Dr. Peter Heinrich: Rot-Weiß-Grün: Wie die Biotechnologie die Welt verändert

Die Biotechnologie hat als aufstrebende Wissenschafts- und Wirtschaftsbranche nicht nur eine große Mengen an theoretischem Wissen über biologische Prozesse gesammelt, sondern diese Forschungen bereits in die Praxis übertragen. Als übergreifende Technologie bildet sie die Schnittstelle unterschiedlichster Branche: Medizin, Chemie, Lebensmittelindustrie oder Landwirtschaft setzen auf das Verständnis molekularbiologischer Prozesse und auf immer neue Methoden, zielgerichtet in diese einzugreifen.

 

Betrachten wir einen beliebigen Morgen im Jahr 2014. Frau Mustermann steht auf, duscht und wäscht sich die Haare. An­­schließend verwöhnt sie ihre Haut mit einer Pflegecreme. Zum Früh­stück schmeckt ihr ein Käsebrot mit Orangensaft. Nach dem Zähneputzen zieht sie sich frische Kleidung an. Mit einer Wasserflasche in der Tasche macht sie sich mit dem Auto auf den Weg zur Arbeit. Vor­­her muss sie auch noch schnell zur Tankstelle. Mindes­tens zehn Mal hatte Frau Mustermann zu diesem Zeit­punkt schon Kontakt zu biotechnisch hergestellten Produkten.

Die Biotechnologie hat das Haar­waschmittel verbessert, die Creme mit pflegenden Bestandteilen an­­ge­­reichert, dazu beigetragen, das Brot günstig herzustellen, die Milch zu Käse gerinnen zu lassen und den Orangensaft wirklich zu einer guten Vitamin-C-Quelle zu machen. Die Zahnpasta ist extra cremig und entfernt „probiotisch“ sogar Karies­erreger, alles dank biobasierter Techno­logie. Die Klei­dung wurde umweltschonend bei niedrigen Tempera­turen gewaschen, was möglich ist, da Bestand­teile des Waschmittels aus gen­technisch veränderten Orga­­nismen stammen. Die Was­serflasche ist aus Pflanzen, Teile ihres Autos sind eben­­falls aus Bioplastik. Und das Benzin in ihrem Tank be­steht zu Teilen aus Bioethanol.

Die Biotechnologie hat unsere Welt verändert, oft nicht sichtbar, aber sehr nachhaltig. Mehr als 10.000 Jahre nach der ersten Nutzung von Hefen zur Bierherstellung hat die Biotechnologie Einzug in beinahe alle Bereiche des täglichen Lebens gehalten, doch den wenigsten ist dies bewusst. Wir nutzen einen „Farbcode“, um die ver­­schiedenen Anwendungsbereiche der Biotechnologie zu unterscheiden. Der wirtschaftlich (noch) bedeutsamste Sektor ist die „rote Biotechnologie“. Sie steht für die Ent­­wicklung von Therapeutika, Diagnostika und gesundheitsbezogener Dienstleistungen. Die erste bahnbrechende Entwicklung aus der roten Biotechnologie war das gentechnisch hergestellte Insulin. Ursprünglich auf Schlachthöfen aus Schweinen und Rindern gewonnen ist das menschliche Insulin aus Mikroorganismen heute nicht mehr aus der Behandlung von Diabetikern weg­zu­denken. Aktuelle Umsatzgaranten der Pharmaindus­trie sind gentechnisch hergestellte Medikamente (Bio­phar­mazeutika), die Rheumatikern das Leben deutlich er­­leichtern oder Krebspatienten Hoffnung machen können.

Produkte der „weißen Biotechno­logie“ finden sich überall und sind beinahe unvermeidlich, wie der ex­­emplarische Start in den Tag von Frau Mustermann ver­anschau­licht. In großem Maßstab werden Mikroorga­nismen ge­­nutzt, um Bestandteile alltäglicher Produkte wie Back­enzyme, Vitamine, Pfle­geprodukte, Verpackungs­material oder Waschmittel zu liefern. Im Jahr 2011 erhitzte die Beimischung von Bio­ethanol zum Benzin (Stichwort: E10-Debatte) die Ge­­müter. Bioethanol der 1. Generation wurde aus essbaren Pflanzenteilen gewonnen und daher wurde kritisiert, dass Nahrungsmittel im Tank und nicht mehr auf dem Teller landen würden. Bio­technologische For­schung macht es nun möglich, Bio­ethanol im industriellen Maßstab aus Agrarreststoffen wie Stroh herzustellen und so die Debatte um Bioethanol-Beimischung zu entschärfen. Es besteht so keine Kon­kurrenz mehr zu Nahrungs­mittelproduktion oder An­­bauflächen und der so gewonnene Kraftstoff ist nachhaltig. Die Um­­stell­ung der Produktion von Vitamin B2 von einer rein che­mi­schen auf eine biotechnologische Synthese reduzierte den CO2-­Ausstoß um 30 Prozent, den Verbrauch fossiler Roh­­stoffe um 60 Prozent und den generierten Abfall sogar um 95 Prozent. Laut Schätzung der Euro­päischen Union wird die Chemie-Industrie im Jahr ­­2030 30 Prozent ihres Umsatzes durch biobasierte­ Chemikalien erzielen.

Aus dem „Baukasten“ der biotechnologischen Forschung stammen außerdem Mikroorganismen, die dabei hel­fen, belastete Böden zu renaturieren oder Abwässer zu rei­nigen. Biotechnologische Anwendungen in der In­­dustrie tragen daher dazu bei, Energie zu sparen, die Umwelt zu schonen und Produktionskosten zu senken.



Die grüne Biotechnologie ist mittlerweile zwar von deut­­schen Äckern verschwunden. Die Ablehnung dieses Sektors durch einen Großteil der Bevölkerung und langwierige Zu­­lassungsprozesse haben dazu geführt, dass sich die großen forschenden Agrobio-Unternehmen aus dem deut­­schen Markt zurückzogen und kleinere Unternehmen nicht die Ressourcen aufbringen können, ein Produkt auf den Markt zu bringen. Dennoch sind wir in Deutschland von gentechnisch veränderten Pflanzen abhängig. Welt­­weit stieg deren Anbau seit dem ersten kommerziellen Anbau 1996 stetig an. 2012 waren schon 81 Prozent des weltweit angebautem Sojas und der Baumwolle mit transgenen Resistenzen ausgestattet. Die Europäi­sche Union importiert jährlich 35 Millionen. Tonnen Soja und Soja­schrot für die günstige Massenfleischproduktion, die ohne diese Importe nicht möglich wäre. Ähnlich ver­­hält es sich mit Bauwollstoffen für unsere Kleidung.



In inzwischen über 30 Jahren Erzeugung in der modernen Biotechnologie hat es je weder einen Industrieunfall gegeben noch konnten Beeinträchtigungen für Mensch, Umwelt und Tier wissenschaftlich haltbar nachgewiesen werden. Das ist ein Gütesiegel, das weder die alternative noch die traditionelle Lebens- und Futtermittelin­dus­trie für sich reklamieren können. Die Biotechnologie ist eine universelle Technologie, die in beinahe alle wichtigen Wirtschaftszweige Einzug gehalten hat. Sie ist Schlüs­seltechnologie für Industrie, Gesundheit und Landwirt­schaft und macht nachhaltiges Wirtschaften möglich. Diese Erkenntnis hat sich auch in der Politik durchgesetzt. In den letzten Jahren haben viele Länder nationale Bioökonomie-Strategien aufgelegt. Die Prioritätsfelder dieser unterscheiden sich mitunter. Allen zu eigen ist aber das Ziel einer Transformation von einer petrobasier­ten in eine wissensbasierte, nachhaltige und bio­basierte Wirtschaft. Die deutsche Nationale Forschungsstrategie BioÖkonomie 2030 wurde 2010 veröffentlicht und im Jahr 2013 durch eine Politik-Strategie Bioökonomie ergänzt. Der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD bezeichnet die Biotechnologie als Schlüsseltechnologie und bekennt sich zur Förderung der Bioökonomie.



Deutsch­land ist weltweit die Nummer zwei in der Produktion biopharmazeutischer Arzneimittel und in Europa führend in der Krebsforschung und in dem noch neuen Zweig der Im­­muntherapie. Auch in der „weißen Biotechnologie“ nimmt Deutschland eine Spitzenposition ein. Nicht nur aus volks­­wirtschaftlicher Hinsicht ist es deshalb wichtig, das Innovationspotenzial und den Nutzen der Biotechnologie an die breite Öffentlichkeit zu kommunizieren und so die Technologieaufgeschlossenheit zu fördern. Die Biotech­nologie hat die Welt verändert und nur mit ihr kann der Weg in eine nachhaltige Wirtschaft beschritten werden.

 

Der Autor ist Mitgründer und Sprecher des Vorstands der BIO Deutschland, eines unabhängigen Interessenverbandes der deutschen Biotechnologie-Industrie, und Vorstandsmitglied der EuropaBio. Er ist Inhaber der Unternehmensberatungsgesell­schaft ph Biotech-Consulting und seit Dezember 2012 Aufsichtsratsvorsitzender der Berliner INJEX Pharma AG. Von 2010 bis 2011 war er Vorstandsvorsitzender der MagForce AG in Berlin. Außerdem war er Mitgründer der Medigene AG und von 1995 bis 2005 Vorstandsvorsitzender dieser Firma.