Dr. Nils Schmid: Mit zukunftsorientierter Innovationspolitik Baden-Württemberg voranbringen

Deutschland hat sich im vergangenen Jahr als Konjunkturlokomotive für ganz Europa entpuppt. Und der Motor dieser Lokomotive sitzt in Baden-Württemberg. Die bemerkenswert schnelle Erholung unserer Wirtschaft haben wir vor allem der hohen Leistungsfähigkeit der baden-württembergischen Unternehmen und Beschäftigten zu verdanken. Baden-Würt­tem­berg ist das Industrie-, Forschungs- und Exportland Nummer eins in Deutschland.

Zu der guten Entwicklung tragen maßgeblich die starken Branchen Fahrzeugbau, Maschinenbau, aber auch Elektrotechnik, Medizin-, Mess-, Regel- und Steuerungs­technik bei. In unserem Land sind Welt­unternehmen wie Daimler, Bosch, Porsche, SAP oder ZF zu Hause, aber auch viele kleine und mittlere Unternehmen, die beispielsweise als hochqualifizierte Zulieferer bekannt sind oder sich weltweit einen Namen mit bedeutenden Spezial­produkten erworben haben. Technisch und qualitativ anspruchsvolle Produkte und Verfahren sind in der Regel das Resultat intensiver Forschung und Ent­wicklung (FuE). Hier nimmt Baden-Württemberg einen Spitzenplatz ein: Mit über 16,8 Milliarden Euro wurden 2008 im Bundesvergleich in Absolut­be­trägen die meisten FuE-Ausgaben getätigt. Ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) erreicht mit über 4,6 Prozent einen bundes­weiten Spitzenwert. Im Jahr 2007 waren 19 von 1.000 Erwerbstätigen in baden-­­­­­württembergischen Unternehmen im Bereich Forschung und Entwicklung tätig, bundesweit waren es dagegen nur zehn.

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Innovationen setzen qualifiziertes Per­sonal, Zugang zu neuesten Erkenntnissen aus der Wissenschaft sowie einen raschen, funktionierenden Technologietransfer voraus. Kein anderes Bundesland bietet eine solche Vielfalt an Hochschulen wie Baden-Württemberg. Forschung und Lehre vor allem an den Universitäten und Fach­­hochschulen des Landes haben hohe Qualität: Vier der bisher neun Eliteuni­versi­täten Deutschlands liegen hier. Die universitäre Spitzenforschung und deren Erfolge in unserem Land werden wir weiter unterstützen. Wichtiges „Saatgut“ für Innovationen in der Wirtschaft liefern auch wirtschaftsnahe, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen. Hierzu gehören die elf Forschungseinrichtungen der Inno­vationsallianz Baden-Württemberg sowie 16 Institute und Einrichtungen der Fraun­­hofer-Gesellschaft. Diese führen jährlich rund 5.000 Projekte im Auftrag der Wirt­schaft sowie von öffentlicher Hand geförderte Forschungsprojekte durch. Von Bedeutung sind auch die Institute des Deutschen Zentrums für Luft- und Raum­fahrt in Stuttgart und Lampoldshausen. Die Forschungseinrichtungen sind in ein funktionierendes System des Technologie­transfers eingebunden.
Zu diesem gehören auch die mehr als 470 an den Hochschulen des Landes ansässigen Transferzentren der Steinbeis-­Stiftung und die Innovationsberater der Kammern. Im Rahmen der Innovations­offensive wurden seit Herbst 2008, zusammen mit dem Zukunftsinvestitionspro­gramm des Bundes und aus EU-Mitteln (Europäischer Fonds für regionale Ent­wicklung – EFRE), Sonderinvestitionen in den wirtschaftsnahen Forschungsein­richtungen für über 137 Millionen Euro auf den Weg gebracht. Die Landes­regie­­­rung wird dazu beitragen, dass unsere leistungsstarke und vielfältige außeruniver­sitäre Forschungslandschaft weiterhin beste Bedingungen im Land vorfindet und ihre Standorte gezielt weiter ausbauen kann.

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Die innovativen Herausforderungen liegen aber nicht nur in einzelnen bahnbrechenden Erfindungen, sondern vor allem auch in der Zusammenführung von Erkennt­nissen aus mehreren Sachgebieten und Disziplinen. Angesichts komplexer Techno­­logien und immer kürzerer Produkt­lebens­zeiten gilt es, alle Akteure im Inno­vations­­geschehen enger miteinander zu vernetzen. Durch den Aufbau von Netzwerk­orga­nisationen wie die Medien- und Film­­gesell­­schaft (MFG), BIOPRO oder den Verein Mikrosystemtechnik Baden-Würt­­tem­berg, aber auch durch die Förderung von Ver­bundforschungsprojekten zwischen Forschungseinrichtungen und Unter­neh­­men hat das Land hier bereits seit Jahren wichtige Impulse gegeben. Im Rahmen der zweiten Runde des Wettbewerbs wurden zur Stärkung regionaler Cluster in Baden-Württemberg zehn Initiativen in unterschiedlichen Technologie- und Branchenfeldern, wie beispielsweise der Luft- und Raumfahrt oder Metall- und Medizintechnik, prämiert. Sie erhielten Fördermittel aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) für den Aufbau von Clustermanagement. Ins­gesamt werden damit, gemeinsam mit den Siegern aus der ersten Runde, 20 Clusterinitiativen im Land mit insgesamt rund fünf Millionen Euro unterstützt. Daneben konnte im Jahr 2010 der Aufbau von sieben landesweiten Netzwerken aus den Bereichen Kreativwirtschaft, Auto­motive, Umwelttechnologie, faserbasierte Werkstoffe, Logistik, Produktions­technik und Mechatronik mit insgesamt 2,7 Milli­o­nen Euro, ebenfalls aus EFRE-Mitteln, unter­stützt werden. Ferner waren baden-­württembergische Bewerber in den letzten beiden Runden des Spitzencluster-Wettbewerbs des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) sehr erfolgreich. So waren von zehn Anträgen in der engeren Auswahl vier siegreich, die aus Baden-Württemberg kamen beziehungsweise an denen hiesige Partner maßgeblich beteiligt sind. Die Gewinner stammen aus den Bereichen Software, Mikrotec, Biotechnologie und orga­nische Elektronik.

Die Verbindung von Ökologie und Ökono­mie ist ein zentrales Ziel der Landesregie­r­­ung. Ökonomische Leistungsfähigkeit, soziale Gerechtigkeit und ökologische Ver­antwortung sollen besser miteinander verzahnt werden.

 

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In derWirt­­schafts- und Technologiepolitik wollen wir dynamische und nachhaltige Wachstumsfelder für die Wirtschaft erschlie­­ßen. In den Empfeh­lungen des unabhängigen Innovationsrats und des Gutachtens von McKinsey & Company und dem Institut für angewandte Wirtschaftsforschung e. V. (IAW) wurden die folgenden vier Bereiche als Zukunftsfelder mit überdurchschnittlichen Wachstumsraten benannt: nachhaltige Mobilität; Umwelttechnologien, erneuerbare Energien und Ressourceneffizienz; Gesundheit und Pflege sowie Informations- und Kommunikationstechnologien, Green IT und intelligente Produkte. 60 Millionen Euro stehen im Rahmen eines Impuls­programms für eine erste Umsetzungs­runde insbesondere in sogenannten Leucht­­­­turmprojekten zur Verfügung. Hierzu gehören unter anderem die Ein­richtung eines Leichtbau­zen­trums, eine neue Fraunhofer-Projekt­gruppe Leicht­bau sowie For­sch­­ungs­­vor­haben am Zentrum für Sonnen­energie- und Wasser­­stoff-Forschung (ZSW) in den Bereichen der Batterieproduktion und der Solar­modul­­forschung.

Die Landesregierung wird sich künftig dafür einsetzen, dass Baden-Württemberg als Heimat des Automobils zum Leitmarkt für automobile Spitzentechnologie und Elektromobilität wird sowie sich zugleich zum Leitanbieter für alternative Antriebe dynamisch weiterentwickelt. Wir brauchen schadstoffärmere, umweltfreundliche Autos. Teil der Landesinitiative zur Förde­r­ung der Elektromobilität ist die jüngst geschaffene Landesagentur für Elektro­mobilität und Brennstoffzellentechnologie. Zur Initiative gehören auch Maßnahmen im Bereich der Forschungsinfrastruktur, der Aus- und Weiterbildung, der Ver­bund-/Projektförderung sowie verkehrliche Aspekte.
In der Wirtschafts- und Technologie­politik werden weiterhin vor allem kleine und mittlere Unternehmen (KMU) im Fokus stehen. Sie haben zwar einen ver­gleichsweise geringen Anteil am gesamt­­wirtschaftlichen FuE-Volumen, sind jedoch zentrale Akteure bei der Anwendung und der Verbreitung von Innovationen. Dieser Aspekt ist für die baden-württembergische Wirtschaft von besonderer Bedeutung, da hier 60 Prozent aller Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe in KMU mit weniger als 500 Beschäftigten tätig sind. Nicht nur die Kunden mittelständischer Zulieferfirmen stellen höchste technologische und qualitative Ansprüche, sondern es sind auch beispielsweise die export­orien­­tierten Hersteller von Nischen­pro­dukten, die mit anspruchsvollen Produkten weltweit erfolgreich sind. Aus diesem Grund wollen wir den Zugang von kleinen und mittleren Unternehmen zu Hoch­schulen und Forschungs- und Entwicklungs­­einrichtungen verbessern.

MIN_Schmid_DruckDer Autor (Jahrgang 1973) ist seit Mai 2011 stellvertretender Ministerpräsident und Minister für Finanzen und Wirtschaft des Landes Baden-Württemberg. Dr. Nils Schmid studierte Rechtswissenschaften an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen und promovierte im Jahr 2006. Seit 2009 ist er Landesvorsitzender der SPD in Baden-Württemberg.