Dr. Norbert Kloppenburg: Wiederaufbau in Afghanistan – eine große Finanzierungsaufgabe

Den Wiederaufbau Deutschlands zu finanzieren, eines vom Krieg zerstör­ten Landes, war der ursprüngliche Auftrag der KfW Bankengruppe, die damals noch „Kreditanstalt für Wiederaufbau“ hieß. Den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt in Entwicklungs- und Transformationsländern zu fördern, ist seit Jahrzehnten das Mandat der KfW Entwicklungsbank. Als Ende 2001 in Afghanistan das Regime der Taliban fiel, war die wirtschaftliche und soziale Infrastruktur des Landes nach mehr als 20 Jahren Krieg weitgehend zerstört. Seit Anfang 2002 unterstützt die KfW im Auftrag der Bundesregierung den Wiederaufbau Afghanistans und baut dabei auf ihre jahrzehntelange entwick­lungspolitische Finanzierungs­erfah­rung und ihr Know-how in den Bereichen Aufbau der Verkehrsinfrastruktur, Strom- und Wasserversorgung, Bildung, Gesund­­heit und Finanzsystementwicklung.

Straßenbau

Straßenbau

Mit Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sowie des Aus­wärtigen Amtes (AA) finanziert die KfW in Afghanistan Vorhaben zum Aufbau des Energiesektors, von Straßen, Schulen und Krankenhäusern, zur Stärkung der Regierungsführung und zur Förderung privater unternehmerischer Initiative. Dabei arbeitet sie eng mit der afgha­nischen Regierung zusammen, um diese zu befähigen, die volle Verantwortung für die Bereitstellung und den Unterhalt jener Infrastruktur zu übernehmen, die für die Stabilisierung und Entwicklung des Landes notwendig ist. Die Durch­führung von Vorhaben wird von international tätigen, zumeist deutschen Bera­­tungsunternehmen fachlich begleitet.

Die zur Finanzierung des Wiederaufbaus bereitgestellten Summen sind für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit historisch einmalig. 2010 leitete die Bundesregierung eine „Entwicklungs­offensive“ ein, welche bis 2013 Zusagen von jährlich bis zu 430 Millionen Euro für den zivilen Wiederaufbau vorsieht. Dabei bilden die fünf Nordprovinzen Balkh, Kundus, Takhar, Baghlan und Badakhshan regionale Schwerpunkte des deutschen zivilen Engagements, aber auch in der Hauptstadt Kabul werden Entwicklungsvorhaben unterstützt. Hinzu kommen Beiträge zu nationalen Entwicklungsprogrammen, die von der afghanischen Regierung eigenverantwortlich, wenngleich unter Aufsicht der internationalen Geber­gemeinschaft, umgesetzt werden.

Nirgendwo auf der Welt investiert die KfW mehr Zuschussmittel als in Afgha­nistan. Angesichts der gewaltigen Heraus­forderungen des Wiederaufbaus ist dieser Aufwand gerechtfertigt.

Erhebliche Investitionen sind im Bereich der wirtschaftlichen Infrastruktur trotz beachtlicher Fortschritte während des vergangenen Jahrzehnts weiterhin vonnöten. Die Stromversorgung ist aufgrund geringer Erzeugungskapazitäten und eines nach wie vor rudimentären Verteilungsnetzes weiterhin unzulänglich. Nur jeder fünfte Einwohner Kabuls und der Provinzhauptstädte ist an das in weiten Teilen marode Trinkwasser­system angeschlossen. Die unzureichende Transportinfrastruktur bremst die wirtschaftliche Entwicklung in den Provinzen und die Integration Afgha­nis­tans in globale Märkte. Die Defizite im Bereich der sogenannten sozialen Infrastruktur (Bildungs- und Gesund­heits­sektor) sind ähnlich gravierend. Um den Bedarf zu decken, der aus den stetig wachsenden Einschulungsraten erwächst, fehlen Schulen und qualifizierte Lehrer. Die Kapazitäten der afgha­­nischen Regierung, öffentliche Güter bereitzustellen und zu unterhalten, müssen auf nationaler, Provinz- und Distriktebene dringend gestärkt werden. Die KfW reagiert auf diese Heraus­for­derungen, indem sie unter anderem den Ausbau der Energie- und Trink­wasser­versorgung fördert, in die Verkehrs-, Bildungs- und Gesundheitsinfrastruktur investiert, den Aufbau eines tragfähigen Finanzsektors unterstützt und die öffent­­liche Verwaltung dabei berät, ihre Auf­gaben zunehmend eigenverantwortlich wahrzunehmen. Unsere Vorhaben sollen dazu beitragen, die Lebensbedingungen der Menschen in Afghanistan zu verbessern und die wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen für ein stabiles Gemeinwesen zu stärken.

Im Energiesektor stehen bei den KfW-finanzierten Maßnahmen die Energie­erzeugung und der Ausbau der netzgebundenen Stromversorgung im Vorder­­grund. Deutschland hat im Ver­bund mit anderen Gebern wesentlich zu einer weitgehend verlässlichen Strom­­versorgung in Kabul und anderen urbanen Zentren beigetragen. Im Bereich der städtischen Wasserversorgung hat sich Deutschland als führender Geber etabliert. In der afghanischen Haupt­stadt profitieren heute rund 500.000 Einwohner von einer verbesserten be­­ziehungsweise neu eingerichteten Trink­­wasserversorgung. Voraussichtlich bis Ende 2013 werden weitere 200.000 Menschen erstmalig an die Trink­wasser­­versorgung angeschlossen sein. Der lokale Wasserversorger in Herat kann sich mit seinen Leistungen an den Standards der Industrieländer messen lassen: Nahezu jeder Haushalt ist in­­zwischen an das Wassernetz angeschlossen. KfW-Vorhaben wie diese werden in enger Abstimmung mit der Gesellschaft für Internationale Zu­­sam­menarbeit (GIZ) durchgeführt: Während die KfW die Infrastruktur bereitstellt, unterstützt die GIZ die afghanische Regierung beim Aufbau tragfähiger Betreiberstrukturen.

Auf dem Gebiet der Verkehrs­infra­struk­­tur konzentrieren wir uns unter anderem auf den Ausbau von Straßen, Brücken und Märkten sowie auf die Rehabi­li­tie­rung des Flughafens in Mazar-e Sharif. Ziel dieser Maßnahmen ist es, die regio­nale und internationale Verkehrs­anbin­dung insbesondere der fünf Schwer­punkt­provinzen zu verbessern und so einen Impuls für die Wirtschaftsentwicklung zu geben. Für die Baumaßnahmen wer­­den in der Regel lokale Arbeitskräfte rekrutiert, sodass Anwohner bereits während der Umsetzungsphase von den Projekten profitieren.


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Im Bereich der sozialen Infrastruktur investiert die KfW in erster Linie in die Errichtung von Berufsschulen und die Rehabilitierung von Krankenhäusern. Die Grundbildung ist ein weiterer Schwer­punkt der deutsch-afghanischen Entwick­lungszusammenarbeit: In fünf nordafghanischen Provinzen sollen bis 2013 jährlich 9.000 Absolventen die von der KfW errichteten Lehreraus- und -fortbildungszentren verlassen. Der Frauen­anteil unter den Lehramtsstudenten soll dabei von derzeit 30 Prozent auf 40 Prozent erhöht werden.

Auch die Erfolge bei der Förderung pri­­vater wirtschaftlicher Initiative können sich sehen lassen. Über die Part­ner­schaft mit ausgewählten afghanischen Geschäftsbanken erleichtert die KfW bei­­spielsweise den Zugang zu Darlehen für Kleinst- und Kleinunternehmer. Durch die Gründung der First MicroFinance­Bank (FMFB) wurde mit finanzieller und technischer Unterstützung der KfW die größte Mikrofinanzinstitution des Landes geschaffen. Die Zentrale und ihre 34 Filialen in 15 Provinzen vergeben monatlich etwa 4.000 Kleinstkredite im Umfang von 100 bis 5.000 US-Dollar. Seit der Gründung der Bank im Jahr 2004 haben Kleinstunternehmer und -unternehmerinnen – 14 Prozent der Kunden sind Frauen – annähernd 200.000 Kredite im Umfang von durchschnittlich 1.500 US-Dollar aufgenommen.

Ein weiteres wichtiges Instrument für die Schaffung günstiger Rahmen­bedin­gungen für das Wachstum unternehme­rischer Initiative ist eine von dem KfW-Tochterunternehmen DEG – Deutsche Investitions- und Entwicklungs­gesell­schaft mbH aufgebaute Kredit­garantie­fazilität (KGF). Sie soll lokale afghanische Banken in der Kreditvergabe an Unternehmensgründer und kleine und mittlere Unternehmen bestärken. Die kleinen und mittleren Unternehmen, die einen Investitions- und/oder Betriebs­mittelkredit zwischen 3.000 und 300.000 US-Dollar benötigen, sollen einen nach­haltigen Zugang zu marktkonformer Finanzierung erhalten, die aufgrund der fehlenden rechtlichen Rahmen­bedin­­gungen und mangelnden Verwer­tungs­möglichkeiten für bankübliche Sicher­heiten nicht zur Verfügung steht.

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Die KGF wurde gemeinsam von der United States Agency for International Devel­op­ment (USAID) und dem BMZ finanziert. Das bereitgestellte Kapital dient zur Kapitalisierung eines Garan­tie­fonds; die Partnerbanken gewähren kleinen und mittelständischen Unter­nehmen (KMU) sogenannte „KMU-Kredite“ und sichern einen Teil des Kreditausfall­risikos über diesen Garantiefonds ab. Darüber hinaus bietet die KGF den Partnerbanken umfangreiche Beglei­tung in Form von Management­bera­tung, Unter­­stützung bei der Gestal­tung des Pro­duk­­tes „KMU-Kredit“ und intensi­­ves Train­ing der Beschäftig­ten. Das zu­­ständige Projekt­­büro „Afghan Credit Support Program (ACSP)“ hat bei­spiels­weise den Aufbau von Abteilungen für kleine und mittlere Unternehmen in zwei Banken, wahren Pionieren in Afgha­­nistan, erfolgreich begleitet. Fast 1.900 Kredite mit einem Volumen von fast 60 Millio­nen US-Dollar haben die Part­­nerbanken bislang an lokale KMU ver­­geben. Die Darlehens­nehmer konnten allein in den vergangenen Jahren mehr als 1.600 Arbeitsplätze schaffen.

Durch die verstärkte Einbindung von Entscheidungsgremien und Verwal­tungs­­strukturen auf Distrikt- und Pro­vinz­ebene stärkt die KfW die Eigen­ver­ant­wortung des Staates auf lokaler und regionaler Ebene. Auf nationaler Ebene steht sie der deutschen Bot­schaft im Geber­dialog mit der afghanischen Regie­­rung beratend zur Seite, um diese bei der Um­­set­­zung wichtiger Reformen insbesondere im Bereich des öffentlichen Finanz­ma­nage­ments zu unterstützen. Dank um­­fang­­reicher Sofort­maß­nah­men, die die Umsetzung größerer Infra­struk­tur­maß­nahmen be­­gleiten, profitiert die Bevöl­ke­­rung be­­reits zu Beginn von jenen Vor­haben, deren Realisierung mehrere Jahre in Anspruch nimmt. Die Ein­bin­dung aller Mitarbeiterinnen und Mitar­beiter der KfW sowie der Consultants in ein ge­­mein­sa­­mes Risiko­manage­ment­sys­tem von GIZ und KfW, aber auch die Zu­­sam­menarbeit mit lokal gut vernetzten Nicht­­regierungs­organisationen, erlaubt es uns, selbst in fragilen Distrikten aktiv zu bleiben.

Seit ihrer Gründung hat die KfW in Deutsch­­land und weltweit wichtige Trans­­formationsprozesse unterstützt. Ihr Instru­­mentarium hat sie stets an die sich wandelnden Bedingungen und Be­­darfe vor Ort angepasst. In Afgha­nis­tan steht sie dabei in einem von bewaffneten Konflikten geprägten Land vor besonde­ren Herausforderungen. Dennoch steht die KfW der afghanischen Regierung so­­wie der Privat­wirt­schaft als kompetenter Berater und Partner zur Seite, getragen von dem Ziel, im Auftrag der Bundes­regierung die Lebensgrundlagen der Men­­schen in einer stabileren Gesellschaft zu verbessern. Als international tätige För­­der­­bank wird sie die dabei gewonnenen Erfah­­rungen zukünftig auch in ihre Aktivi­­täten in anderen Krisen- und Trans­­for­ma­­tionsländern einfließen lassen.

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Der Autor studierte Wirtschafts- und Sozial­­wissenschaften des Landbaus mit Pro­mo­­tion zum Dr. agr. an der Universität Bonn. 1989 trat er in die KfW ein. Nach verschiedenen Positionen innerhalb der KfW ist er seit 2007 Mitglied des Vor­stands der KfW Bankengruppe.