Dr. Rainer Waldschmidt: Gut vernetzt – Cluster der hessischen Gesundheitswirtschaft

In Hessen gewinnen Clusternetzwerke an Bedeutung. Heute gibt es hier rund 30 erfolgreiche Kompetenznetzwerke, die Unternehmen und Forschungseinrichtungen in verschiedenen zukunftsträchtigen Branchen und Technologien zusammenführen. Insbesondere die Clusterakteur der hessischen Gesundheitswirtschaft wirken im Verbund daran, Effizienz und Innovationsfähigkeit zu steigern.

 

 

Der Standort Hessen ist geprägt durch eine lebendige Clusterlandschaft. Mehr als 30 Kooperationen mit insgesamt 1100 be­­­teiligten Unternehmen listet das vom Tech­­nologieTransferNetzwerk Hessen betriebene und von Hessen Trade & In­­vest (HTAI) geförderte Portal www.hessen-cluster.de auf. Als Wirtschafts­ent­wick­lungs­­­gesellschaft des Landes posi­­tio­­niert und unterstützt HTAI im Auftrag der hes­­sischen Landes­­re­gie­rung den Wirt­­schafts- und Techno­lo­gie­stand­­ort Hessen, um ihn im nationalen wie internationalen Wett­­bewerb zu stärken. In der hessischen Clus­­terlandschaft ist HTAI als Förderer, Part­­ner und Mit­­ini­­tiator zukunftsweisender Netzwerke aktiv. Deren Bandbreite um­­fasst die hessischen Stär­­ken in den Be­­reichen Mobilitäts- und Energie­­wirt­­schaft ebenso wie Auto­­mo­­tive, Ma­­schi­­­nen­­bau, Medizin und Ge­­sund­­­heit. Die Cluster setzen Impulse für For­­schung, tech­­no­­lo­­gi­­schen Fortschritt, wirt­­­schaftlichen Wachs­­­­­tum und Beschäf­­­ti­­gung in Hessen.

Vor allem Zukunftsbranchen wie die Ge­­sundheitswirt­schaft leben von entspre­­chenden Rahmenbedingungen, um ihre Wirtschaftskraft entfalten zu können. In Hessen findet die Branche ein hervorra­­gendes Innovations- und Inves­ti­tions­­kli­­ma vor. So bildeten sich um traditionelle Standorte wie Frankfurt und Mar­­burg, aber auch in Nord­­hessen, mo­­derne Netzwerke, in denen renommierte For­­­­schungseinrichtungen, innovative Unter­­­­­nehmen und Verwaltung erfolgreich mit­­­­einander verknüpft sind. Der „Cluster Integrierte Bioindustrie“ (CIB) Frank­­furt, der „rhein-main-cluster chemie & phar­­ma“, der Medizintech­ni­kcluster „timm – Tech­­­nologie & Innovation Medizin­re­gion Mittel­­hessen“, der Spitzencluster für „Indivi­dua­­­li­sierte ImmunIntervention“ (Ci3) so­­­­­­wie die „Initiative ge­­sund­heitswirtschaft rhein-main“ und die „Gesundheits­­region Nordhessen“ – sie alle fördern die Ver­­netzung von Unter­nehmen und Einrich­­tungen der Gesundheitswirtschaft.

Jeder Clusterakteur steht für Spitzen­­leis­­tung – das Zusammenwirken mit anderen schafft Synergien, die den ent­­wickelten innovativen Technologien und Pro­­duk­­ten effektiver zum Durchbruch verhelfen. Die in den Clustern gelebte Vernetzung von technologischem mit medizinischem Fort­­schritt stärkt nicht nur den Wirt­­schafts- und Techno­­logie­­standort Hessen, sondern trägt mit der Umsetzung der For­­schungsergebnisse in neue Diagnostika und Therapeutika unmittelbar zu mehr Lebensqualität bei.

Zukunft erschließen. Über Chemie und Pharma hinaus binden die Quer­schnitt­­cluster der Gesundheitswirt­schaft mit der Medizintechnik und der Bio­­tech­­no­­logie zwei weitere Schlüsselbranchen ein. Zu den Leuchtturm­projekten auf dem Gebiet der Biotechnologie gehört der von Hessen Trade & Invest getragene „Cluster Inte­g­rierte Biotechnologie“ (CIB) Frank­­furt, der Technologie und Poten­­zial der Weißen Biotechnologie erschließt (s. S. ).
Forschungsstark und innovativ. Ein gutes Beispiel ist die personalisierte Medizin. Hier leistet der „Cluster für Indivi­­dua­­lisierte ImmunIntervention“ (Ci3) hervor­­­­ragende Arbeit. Er bündelt die in der Rhein-Main-Region angesie­delte Exper­­tise in den Bereichen Arzneimittel, Therapie­­­ansätze und Diagnostika mit dem Ziel, Immuninterven­tion international an der Spitze zu etablieren. Im Jahr 2012 hat Ci3 einen großen Schritt nach vorne getan: Das Netzwerk aus mehr als 120 Partnern gewann den vom Bundes­minis­­­­terium für Bildung und Forschung ausgeschriebenen Spitzencluster-Wettbewerb.

Das damit verbundene Fördergeld von rund 40 Milli­onen Euro kommt der Arbeit an maßgeschneiderten Thera­­pien von Krebs, Autoimmunkrankheiten und ge­­fährlichen Infektionen zugute. Im Kampf gegen diese Leiden nutzt Immun­inter­­ven­­­­­tion die genetischen und immunolo­­gi­­schen Eigenheiten des Patienten, um eine indi­­­vi­­­­duell abgestimmte, zielgenauere und scho­­­­­nen­­dere Behandlung zu er­­mög­­­­­­lichen. Gleich­­­­zeitig reduzieren die inno­­va­­tiven Therapie­­formen die Entwick­lungs­­­­­­zeit von Medikamenten und die Be­­hand­­­­­­lungs­­kosten.

Ci3, der von Hessen und Rheinland-Pfalz unterstützt wird, integriert Industrie, Wis­­­­senschaft und Politik. Da­­rüber hinaus geben Partner wie die bei Hessen Trade & Invest angesiedelte Aktionslinie Hessen-Biotech inhaltlichen Input und kooperiert eng mit dem Clusterma­nage­ment. Mit der „Initiative gesundheitswirtschaft rhein-­main e.V“. ist ein weiteres hessisches Netz­­werk im länderübergreifenden Ci3 aktiv.

Gemeinsam stark und effizient. Auch Vertreter der Wirt­­schaft, Wissenschaft und Politik setzen sich für die Ver­­­­net­­zung der Gesundheitsbranche am Stand­­­­ort ein. Die „Initia­tive gesundheitswirtschaft rhein-main“ will dazu bei­­tragen, dass die Region ihr gesund­heits­wirt­schaft­­­­liches Potenzial als eine der stärksten Gesundheitsre­gionen Deutschlands weiter ausbauen kann. Sie verfolgt das Ziel, die Wege zwischen den Akteuren der Ge­­­­sund­­­­heitswirt­schaft zu verkürzen, Kontakte zwischen Wirtschaft und Politik zu fördern und wirbt für eine aktive Gesundheits- und Wirtschaftspolitik.

Wie auf historischem Boden zeitgemäße Cluster gedeihen, zeigt das „rhein-main-cluster chemie & pharma“. Das Netz­­werk aus chemischen und pharmazeutischen Industrieunternehmen hat sich am früheren Sitz des einst weltbekannten Chemie- und Pharmakonzerns Hoechst in Frankfurt etabliert. Größe spielt keine Rolle ­ – spezia­lisierte kleine und mittlere Unternehmen (KMU) agieren gleichberechtigt neben größeren Partnern; alle sind international erfolgreich. Im Ver­­bund wirken sie daran, Effizienz und Innova­­tions­­­­­fähigkeit zu steigern, sie suchen aber auch Antworten auf den Fachkräfte­­mangel.

Die Einbindung von KMU gehört zu den Erfolgsfaktoren von Clustern. KMU in innovativen Branchen wie der Ge­­sund­­heitswirtschaft zeichnen sich nicht nur durch hoch spezialisiertes Know-how aus, sondern auch durch über­­durchschnittliche F & E-Quoten. Die hohen Ausgaben unterstreichen sowohl die Innova­­tions­­kraft als auch das Wachstums- und Be­­­­schäftigungspotenzial. Nicht zuletzt auf­­­­grund der intensiven Kooperation zwischen KMU und Großunternehmen hat das Hes­­­sische Wirtschaftsminis­terium das „rhein-main-cluster chemie & pharma“ im Cluster­­wettbewerb des Landes ausgezeichnet.

Netzwerke für Wissenschaft und Ge­­sund­­heit. Über das Rhein-Main-Gebiet hinaus gibt es in Mittelhessen, um die Universitätsstädte Gießen und Marburg einen regionalen Cluster mit dem Schwer­­­­punkt Medizintechnik. Das Cluster­ma­na­­­ge­­ment „Technologie & Innovation Me­di­­­­­z­in­­region Mittelhessen“ – kurz: timm – führt Unterneh­men, Kliniken und Hoch­­schulen der Region zusammen. Unter dem Motto „Idee trifft Strategie“ tauschen sie Know-­how aus, mit dem Ziel, den Prozess von der Idee bis zur Produktreife zu beschleu­­­nigen und zu verbessern. Mit dieser Form der Effizienzsteigerung des Wert­­schöp­­fungs­prozesses stärken sie den Stand­­ort Mittelhessen.

Während die beschriebenen Cluster vor­­­­wiegend die Po­­tenziale von Wissen­­schaft und Wirtschaft erschließen, verfolgt der Cluster „Gesundheitsregion Nord­hessen“ einen ganzheitlichen An­­satz. Basierend auf den Res­sourcen Natur, Kultur und Gesund­heits­kom­pe­tenz wird der Stand­­­ort im Herzen Deutschlands zur überre­­gio­­nal anerkannten Gesundheitsregion ent­­wickelt. Zugleich entwickeln die am Netz­­werk beteiligten Institutionen Kon­­­zepte, um die medizinische Versorgung der Bür­­­­ger in Nordhessen nachhaltig zu ge­­währ­­leisten.

Hessen Trade & Invest arbeitet eng mit den Clusterin­itiativen zusammen, zum Beispiel bei der Suche nach passenden Netzwerkpartnern oder im Rahmen ge­­meinsamer Veranstaltung und Projekte. Zudem berät und unterstützt die HTAI interessierte Initiativen und Unter­­neh­­men bei der Antragsstellung für EU-Projekte oder bei der Beantragung zur För­de­rung von strategischen Allianzen.

 

HA_Dr.-Waldschmidt_040-KopieDer Autor, Naturwissenschaftler und Be­­triebswirt (MBA), arbeitete nach inter­na­tionalen Stationen in Forschung und In­­dus­trie seit 2002 im Hessischen Mi­­nisterium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung. Im Juli 2011 wurde er Geschäftsführer der landeseigenen Wirtschaftsentwicklungsgesell­­schaft HA Hessen Agentur GmbH. Seit Oktober 2012 leitet er auch deren Tochter­gesell­schaft Hessen Trade & Invest GmbH.