Dr. Hartmut Richter: Handwerk gibt Gas – ein Wirtschaftsbereich mit Perspektiven

Wer von außen auf die Wirtschaft Baden-Württembergs blickt, nimmt zu­nächst die Preziosen der Export­industrie wahr. Die großen Namen im Automobilbau, im Maschinenbau und die der Hidden Champions in zahlreichen von Hightech geprägten Markt­nischen dominieren auf den ersten Blick das Bild. Der zweite Blick führt in die Tiefe und Breite der baden-­württembergischen Wirtschaft: Er weist auf die zahlreichen kleinen und mittleren Unternehmen. Sie bilden die unverzicht­bare Grundlage für den Erfolg der Wirtschaft im Südwesten insgesamt. Hier nimmt das Handwerk eine zentrale Funktion wahr. Etwa jedes fünfte Unternehmen in Baden-Württemberg zählt zum Handwerk. Fast jeder fünfte Arbeitnehmer ist in einem Handwerks­betrieb tätig und bei der Berufs­aus­­bildung hält das Handwerk die Spitzen­­position vor den anderen Be­­reichen wie Industrie, Handel und Dienst­leistungs­­branchen. Etwa jeder zweite Lehrling, der einen gewerblich-technischen Beruf erlernt, tut dies in einem Handwerks­­beruf. Das Handwerk leistet damit einen unverzichtbaren Beitrag zur Siche­r­­ung der Qualität der Ar­­beit­nehmer in der produzierenden Wirtschaft.


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Das Handwerk blickt auf die längste Tradition in der Wirtschaftsentwicklung Europas zurück. War es ursprünglich im Mittelalter für fast alle Bereiche der Produktion und Dienstleistung zuständig, so hat die industrielle Revolution Ende des vorletzten Jahrhunderts zunächst zu einer Verdrängung des Hand­­werks aus dem Bereich der Güter­produktion geführt. Gleichzeitig lieferte es aber auch die Basis für die Ent­wicklung der Industrie selbst. Ob es der Mechaniker Robert Bosch war oder der Bäcker­sohn und Büchsen­macher­ge­selle Gottlieb Daimler – Handwerker und ihre Technik legten die Grund­steine für die industrielle Karriere im Südwesten Deutschlands.

Diese „Zulieferfunktion“ ist und bleibt einer der beiden zentralen Beiträge des Handwerks für eine prosperierende Entwicklung Baden-Württembergs. Der Begriff der Zulieferung hat dabei durchaus eine doppelte Bedeutung. Er verweist auf die weiter bestehende Saatbeetfunktion des Handwerks. Immer wieder entwickeln sich Hand­werks­­­be­­triebe über die typischen personenbezogenen Strukturen hinaus in den industriellen Sektor hinein. In seiner zweiten Ausprägung verweist der Begriff auf die Zulieferer im engeren technischen Sinn. In keinem anderen Bundesland ist die Ver­flechtung zwischen Handwerk und Industrie so eng und der Anteil der Zulieferbetriebe so hoch wie in Baden-Württemberg.
Die Konjunkturkrisen der letzten 20 Jahre haben aber auch die Kehrseite dieser Verflechtung deutlich gemacht: Zu­­lieferbetriebe als Auslastungspuffer. Viele handwerkliche Zulieferer haben hieraus bereits Konsequenzen gezogen. Sie haben sich vom Lohnfertiger für Auftragsteile zum Hersteller von höherwertigen Komponenten weiterentwickelt, die eigenständige Markt­positionen möglich machen. Dass das Handwerk auch Zulieferer von handwerklich bestens ausgebildeten Fach­kräften ist, mag für diese Aus­bil­dungs­betriebe schmerzlich sein, volkswirtschaftlich ist es aber ein zusätzlicher wichtiger Beitrag für den Erfolg des Landes.

In dieser Verflechtung mit den anderen Sektoren der gewerblichen Wirt­schaft liegen für das Handwerk große Ent­­wicklungs­potenziale. Vermutlich wird der Trend, dass sich die industriellen Fertiger auf ihre Kernkompetenz konzentrieren, andauern und so die Märkte des Zulieferhandwerks weiter vergrößern. Das Leistungs­angebot reicht hier von der Gebäude­reinigung und dem Cateringangebot der Ernährungs­hand­werke über die Unterhaltung der baulichen Anlagen bis zu den Dienst­leist­ungen für Produktions­anlagen und deren Steuerung. Dabei wird das Hand­werk seine Angebote durch eigene Entwicklungen und Ver­netzungen im handwerklichen Umfeld in der Zu­­liefer­­hier­archie aufwerten und sich damit aus einer zu einseitigen Abhängig­keit von den industriellen Auftraggebern lösen.

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Die Zunahme des Leistungs­aus­tau­sches mit der gewerblichen Wirtschaft hat die Bedeutung des Handwerks für den privaten Verbraucher nicht reduziert, aber verändert. Hand­werks­betriebe gehören weiterhin zur unverzichtbaren Grund­ausstattung der lokalen und regionalen Infrastruktur. Unser tägliches Leben hängt rund um die Uhr von handwerklichen Dienstleistungen ab. Der Slogan der aktuellen Image­kam­pagne des Hand­werks „Das Hand­werk. Die Wirtschafts­macht. Von nebenan.“ bringt diese Funktion des Hand­werks auf den Punkt. Verschoben haben sich aber die Angebots­strukturen in diesem Markt. Teilweise gerät der einzelne Hand­werks­betrieb durch neue Anbieter in Bedrängnis. Bäckerei­­ketten oder Serviceketten für Teiltätigkeiten des Kfz-Handwerks sind hierbei besonders sichtbare Beispiele. Bei Arbeiten rund um die Immobilie und deren Einrich­t­ungen steht der Handwerker zu­­nehmend mit der Schattenwirtschaft und dem Do-it-yourself in Konkurrenz. Also eine eher pessimistische Prognose für diesen Teil des Handwerks? Keineswegs! Auch hier gilt der Grundsatz, Kreativität und Qualität setzen sich durch. Die Bei­spielkette reicht vom Metzger zum Caterer, vom Bauhandwerker zum hoch­­qualifizierten Gebäude­energie­be­ra­ter. Der Heizungs­bauer bietet umfassende Konzepte und Dienstleistungen rund um eine ökonomisch und ökologisch effiziente Gebäude­­­klimatisierung an, der Elek­tri­ker entwickelt und realisiert mit dem Kunden die Vorstellungen vom Smart Home.

Basis für diese Anpassungs- und In­­no­­va­­tionsfähigkeit des Handwerks ist weiter das traditionelle Bildungssystem vom Lehrling über den Gesellen zum Meister. Und wer will, der kann über das Lehr­­gangs­­angebot der Bildungs­akademien der Hand­werks­organisa­ti­­o­­nen hinaus seine Kompetenz an den Hoch­­schu­­len ergänzen. Deren Tore stehen inzwischen für Hand­­werks­­meister offen. Das Handwerk bietet Frauen und Männern, für die Leistung, Verant­wortung, Selbst­­bestimmung und das Durchsetzen eigener Ideen hohe Werte sind, hervorragende Perspektiven. Dies vor allem in Baden-Württemberg.

RichterHochPrint_HELLDer Autor ist Hauptgeschäftsführer des Baden-Württembergischen Hand­werks­tages (BWHT), in dem alle Handwerks­kammern und Branchenverbände des Handwerks zusammenarbeiten. Dies um­­fasst übergreifende Projekte ebenso wie die ständige Präsenz in dem relevanten Netzwerk aus Politik, Behörden, Bildung, Banken, Hochschulen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gruppen.