Dr. Rolf Dahm: Ökosysteme – Ein neuer Hype beim Technologietransfer?

Gründer und Ökosysteme haben mehr gemeinsam, als es auf den ersten Blick scheint. Gründer von Unternehmen bewegen sich in einem Umfeld, in dem sie mehr oder weniger mit anderen Beteiligten in Beziehung stehen. Diese Beziehungen und Interaktionen sind vielschichtig und komplex. Das RKW RLP sieht sich als Vermittler und Wegbereiter von Existenzgründern, die Stellschrauben ihres lokalen Ökosystems zu verstehen.

Seit einiger Zeit geistert vermehrt der Begriff der „Ökosysteme“ durch Medien und Öffentlichkeit, dies oft im Zusammenhang mit und unterstützt durch Untersuchungen von Gründerökosys­temen, Technologie- und Innovationszentren (z. B. (W. Axel Zehr­­feld, Thomas Funke, 2014)). Offensichtlich ist damit n­­­ach diversen praktischen Konstruktionsversuchen nunmehr ein Bedarf an systemischem Verstehen und an konstruktivem Zu­­gang zu derartiger Systembildung entstanden. Die Publikation nutzt das Isen­berg-Modell (Abbildung in diesem Buch auf Seite 56), liefert Beispiele und Ana­lysen, dient uns aber auch als Referenz auf verbundene Literatur. Speziell mit Fokus auf Rheinland-Pfalz möchten wir die breitere Basis des Buches verdichten und einige bereits entstandene „Interpretationen“ derartiger Systeme hinterfragen.

So ist ab initio zu bemerken, dass eine Systemdiskussion geführt wird, d. h. wir reden über komplexe Systeme, über mitunter sehr komplexe und vielschichtige Beziehungen innerhalb solcher Sys­­teme und – da das Konstruktionsziel ein dauerhafter Be­­stand des Systems und seiner Be­­tei­ligten ist – vor allem über dessen Dynamik. Erschwerend kommt hinzu (s. Buch, Artikel Fürlinger, Tabelle 1, Vergleich Unternehmer und Manager), dass viele der heute aktiven Protagonisten und Sys­­temkonstrukteure eigentlich denkbar schlechte Voraus­setzungen zu Erhalt und Betrieb solcher Systeme haben, da das eigene „dynamische“ Modell wenig kompatibel zur Dynamik und den gewünschten Eigenschaften des Zielsystems ist.

Damit einher geht – als Aktion/Reaktion der Kernstruktur – die schleichende Verfremdung von Begriff­lichkeiten, die gerade am Beispiel des Gründerökosystems deutlich wird und die ihre weiteren Ausprägungen in konstruierten Begrifflichkeiten wie „Inkubator“, „Accelerator“ etc. oder in Verklärungsansätzen wie „Hackerspaces“ oder „Coworking-Space“ findet, selbstverständlich standesgemäß dem Angelsächsischen entlehnt. Konkret in diesem Beispiel fragt man, wo dem besagten „Gründer“ denn sein ursprünglich vorgesetzter zweiter Wortteil der „Existenz~“ abhanden gekommen ist. Zufall? Zeitgeist? Vorsatz? Sicher ist in der heutigen Zeit der mediale Hype um derartige Sachverhalte schon Gewohnheit, mitunter geht es nicht mehr um „Existenz~“, sondern „Kommerz~“ und „Umsatz~“: Nicht zu Unrecht weisen Zehrfeld und Funke im Vorwort explizit darauf hin, dass „(…) eine Gründung nur in absoluten Ausnahmefällen zu großen Er­­folgen führt (…)“ und dass „(…) die meisten Gründer auf ihrem Weg scheitern.“ Knallharte Realität! Würden Sie im täglichen Leben ein Produkt kaufen wollen, das nur einen Wirkungsgrad von wenigen Prozent hat und über 90 Prozent „Ausschuss“ produziert? Kommen wir also in RLP im Vorfeld solcher Systembildungen gerade in Tech­­no­logiebereichen bitte auf Fakten zurück! Es geht für viele „Grün­der“ um deren „Existenz“, auch wenn die schnell erscheinenden Gruppen von Systemprofiteuren das mitunter in den Hinter­grund drängen und diverse Mittel dazu besitzen. Im Systemumfeld kann und wird das RKW RLP mit seinen erfahrenen Ver­­bun­d­strukturen, den qualifizierten Beratungskonzepten und seinen spe­­zialisierten regionalen Partnern in RLP unterstützen und helfend tätig werden.

Ein zweiter großer Aspekt fällt einem naturwissenschaftlich aus­­gebildeten Betrachter ebenfalls sofort ins Auge und man fragt sich, wie das mit kommerziellen Interessen, die immer kurzfristigere Erwartungshaltungen einnehmen, denn zusammenpasst. Schon am Beispiel des vielzitierten „Silicon Valley“ geht die ursprüngliche Terman-Idee auf die 1920er-Jahre zurück. Einen Schub erhielt diese Idee Anfang der 1950er Jahre durch den Industriepark der Stanford-Universität, und die eigentliche „Ex­­plosion“ kann man irgendwo in den späten 1980er bis 1990er Jahren verorten. Das sind nun aus der Wissenschaft bekannte Zahlenmuster, geht man doch bei einer Forscher-/Intellek­t­generation von ca. 30 Jahren aus. Es muss also beim Aufbau derartiger Öko- oder Transfersysteme klar sein, dass man über ein Generationenprojekt redet, das sicher nicht kurzfristig, sondern wenn überhaupt erst in einer späteren Generation weitreichende Ergebnisse zeigt. Sind es dann gewünschte Ergebnisse und sind diese wirklich nach betriebswirtschaftlichen Kriterien bewertbar? Die Natur realisiert seit Milliarden von Jahren (zumindest nach heutigem Kenntnisstand) eine stabile Systemdynamik nach einem Minimalprinzip, Betriebswirtschaft und „Markt“ be­nutzen hingegen Eigentum und Kapital, um Differenzen zu produzieren und auszunutzen. Diese Systemansätze sind also wenig kompatibel. Das sollte als zweiter wichtiger Aspekt in Konstruk­tionen solcher Transfer- und Ökosysteme einfließen.

Ein dritter wichtiger Systemaspekt, der sich im o.g. Fürlinger-Artikel in Begrifflichkeiten wie „Unternehmergeist und Kultur“, „Mutige“ oder „Community“ manifestiert, ist der Begriff der „Idee“. Nun weiß jeder Wissenschaftler oder Erfinder, dass sowohl Ideen­­bildung als auch -umsetzung durch ein unterstützendes Umfeld eventuell induziert und gefördert werden, eine Idee aber immer und ausnahmslos im Kopf eines Einzelnen entsteht. Sicher kann man im Nachgang der Idee in Gruppen über Optimierungen des Ideentransports oder der Umsetzungs­­strukturen auf dem Weg zum Produkt nachdenken (und ja, hier sind dann gewisse Managementfähigkeiten aus Tabelle 1 ge­­fragt), aber gerade bei Gründer- und Transfersystemen steht klar die Ideenproduktion im Zielfokus. Diese systemische Diskrepanz kennt jeder Gründer aus Bankengesprächen oder auch aus Kooperationsver­hand­lungen mit Industrie und Konzernen – Welten treffen aufeinander!

Modell nach Isenberg

Zusammenfassend und als konstruktiven Zugang unseres An­­satzes für RLP bleibt festzuhalten, dass sicher an der ein- oder anderen Stelle markt-, industrie- oder konzerninduzierte „Grün­­de­­rökosysteme“ kurzfristig denkbar sind, dass der eigentliche konstruktive Nutzen solcher Sy­­steme aber erst mit der Erwei­terung zu „Unternehmer­­öko­sys­temen“ oder KMU-Ökosystemen entsteht, d.h. wenn man regional die Stärken z.B. in Form von Zwiebelschalenmodellen un­terstützt und in verschiedenen umlagernden Schichten mit Nutzen für Kommunen oder die Region aufbaut. Insbesondere sind sogar ausdrücklich „ökonomische Minderleister“ zur Systembildung an vielen Stellen erforderlich, d.h. ein Konstruktionsmerkmal solcher Systeme, so dass der Hype rein ökonomischer Maßzahlen von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Ein Formel-1-Wagen fährt nicht dadurch schneller, dass man 300 statt 8 Zylinder in den Motor einbaut. Vielmehr kommt es auf eine möglichst vollständige Systemopti­mierung z. B. angepasster Bremsen, der Aerodynamik und insbesondere auf Aus­­fall­sich­er­heit verbindender Kleinteile an. Obwohl in der Formel 1 viel Technik­­stand mittlerweile stark reguliert und etabliert (s. Tabelle 1, Man­age­­ment) ist, gibt es nach wie vor Ausfälle z. B. von Verbindungen und Kleinteilen, die das gesamte System ausfallen lassen und den Sieg kosten.

Wichtig ist hier die ergänzende Bemerkung, dass derartige Sys­tem­­modellierungen seit langer Zeit bekannt und erforscht werden – wenn auch nicht in den Wirtschafts-, sondern in den Natur­­wissenschaften, z. B. im Rahmen spontan gebrochener Sym­me­trien, die ihr System um einen spontan ermittelten, individuellen Grundzustand entwickeln (s. z. B. (Percacci, 1986)). Dieses Prinzip läßt sich insbesondere als Leitlinie für bereits bestehende Struk­turen und den Transfer von neuen Technologien z. B. über das oben benannte Zwiebelmodell aufbauen, erfordert aber lange Perspek­tiven. Für das RKW RLP führt dieser Weg über die lokale/regionale Unterstützung und Kommunikation mit Wirtschaftsförderern und interessierten „hidden champions“, die das „hidden“ durch „connected“ ersetzen möchten. Klare Richtschnur und Voraus­­setzung ist aber auch der dafür erforderliche Unternehmergeist!

Quellen:
Percacci Roberto Geometry of Nonlinear Field Theories [Buch].
– Singapore : World Scientific, 1986.
W. Axel Zehrfeld, Thomas Funke Abseits von Silicon Valley [Buch].
– Frankfurt am Mainz : Frankfurter Allgemeine Buch, 2014.

Dr. Rolf Dahm
Ursprünglich strebte der Physiker Dr. Rolf Dahm (Vorsitzender des Vorstands des RKW Rheinland-Pfalz e.V) einen wissenschaftlichen Werdegang an, entschied sich aber 1994, doch lieber als IT-Unternehmer zu arbeiten. Mit Erfolg, denn das ISB-Preisträger-Unternehmen ist heute insbesondere im Bereich mobiler Applikationen und in der Medizintechnik aktiv und damit auch geschätzter Kooperationspartner namhafter Anbieter. www.n-tier.de