­vorgangs optimiert ausgeschöpft werden können. Die globale Strukturierung indu­strieller Prozess­ketten steigert die Bedeu­­tung des Faktors Zeit. Das heißt: Air-Cargo bie­­tet strategische Wettbe­werbs­­vorteile. Der Geschwin­dig­keits­vor­­sprung durch Luft­­transport muss am Boden gewahrt blei­­­ben: Stand­orte mit zentraler Lage und perfekter intermodaler Vernetzung po­­tenzieren den durchs Fliegen erzielten Vorteil.

Flugzeugschlepper-Kopie

Die Logistik hat inzwischen die Phase der lediglich taktisch unterstützenden Funktion für die Wirtschaft vollständig verlassen. Sie ist ein eigenständig be­deutsamer Wirtschaftsfaktor geworden und macht sieben Prozent des Brutto­inlands­­produkts aus. 60.000 vorwiegend mittelständische Dienstleistungs­un­­­ter­­neh­­mer in der Logistik beschäftigen mehr als 2,7 Millionen Menschen. Was in der weltweiten Logistik Rang und Namen hat, ist am Flughafen Frankfurt mit eigenen Niederlassungen oder Um­­schlagzentren vertreten. Von den mehr als 70.000 Be­­schäf­­tigten des Airports, der damit die grö­­ßte lokale Arbeitsstätte Deutschlands ist, sind rund 12.000 in der CargoCity tä­­­tig. Darüber hinaus schafft Logistik die Voraussetzung für wirtschaft­­­liche Dy­­na­­mik der gesamten Volkswirt­schaft. Sie ist un­­verzichtbar für eine Ex­­port­nation, schon gar für den „Export­welt­meister“. Deshalb ist der Ausbau des Flughafens Frankfurt auch eine Heraus­for­­derung von nationaler Bedeutung. Fast 70 Prozent des inter­kon­­tinentalen Reise­verkehrs von Deutsch­land gehen über das Dreh­kreuz Frankfurt, oh­­ne­­hin einer der größ­­ten in­­ternationalen Um­stei­ger­­flug­­hä­­fen welt­­weit. Auch bei den Nur­frachtern mit inter­­kontinentalen Zielen liegt der Mark­tan­­teil deutlich über 70 Prozent. Ins­­gesamt werden von 28 Airlines 87 De­­s­­tinationen, davon 58 interkon­­ti­nen­­tal, in 46 Ländern mit ausschließ­lich­­en Fracht­maschinen an­­geflogen. Bei der Passage sind es rund 120 Airlines, die im Som­­mer mehr als 300, im Winter gut 260 Ziele in mehr als 100 Ländern an­­steuern. Mit der zusätzlichen Lande­bahn, die in Be­­trieb gehen soll, wird das Kapazi­täts­an­gebot um rund 50 Prozent auf 126 Slots in der Stunde gesteigert, um da­­mit endlich dem Nach­­frageüberhang gerecht zu wer­­den. So­­gar in der Krise ist der Bedarf der Airlines an Zeitfenstern für Starts und Lan­­­dun­gen am Flughafen Frankfurt gestiegen. Mit der anziehenden Kon­junk­tur wird sich das Ver­kehrs­auf­kommen schnell er­­holen.

A380-Testfluege-in-Frankfurt-Kopie

Auch ausgangs der Krise zeigte sich, dass Luftfracht ein Frühin­di­kator für die Konjunktur ist. Denn die Fracht­vo­lumina sind wie­­der deutlich an­­gestiegen.

Porträtbild_dr_stefan_schulte-KopieDer 1960 geborene Autor ist Vorstands­vorsitzender der Fraport AG. Er ist seit 2003 im Unternehmen tätig. Als Finanz­­vorstand verantwortete er den kaufmän­nischen Bereich, die IT-Dienst­leistungen und das Beteiligungs­geschäft. Im Jahr 2007 wurde er zum stellvertretenden Vor­stands­vorsit­zen­den ernannt. Heute führt er den Konzern mit den Geschäftsfeldern Aviation, Ground Hand­ling, Retail and Properties sowie External Activities.