Dr. Peter Baumgartner: Die Schweiz gehört zu den weltweit führenden Headquarter-Standorten

Das Wareninspektions-Unternehmen „So­­ciété Générale de Surveillance“ (SGS) ist eines der multinationalen Unternehmen mit Sitz in der Schweiz. SGS deckt mit ih­­ren Geschäftsfeldern weit mehr als die Hälf­­te des Weltmarktes ab. In Genf an­­säs­­sig, ist sie in rund 140 Ländern vertreten und beschäftigt welt­­weit 37.000 Mitar­bei­­ter. In der Öffent­­lich­­keit bekannter als die SGS sind Namen wie Nestlé, ABB, Novartis, Roche oder Holcim. Diese fünf Schweizer Firmen gehören zu den grössten Kon­­zer­­nen weltweit. Sie erwirtschaften gemeinsam einen Weltumsatz, welcher fast der Hälfte des schweizerischen Volksein­kom­­mens entspricht. Nestlé zählt hierbei zu den glo­­­­balsten Schweizer Unternehmen: Der Kon­­sumgüterkonzern ist mit 230.000 Mit­­ar­­beitern in 500 Fabriken in fast je­­dem Land der Welt präsent.
Der Tech­­no­­lo­­gie­kon­­zern ABB, welcher die Welt mit Fer­ti­­gungs-, Pro­­­­zess- und Kon­­sum­­gütern be­­liefert, be­­­­schäf­­tigt 160.000 Mitarbeiter in über 100 Län­­dern. Mit No­­vartis und Ro­­che ha­­ben zwei der fünf größten Phar­­­ma­­­un­ternehmen der Welt ihren Sitz in der Schweiz. Novartis be­­schäftigt rund 98.000 Mitarbeiter in 140 Ländern, Roche deren 80.000 in 180 Län­­dern. Und nicht zuletzt ist Holcim mit sei­­nen 87.000 Be­­schäf­­tig­­ten und einem Um­­satz von über 25 Mil­­li­­arden Schweizer Fran­­­­­ken (2008) einer der zwei Weltmarkt­­leader im Zement­ge­­schäft.

Daneben sind auch eine ganze Reihe weite­­rer, kleinerer Schweizer Unternehmen vor­­neh­­mlich aus der Maschinen-, Metall- und Elektroin­­dus­­trie wie Geberit, Phonak, Oer­­li­­kon, Schind­ler, GF und Bobst auf den Welt­­­­märkten sehr präsent.

nescafe_1

Schweiz ist als Standort für Headquarters attraktiv
All die genannten Unternehmen haben zwar ihre Produktions- und Beschäf­ti­gungs­­­struk­­tur konsequent globalisiert. Ihre Konzern­­zentralen befinden sich je­­doch nach wie vor in der Schweiz. Die Festlegung der Un­­ter­neh­­mensstrategie und die Steuerung we­­sent­licher Kon­­zern­­prozesse erfolgt da­­mit von der Heim­­ba­­sis Schweiz aus. Der Entscheid zu Guns­­­ten des Standortes Schweiz gründet hier­­bei keines­­wegs nur auf „patriotischen Über­legungen“. Vielmehr scheint die Schweiz die spezifischen An­­sprüche, wel­­­che Kon­zern­­zentralen an ei­­­nen Standort stellen, optimal zu er­­füllen. Dazu zählen die zentrale Lage in Euro­­pa, die politische Stabi­lität, die ausgebaute Infrastruktur, hochwertige Ausbil­dungs­stät­­ten und die hohe Verfügbarkeit von qualifizierten Ar­­beitsnehmern in unserem Land. Auch das liberale Gesell­schafts- und das flexible Arbeitsrecht der Schweiz sind hierbei von Bedeutung. Ein Schlüssel­faktor für diese Standortwahl stellt jedoch das Schweizer Steuersystem dar. Die Steuer­belastung ist in der Schweiz moderat. Be­­züglich der für die Konzern­funktionen wichtigen Be­­reiche kennt die Schweiz international äusserst vorteilhafte Regelungen. Hinzu kommen ein gut ausgebautes Netz von Doppelbesteuerungs­abkommen, ein tie­­fer Mehrwertsteuersatz sowie ver­­hält­nis­­­­­mäßig tiefe Einkommen­steuern für na­­türliche Personen. Zu den Vorteilen zählt auch das „Steuerklima“, das von gegensei­­tigem Verständnis und Respekt ge­­prägt ist.

ABB_Forschungszentrum_Luftaufnahme-Photo-ABB

Auch ausländische multinationale Unternehmen zieht es in die Schweiz
Die hohe Standortattraktivität der Schweiz überzeugt auch zahlreiche ausländische Grosskonzerne. Die Schweiz weist einen hohen Bestand an ausländischen Direkt­­investitionen auf. Das Bestehen von „Un­­ternehmens-Clustern“ führt dazu, dass immer mehr erfolgreiche multinationale Firmen den Hauptsitz und zentrale Kon­­zernfunktionen in die Schweiz verlegen.

Unser Land gilt nach Grossbritannien als der führende Headquarter-Standort in Eu­­­­ro­­pa. Die Ansiedlung ausländischer Un­­­­­­ter­­­­neh­­men konzentriert sich auf we­­ni­ge Kan­­tone. So befinden sich in Zug, Zürich, Waadt, Genf und Freiburg 60 Pro­­zent der interna­­tio­­­na­len Hauptsitze aus­­län­di­scher Unter­­neh­­men. Eine besonders eindrück­li­­che Kon­­­­zen­­tra­­tion solcher Unter­­neh­mens­­­­­zen­tra­len be­­her­­bergt die Re­­gion entlang des Gen­­fer­­sees von Genf bis Montreux. In­­ter­­na­­tio­­nal bekannte Kon­­zerne wie Ade­­cco, Cater­pil­­lar, Chiquita, Colgate, Hewlett Packard, Nis­­san, Procter & Gamble sowie Philip Mor­­­­ris ha­­­­ben sich dort nieder­­ge­las­­sen. Schät­­­­zun­­gen be­­ziffern den Ge­­samt­­­be­stand an in­­­­ternatio­­na­­len Head­quar­­ters in der Schweiz auf rund 500 (inklusive die­­­­je­­ni­­gen von Schweiz­­er Konzernen).
Die Dichte an multinationa­­len Unter­neh­­men ist in der Schweiz rund doppelt so hoch wie in den Niederlanden, dreimal so hoch wie in den USA und sogar fünfmal höher als in Deutschland.

Grosse volkswirtschaftliche Bedeutung der Headquarters für die Schweiz
Angesichts dieser Dichte erstaunt es nicht, dass den multinationalen Unter­neh­­­men eine grosse Bedeutung für die Schweizer Volkswirtschaft zukommt. Ein typisches Headquarter schafft durchschnittlich 100 Arbeitsplätze und steuert 25 bis 30 Mil­­lio­­nen Franken zum Brutto­­in­­landsprodukt des Landes bei. Da ausländische Kon­­zer­­ne in der Regel noch zusätzliche Unter­­neh­­mens­­funktionen in der Schweiz angesie­­delt haben (wie zum Beispiel Forschung und Entwicklung und spezifische Pro­­duk­­tions­einheiten), ist ihre volkswirtschaftliche Bedeutung um einiges höher als dieser Durch­­schnitt. Ins­ge­samt geht man davon aus, dass schweizerische multinationale Unter­nehmen rund ein Viertel, auslän­­dische mit Sitz in der Schweiz ein Zehn­­tel zum Brutto­in­landsprodukt des Lan­­des beisteuern. Die Schweiz gehört zu den Ge­­winnern der Glo­­balisierung. Dank der mul­­tinationalen Unternehmen rangiert unser Land bei den ausländischen Direkt­inves­­titionen pro Kopf im weltweiten Ver­­gleich auf dem achten Platz. Auch bezüglich der Exportquote liegt es weltweit in den Top Ten. Zudem wird über unser Land ein er­­heblicher Teil des internationalen Roh­­stoff- und Energiehandels sowie des Handels mit Landwirtschaftsprodukten abgewickelt.

bedeutung-mnu

Ausblick in die Zukunft: die Schweiz als Standort für Konzernzentralen
Die Dynamik bei der Ansiedlung auslän­­di­­­scher Konzerne in die Schweiz hat auf­­grund der weltweiten Wirtschaftskrise zwischen­­zeitlich einen kleinen Dämpfer erlitten. Es ist jedoch davon auszugehen, dass mit der wirtschaftlichen Erholung wieder mehr aus­­­­ländische Unternehmen in die Schweiz kom­­men werden. Während heute die Mehr­­­zahl dieser Unternehmen aus den USA stammt, dürften künftig auch zunehmend Firmen aus den BRIC-Ländern (Brasilien, Russland, Indien und China) sich in der Schweiz niederlassen.

Die Schweiz tut gut daran, für ihre attraktiven Rahmenbedingungen Sorge zu tragen und auch in Zukunft vorausschau­­end auf Ent­wicklungen an anderen wichtigen Stand­­orten zu reagieren.

07-10-20-foto-pb-presse-farbig-1mbDr. Peter Baumgartner (Jahrgang 1949) ist Vor­sit­zen­­der der Geschäftsleitung von SwissHoldings. Er studierte Staats­wis­sen­­­schaf­­ten an der Universität St. Gallen und Internationale Beziehungen an der Uni­­ver­­sität Genf. Er war im Bereich der internationalen Zivilluft­fahrt und mehrere Jahre bei der Eidgenös­si­­schen Steu­er­verwaltung tätig. Im Jahr 1990 kam er zum Verband der international tätigen Kon­zerne in der Schweiz in Bern.