Dr. Jürgen Rogahn: Stabiler Pfeiler der Wirtschaft – Werte des Handwerks bewähren sich

Handwerk – unterschätzte Wirtschaftskraft von nebenan
Wenn von „der Wirtschaft“ gesprochen wird, sind häufig große Betriebe mit Bör­­sennotierung und Tausenden Beschäf­tigten gemeint. Das ist eine Fehlein­schät­­zung. Die übergroße Mehrheit aller Be­­triebe ist deutlich kleiner. Trotz ihrer Kleinheit stellen sie die Mehrheit der Ar­­beits- und Ausbildungsplätze. Wer von der Wirtschaft spricht, kann also an den kleinen und mittelständischen Betrieben im Allgemeinen und am Handwerk im Be­­­­sonderen nicht vorbeigehen. Das Hand­­­­werk ist ein vielseitiger Wirtschafts­­­­­zweig, der mit seiner kleinteiligen Struk­­­­­tur ei­­­nen Kernbereich der deutschen Wirt­­schaft bil­­­­­­det. Für Industrie, Privat­ver­­braucher oder öf­­fentliche Hand er­­stellt das Hand­­werk ein breites und qua­­­­litativ hochwertiges Angebot an Waren und Dienst­leis­­tungen, das auf individuelle Kun­­denwünsche eingeht.
Das breite Leistungsspektrum des Hand­­werks zeigt sich schon bei der Anzahl der Berufe: Insgesamt 141 Berufe sind unter den 15.089 Handwerksbetrieben im Kammerbezirk Halle vertreten. Ver­­treten sind typische Bauberufe wie Dach­­decker, Maurer und Zimmerer genauso wie metallverarbeitende Betriebe, Bä­­cker, Kosmetiker und Zahntechniker. Be­­trieben mit hohem technologischem An­­spruch und Innovationsfähigkeit, zum Beispiel im Feinwerkmechaniker-, Me­­tallbau- oder Kfz-Techniker-Handwerk, die auch in die nationale und internationale Arbeitsteilung eingebunden sind, stehen Betriebe in traditionellen Beru­fen wie Bäcker, Uhrmacher oder Schnei­­der gegenüber, bei denen Kreativität und das Finden von Marktnischen gefragt sind, um gegen Industrieprodukte be­­ste­­hen zu können. Manche Berufe finden sich in jedem Ort – andere, wie zum Bei­spiel Chirurgiemechaniker oder Holz­blas­­ins­­tru­­mentenmacher, nur ein einziges Mal.


Landkreise-Sachsen-Anhalt-Sued--Juli-07-neu

Bei der Wahl des Betriebssitzes zeigt sich ebenfalls Arbeitsteilung, diesmal zwischen den verschiedenen Regionen im eng verflochtenen mitteldeutschen Ballungsraum Leipzig-Halle-Dessau. Be­­triebe mit größerem Platzbedarf haben ihren Sitz oft im Umland der großen Städte, während Betriebe mit enger Be­­ziehung zum Kunden eher in den Stadt­­gebieten ihren Sitz haben. Das Po­­ten­­zial des Wirtschaftsstandorts Halle wird deshalb erst deutlich, wenn der ganze Kammerbezirk Halle betrachtet wird.

Die Stadt Halle und ihr Umland nehmen in der deutschen Wirtschaftsgeschichte als eines der wichtigsten ökonomischen Zentren einen besonderen Platz ein. Gro­­ße Teile der historisch gewachsenen In­­dustriebetriebe erwiesen sich aber bei der politischen Umwälzung 1990 als nicht mehr wettbewerbsfähig.
So ist bis heute der Besatz an großen In­­­­dustrie- und Dienstleistungsbetrieben in der Re­­gion gering. Deshalb ist die Wirt­­­­schafts­­kraft des Handwerks für das Wohl­­er­­ge­­hen der Region noch entscheidender als anderswo. In der Stadt Hal­le waren En­­de 2008 in 1.767 Handwerks­­­­­­betrieben schät­­zungsweise 8.500 Perso­nen tätig. Dazu kamen circa 1.000 Lehr­­linge aller Lehr­­jahre. Im gesamten Bezirk der Hand­­­­werks­­­­kammer Halle wa­­ren es 15.089 Be­­­­triebe, in denen etwa 71.000 Men­­schen arbeiten und 8.732 Lehrlinge (Stand Jah­­resende 2008) eine qualifizier­­te Aus­bil­­­­dung erhielten. Jeder siebte Er­­­­werbs­tä­ti­­ge und fast jeder dritte Lehr­­ling im Kammerbezirk sind im Hand­­werk tätig. Handwerksbetriebe sind mit im Durch­­­schnitt fünf tätigen Per­so­nen eher klein. Enge persönliche Be­­zieh­un­gen der Mit­ar­beitern untereinander und zwischen Arbeitgeber und Mit­ar­bei­­tern sind üb­­lich. Dies wirkt sich positiv auf das Ar­­­­beits­kli­­ma und die Ar­­beits­platz­sicher­heit aus.

Viele Handwerksbetriebe bilden über den eigenen Bedarf hinaus aus, um sich auch bei der zu erwartenden Fluktuation die zu­­künftig benötigten Fachkräfte zu si­­chern. Praktika helfen, sich mit den Be­­rufen schon während der Schulzeit ver­­traut zu machen. Die Ausbildungs­bera­­ter der Handwerkskammer halten en­­gen Kontakt sowohl zu den Betrieben wie auch zu den Schulen, beraten und in­­for­­mieren, bieten Rat bei Problemen an. Von dieser über den Bedarf hinausgehen­­­den Ausbildungsleistung profitieren alle Wirtschaftsbereiche.

Zimmerer_9255

Handwerk – Kompetenz und Qualität
Der harte Wettbewerb auf dem Markt for­­dert das Handwerk heraus. Die Antwort des Handwerks ist: Qualität, Ideen­reich­­tum, erfolgreich Marktnischen besetzen.

In den letzten Jahren hatten die Hand­­wer­­­ke für den gewerblichen Bedarf, zum Beispiel Metallbauer und Feinwerk­me­cha­niker, als Zulieferer einen wichtigen Anteil an der wirtschaftlich guten Ent­­wicklung in Deutschland. Die erhöhten Anforderungen an umweltgerechtes Bau­­en – Stichwort Gebäudedämmung – er­­fordern immer mehr die Fachkenntnisse aus den Ausbauhandwerken und er­­schließen diesen interessante neue Tä­­tigkeitsfelder. Die vielen Handwerks­be­­trie­be, die für private Endverbraucher tä­­tig sind, wie Bäcker und Frisöre, stabilisieren gegenwärtig angesichts der zu­­­­rückgehenden Exportumsätze die Wirt­­­­schaft in Deutschland.
Im Wettbewerb können sich die Be­­trie­­be nur mit gut ausgebildeten Fach­kräf­­ten behaupten. Für Aus- und Weiter­bil­­dung steht im Kammerbezirk deshalb ein Ausbildungszentrum mit vier Stand­­orten zur Verfügung:
Halle-Osendorf, Sted­­­ten, Wittenberg und das Zahn­tech­­nikzentrum in Halle. Für die sehr unterschiedlichen Berufs­­bil­der und Anforderungen werden dort Bil­­dungs­an­gebote gemacht, die von der Lehr­lings­aus­­bildung über die Mei­­ster­­­ausbildung bis hin zu Gebäu­de­en­­er­­gie­­­beratern oder Ausbildereignung ge­­hen. So bietet das Ausbildungs­zen­trum der Hand­werks­kam­­mer Halle in Sted­ten Lehrgänge zum Ge­­­­bäu­de­en­er­gie­berater an. Dort wird Wis­­sen über So­­­­larthermie und Fotovoltaik, Wär­­me­pumpen oder Wärme­rückge­­win­nung ver­­mittelt, das dann an die Kunden wei­­tergegeben werden kann. Diese Ge­­bäu­­­­deenergieberater können dann den ge­­­­setzlich vorgeschriebenen Energie­aus­­weis für Wohngebäude ausstellen.
Wer eine anspruchsvolle und interessan­te Tätigkeit sucht, ist beim Handwerk gut aufgehoben. Es ist absehbar, dass in den nächsten Jahren eine ausreichende Zahl an Ausbildungsplätzen zur Ver­­­fü­gung steht.


Unbenannt-2

Im Herbst 2009 wird Halle Treffpunkt der besten Handwerkslehrlinge sein. Es findet das Finale im bundesweiten Leis­­­­tungswettbewerb der Handwerksjugend statt. Diese Veranstaltung wird das ho­­he Niveau der handwerklichen Aus­bil­­dung in Deutschland eindrucksvoll de­­monstrieren.
Beim jährlichen „Tag der offenen Tür“ in den Ausbildungszentren und auf der jähr­­­­lichen Mitteldeutschen Hand­werks­mes­­­se in Leipzig wird der Nachwuchs mit der gro­­ßen Bandbreite der Hand­werkstä­tig­kei­ten vertraut gemacht. Für nicht we­­ni­­ge ist das eine positive Über­­raschung. So sind es Hand­­­werks­­fir­­men, die beim brandaktuellen The­­ma Ener­gie­ein­spa­rung und Nut­zung alternativer Energien für die Um­­setzung verant­­wortlich sind. Die Fri­su­ren­­schau der Fri­­sör- und Kos­­me­­tikinnung Hal­­le zeigt ak­­tuelle Modetrends und die kreativen Mög­­lichkeiten dieses Handwerks und verbindet gekonnt Un­­terhaltung, Wis­­­sens­­ver­­mittlung und Nach­­wuchs­ge­win­­nung.

Jürgen-Rogahn_40061-HWKDer studierte Volkswirt ist seit Januar 2005 Hauptge­schäfts­­führer der Hand­werks­­­­­kammer Halle (Saa­­le). Er studier­te Volkswirtschaft und wurde in Halle auf dem Gebiet der Demografie pro­­mo­­viert. Bis 1991 war er als wissen­schaftlicher Mit­arbeiter an der Mar­­tin-Luther-Univer­­si­tät Halle tätig und wechselte dann zur Handwerkskammer Halle. 1996 über­nahm er die Aufgabe eines Ge­­schäfts­führers der Handwerks­kam­mer.