Dr. Jürgen Zerth: Bildung und Forschung am Beispiel des IDC

Aufgrund der Alterung in allen post-indu­strialisierten Staaten und korrespondierend mit veränderten sozioökonomischen Strukturen – Ausdifferen­­zie­rung von Fami­lienmustern, Singula­ri­sierungs­tendenzen – gewinnt die Fra­ge nach der Weiterentwicklung des “Pflege­­marktes” an Bedeutung.

An dieser Stelle setzt die Auseinan­der­setzung mit der Frage von „Innova­tio­nen in Versorgung und Pflege“ an, auf welche die Diakonie Neuendettelsa­u 2009 mit der Gründung eines eigenständigen For­schungs- und Lehrinstituts, dem Inter­­­national Dialog College and Research Institute (IDC), geantwortet hat.
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Gemäß der Orientierung des IDC an der interdisziplinären Ausrichtung steht der sozialwissenschaftliche For­schungs­an­satz im Mittelpunkt. Dabei gilt es im Ge­­gen­standsbereich „So­­ziale Infrastruktur und Gesundheit“ sowohl quantitative als auch qualitative sozial­wissenschaftliche For­schungs­linien zu verknüpfen. Dem­nach steht die Arbeit mit und für den Menschen im Vorder­grund des Wissen­schafts­ver­ständ­­nisses. Dieser ursprünglich qualitative sozialwissenschaftliche Ansatz kann durch die Integration der Ba­­sisdisziplin Öko­nomie sowohl methodisch­­strukturell als auch quantitativ-empirisch ergänzt werden. Gerade die Forschung im Be­­reich der Gesundheits­wissen­schaften fokussiert da­­­her die Analyse und Ge­stal­tung von Rah­men­bedin­gungen und Interak­tions­mög­lich­kei­ten der beteiligten Personen durch bewusstes Rück­kop­­peln von metho­di­sche­n As­­pekten und Erprobungs­strategien.

Forschung und Lehre bilden dabei eine gemeinsame Plattform des Aus­tau­sches zwischen Forschung und angewandter Übung im Gesundheits- und Sozial­markt. Künftig möchte das IDC zudem der Dy­­namik und Pro­fes­­­­siona­lisierung der Ge­­sundheits- und Sozial­wirt­schaft mit ei­­nem abgestimmten, einzigartigen Bil­dungs­an­gebot begegnen (vgl. Abbildung 1).­Somit können die Aktivitäten des IDC in ein Forschungsinstitut und ein Lehr­insti­tut differenziert werden:

Das Forschungs- und Lehrinstitut IDC strebt eine optimale Balance zwischen innovativer Forschung, anwen­dungs­be­zo­ge­ner In­­te­­gration in die Praxis und Rück­­kop­­plung der Erkenntnisse in die Lehre an. Durch das Forschungs­in­stitut als Koor­di­na­­tions­plattform gelingt eine kontinuierliche Anpassung und Wei­­ter­­ent­wick­lung der Lehrinhalte entsprechend der aktuellen wissenschaftlichen Erkennt­­­­nis. Die Lehre am IDC kann daher eine Aus­ge­wogenheit zwischen unter­n­ehme­ri­scher Praxisbezogenheit und theoretisch fundierter, interdisziplinärer Wis­sensvermittlung erreichen.

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Das IDC wird drei Bachelorprogramme anbieten, deren Ziel es ist Gesundheits- und So­­zial­­­versorgung aus den Blick­win­keln Technik-Ethik und Ökonomie zu be­­trach­ten und den Studierenden eine auf den Basis­disziplinen Öko­nomie und Ethik fußende Kompetenz zur Aus­ein­an­der­set­­­zung mit den Mana­gement­aufgaben eines künftigen Ge­­sund­­heits- und So­­zial­unter­neh­­­mens zu übertragen. Durch den kontinuierlichen Auf- und Ausbau seiner Lehr­akti­­vi­­­täten verfolgt das IDC das Ziel Führungs-, Fach- und Lehr­kräfte in Be­­reichen des So­­zial- und Gesund­heits­wesens auszubilden. Dieses Vor­ha­ben zeigt sich au­ch in der ver­stärkten Inves­tition in die Weiter­bil­dung der Mitar­beiter. Als so­­ziales Unter­­­neh­men hat die Diakonie Neuendettel­sau ­­­in dieser Hinsicht eine Vorbild­funktion inne und hin­­terfragt durch Rück­be­sinnung auf seine diakonischen Wurzeln die jeweiligen Pro­­jekte und Auf­gaben unter ethischen, öko­no­mischen und anwendungsorientierten Gesichts­­punkten.

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Die Aus­wirkung der Forschungstätigkeit auf die Gestaltung gesellschaftlicher Zu­­sam­men­hänge ist eine besondere Ziel­setzung des Forschungsinstituts des IDC. Die Forschungs­schwer­punkte, die gegenwärtig bereits am For­schungs­in­sti­tut des IDC verortet sind, lassen sich in zwei Grundzüge unter­teilen. Einerseits stehen institutionelle Fragen der Ge­­sund­heits­ver­­sorgung und der Pflege im Vor­dergrund der For­schungs­­­aktivi­täten. An­­dererseits bildet die Aus­­­einan­der­set­zung mit den vielfältigen Be­­ding­ungs­faktoren infrastruk­tureller Assis­tenz- und Betreuungs­­­kon­zepte in Ge­­sund­heits­­ver­sorgung und Pflege einen thematischen Schwe­­r­punkt. In den ersten Bereich lassen sich Akti­vi­­­täten der Grund­­­lagen­for­schung, wie etwa As­­pekte der Team­pro­duktion in der Pfle­ge, einordnen. Der zweite Be­­reich ist bei­­spiels­­weise durch die Projekt­­leitung der Diakonie Neuen­­dettelsau im Projekt „Barrierefreie Ge­­sund­­­­heits­as­sistenz“ charakterisiert, das Er­­gebnis des Spitzen­cluster­wett­be­werbs des Bundes ist (ge­­fördert durch das BMBF). ­Der For­schungs­­schwerpunkt des IDC liegt in diesem For­­schungsprojekt auf der Ein­­bettung der Nut­zer­seite in dieses For­­schungs­projekt. Dazu werden im ersten Schritt anhand einer repräsentativen Befragung einer Pflege- und Dienstleistungs­struktur entsprechende Anforderungen erhoben und definiert und deren Umsetzung durch die Technik­partner iterativ überprüft. Neu an diesem Ansatz ist, dass von Beginn an ein entsprechendes Nutzer­profil, das auch in ein Geschäfts­modell münden s­oll, mitentwickelt wird. Darüber hinaus stellt die ethische Dimension des Pro­jektes, sowohl in individual- wie sozialethischer Pers­pektive ein wichtiges Ele­ment der eigenen Forschungsstrategie dar. Die Diakonie Neuendettelsau hat mit dem Forschungs- und Lehrinstitut den doppel­­ten diakonischen Auftrag wahrgenommen. Einerseits ­an einer ethisch ver­tretbaren Verbesserung der Lebens- und Versorgungs­­bedingungen für den Ein­zelnen zu arbeiten, andererseits eine gesellschaftliche Ver­­antwortung wahr­zunehmen, nämlich an der Weiter­ent­wicklung der Ver­sor­gungs­strukturen zu arbeiten. Diese gehen gerade im Ge­­sundheitswesen zwischen Wissen­schaft und Praxis Hand in Ha­nd.

 

Zerth_2010_web-KopieDer Autor studierte Volkswirtschafts­lehre. Dr. Zerth war von 1999 bis 2004 wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem mikroökonomischen Lehrstuhl, von 2000 bis 2010 war er Geschäfts­führer der For­schungs­­­stelle für Sozial­recht und Gesund­­heits­öko­­­­nomie an der Universität Bayreuth. 2003 und 2006 war er Gast­­dozent Mikro­ökono­mie an der SISU, Shanghai. Seit 2010 ist er der Institutsleiter des IDC.