Dr. Ralf Beil: Die Energie des Utopischen

„Eine Stadt wollen wir erbauen, eine ganze Stadt! Alles andere ist nichts! Die Regierung soll uns (…) ein Feld geben, und da wollen wir dann eine Welt schaffen.“ Diese Worte des Architekten Joseph Maria Olbrich, einer der treibenden Kräfte der Darmstädter Künstler­kolonie Mathildenhöhe um 1900, beschreiben eben jenen Geist des Aufbruchs, der geradezu ungebremsten Vitalität, der sich einer nach Fortschritt sehnenden Jugend im Angesicht des neuen Jahrhunderts bemächtigte. Jugend? Ja. Die jüngsten Mitstreiter Olbrichs, Paul Bürck und Patriz Huber, kamen mit 21 auf die Mathildenhöhe – der älteste, Hans Christiansen, war gerade einmal 33 Jahre alt. Stil? Ja. Stil- und Form­bewusstsein hatten die ersten sieben Multitalente, diese Architekten, Maler, Bildhauer und Kunsthandwerker, die die Darmstädter Künstlerkolonie ab 1899 prägen sollten, zweifellos. Doch: War es wirklich „nur“ Jugendstil, was am Ende dabei herauskam? Das Etikett haftet fest – doch ist es wirklich zutreffend?

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Mir jedenfalls scheint „Jugendstil“ als Begriff zu kurz zu greifen, um das zu beschreiben, was die Darmstädter Künstlerkolonie wirklich ausmacht. Was mich als Direktor der Mathildenhöhe Darmstadt an dieser außergewöhnlichen Kunstinitiative um 1900 fasziniert, das ist die bis heute spürbare künstlerische Energie der Mathilden­höhe, entstanden durch den Willen, eine neue Welt zu schaffen – und zwar nicht als Modell, sondern im Maßstab 1:1.

Hier in Darmstadt ging und geht es um Größeres als das Design einer Untertasse oder den Entwurf eines Lesezeichens, so sehr die kunsthandwerkliche Finesse und stilisierte Schönlinigkeit dieser Einzelobjekte immer wieder Bewunderung auszulösen vermag. Olbrichs eingangs zitierte Worte sprechen es unmissverständlich aus: Ein sowohl ästhetisch wie urbanistisch wirksames Gesamtkunstwerk war das Ziel. Die durch den hessischen Großherzog Ernst Ludwig initiierte Künstlerkolonie zielte auf etwas, das heute bedeutsamer ist denn je:
die Aufwertung der Lebensumgebung als Ganzes, den Versuch, eine mehr als nur alltägliche Lebenswelt zu gestalten. Hier auf der Mathildenhöhe fanden damals keine Ausstellungen beliebig vorgefertigter Werke statt, sondern es entstanden, wie etwa bei der bahnbrechenden Ausstellung „Ein Dokument deutscher Kunst“ von 1901, eigens für den Anlass errichtete, ganz und gar ästhetisch durchgestaltete Künstlerhäuser. Nochmals Olbrich: „Was nützen drei, fünf, zehn schöne Häuser, wenn darin die Sessel nicht schön sind oder die Teller nicht schön sind? Nein – ein Feld, anders ist es nicht zu machen. Ein leeres, weites Feld, und da wollen wir dann zeigen, was wir können: in der ganzen Anlage und bis ins letzte Detail …“


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Das war das Neue, das war die eigentliche Bestimmung der innovativen Künstlerkolonie: Weltentwürfe in äußer­ster ästhetischer Verdichtung zu versammeln. Diese eminente kreative Energie gilt es im Bewusstsein zu halten – und immer wieder in unsere Gegenwart zu überführen.

Ralf-Beil-vor-dem-Ausstellungsgebäude-MathildenhöheDr. Ralf Beil wurde 1965 in Kobe/Japan geboren. Er studierte Kunstgeschichte, Germanistik und Philosophie in Freiburg im Breisgau und Paris, Maîtrise d’histoire de l’art et d’archéologie an der Université Paris-Sorbonne. Der Autor promovierte an der Gesamthochschule Essen. Von 1990 bis 1998 war er als freier Ausstellungskurator und Kunstkritiker für Artefactum, Neue Zürcher Zeitung, Kunst-Bulletin und Kunstforum International tätig. Von 1999 bis 2003 arbeitete er als Ausstellungskurator und Konservator der Gemälde- und Skulpturensammlung am Kunstmuseum Bern. 2004/2005 war er Konservator und Ausstellungskurator für das 20. und 21. Jahrhundert am Musée cantonal des Beaux-Arts Lausanne. Seit Januar 2006 ist Dr. Ralf Beil Direktor des Instituts Mathildenhöhe Darmstadt.