Dr. Rupert Neudeck: Bildung, die beste Sicherheitsgarantie

Der 2003 gegründete Verein „Grün­helme e.V.“ unterstützt den Bau und den Wiederaufbau von Häusern, Straßen, Dörfern, Krankenhäusern, Schulen und religiösen Einrichtungen in Krisen- und Kriegsgebieten. Seit seiner Gründung arbeiten wir in Afghanistan besonders konzentriert an dem Aufbau von schulischen Einrichtungen, denn Bildung ist ein erster wichtiger Schritt, um das Wachs­­­­­tum und den sozialen Wandel Afghan­istans zu fördern. Insgesamt wurden über 30 Schulen in den Distrikten Golram und Karoq im Westen Afgha­nis­­tans errichtet.

Bei unserer Arbeit ist es uns wichtig, mit Muslimen sowie Christen und Men­schen aus anderen Religionen zusam­men­zuarbeiten. Wir möchten neben der wirt­­schaftlichen und sozialen För­der­ung Afghan­­istans auch zeigen, dass der Islam nicht mit den Taliban gleichgesetzt werden kann, Christen und Muslime gar nicht so verschieden sind und mit­­einander leben und arbeiten können. Durch die Zusammenarbeit mit Afghanen können wir unsere Projekte effizient um­­setzen. So hilft uns beispielsweise der Mullah eines Dorfes im Distrikt Karoq. Er ist auch Leiter der „Konrad-Adenauer-Schule“, die von den Grünhelmen erbaut und im April 2006 eröffnet wurde. Darüber hinaus setzt er sich für den Aufbau von weiteren Bildungseinrichtungen ein. So errichtete er beispielsweise eine Schule für Frauen und eine Abendschule für Männer.

Wir sind darauf angewiesen, dass uns die Menschen in Afghanistan in unseren Vorhaben unterstützen. Nur so ist es uns möglich, effektiv zu arbeiten und Projekte zu entwickeln, die wirklich benötigt werden. Wir arbeiten hierfür eng mit Bürger­­meistern zusammen, wie zum Beispiel mit dem Bürgermeister von Demogul. In diesem Dorf beklagten die Einwohner häufig Wassermangel. Um das Problem zu lösen, müssen Staudämme zwischen zwei Bergzügen und in einer Talschlucht errichtet werden, damit das Regen- sowie Schmelzwasser der Berge gespeichert werden kann. Mit einem Team aus deutschen und afghanischen freiwilligen Helfern und der Beratung mit Afghanen, die in den betreffenden Regionen wohnen, können wir unsere Projekte schnell und überlegt in die Tat umsetzen.

 Eines unserer wichtigsten Anliegen ist es, Kindern, Frauen und Männern eine gute Schulbildung zu ermöglichen. Die zunehmende Zahl der Kinder und Frauen, die beispielsweise auf den Straßen der Stadt Herat betteln, ist im Winter der Gefahr ausgesetzt zu erfrieren. Hier sind schnelle Entscheidungen und Maßnahmen erforderlich, die diesen Verhältnissen ent­­gegenwirken. Hierfür ist insbesondere die Förderung einer nachhaltigen Wirtschaft ein Ansatz, durch den dann entstehende Betriebe langfristig Arbeitsplätze zur Verfügung stellen können. Darüber hinaus muss der Aufbau von Aus- und Weiter­­­bildungseinrichtungen weiterhin gefördert werden. Es ist wichtig, dass der Schulbau besonders in den ländlichen Gegenden vorangetrieben wird, da dort Armut und Verzweiflung am größten sind. Familien sind auf die Unterstützung aller Mitglieder, vor allem die der Kinder, angewiesen, um zu überleben. Ist die Schule zu weit entfernt, können sie die Kinder nicht besuchen, da aufgrund der langen Hin- und Rückwege zu wenig Zeit zum Arbeiten bleibt.

Der Bildungsminister in der Provinz Herat ist daher über die positive Entwicklung des Distrikts Karoq sehr erfreut. Das Team der Grünhelme hat in diesem Bezirk insgesamt vierzehn Schulen für über 20.000 Schülerinnen und Schüler gebaut.

AFG_2010_12-4352-KopieSie müssen somit nicht länger in Zelten oder in der heißen Mittagssonne unterrichtet werden, sondern haben die Möglichkeit, in hellen, kühlen Räumen konzentriert zu arbeiten. Zudem sind sie vor umherwehendem Sand geschützt. Der Wissens­­hunger der Afghanen ist Grund für diese Ent­­wicklung. Ohne ihre Bereitschaft, lernen zu wollen, wären die Projekte wirkungs­­los. Allerdings ist neben dem Angebot von Bildungsmöglichkeiten in reinen Mädchen- und gemischten Schulen auch entschei­­dend, dass Jungen und Männer eine Ausbildung erhalten können. Denn nach wie vor stellen die illegale Wirt­­schaft und Abwanderung aufgrund von Arbeits­­platz­mangel ein Problem dar. So leben in den Ortschaften Pahlewan Piri, Chagmagh, Armalek oder Sangur beispielsweise fast nur noch Frauen und Kinder, da annähernd alle arbeitsfähigen Männer illegal in den Iran oder nach Süd-afghanistan zur Opium­­ernte gegangen sind. Viele der Männer wurden an der Grenze zwischen Afghanis­tan und Iran von Grenzpolizisten erschossen und trotz­­dem versuchen weiter jährlich Hundert­­tausende junger Männer ihr Glück, diese Grenze zu überwinden.

Fortschritte im Bildungssystem sind auch in dem kleinen Ort Pahlewan Piri zu erken­­nen, der etwa 15 Kilometer von Herat ent­­­fernt liegt. Dort gab es selten Schüle­rinnen, die länger als sechs Jahre die Schule besuchten, da es nur männliche Lehrkräfte gab und es Mädchen, die in die Pubertät kommen, nicht erlaubt ist, von diesen unterrichtet zu werden. Mäd­chen, die in den Kriegsjahren im Iran zur Schule gegangen sind, konnten länger als sechs Jahre unterrichtet werden. Von diesen ausgebildeten Frauen sind zwei als Lehrerinnen nach Pahlewan Piri zurückge­kehrt. Sie unter­­richten in der von uns aufgebauten Schule Mädchen in Englisch, Farsi (Persisch, das auch in Herat gesprochen wird), Geschichte sowie Biologie. Besonders die Moti­va­tion der Schülerinnen wird durch die Tatsache gestärkt, dass es eine Frau, Bundes­kanz­­­­lerin Angela Merkel, geschafft hat, ein großes Land wie Deutschland zu regieren. Mit dieser Erkenntnis glauben sie noch stärker an ihre eigenen Fähigkeiten und nehmen die Chance auf Bildung wahr. Der Schuldirektor ist stolz darauf, dass Schüle­­rinnen durch seine Einrichtung mindestens die zehnte Klasse absol­­vie­ren können. Er ist dankbar für die Unterstützungen und Bemü­­hungen der deutschen Regierung und der Grünhelme, durch die in Pahlewan Piri erste Abiturientinnen und Abitu­rienten die Schule verlassen werden. Er hofft, dass diese künftigen Studenten nach ihrem Studium als Ärzte oder Lehrer zurückkommen und die Ent­wicklung weiter vorantreiben.

Die Kosten für eine neue Schule sind ver­­gleichsweise gering. Für 40.000 Euro baut ein Team der Grünhelme aus Stein, Mörtel und einem erdbebensicheren Fun­­dament eine Schule mit acht bis zehn Klassenräumen für dreihundert bis sechs­­­hundert Schülerinnen und Schüler sowie zwei Lehrerzimmern. Je nach Größe der Distrikte und Anzahl der Kinder, Jugend­­lichen und Erwachsenen, die das Bildungs­­angebot wahrnehmen werden, variiert die Zahl der Räume. Mithilfe von Zuzahlungen des Bildungsministeriums und unseren Spendern und Förderern können zu­­dem schon existierende Schulen durch Aus­­bes­serung erneuert oder er­­weitert werden.

Um die Weiterbildung von Schul­abgängern und auch die Ausbildung von afghanischen Berufsausbildern sowie Lehrerinnen und Lehrern sicherzustellen, ist der Aufbau weiter­­führender Schulen von Bedeutung. Aber auch in- und besonders ausländische Unter­­nehmen und private Anleger sollten in Afgha­­nistan investieren und Firmen auf­­bauen, um so die beruflichen Perspek­tiven für die afghanische Bevöl­kerung zu verbessern.

66_1-person-images-KopieDer Autor ist promovierter Theologe sowie Jour­­nalist. Er arbeitete viele Jahre für den Deutschlandfunk. 1979 gründete er das deutsche Notärzte-Komitee Cap Anamur und war bis 1998 dessen Vor­sitzender und weitere fünf Jahre dessen Sprecher. Bis 1986 retteten die Hilfs­schiffe 11.488 Boots-­­Flüchtlinge aus dem südchine­sischen Meer. Seit 2003 ist er Vor­sitzender der Grünhelme e.V.