Dr. Hans-Jörg Czech: Ein neues historisches Museum für die „Kulturmeile“ Wilhelmstraße 


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Die hessische Landeshauptstadt be­­ab­sichtigt, die heute schon als „Kul­tur­mei­le“ wahrzunehmende Wilhel­m­stra­ße um eine Attraktion zu bereichern. Nach dem Wil­­­len des Stadtparlaments soll auf dem Grund­stück Ecke Wilhelm­stra­ße/Rhein­­straße, in direkter Nach­bar­schaft zum Landes­mu­seum und großer Nähe zur Rhein-Main-Halle ein neues Stadt­mu­se­um errichtet werden. An­­lie­­gen dieses Hauses wird es sein, die Bewohner von Stadt und Re­­gion sowie Besucher aus dem In- und Aus­land in zeitgemäßer Form zur Begegnung mit Wiesbaden in Geschichte und Ge­­gen­wart einzuladen.
Die langjährigen Vorbereitungen für die Umsetzung dieses deutschland­weit be­­­ach­­teten Vorhabens der voll­stän­digen Neu­errichtung eines Stadt­mu­se­ums sind mit wichtigen Weichen­stellungen in die entscheidende Phase eingetreten. Für die architektonische Gestalt wurde im Rahmen eines internationalen Re­­a­li­sie­rungswettbewerbs der prä­­­mierte Ent­­wurf des Berliner Bü­­ros töpfer.ber­tuleit.ar­­chi­tekten zur Um­­setzung be­­stimmt. Auf rund 8.000 Qua­drat­me­tern Gesamtnutzfläche wird der Neu­­bau alle Funktionen einer mo­­der­nen, an den Pu­­blikums­­ansprüchen ori­en­tier­ten Mu­­se­ums­institution in ei­­nem pas­­sen­den mo­­dernen Archi­­tek­tur­ge­wand ver­­einen. Nach Passieren des licht­durch­flu­teten Foyers, das mit sei­ner großzügigen Anlage auch für Ver­anstaltungen nutzbar sein wird, sollen sich vor dem Be­­sucher über drei Eta­gen große Aus­stel­lungsflächen mit zu­­sammen rund 2.400 Quadratmetern für die historischen Dar­stel­lungen entfalten. Neben mu­­se­ums­­pä­da­go­­gischen Ar­­beitsräumen werden fer­­­ner ein Vor­trags­saal sowie ein Bistro mit at­­traktiver Au­­ßenterrasse zur Ver­fü­gung stehen. Für die museumsinternen Be­­lan­ge bietet der Entwurf außer Ver­wal­tungs­räu­men auch einer Fach­bi­bli­o­thek, Res­­tau­rie­rungsateliers sowie De­­pot­­flächen für die Unterbringung der Sammlungen Platz. In seinen Pro­por­ti­onen und der An­­ordnung der großflächig verglasten Öff­­nungen bezieht sich das geplante Mu­­se­­umsgebäude eng auf das städte­bauliche Umfeld. Die aus sim­plen geo­­metrischen Formen entwickel­ten Au­­ßenflächen ver­­lei­hen dem Bau zu­­gleich eine solitäre Er­­schei­nung, die klar der ak­­tuellen Ar­­chi­tek­tursprache des 21. Jahr­hunderts ver­pflich­tet ist. Am Ein­gang der Wies­ba­de­ner Pracht­straße ent­steht so mit dem Stadt­mu­seum ein mar­kantes Bauwerk, das die hessische Lan­­des­hauptstadt sowohl als Ort des Be­­wusst­seins für eine fas­zi­nie­ren­de Ver­gan­gen­­heit wie auch als moderne, der Ge­­gen­wart und Zukunft offen zu­­ge­­wandte Stadt cha­rakterisiert. Die hes­si­sche Landes­re­gie­rung unterstützt den Neubau mit ei­­nem finanziellen Bei­trag.
Eine weitere Förderung von Landesseite erfolgt durch die vorgesehene Über­ga­be der renommierten Sammlung Nas­sau­ischer Altertümer an das Projektbüro Stadt­museum. Mit 340.000 teils ein­zig­artigen Objekten aus der Zeit der regionalen Vor- und Frühgeschichte bis ins frühe 20. Jahrhundert bilden diese be­­reits im 19. Jahrhundert begründeten Bestände eine hervorragende Grund­la­ge für die künftige Ausstellungsarbeit. Er­­gänzend steht zudem eine rund 8.000 weitere Objekte umfassende Sammlung zur Geschichte der Region mit Schwer­punkt im 19.–21. Jahrhundert zur Ver­fü­gung, die das seit 2000 etablierte Pro­­­jektbüro Stadtmuseum aufgebaut hat und kontinuierlich weiter ausbaut.

01_SMW_Perspektive_Stadtraum

Die Themenstruktur und die Gestaltung der künftigen Dauerausstellung nehmen parallel zur Fortentwicklung der Bau­pla­nungen ebenfalls bereits Kontur an. Den Ausgangspunkt bildet eine Konzeption, die im Zusammenwirken zwischen den wissenschaftlichen Mitarbeitern des Pro­jektteams und den Mitgliedern eines hoch­karätig besetzten wissenschaftlichen Bei­rates stetig weiter entwickelt wird. An­­ge­­strebt ist eine nach modernen museolo­gischen Erkenntnissen ge­­­­stal­tete Präsentation, die, unterteilt in drei große Abteilungen, einen chronologisch ar­ran­gier­ten Rundgang durch die Ge­­schichte Wies­ba­dens ermöglicht. Neben Rückblicken auf die antike, mittelalterliche und frühneu­zeitliche Vergangenheit der Stadt wird dabei großer Raum vor al­­lem dem 19. und 20. Jahrhundert gewidmet sein. In eben diesen Perioden erlebte Wies­ba­den als Residenzstadt des Her­zogtums Nas­­sau, als wilhelminische „Welt­kurstadt“ so­­wie nach 1945 als hessische Landes­hauptstadt den schrittweisen Auf­stieg zur Großstadt und erlangte wie­der­holt überregionale, ja internationale Be­­deu­­tung. Auch die Stadt­ge­schich­te während der Weimarer Republik und des NS-­Re­gimes soll intensiv beleuchtet werden. Für die kreative Umsetzung der Dauer­aus­stellung konnte mit Hans Die­ter Schaal einer der bekanntesten Aus­stel­lungs­ge­stalter Deutschlands ge­­won­nen werden. Ziel aller Pla­nungs­an­stren­­gun­gen ist es, den künftigen Ausstellungsbesuch durch die Schaffung anschaulicher Ex­­po­nat­prä­sentationen sowie ansprechend auf­be­rei­teter Informationsangebote für Be­­sucher aller Alters- und Her­kunfts­grup­pen zu einem lehr- und erlebnisreichen Er­­eig­nis werden zu lassen. Entstehen soll eine mo­­derne, didaktisch und his­torisch-wis­sen­schaftlich anspruchsvoll arbeitende Mu­­seums­institution, die die bestehenden Erkenntnisse und For­men der stadtgeschichtlichen Forschung ei­­nem breiten Publikum vermittelt und zudem selbst aktiv bereichert.


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Ein großer Wechsel­aus­stel­lungs­be­reich wird es ermöglichen, herausragende The­­­men, etwa der örtlichen Sozial- und Wirt­schaftsgeschichte, zusätzlich in tempo­­rä­ren Schauen auszubreiten.

Bereits heute leistet das Projektbüro Stadtmuseum mit Vorträgen, Kinder­ak­­tionen, Stadtspaziergängen und an­­­de­­ren Sonderveranstaltungen viele Bei­­trä­­ge zur Vertiefung der Kenntnisse der Stadt­ge­schichte. In Ausstellungen zu The­men wie Alexej Jawlensky in Wies­baden, 100 Jah­re Kurhaus oder Wies­ba­­den als Zen­­trale der Berliner Luft­brücke werden immer wie­der neue stadt­­geschichtlich relevante As­­pek­te erschlossen. Die po­­sitive öffentli­che Resonanz auf diese Ar­­beit ist An­­sporn für die verbleibenden Heraus­for­der­un­gen bei der Realisierung des Stadt­mu­seums. Die großen Poten­ziale, die aus diesem Museumsprojekt mit dem für 2014 vorgesehenen Eintritt in den Voll­betrieb nicht nur für die kulturelle In­­frastruktur von Stadt und Re­­gion her­­vorgehen können, zeichnen sich im­­mer deutlicher ab.

AutorDer 1966 geborene Autor hat in Münster, Wien und Bonn Kunst­ge­schich­te, neu­e­re deutsche Literaturwissenschaft und Volks­kunde studiert. Czech volontierte bei den Staat­­lichen Museen Kassel und wirkte an der Neu­kon­zeption des Mu­­se­­ums Schloss Wil­helms­höhe mit sowie als Di­­rek­tions­as­sis­tent und Kurator beim Deutschen His­to­ri­schen Muse­um in Ber­­­lin. Er ist Grün­dungs­di­rek­­tor des Stadt­museums Wies­ba­den.