Dr. Ingo Luge: Saubere und bezahlbare Energie für Deutschland

Der gesicherte Zugang zu Energie war stets auch ein entscheidender Schlüssel für die Entwicklung zum modernen Menschen. Das Beherrschen des Feuers bildete den ersten Schritt. Die Wasser­kraft, die Dampfmaschine und schließlich die Nutzung des elektrischen Stroms machten Energie im Rahmen der Indus­­trialisierung langsam zu einem allgemein verfügbaren Gut, das wir heute als selbst­­verständlich ansehen.

Deutschland ist einer der weltweit erfolg­­reichsten Wirtschaftsstandorte. Diese Stärke ziehen wir aus der Fähigkeit, Pro­­dukte zu entwickeln und zu produzieren, die weltweit gefragt sind. Industrielle Produktion als Grundlage unserer Volks­­wirtschaft braucht eine sichere und be­­zahlbare Energieversorgung. Sie ist eine unserer wesentlichsten Lebens­grund­lagen und Antrieb der modernen Zivilisation. Damit Deutschland diesen Erfolg auch in Zukunft fortsetzen kann, arbeitet E.ON intensiv daran, die Energie­ver­sorgung weiterzuentwickeln. Die zentrale neue Herausforderung ist dabei der Leit­ge­danke der Nachhaltigkeit, der gerade im Laufe der vergangenen Dekade an Be­­deutung gewonnen hat. Für uns heißt das vor allem die Reduzierung des bei der Stromversorgung entstehenden CO2-Ausstoßes und die Schonung der endlichen Ressourcen unseres Planeten. Haupt­auf­­gabe in den kommenden Jahren wird es sein, das gesamte System zur Strom­­ver­­sor­­gung sauberer und effizienter zu machen: von der Stromproduktion in effizienten An­­­­lagen über leistungsfähige Netze bis hin zu inno­­vativen Produkten für unsere Kunden.

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Um die CO2-Emissionen im Bereich der Stromerzeugung weiter zu reduzieren, setzen wir sowohl auf den engagierten Ausbau der erneuerbaren Energien als auch auf Investitionen in hocheffiziente klassische Kraftwerke. In Deutschland existiert vor allem bei den erneuerbaren Energien ein großes Potenzial im Bereich der Offshore-Windenergie. Dabei liefern die günstigen Windverhältnisse auf hoher See konstanter Strom als Anlagen an Land. E.ON ist als Partner am ersten deutschen Offshore-Windpark Alpha Ventus beteiligt, der seit 2010 Strom auf das Festland liefert. Weiterführende Projekte sind beispielsweise das zweite deutsche Offshore-Projekt „Amrum Bank West“. Hier werden rund 80 Windräder mit knapp 300 Megawatt fast soviel Strom liefern wie ein kleineres Gaskraftwerk.

Doch auch konventionelle Kraftwerke haben als Energieproduzenten längst nicht aus­­gedient. So bauen wir im nordrhein-west­­fälischen Datteln ein hochmodernes Kohle­­kraftwerk mit einem Wirkungs­grad von mehr als 45 Prozent. Das Verhältnis von abgegebener Leistung zu zugeführter Leistung verbessert sich zusehends.
Demzufolge können mehrere wesentlich ineffizientere ältere Anlagen im Ruhr­ge­­biet ersetzt und so rund 20 Prozent CO2 pro produzierter Kilowattstunde Strom eingespart werden. Darüber hinaus be­­findet sich am Standort in Irsching in Oberbayern ein neues Gas- und Dampf­kraftwerk, das mit einem Gesamt­wirkungs­grad von fast 60 Prozent Maßstäbe setzt und in den kommenden Jahren um ein weiteres Gaskraftwerk erweitert werden soll, das sogar noch effizienter Strom pro­­duziert. Zu den Stärken dieser An­­lagen zählt aber nicht nur die hervorragende Ausnutzung des Brennstoffs. Die Kraft­werke sind auch sehr flexibel regelbar, können schnell gestartet und in ihrer Leistung reguliert werden. Damit ist die Anlage der ideale Partner für erneuerbare Energien, indem sie wetterbedingte Schwan­­kungen etwa bei der Solarenergie ausgleicht – eine angesichts des steigenden Anteils erneuerbarer Energien immer wichtigere Funktion.

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Doch hochflexible Kraftwerke alleine werden zur Sicherung unseres heutigen hohen Niveaus an Versorgungs­sicher­­heit nicht ausreichen, vor allem dann nicht, wenn 2022 das letzte deutsche Atom­kraftwerk vom Netz genommen werden soll. Doch schon heute haben wir in einigen Regionen an vielen Tagen ausschließ­­lich erneuerbaren Strom aus erneuerbaren Ressourcen in unseren Netzen. Ins­be­sondere die Verteilnetze laufen an sonnen­­reichen Tagen in manchen Gegenden durch viele zehntausend Photo­voltaik­anlagen an ihrer Belastungsgrenze. Denn diese Niederspannungsleitungen wurden für die Verteilung von Strom konzipiert und nicht für eine Einspeisung in diesem Ausmaß. Deswegen bauen wir unsere Netze unter Hochdruck weiter aus und werden allein im Jahr 2011 in Deutsch­land 900 Millionen Euro investieren.

Allerdings benötigen wir in Deutschland mittelfristig eine völlig neuartige Steue­rungs­­fähigkeit in den Stromnetzen. Unter der Überschrift „Smart Grids“ arbeiten wir daran, neben Strom auch Daten zu übertragen. So könnten beispielsweise in Kellern integrierte, vernetzte Klein­kraft­­werke auf Erdgasbasis gezielt anspringen, wenn Wind und Sonne schwächeln. Oder Elektroautos ihre Batterien genau dann aufladen, wenn in verbrauchsschwachen Nächten viel Windstrom zur Verfügung steht. Dieser Aufbau intelligenter Strom­­netze ist eine Herausforderung, die Deutschland in diesem Jahrzehnt um die 20 Mil­liarden Euro kosten wird. Hier ist die Politik ge­­fragt, die notwendigen Rahmen­be­din­gungen zu schaffen. Denn der Begriff „Innovation“ kommt in unserer heutigen Regulierungswirklichkeit nicht vor.

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Die intelligenten Netze eröffnen dabei voll­­kommen neue Perspektiven.
Mit Hilfe von intelligenten Stromzählern können schon heute der Stromverbrauch fast in Echtzeit verfolgt und so versteckte Energiefresser aufgespürt werden. Mit flexiblen Tarifen wird der feste Preis für eine Kilowattstunde auch für Haushalts­­kunden irgendwann der Vergangenheit angehören. Schon heute gibt es Tarife, die einen intelligenten Stromzähler mit einem zeitabhängigen Kilowatt­stunden­­preis kombinieren. So haben die Kunden einen echten Anreiz, weniger zeitkritische Verbräuche wie das Wäschewaschen in die verbrauchsarme, preisgünstigere Zeit zu verlegen. Damit ergeben sich Möglich­­keiten, die Nachfrage nach Strom ein Stück weit entsprechend des Angebots zu steuern, um hohe Spitzen­belas­tungen zu vermeiden.

Flexibilität in der Nachfrage ist bei Groß­­­­kunden heute schon Alltag. So sind ener­gie­­­­intensive Betriebe wie beispiels­­weise Stahl­­werke bereit, für einen niedrigeren Strom­preis zu Zeiten besonders starker Nachfrage auf die Belieferung mit Strom bei geringerer Auslastung zu verzichten. Andere Unternehmen unterstützt E.ON als erfahrener Projektentwickler auf dem Weg, sich selbst mit Energie zu versorgen. Wir haben beispielsweise in Plattling ein Gas- und Dampfkraftwerk für zwei Papier­­fabriken gebaut, das sowohl Strom als auch die für die Papierherstellung notwendige Prozesswärme liefert. Dadurch wird ein hoher Energieausnutzungsgrad von mehr als 85 Prozent erreicht. Wir bauen solche Anlagen, übernehmen die Betriebsführung und vermarkten überschüssige Strommengen. Ein weiteres Beispiel ist der im Bau befindliche Groß­­flughafen Berlin-Brandenburg Inter­na­tional. Hier plant und baut E.ON vier hocheffiziente Blockheizkraftwerke für die Strom-, Wärme- und Kälte­ver­sor­gung des Flughafens. Auch diese An­­lagen setzen mit einer Brennstoff­aus­nutzung von etwa 90 Prozent Maßstäbe in Sachen Effizienz.

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Das in zahlreichen Projekten über Jahr­­zehnte angesammelte Know-how wollen wir auch in Zukunft zur Sicherung des Wirt­­schaftsstandorts Deutschland einsetzen – und darüber hinaus. Die Ent­­wicklung und der Ausbau erneuerbarer Energien wird die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland maßgeblich beeinflussen. Biomasse, Wind oder Sonnen­­energie machen uns dabei nicht nur un­­abhängiger von Energieexporten, sondern lassen neue Jobs entstehen und helfen, unsere Umwelt für zukünftige Gene­ra­tionen zu bewahren.

 

luge-KopieDer Autor studierte Jura in Freiburg und München und promovierte 1989. Nach Tätigkeiten als Berater, unter anderem bei der Frankona AG, übernahm er von 1999 bis 2001 die Leitung der Unter­neh­­mensentwicklung und bis 2005 den Posten des Finanzvorstands der Avacon AG. Von 2006 bis 2010 war er als Vorsitzender der Geschäftsführung der E.ON Kraftwerke GmbH tätig. Seit 2010 ist Dr. Luge Vor­­stands­­vorsitzender der E.ON Energie AG.