Dr. Marijn Dekkers: Chemie und Pharma sind die Schlüsselindustrien des 21. Jahrhunderts

Wir leben in Zeiten tiefgreifenden Wandels. Das liegt nicht nur an einschneidenden Ereignissen wie der Finanz- und Wirt­­schafts­­krise. Es hat vor allem mit mächtigen lang­­fristigen Entwicklungen zu tun, die Ver­­änderungen vorantreiben und einen stetig wachsenden Handlungsdruck mit sich bringen – sogenannte Megatrends. Dazu gehören zum Beispiel der Klimawandel und Ressourcen­knapp­heit, der demogra­fi­sche Wandel und die wach­­­­sende Welt­bevölkerung, Urba­ni­sierung und ein stetig steigendes Verkehrs­aufkommen.

Um die mit diesen Megatrends verbundenen Herausforderungen bewältigen zu können, braucht es die Kompetenz und das Know-how der Industrie. Die Branchen Chemie und Pharma nehmen hier eine Schlüsselrolle ein: die Chemie als Quer­­schnittsbranche, deren Produkte in un­­zähligen Anwendungen eingesetzt werden, und der Pharma-Sektor, weil er die Frage der Gesundheit alternder oder wachsender Gesellschaften adressiert.

Zudem gehört Innovation in kaum einer anderen Branche so sehr zum Tages­geschäft wie in der Chemie- und Pharma­­industrie. Sie wies zum Beispiel im Jahr 2010 von allen Branchen in Deutschland mit 81 Prozent den höchsten Anteil an Unternehmen auf, die erfolgreich neue Produkte oder Prozesse etabliert haben. Dies zeigt: Chemie und Pharma sind so etwas wie das Nervenzentrum des deutschen Innovationssystems.

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Bayer testet die Herstellung von Kunststoffen mithilfe von Kohlendioxid.

Bayer ist eines der besten Beispiele da­­für, mit einem Forschungs- und Ent­­wick­­lungs­­­budget von rund drei Milliarden Euro und mehr als 13.000 Forschern welt­­­­weit, davon fast die Hälfte in Deutsch­land. Eng vernetzt mit Universitäten, For­schungs­­­­­einrichtungen und Partner­fir­men liefert das Unternehmen Lösungsbeiträge zu den verschiedensten Problemfeldern und bündelt Kompetenzen zu den wichtigsten Megatrends.

Beispiel demografischer Wandel: Die durchschnittliche Lebens­erwartung der Menschen in Deutsch­land ist seit 1960 um über zehn Jahre gestiegen – eine großartige Entwick­lung, die wir nicht zuletzt auch dem medizinischen Fort­schritt zu verdanken haben. Zugleich ent­­stehen dadurch aber auch neue Heraus­­­­­­forderungen. Denn wenn die Menschen immer älter werden, treten bestimmte Krankheiten häufiger auf – zum Beis­­piel Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs. Selbst diese weit verbreiteten Volkskrankheiten sind auch mit dem heutigen Stand der Medizin noch immer nicht angemessen therapier­bar. Sie bilden daher einen Schwer­­­­punkt der Bayer-For­schung. Eines der inte­­ressantesten Ergeb­ni­­sse dieser For­­sch­­ung ist der Gerinnungs­­­­hemmer Xarelto.
Dieser wird schon seit einiger Zeit nach Hüft- und Knie­gelenksoperationen eingesetzt, um Schlaganfälle zu verhindern. In den Bayer-Forschungslabors in Wupper­tal er­­funden, wurde er im Dezember 2009 vom Bundespräsidenten mit dem Deut­schen Zukunftspreis ausgezeichnet. Xarelto zeich­­­­­net sich durch einen neuartigen Wirk­mechanismus aus und bietet wesentliche Vorteile für Patienten und Ärzte. So wird das Mittel als Tablette verabreicht – es muss keine Spritze gegeben werden wie derzeit noch üblich. Außerdem entfällt die bisher erforderliche regelmäßige Kon­­trolle des Blutbildes. Das trägt letztlich auch dazu bei, den Kostenanstieg im Gesundheitswesen zu dämpfen. Wäh­rend in den Industrieländern die Bevöl­kerung altert, wächst sie in den Entwick­­lungs- und Schwellenländern weiter rapide an. Nach Schätzung der Vereinten Natio­­nen wird die Welt­be­völkerung bis zum Jahr 2050 auf weit über neun Milli­ar­den Men­­­schen zunehmen – gut zwei Milliar­den mehr als heute. Dadurch wächst die Heraus­­­­forde­­rung, eine angemessene gesund­heitliche Versorgung für alle Men­­schen zu ge­­währleisten.

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Gerade in den Entwicklungs- und Schwe­­l­­­len­­ländern haben immer mehr Men­schen keinen Zugang zu notwendigen Arznei­mitteln, und fast die Hälfte der Welt­be­­völkerung ist durch Tropen­krank­heiten gefährdet. Bayer leistet an dieser Stelle einen Beitrag, beispielsweise indem das Unternehmen über die Weltgesund­heits­organisation (WHO) Medikamente gegen Chagas und die Afrikanische Schlaf­krankheit bereitstellt. Das sind lebensbedrohliche Infektionskrankheiten, die zu den sogenannten vernachlässigten Tropenkrankheiten zählen.

Darüber hinaus muss auch die Ernährung der wachsenden Weltbe­völ­kerung sicher­­­­­gestellt werden. Schon heute leidet fast eine Milliarde Menschen auf der Welt Hun­­ger. Aber die landwirtschaftlich nutz­­bare Fläche lässt sich kaum mehr steigern.

Tatsächlich schrumpft sie weltweit sogar – weil Böden verkarsten, Mega-Metro­­polen wuchern und Wüsten infolge des Klimawandels wachsen. Die landwirtschaftlich nutzbare Fläche pro Kopf geht also zurück. Es wird daher einer enormen Steigerung der land­­wirt­schaftlichen Produktivität be­­dürfen, um zu verhindern, dass sich die Er­­­näh­­rungs­­­­situation weltweit in den kom­­menden Jahren dramatisch verschärft.

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Ohne Wissenschaft und Forschung wird das nicht gehen: Gebraucht werden inno­­­­­­vative Wirkstoffe, die Nutzpflanzen effek­­tiv vor Insekten, Pilzkrankheiten oder Un­­kräutern schützen. Und es bedarf leis­­­­tungsfähigerer Pflanzen, die mehr Ertrag bringen oder resistenter gegen Stress sind, zum Beispiel extreme Tempe­ra­turen oder Dürre besser vertragen. Daran ar­­­­beiten Unternehmen mithilfe moderner Züchtungsverfahren, einschließlich der grünen Gentechnik.

Beispiel Klimawandel: Die globale Er­­wär­­­­mung ist ohne Zweifel eine der größten He­­­­­­rausforderungen unserer Zeit. Wie also können wir es schaffen, weniger Treib­haus­­­­gase zu emittieren, ohne auf Wachs­­­­­­tum und einen modernen Lebens­­­­­standard – auch in den Entwicklungs- und Schwellen­­ländern – zu verzichten? Auch hier liefert die Industrie Lösungs­­bei­­träge. So sind die Treibhausgasemissionen der deutschen che­­­­­­­mischen Industrie von 1990 bis 2009 um 47 Prozent zurückgegangen – und das, obwohl die Pro­duk­­tion im gleichen Zeit­­­raum um 42 Prozent zugelegt hat.

Zugleich läuft die Suche nach völlig neuen Wegen im Umgang mit dem klimaschäd­­lichen Abgas Kohlendioxid. Zum Beispiel kann es jetzt erstmals als Rohstoff ein­­gesetzt werden: Bayer hat gemeinsam mit dem Energieunternehmen RWE und der RWTH Aachen ein Verfahren entwickelt, mithilfe von Kohlendioxid Polyurethane herzustellen – hochwertige Kunststoffe, die in zahlreichen Alltagsgegenständen wie Matratzen, Schuhen oder Fußbällen zum Einsatz kommen. Im Chemiepark Leverkusen wurde bereits eine Pilot­anlage in Betrieb genommen, um das neue Ver­­­­fah­­­ren im technischen Maßstab zu er­­proben. So könnte sich Kohlendioxid eines Tages als Alternative zum Erdöl erweisen, aus dem die Chemieindustrie bislang haupt­­­sächlich das wichtige Ele­­ment Kohlen­­stoff gewinnt.

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Ein neu entwickeltes Biologikum soll Nutzpflanzen vor Schädlingsbefall schützen. Im Gewächshaus wird der Effekt an Gurkensetzlingen kontrolliert.

Auch Chemieprodukte tragen dazu bei, die Wende hin zu einer stärkeren Nutzung erneuerbarer, klimaschonender Energien möglich zu machen. So lassen sich mit Hilfe der Nanotechnologie besonders leichte und dennoch extrem stabile Mate­­­­rialien herstellen, die zum Beispiel Wind­­­­räder effektiver machen können. Darüber hinaus ermöglichen leichtere Materialien auch leichtere Fahrzeuge, was Sprit sparen hilft: Zehn Prozent weniger Gewicht be­­deu­­ten bei Autos fünf Prozent weniger Kraftstoffverbrauch. So ist es nicht ver­­­­wunderlich, dass sich der Kunst­stoff­anteil bei der Herstellung von Fahr­­zeugen in den vergangenen 30 Jahren verdrei­­facht hat. Dies spart allein in Deutschland jedes Jahr rund 500 Mil­­lionen Liter Treibstoff ein.Beispiel Gebäudedämmung: Gebäude sind derzeit für rund 40 Prozent des welt­­­­weiten Energieverbrauchs und 30 Pro­­zent der Kohlendioxid-Emissionen verant­­­­wort­­­­lich. Wie es auch anders gehen kann, zeigt die Bayer AG mit seinem „EcoCommercial-Building-Pro­­gramm“, einem interdiszipinären Netz­­­­werk aus 50 Partnern, das bei der Kon­­zeption klimagerechter und ener­­gie­­­­opti­­mierter Gebäude hilft. Dabei kom­­men unter anderem moderne Dämmstoffe zum Einsatz, die den Energieverbrauch von Ge­­bäuden erheblich senken. Das welt­­weit erste „EcoCommercial Building“, die Kinder­­­­tagesstätte am Bayer-Standort Mon­­­­heim, wurde 2010 eröffnet. Sie er­­­zeugt mehr Energie, als sie selbst verbraucht, und sparte im ersten Jahr ihres Be­­stehens rund 50 Tonnen Kohlen­­dioxid ein – das entspricht dem durchschnittlichen Aus­­stoß von 27 Pkw. Angesichts eines weltweiten Kohlen­dioxid-Ausstoßes von mehr als 30 Milliarden Ton­nen im Jahr mag das nur der sprich­­­­wört­liche Tropfen auf den heißen Stein sein. Aber solche Bei­­­spiele zeigen, was möglich ist – und zei­­­­gen so neue Wege auf. Das ist es, was die Men­­schheit jetzt am meisten braucht, da­­mit sie ihrer Ver­­antwortung für die nach­­fol­­gen­­den Gene­­rationen gerecht werden kann.

 

Dekkers-KopieDer Autor ist Vorstandsvorsitzender der Bayer AG. Dekkers studierte Chemie und Chemieingenieur­wesen. Nach der Pro­mo­tion war er bei General Electric tätig, anschließend bei Allied Signal (später Honeywell International Inc.). 2000 ging er als COO, später als CEO und Presi­dent, zum Laborgerätehersteller Thermo Electron Corporation (später Thermo Fisher Scien­­tific Inc.), bevor er 2010 in den Vor­­stand der Bayer AG wechselte.