Dr. Kathrin Adlkofer: Life Science segelt im Norden auf Erfolgskurs

Hamburg und Schleswig-Holstein sind die Heimat des Clusters Life Science Nord. Er vernetzt die Bereiche Medizin, Medizin­technik, Biotechnologie sowie Pharmazie eng miteinander. Die Region zwischen Nord- und Ostsee hat sich zu einem be­­deu­tenden Standort dieser Lebens­­wissen­schaften (= Life-Sciences) entwickelt, an dem private Unternehmen und öffentliche Forschungs­ein­­rich­­tun­gen Hand in Hand gehen.

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Viele der über 500 Akteure von Life Science Nord, dem zweitgrößten Me­­di­­zin­­technik-Cluster in Deutschland, sind mo­­derne Unternehmen. Sie sind zu­­meist als Global Player aktiv – aber auch in­­ter­­­­­national anerkannte wissenschaftliche Einrichtungen wie das For­­schungs­zent­rum Borstel, das Bernhard-Nocht-Insti­tut für Tropenmedizin sowie die Universi­täts­kliniken der Länder Schles­­wig-­­Holstein und Hamburg ge­­hören dazu. Sie alle haben über Jahrzehnte die Basis für den heutigen Erfolg ge­­schaffen: die unmittelbare Verbindung von Wissen­­schaft, Forschung und In­dustrie sowie die breite klinische Anwendung der gewonnenen Ergebnisse.

Medizintechnik – im Norden fest verankert. Die Medizintechnik ist in Schleswig-Holstein und Hamburg traditionell stark positioniert. Kaum eine andere Region hat in der medizintechnischen Forschung und Entwicklung eine vergleichbar aus­­geprägte Konzentration: Etwa 11.500 Beschäftigte erwirtschaften jährlich einen Umsatz von rund 3,9 Milliarden Euro. Unternehmen wie Dräger Medical, Stryker, Olympus Surgical Technologies Europe, Johnson & Johnson Medical und Philips Medizin Systeme entwickeln und produ­zieren vor Ort Lösungen für den weltweiten Gesundheitsmarkt. Aber auch kleinere mittelständische Unternehmen, die die Mehrzahl der insgesamt rund 300 Unternehmen der Branche aus­­mach­­en, sowie die medizinische For­­schung sind in der Region breit aufgestellt und gut vernetzt.
Die enge Zusammenarbeit zwischen Hoch­­schulen, Forschungs­ein­richtungen und Industrie trägt dabei maß­­geblich zu deren Erfolg bei. Die Forschung lebt davon, dass Entwicklungen von den privaten Unter­nehmen zur Marktreife geführt werden, und umgekehrt die Unter­­nehmen davon, dass gute Ideen aus der Forschung direkt umgesetzt werden kön­­nen. Dies stärkt die Wettbewerbs­situa­tion der Unter­neh­­men gegenüber Konkurrenten.

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Unter anderem wurde mit dem Projekt Molecular Imaging North Competence Center (MOIN CC) eine deutschlandweit einzigartige Forschungs- und Service­platt­­­­form für die molekulare Bildgebung in Kiel eingerichtet. Hier steht eine effiziente In­­frastruktur bereit, die einerseits der wissen­­schaftlichen Arbeit dient und an­­dererseits der Wirtschaft optimale Mög­­lich­­keiten für die Entwicklung neuer Medi­­ka­­mente, Therapien und Diagnostika bietet.

Ein großer medizintechnischer Schwer­punkt liegt in den modernen Operations-Technologien wie zum Beispiel den so genannten minimal-invasiven Operations­­verfahren. Dabei verursacht der Einsatz entsprechender neuer Technik wesentlich kleinere Öffnungen beziehungsweise Wunden bei einem operativen Eingriff. Es bleiben dann kleinere Narben zurück, es können sich weniger Wundent­zün­dun­­gen bilden, die Abheilung und Genesung ge­­lingt in kürzerer Zeit und dadurch werden teure Verweilzeiten in den Kran­­ken­­­­häu­­sern deutlich reduziert. Die Region spielt inzwischen eine tragende Rolle, wenn es um Hightech-Lösungen für Oper­­a­­tions­­­säle und -methoden geht.

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Neue Konzepte in der biomedizinischen Forschung und Biomedizin. Die Biotech­nologie des Life Science Nord wird durch eine breite Basis von rund 160 Unter­nehmen gestützt. Etwa 9.500 Beschäf­tigte forschen und arbeiten in Hamburg und Schleswig-Holstein in dieser Bran­che. Die Schwerpunkte liegen dabei in den Feldern moderne Wirkstoffforschung, molekulare Diagnostik sowie Enabling Technologies.

Größter Anbieter in Hamburg ist die Eppendorf AG, die zusammen mit ihrer Tochter Eppendorf Instrumente GmbH weltweit über 1.200 Beschäftigte hat. Internationalen Ruf genießen auch die börsennotierte Evotec AG und die Sequenom AG.

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Innovative Gründer versus differenzierte Forschungslandschaft. Zahlreiche Un­­ter­­­­nehmen, in denen aus Forschungs­er­geb­­­nissen konkurrenzfähige Produkte ge­­macht werden, finden sich in der Region zwischen den Meeren. Die Region des Clusters Life Science Nord verfügt zu­­dem über eine differenzierte Forschungs­­land­schaft in den Life-Sciences. Neben sechs Universitäten mit Studiengängen im Bereich der Lebenswissenschaften und zahlreichen Instituten finden sich auch namhafte Forschungsein­rich­­tun­­gen, die über die Landesgrenzen hinweg be­kannt sind. An der Kieler Christian-Albrechts-Universität hat sich ein überregional be­­deutsamer Bereich in den Bio­­wissen­­schaften mit integrierten Son­­­der­­­for­schungs­­berei­chen, Graduierten­­­kollegs und Projekten des Genom­for­schungs­netzes etabliert. Das Fächer­spektrum mit Informatik, Natur­wissenschaften und Technik geht an der Universität zu Lübeck weit über Medizin hinaus und die gemeinsamen Schnitt­mengen geben der Hochschule ihren Schwerpunkt in Life Science. Und das Zentrum für Mole­­kulare Neurobiologie der Uni­­ver­­sität Hamburg zählt zu den führenden Ein­­richtungen seines Fach­gebietes in Deutschland.

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Einen besonderen Beitrag zur interdisziplinären Forschung liefert das Deutsche Elektronen-Synchrotron DESY. Mit der dort erzeugten Röntgenstrahlung wird die Struktur von Biomolekülen auf atomarer Auflösungsebene entschlüsselt.

Mit dem geplanten Röntgenlaser Euro­pean XFEL werden hier einmalige For­schungs­bedingungen für den Life-Science-Be­­reich geschaffen.
Forschungssektor Pharma. In Schleswig-Holstein und in Hamburg sitzen sowohl bedeutende Arzneimittelproduzenten als auch Pharma-Handelsunternehmen. Eini­­ge der großen internationalen Phar­­ma­­pro­­­duzenten unterhalten hier For­­schungs-, Produktions- und Vertriebs­­stand­­orte. Da­­bei liegen Schwerpunkte der Arznei­mittel­­­her­­stellung in der Neurologie, Allergo­logie, Onkologie und Dermatologie. Auch im Bereich der Hygiene entwickeln und produzieren die Unternehmen der Re­­gion weltweit erfolgreiche Produkte. Sterilium – eines der bekanntesten Des­­infektions­mittel – wird vom Hamburger Unter­neh­­men Bode Chemie produziert. Als inter­­nationale Akteure betreiben Firmen wie die Desitin Arzneimittel GmbH (Neu­­­ro­­logieund die ALK-SCHERAX Arz­­nei­­mittel GmbH (Immuntherapie) eigene For­schungs- und Entwicklungs­­ab­­tei­­lun­­gen. Die ebenfalls weltweit tätige Un­­ter­­­neh­mensgruppe Ferring Pharma­­ceuticals entwickelt und vertreibt von Kiel aus biopharmazeutische Produkte für die Reproduktionsmedizin, Urologie, Endo­krinologie und Geburtshilfe. In Uetersen forscht und entwickelt die Nordmark mit 360 Mitarbeitern biologische Wirkstoffe und Arzneimittel. Mit AstraZeneca und GlaxoSmithKline sind zwei weitere in­­ternationale Pharma­­unter­­nehmen im Norden angesiedelt. In der Region an­­sässige namhafte biopharmazeutische und bioanalytische Unternehmen sind auch Conaris Re­­search Institute AG, Proteo Biotech AG und Planton GmbH.

Anwendungsbeispiel mit Zukunft. Ein noch junger, aber in Schleswig-Holstein hervorragend aufgestellter Bereich ist die blaue Biotechnologie. Sie nutzt das Meer als Ressource zur Gewinnung von Arzneimitteln. Noch steht diese Diszi­plin am Anfang ihrer Möglichkeiten. Um dieses Potenzial voll auszuschöpfen, werden Netzwerke geknüpft und vor allem die marine Infrastruktur ausgebaut: Neben dem am Institut für Meereswissen­schaften an der Uni­­ver­­si­­tät Kiel (IFM-Geomar) eingerichteten Kieler Wirkstoff-Zentrum (KIWIZ) widmet sich inzwischen auch die Fraunhofer- Einrichtung für Marine Biotechnologie (EMB) in Lübeck dem Potenzial der Meere.

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Life Science Nord hat sich in den vergan­­genen Jahren sehr gut entwickelt. Auch dank einer bewährten Förderung durch die Länder, den Bund sowie europäische Forschungsprogramme. Ein starkes Netz­­werk, eine wohlwollende Förderung durch die Politik und die enge Zusammenarbeit von Wissen­­schaft und Wirtschaft verhel­fen der Branche in der Region und weit darüber hinaus zu großem Erfolg. Die At­­trak­­tivität des Standortes, bedingt durch eine hohe Lebensqualität sowie die Verfüg­­barkeit von qualifizierten Mit­­arbeitern, hat einen Wirtschaftszweig entstehen lassen, der international konkurrenzfähig und in seinen Bereichen führend ist.

LV0P3665Die Autorin absolvierte ein Studium der Molekularbiologie. Nach einer Forschungs­­tätigkeit in den USA betreute sie bei der Evotec AG unter anderem die strate­gi­schen Allianzen des Biotech-Unter­neh­mens, bevor sie die Geschäftsführung der Tech­­nologietransfergesellschaft MediGate GmbH übernahm. Seit 2005 ist sie die Geschäftsführerin der Norgenta GmbH.