Dr. phil. Volker Müller: Zukunftsinvestition Bildung – Die Suche nach den High Potentials

Graduation09_Hüte_Lichthof-KopieDer Bedarf an Fach- und Führungskräften wird in Niedersachsen in den nächsten Jahren bedeutend zunehmen. Die Eng­pässe konzentrieren sich bislang zwar auf bestimmte Regionen, Branchen und Berufe, dennoch mehren sich die An­­zeichen für eine breite Fachkräftelücke. Mit dem voranschreitenden demografischen Wandel wird sich die Lage weiter verschärfen. Der Nachwuchs wird weniger, die Belegschaften werden älter. Besonders steigt die Nachfrage nach Akademikern und Hochqualifizierten. Die besonders guten unter ihnen, die so­­genannten „High Potentials“, werden auf dem Arbeitsmarkt immer schwerer ver­­fügbar. Was bedeutet diese Entwick­l­ung für Niedersachsen, dessen Wirtschaft auf Innovationsfähigkeit und damit auf High Potentials angewiesen ist, und welche Herausforderungen werden auf uns zukommen?

Als High Potentials betrachtet man junge Hochschulabsolventen einer renommier­­ten Universität, welche zu den besten sechs bis zehn Prozent ihres Jahrgangs gehören. Sie zeichnen sich durch überdurchschnittliche Examina, Auslands­aufenthalte, Sprachkenntnisse, Praktika und soziale Kompetenzen wie Team­fähigkeit und Kommunikationsstärke aus. Studien belegen, dass es Unternehmen zunehmend schwerer fällt, geeignete Kandidaten für sich zu rekrutieren.

 Besonders deutlich wird diese Entwick­lung bereits in den MINT-Bereichen (Mathe­­matik, Informatik, Naturwissen­schaften, Technik). Alleine der Ersatz­bedarf für altersbedingt ausscheidende Fachleute in diesen Branchen erfordert enorme Kapazitäten an hochqualifizier­­tem Nachwuchs. Zurzeit bilden deutsche Hochschulen nur rund 88.000 MINT-Absolventen aus. Gemessen am aktuellen Bedarf des Arbeitsmarktes in Deutschland sind dies zwischen 12.000 und 22.000 Nachwuchskräfte zu wenig. In Niedersachsen fehlen der Industrie zurzeit gut 11.000 Ingenieure. Aber auch in den Bereichen Marketing und Ver­­trieb, im Controlling und in der strate­­gischen Unternehmensführung zeichnet sich ein erhöhter Bedarf an High Po­­ten­­tials ab. Das Konkurrenzverhalten der Arbeit­­geber zieht spürbar an. Daher ist heute die Frage nach der Qualität der Hoch­­schul­aus­­bil­­dung für den Standort Nieder­­­sachsen von entscheidender Bedeutung.

 Ein gutes Beispiel für ein innovatives uni­­versitäres Konzept, welches dem Be­­­­darf der Region entspricht, ist der Ver­bund der Niedersächsischen Technischen Hoch­­schule (NTH). Unter dem Dach der NTH haben sich die Technische Uni­versität Braunschweig, die Technische Uni­ver­si­tät Clausthal-Zellerfeld sowie die Leibniz Universität Hannover zu einer Allianz zusammengeschlossen.

Absolventen der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer haben nach dem Studium in der Regel hervorragende Berufsaussichten.

Absolventen der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer haben nach dem
Studium in der Regel hervorragende Berufsaussichten.

Absolventen der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer haben nach dem Studium in der Regel hervorragende Berufsaussichten.

Absolventen der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer haben nach dem
Studium in der Regel hervorragende Berufsaussichten.

 Statt untereinander zu konkurrieren, ar­­­­beiten die drei Hochschulen kooperativ zusammen. Speziell bei der Ent­wick­lungs­­planung in den natur- und inge­­nieur­­wissenschaftlichen Fächern stimmen sich die Universitäten aufeinander ab. Seit 2011 wird mit dem Master-Studien­gang Energiewirtschaft eine zusätzliche Bildungsinnovation an der Technischen Universität Clausthal-Zellerfeld angebo­­ten. Eine international attraktive Anlaufstelle für Studieninteressierte ist die GISMA Business School in Hannover. Dank ihres Studienkonzeptes sowie durch zahlreiche Partner und Sponsoren aus Politik und Wirtschaft ist sie eine der führenden Busi­­ness Schools in Europa. Sie wurde 1999 auf Initiative des Landes Nieder­sachsen gegründet und ist seit Sommer 2011 ein An-Institut der Leibniz Uni­ver­sität Hannover. Gemeinsam mit dem akademischen Partner Purdue Uni­ver­sity in West Lafayette (Indiana, USA) werden drei englischsprachige MBA-Pro­­­gramme (Vollzeit-, Executive- und Wochenend-MBA) angeboten. Die Schwie­­rig­­keiten, denen Unternehmen bei der Suche nach hochqualifizierten Mit­arbei­­tern zukünftig entgegensehen, werden auch auf Unter­nehmensseite zu einem Umdenken führen. So wird die Ent­wick­­lung und Qualifizierung von Mitarbeitern zukünftig eine größere Rolle spielen. Ob sich die erhöhte Nachfrage nach High Potentials für ein Unternehmen bewährt, wird die weitere Entwicklung zeigen. Denn auch der qualifizierteste Mitarbeiter ga­­ran­­tiert dem Unternehmen nicht zwangs­­läufig, dass er den Anforderungen gerecht wird. So können sich auch Absolventen mit guten und durchschnittlichen Noten durch besondere Fähigkeiten, wie eine hohe soziale Kompetenz, auszeichnen und sich im Unternehmen zu Top-Mit­arbeitern entwickeln. Um diese Mit­ar­bei­ter frühzeitig zu binden, werden Unter­­nehmen vermehrt den Kontakt zu den Studierenden herstellen müssen. Unter­­nehmen in Niedersachsen zeigen schon jetzt ein verstärktes Bildungs­engage­­ment und klinken sich in die Hoch­schul­aus­bildung ein. Mit dem Aus­schuss Hoch­schuleWirtschaft bieten die Unterneh­­mer­­verbände Niedersachsen (UVN) eine Plattform zum Austausch, um innovative Kooperationsprojekte anzu­stoßen. Ziel des Ausschusses ist es, Unter­neh­mens- und Wirtschaftsvertreter an einen Tisch zu bringen, ihre Zusammen­­arbeit zu akti­­vieren, Synergien zu heben und politisch sinnvolle Initiativen wie die Offene Hoch­­schule zu unterstützen.

 Von den Kooperationen der Unterneh­­men mit Universitäten profitieren alle. So können Studenten bereits in der Hoch­schulausbildung praxisnahe Er­fah­run­gen sammeln. Für eine weitere Durchlässig­keit der beruflichen zur universitären Bildung muss zudem der Hochschul­zu­­gang für beruflich Qualifizierte er­­leich­tert werden. Dabei kommt es da­­rauf an, dass insbesondere die Offene Hoch­­schule ein­­­­geführt und entspre­ch­end umgesetzt wird. Es ist erforderlich, dass die Öffnung der Hochschulen nicht nur zu einer Öffnung des Hochschulzu­gangs für beruflich Qualifizierte führt, sondern auch eine weitere Öffnung der Insti­tu­tion „Hoch­schule“ für ihr wirtschaftliches und gesellschaftliches Um­­feld nach sich zieht. Auf Dauer angelegte Kooperationen zwischen Hochschulen und Unternehmen sind ein Weg, gerade die gesuchten High Potentials in unserem Bundesland zu halten. Besonders mittel­ständische Unter­­nehmen in Nieder­sachsen können sich durch eine frühzeitige Bindung der Hoch­­­schulabsolventen als attraktive Arbeit­geber präsentieren.

Am LaserAnwendungsCentrum (LAC) in Clausthal entwickeln Forscher neuartige miniaturisierte photonische Sensorkonzepte für den Einsatz in der Sicherheits- und Energietechnik.

Am LaserAnwendungsCentrum (LAC) in Clausthal entwickeln Forscher neuartige miniaturisierte
photonische Sensorkonzepte für den Einsatz in der Sicherheits- und Energietechnik.

Für praxisnahe Forschung stehen am Braunschweiger Institut für Fahrzeugtechnik gut ausgestattete Werkstätten zur Verfügung.

Für praxisnahe Forschung stehen am Braunschweiger Institut für Fahrzeugtechnik gut ausgestattete Werkstätten zur Verfügung.

 Im Wettbewerb mit anderen Bundes­ländern kann Niedersachsen nur dann ein attraktiver Standort bleiben, wenn weiterhin für die Offenheit und Innova­tionsfähigkeit des Landes geworben wird. Niedersächsische Unternehmen liegen in vielen Technologiefeldern, nicht nur in Deutschland, sondern auch inter­na­­tio­­nal, bereits an der Spitze. Durch Nieder­­­sachsens zentrale Lage in Deutschland und Europa sowie seine herausragende Infrastruktur von Straßen, Schienen und Wasserwegen bildet das Land einen Dreh- und Angelpunkt des transeuropäischen Warenstroms. Zudem bietet Nieder­sach­sen schon heute bundesweit die besten geo­logischen und technologischen Vor­­aus­­­­­setzungen im Bereich der konventio­nellen und vor allem der erneuerbaren Energie­­technologien. Zusätzlich zeichnet sich das Land als eines der wichtigsten europä­­i­schen Zentren der Automobil­indus­­trie aus. Die Metropolregion Hanno­­ver/Braun­schweig/Göttingen/Wolfs­­burg ge­hört mit ihrem Know-how zu den größ­­ten Bal­­lungs­­räumen der Automobil­­wirt­­schaft in Deutschland. In diesem Bereich ist – verbunden mit einer dichten For­­schungs- und Entwicklungsinfrastruk­tur – ein enges Netz an Zulieferbetrieben ent­­standen. Ob Bio-, Energie-, Medizin- oder Messtechnik, Material- oder Werk­stoff­­technik, dank der zahlreichen Ein­rich­­tungen in Forschung und Entwicklung bietet Niedersachsen potenziellen Inves­­­­toren, Unternehmen so­­wie den Studie­­­­­r­e­­­­­nden ein effizientes Netzwerk für einen exzellenten Wissenstransfer.

 Damit Niedersachsen ein wirtschaftlich starkes und innovatives Bundesland bleibt, muss die Ausrichtung des Studien­­ange­bots auf den Bedarf der Wirtschaft weiter gefördert werden. Gerade der Ver­­bund NTH und internatio­­nale Studien­­angebote wie die der GISMA zeigen, dass ein Zusammenschluss einzel­­­ner Ein­rich­­tungen effizient das vorhandene Know-how strukturiert und somit insge­samt qualitativ aufwertet. Nicht zuletzt baut der niedersächsische Mittel­stand auch auf die zahlreichen gut ausgebil­deten Fachkräfte. Wollen wir im internationa­len Wettbewerb mithalten, müssen wir ganz besonders diese Po­­tenziale weiter quali­­fizieren und fördern. Das Ziel muss der direkte Übergang in den Beruf sein, bei dem die Stärken des Einzelnen be­­reits in der Schule aufgegriffen und in der Aus­­bildung weiter definiert werden. Bil­­d­­ung als ein zentraler Wirtschaftsfaktor ist da­­bei der Schlüssel zum Erfolg.

Volker_Mueller_Bild-KopieDer 1955 in Saarbrücken geborene Autor studierte Jura und Soziologie. Parallel zu seiner Promotion und Zulassung als Rechts­anwalt übernahm er 1985 die stell­­­vertretende Geschäftsführung des Instituts der Norddeutschen Wirtschaft (INW) und wurde 1992 ebenfalls zum stellvertretenden Hauptgeschäftsführer der Unter­nehmer­verbände Niedersachsen (UVN) ernannt. Seit Juli 2000 steht Müller an der Spitze der UVN sowie des INW.