Dr. Gerd-Rüdiger Steffen: Investition Zukunft – Hightech-Gründungen in Schleswig-Holstein

Schleswig-Holstein wird allgemein im­­mer noch mit Schiffbau, Landwirtschaft und Tourismus in Verbindung gebracht. Das ist auch gut so, denn diese Wirt­schafts­bereiche haben das „Land zwischen den Meeren“ über viele Jahr­zehnte geprägt und beinhalten – man denke nur an den boomenden Ge­­sund­­heitstourismus – nach wie vor viel ver­­sprechende Entwicklungs- und Wachs­tumspotenziale.

Allerdings: Der wirtschaftliche Struk­tur­­­­­­­wan­­del hat auch hier deutliche Spu­­ren hin­­ter­lassen und zum Beispiel da­­zu ge­­­­führt, dass der Anteil der Land­­wirt­­schaft an der Brutto­­wertschöpfung nur noch 1,4 Prozent be­­trägt und nur noch 0,6 Prozent der Be­­schäftigten im Schiffbau tä­­tig sind. Der Struk­­tur­wandel ist je­­doch keine Einbahn­stra­­­­ße, denn praktisch im gleichen Atem­­zug hat sich Schles­­wig-Hol­­stein zu ei­­nem mo­­dernen Dienst­­­­leis­­tungs- und Tech­­no­­­­lo­gie­stand­­ort ent­­wickelt, der viele Top­­adres­sen in Wirt­schaft, Wissen­schaft, Sport und Kul­­tur beheimatet und den Vergleich mit an­­deren nicht zu scheuen braucht.

Das gilt auch für den Bereich der High­­tech-Gründungen, die mit ihrem Poten­zi­al als „Unternehmen und damit auch Ar­­beit­geber und Steuerzahler der Zu­­kunft“ maß­­geblich dazu beitragen kön­­nen, dass Regionen als Gewinner aus dem wirt­schaft­­lichen Struk­tur­­­wandel her­­vor­­gehen. Aus­weislich einer ZEW-Stu­­die (High­­tech-Grün­­dungen in Deutsch­land: Trends und Ent­­wicklungsperspektiven, Mann­­heim 2006) zu Hightech-Gründun­gen in Deutsch­­land, ge­­hört Schleswig-Hol­­stein zu fünf von 13 Flächenländern, die eine über dem Bun­­desdurchschnitt lie­­gende Grün­­dungs­in­tensität aufweisen. Be­­son­­ders hervorzuheben ist dabei die gu­­te Position des Landes bei den Grün­dun­gen im Seg­­ment der Spitzen­techno­lo­gien.

Technologieorientierte Unter­neh­­mens­­grün­­­dungen sind von großer Be­­deutung für Wirt­­schaft und Gesellschaft. Sie trans­­formieren neues Wissen in in­­novative Pro­­dukte und Produktions­ver­­fahren, erhöhen den Inno­va­­tions­druck für bestehende Un­­ternehmen und forcieren dadurch den technologischen Fort­­schritt. Junge Techno­­logieunter­nehmen wachsen in der Regel überdurchschnitt­lich und sind damit viel­­fach auch ein wichtiger Motor für die Schaffung neu­er, wettbewerbs­­fähiger Arbeitsplätze.

Hightech-Gründungen fallen jedoch nicht vom Himmel. Sie brauchen ein institutio­­nel­­les und spirituelles Umfeld, das den potenziel­­len Gründern im Wege der Chan­­cen- und Risikoabwägung eine positive Grün­dungs­entscheidung erleichtert. Eine Schlüs­­sel­rolle spielen dabei Finan­­zierungs­mög­lich­­kei­ten. Laut ZEW-Stu­die waren Probleme bei der Finanzierung für 64 Prozent der er­­fassten Grün­dungs­­­­unter­neh­­men ein Hemmnis von großer oder mittlerer Be­­deutung.
Hightech-Gründungen beinhalten vielfach – neben den in den handelnden Per­­sonen liegenden Risiken – auch alle denk­­baren technologischen und Markt­­risiken und bieten dafür in der Regel kaum be­­wert­bare Sicherheiten. Damit sind klas­­sische Bankfinanzierungen praktisch aus­­­­ge­schlos­­sen. Die Alternative sind Ei­­gen­­kapital­fi­­nan­zierungen zum Bei­­spiel über Venture-Capital-Ge­­sellschaften. Nach dem Platzen der In­­­­­ternetblase in den Jah­­ren 2001/2002 haben sich jedoch auch diese Ka­­pital­­geber für lange Zeit aus der Früh­­pha­­sen­­finanzierung zurückgezogen. Schles­­wig-Holstein war von dieser Entwicklung be­sonders betroffen, denn das Land war schon vor der In­­ternetkrise nicht gerade im Fokus dieser Kapitalgeber.

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Laser im Koffersystem

Vor diesem Hintergrund etablierten das Wirt­­schaftsministerium, die Mittel­stän­di­­­sche Beteiligungsgesellschaft (MBG), die In­­vestitionsbank und die Bürg­schaftsbank im Jahr 2002 mit dem Technologie- und Innovationsfonds Schleswig-Holstein (TIF) ein Beteiligungsprogramm, das gezielt auf die Be­­dürfnisse von Tech­­no­lo­gie­un­­ternehmen in der Gründungs- und Wachs­­­tumsphase ausgerichtet war. Im Jahr 2006 wurde der TIF in den Seed- und Start-Up Fonds Schleswig-Holstein (SSF) mit ei­­­nem Vo­­lumen von insgesamt 20 Millionen über­­führt. Im Rahmen des SSF beteiligt sich die MBG typisch still oder offen an Tech­­nologieunternehmen.
Der SSF war 2006 das bun­­desweit er­­ste öffentlich ge­­förderte Pro­­gramm, das für High­tech-Un­­ter­neh­mens­­­ausgrün­dun­­­­­­gen aus Hoch­­schulen, For­schungs­ein­rich­tun­­gen und Unternehmen mit wissenschafts- und forschungsbasiertem Hin­­tergrund Be­­­­­­tei­­ligungskapital be­­reits in der Seed-Phase herauslegt, um aus dem hoch­­ka­­rätigen tech­­­­nologischen Know-how der Gründer marktgängige Pro­­dukte und ein tragfähiges Geschäfts­­mo­­dell zu ent­­­­wi­­ckeln. Das Aufspüren, das Screen­­­­ing und die anfängliche Be­­glei­­tung der po­­­tenziellen Unter­neh­mens­­­­­­­­grün­­der über­­­­­­nimmt die Wirt­schafts­för­­­­derung und Tech­­nologietransfer Schles­­­­­­wig-Hol­­stein GmbH (WTSH).

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Lasertechnologie von Taufenbach.

Aus dem TIF und SSF wurden insgesamt schon über 100 Beteiligungen bewilligt davon 15 Beteiligungen an Aus­­grün­­dun­­­­gen (Stand Juni 2009). Etliche Unter­nehmen erhielten darüber hinaus in Anschlussfinanzierungsrunden bereits weiteres Kapital von der MBG, von Ven­­ture-Capital-Ge­­sellschaften, Business Angels, strategi­schen Investoren, dem High-Tech Grün­­derfonds, dem ERP-Start­­­­fonds oder von Banken.
Erfolgsbeispiel Taufenbach GmbH
Die 2005 von dem Dipl.-In­­ge­­nieur Nor­­bert Taufenbach in Kiel ge­­gründete Tau­­fenbach GmbH er­­hielt in den Jahren 2005 und 2009 zwei MBG-Beteiligungen aus dem TIF und dem SSF. Diese Mit­tel dienten dem Unter­­nehmen – in Kom­­bination mit Eigen­­mitteln der Ge­­sell­­schafter, Mit­­teln des ERP-Startfonds der KfW und Zu­­schüs­­sen der WTSH – dazu, weltweit einmalige industrietaugliche CO2-Laser­strahlquellen für den Leis­tungs­­be­­reich von 10 bis 100 Watt zu entwickeln und zu produzieren. Die Tau­­fen­­bach Laser eignen sich unter an­­de­­rem zum Markieren und Be­­schrif­­ten, zum Gra­vieren und für medizinische An­­wen­dun­gen.
Die Geräte sind ultrakompakt (um den Faktor fünf kleiner als US-Wett­be­werbs­­produkte) und ermöglichen damit völlig neue Gerätekonzepte. Zudem sind sie äußerst wirtschaftlich und langlebig. Um ihre revolutionäre Technologie wirksam zu schützen, hat die Tau­fen­­bach GmbH eine Reihe von na­­tionalen und internationalen Pa­­ten­­ten und Ge­­schmacksmustern angemel­­det. Vier Pa­­tente wurden bereits erteilt.
Erfolgsbeispiel mr. net group GmbH & Co. KG
Als der Dipl.-Mathematiker Michael Roh­­beck 2004 die mr. net group GmbH & Co. KG in Flensburg gründete, brachte er umfangreiche Erfahrungen im Tele­kommunika­tionsmarkt mit. So hatte er zuvor bereits unter anderem das Tele­kom­munikationsunternehmen Komtel in Flensburg aufgebaut und erfolgreich in die Versatel-Gruppe überführt.

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Erfolgsbeispiel im Bereich Telekommunikation: mr. net group.

Die MBG hat das äußerst dynamische Wachstum der mr. net group seit 2004 mit insgesamt vier MBG-Beteiligungen sowie einer Beteiligung aus dem von der MBG gemanagten Mittelstands­fonds Schleswig-Holstein (MSH) unterstützt. Heute zählt die mr. net group mit 150 Mitarbeitern und gut 30 Millionen Euro Um­­satz zu den führenden Outsourcing-Dienst­­leistern auf dem deutschen Tele­­kommunikationsmarkt. Die im Zuge des wirtschaftlichen Erfolges erlangte Ak­­qui­sitionskraft hat das Unternehmen genutzt, um den Berliner Abrechnungs- und IT Spezialisten NEXNET GmbH zu übernehmen. Durch die Gründung der mr. communication GmbH, einem Un­­ternehmen für professionelle IP-Tele­­fo­­nie-Lösungen, bietet die mr. net group jetzt sämtliche Dienstleistungen rund um das Thema Telekommunikation an. Da­­mit versetzt das Unternehmen beispielsweise Kabelnetzbetreiber und Stadt­­werke in die Lage, selbst Tele­­kom­­munikationsanbieter zu werden.

Steffen-KopieDer 1953 geborene Autor stu­­­­dier­­te Volks­­wirtschaftslehre in den USA und Kiel. Er wurde 1981 promoviert und war über 20 Jahre in der Staats­kanzlei und in Mi­­­­nis­­­­te­­rien des Landes Schles­wig-Hol­­stein tä­­­­­tig. 2001 wurde er Geschäfts­­füh­­rer der Mit­­­­­­tel­­ständisch­en Betei­li­gungs­­­ge­­sell­­schaft Schles­wig-Hol­stein GmbH. Dr. Steffen ist zudem General­bevoll­mäch­­tig­ter der Bürg­­schafts­bank Schles­wig-Hol­stein GmbH.