Dr. rer. pol. Werner Widuckel: Unternehmen zeigen gesellschaftliche Verantwortung

Das Zusammenwirken der Ent­wick­lun­gen von Unternehmen und Stand­ort­re­gio­nen ist zu einem wesentlichen Wett­be­werbs­­faktor geworden. Aus der Sicht von Un­­ternehmen stehen hierbei die In­­fra­struk­­tur (Flächen, Ver­kehrs­an­bin­dung), die Verfügbarkeit qualifizierter Mit­ar­bei­ter, das Potenzial für Bildung, Wis­sen­schaft und Forschung und die Nähe von Kom­plementärunternehmen (Lie­fer­an­ten, Tech­­nologiepartner) traditionell im Fo­kus. Diese Bedingungen reichen als Ent­wick­­lungsfaktoren allerdings nicht aus. Hinzu kommen müssen Lebensbedingungen, die einen jeweiligen Standort als at­­trak­­tiven Lebensraum prägen. Deshalb ist die soziale Infrastruktur (Schule, Ge­­sund­­heit, Kultur, Ein­kaufs­mög­lich­kei­ten, Wohnbedingungen, soziales Klima) für Unternehmen von gleichwertiger Be­­deu­­tung. Die sogenannten „weichen“ Stand­­ortfaktoren werden somit zu harten Fak­­ten in einem Wettbewerb um qualifizier­te Mitarbeiter. Wettbewerbsfähige, starke Unternehmen sind deshalb auf starke Regionen angewiesen. Unternehmen müs­­sen deshalb ihre Beziehungen zu den sie umgebenden Regionen ausgestalten. In dieser Beziehung sind zum einen die Entwicklungsanforderungen an die Region durch die Unternehmen zu artikulieren, zum anderen müssen Un­­ternehmen sich aber auch in die Ent­­wick­­lung einer Region integrieren. Denn die Zielsetzungen von Re­­gio­nal­ent­wick­lung können nicht einseitig von einem Un­­­ter­­neh­­men gesetzt werden. Diese Ziel­­set­zun­­­gen werden von einer Vielzahl von In­­te­r­­es­­sengruppen beeinflusst und sind darüber hinaus in einen Rahmen von Ins­­titutionen und Regulierungen eingebun­den, die ins­­besondere für die Erfüllung hoheitlicher Aufgaben erforderlich sind (zum Bei­spiel Wirtschaftsförderung, Re­­gio­nal­pla­nung).

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Aus diesen Gründen ist eine nachhaltige und verlässliche Kooperation erforderlich, die einerseits die eigenen In­­te­ressen kon­­sequent verfolgt, die jedoch darüber hi­­­naus integrationsfähig ist und sich in einen Ge­­samt­zu­sam­men­hang regiona­­ler Entwicklung stellt. In der Region Ingol­stadt ist hierfür die Initiative Re­­gio­nal­ma­­nagement Region Ingolstadt e.V. (IRMA) im Jahr 2008 ge­­gründet worden. Diese Initiative ist als Verein organisiert, zu dessen Grün­dungs­­mitgliedern als Ge­­biets­­körperschaften die Stadt Ingolstadt sowie die Land­kreise Eichstätt, Neu­burg-Schro­ben­hau­­sen und Pfaffenhofen ge­­hören. Die Initiative war allerdings von Anfang an als öffentlich-private Ko­­ope­ration an­­ge­­legt und zählt deshalb zu ihren Mit­gründern auch die Un­­ter­neh­men AUDI AG, Bauer AG, EADS, Edeka Süd sowie Media Saturn AG. Die Fi­­nan­zie­­rung des Vereins und bestimmter Schwer­­punkt­projekte wird durch Mit­glieds­bei­trä­­ge gewährleistet.
Ge­­biets­­körperschaften und Unterneh­men verbindet mit IRMA die gemeinsame Überzeugung, durch eine intensive Zusammenarbeit bei der Formu­lierung von Ent­wick­lungs­­zielen der Region als auch bei der Re­­a­li­­sierung von Projekten neue und zu­­sätz­­liche Potenz­iale mobilisieren zu kön­­nen, die allen Beteiligten zugutekommen. In einem Handlungs­kon­­zept zur Re­­gio­nal­­ent­­wick­lung wurden vier Hand­lungs­fel­der identifiziert, die aus­­ge­­füllt werden sollen. Diese Hand­lungs­­fel­der sind Wirt­­schaft, Bil­dung und Wis­­­­sen­­schaft, Tou­rismus so­­wie die Wahr­­nehmbarkeit der Region.

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Im Handlungsfeld Wirtschaft steht die Identifizierung von Ko­­ope­ra­tions­mög­lich­­keiten zwischen den Unternehmen im Vor­­dergrund. Hierbei werden kon­zep­­tio­­nel­le Ansätze zu den The­men­fel­dern Leicht­­bau und Marketing er­­ar­bei­tet. Da­­rüber hinaus wird gegenwär­tig eine Ana­­lyse weiterer Ko­­ope­ra­tions­fel­der mit Un­­ter­stüt­zung der TU Mün­chen und der Katholischen Uni­ver­si­tät Eich­stätt durch­­geführt, die die vor­han­­de­nen In­­no­va­tions­potenziale her­aus­­ar­bei­­tet und de­­ren Stärke syste­matisch einordnet. Ein weiterer Schwer­­punkt im Hand­­lungs­feld Wirtschaft ist die Or­­ga­ni­­­sa­tion ver­­besserter Zu­­gangs­mög­lich­­kei­­ten mit­­telständischer Un­­ter­­nehmen zu den Hochschulen der Region und ih­­ren For­schungseinrichtungen. Im Hand­lungs­feld Bildung und Wis­sen­schaft wird ge­­­gen­wärtig in einer Grund­la­gen­studie eine Analyse der regionalen Bil­dungs­in­fra­struk­­tur erarbeitet. Diese wird Hin­­wei­se da­­rauf liefern, wo Ergänzungs- und Ver­­­bes­se­rungsbedarf besteht. Eine be­­son­­dere Be­­deutung wird hierbei die Schwer­­punkt­bildung des laufenden Aus­­baus der Hoch­­schule für angewandte Wis­sen­­schaften in Ingolstadt darstellen. In ei­­nem ersten Umsetzungsprojekt ist die Errichtung einer internationalen Schu­­le in In­­gol­stadt realisiert worden, die durch die intensive Kooperation zwi­­schen den Un­­ter­neh­men und den Ge­­biets­kör­per­schaften eine si­­­che­­re Grund­­­lage er­­­hält. Im Bereich Tou­­ris­mus werden ge­­gen­­wär­tig Potenziale analysiert, die Wachs­­­tums­chancen bie­­ten. Hierbei wird im laufenden Ana­ly­se­pro­zess erkennbar, dass die gemeinsame Entwicklung von Tou­ris­mus­an­ge­bo­­ten und die Wei­ter­ent­­wicklung der touristischen Infrastruktur geeignet sind, zu­­sätz­­liche Potenziale zu erschließen. Dies wird mit Maßnahmen der Wirt­schafts­för­de­rung abzustimmen sein. Die Wahr­nehm­­barkeit der Region soll auf verschiedenen Ebenen gestärkt werden. Hierzu gehören ein Re­­gio­nal­por­­tal, ein Tourismusportal sowie ein Aus­bil­­dungsportal, die kurz vor ihrem Start stehen. Kern der Wahr­nehm­­bar­keit soll ein regionales Leitbild sein, das so­­wohl nach innen als auch nach au­­­ßen für eine konsistente und glaubwürdige Er­­kenn­bar­­keit der Region sorgt. Dieses Leit­bild wird gegenwärtig in vier Zu­­kunfts­­werk­stätten erarbeit und be­­zieht mit rund 250 Beteiligten wesentliche Mul­ti­pli­ka­to­­ren und zivilgesellschaftliche Akteure der Region ein. Als weiterer Schwer­punkt der Wahr­nehm­barkeit ist das Hand­lungs­­feld Kultur herausge­arbeitet worden, das mit ei­­nem internationalen Simon Mayr Fes­­­ti­­val und der Gründung einer europäischen Jazz-Aka­­demie kulturelle Stär­­ken der Region auf­­nimmt und wesentlich weiterentwickelt.

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Die strategische Ausrichtung von IRMA und praktische Ausfüllung der Hand­lungs­fel­der wird allerdings nicht iso­­liert betrieben, sondern gezielt mit der EMM verbunden. Wir sehen IRMA und EMM nicht in einer Konkurrenz-, sondern in einer Er­­gänzungsbeziehung. Denn die Ent­wick­lung der Region Ingolstadt kann strategisch sinnvoll nur im Kontext der Metropolregion gestaltet werden. Dies gilt für alle dargestellten Hand­lungs­fel­der. Deshalb engagiert sich die AUDI AG so­­wohl bei IRMA als auch in der EMM.
Zusammenfassend kann festgestellt wer­­den: IRMA ist als öffentlich-private Ko­­ope­­ration zu einem festen Be­­stand­teil re­­gio­­naler Entwicklung geworden, in dem Un­­ter­­nehmen nicht nur An­­for­de­run­­gen stel­­len, sondern sich in regiona­le Ent­wick­­lungsprozesse bewusst in­­te­grie­ren. Somit ist IRMA auch ein Be­­kennt­nis der Unternehmen zur Re­­gion. Hier­bei gibt uns die Entwicklung der Mit­­glie­der­zah­len Recht.

VOR090013_medium-orange-sitzendDer Autor ist Mitglied des Vorstands der AUDI AG, Vorsitzender der In­­i­­tiative Re­­gio­nalmanagement Region Ingolstadt e.V. und Vorstandsmitglied der EMM. Er wurde 1958 in Salzgitter geboren und studierte So­­zial­­wissenschaften an der Universität Göt­­tin­gen. Nach langjäh­ri­ger Tätigkeit beim Kon­­zernbetriebsrat der Volks­wa­gen AG so­­wie berufsbegleiten­der Promotion an der TU Braun­schweig wechselte er zur AUDI AG.