Dr. Eric Schweitzer: Geduld ist wichtig, Reformen und Innovation sind entscheidend

Deutschland hat sich nach der Lehman-Krise schnell erholt. Und auch im derzeitigen Umfeld anhaltender Unsicher­heit durch die Schuldenkrise erweist sich das Wachstum hierzulande noch als einigermaßen robust. Da Deutsch­­land für mehr als die Hälfte der EU-­Staaten bester Auslandskunde ist, hilft eine solche Entwicklung unseren Nach­­barn und Partnern in Europa gleichermaßen. Bereits in den Jahren zuvor haben die deutschen Importe von dort ordentlich zugelegt, Deutschland landet im Zeitraum zwischen den Jahren 2007 und 2011 auf Platz zwei des Einfuhr­­wachstums aller EU-Staaten. Das belegt, wie falsch der manchmal geäußerte Vorwurf ist, Deutschland als einseitig exportorientiert und als mitverantwort­­­lich für die derzeitige Lage in einigen Euroländern darzustellen.

Was Deutschland aber tatsächlich ist: ein gutes Beispiel für die Wirksamkeit von strukturellen Wirtschaftsreformen. Noch vor zehn Jahren galten wir als Schlusslicht in Europa – „The sick man of Europe“ titelte damals eine namhafte englische Zeitschrift. In dieser schwierigen Phase ist es uns gelungen, die nötigen Schlüsse aus der wirtschaft­­lichen Stagnation Anfang der 2000er Jahren zu ziehen und mit teilweise schmerzhaften Maßnahmen gegenzusteuern. Die Erfolgsfaktoren sind da­­mals so aktuell wie heute: Deutsch­land verfügt über eine gute industrielle Basis – „old economy“ ist „future economy“. Das produzierende Gewerbe trägt rund ein Viertel zur Wirtschaftsleistung bei und nimmt damit im europäischen Ver­­gleich eine führende Stellung ein. Produzenten, Zulieferer und Dienstleister sind über Jahre eng miteinander verflochten, bilden das „Netzwerk Industrie“. Es be­­steht eine ausgewogene Mischung aus Unternehmen industrieller Kern­bran­chen und Dienstleistern wie Forschung und Entwicklung, Beratung oder Markt­­for­­schung. Ihr Zusammenspiel hält den ge­­sunden Kreislauf aus Innovation, Wachs­­tum und Beschäftigung in Bewegung.

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In den letzten Jahren haben die Unter­­nehmen an ihrer Produktivität und Inno­­vationskraft gearbeitet sowie in neue Pro­­dukte, Dienstleistungen und Prozesse, in neue Märkte und neue Kooperationen investiert. Gerade in Deutschland stark vertretene Branchen wie Automobil- und Maschinenbau, Chemie und Elektro haben sich enorm angestrengt und immer wie­­der neue Technologien integriert. So stie­­gen die Investitionen der Unternehmen in Forschung und Entwicklung innerhalb von zehn Jahren um beachtliche 40 Pro­­­zent auf geschätzte 50 Milliarden Euro im Jahr 2011. Selbst in der Krise 2008/ 2009 haben die Betriebe nicht an ihren Innovationsaufwendungen gespart. Der Erfolg auf den Weltmärkten gibt dieser Strategie heute recht. Ein Schlüssel zum Erfolg ist auch die positive Haltung zur Globalisierung. Die Unternehmen haben frühzeitig Märkte überall auf der Welt er­­schlossen – und schauen sich weiter um. Gerade in den dynamischen Wachs­­tums­­regionen Asiens, Lateinamerikas und Afrikas tun sich neue Potenziale auf, die die Unternehmen zunächst mit Vertriebs­­strukturen und im Folgenden dann mit Produktionsstandorten erschließen.
Wir haben in Deutschland einen einzigartigen Unternehmensmix, um den uns fast die ganze Welt beneidet: Es gibt erfolgreiche große Aktiengesell­­schaften, viele engagierte Kleinunternehmen und einen – im internationalen Vergleich – breiten Mittelstand, der sehr stark von Familienunternehmen geprägt ist. In Deutschland liegen 90 Prozent der Un­­ter­­­­nehmen in Familienhand, sie stellen 60 Prozent der Arbeitsplätze. Darunter viele „Hidden Champions“, die hoch inno­­vativ und auf den Weltmärkten erfolgreich sind. Gerade diese Unternehmen denken nicht in Quartalsberichten, son­­­­dern längerfristig. Typische exportorien­­tierte Mittelständler sind im Schnitt bereits auf 16 Auslandsmärkten aktiv. Vergleichbares „Think global – act local“ gibt es weltweit nicht.

Nicht zuletzt hat die Politik diese Ent­­wicklungen unterstützt – mit guten Rahmenbedingungen, wie sie etwa auf dem Arbeitsmarkt geschaffen wurden. Die Tarifpartner haben über eine lange Zeit mit einer vernünftigen Lohnpolitik einen wich­­tigen Beitrag geleistet. Mit­­t­­ler­­weile ist in Deutschland etwa jeder Zweite er­­werbs­­­­tätig – ein Rekordniveau.
Hat es Deutschland nun ein für alle Mal geschafft? Die Erfahrung zeigt: Wer sich auf Lorbeeren ausruht, verliert den An­­schluss. Die demografische Ent­­wick­­lung bereitet mir die größte Sorge. Die Ent­­wick­­lung ist seit Jahren be­­kannt, aber nichts Entscheidendes wurde unter­­­­nom­­men. Bald trifft uns der Bevöl­ke­rungs­­rück­gang mit voller Wucht. Viele Unter­­­neh­­­­­­men haben schon heute Schwierig­­keiten, Stellen mit ausreichend qualifi­­zierten Bewerbern zu besetzen. Der wichtigste „Rohstoff“ Deutschlands – qualifizierte und innovative Fachkräfte – wird knapp. Jeder dritte Betrieb sieht im Fach­­kräftemangel ein Risiko für seine Ge­­schäftsentwicklung, und zwar be­­reits in den kommenden Monaten. Dieser Heraus­­forderung müssen wir – das heißt Politik, Wirtschaft und Gesell­­schaft ge­­meinsam – mit klugen Ideen begegnen.

Das reicht von besserer schu­­lischer Bil­­dung über mehr Weiter­­bil­­dung, die stär­­kere Beschäftigung Älterer und eine bessere Vereinbarkeit von Be­­ruf und Familie bis hin zu mehr Chancen für Menschen, die aus dem Ausland zu uns gekommen sind oder kommen.
Schauen wir nach vorn: Unsere europäischen Nachbarn beginnen seit kurzem die Reformen durchzuführen, die die Bun­des­­republik Deutschland bereits stark gemacht haben. Die europäischen Partner holen damit – zwar nicht von heute auf morgen, aber sicher mittelfristig – in Sachen Wettbewerbsfähigkeit auf: Irland hat das Renteneintrittsalter er­­höht, Spanien eine Schuldenbremse ver­­abschiedet. Italien hat seinen Arbeits­­­­markt flexibilisiert, Por­­­­tugal Feiertage gestrichen. Das sind nur einige wenige aktuelle Beispiele. Die Liste der Maß­­nahmen ist lang – und wird täglich länger. Das sollte uns hier in Deutsch­­land anspornen, die Hände nicht in den Schoß zu legen.
Die genannten Reformen sind Teil des Kampfes gegen die Staatsschuldenkrise. Wir alle in Europa dürfen in diesen Be­­mühungen nicht nachlassen. Europa hat mit dem Nebeneinander von Sparen und Reformen sowie mit der Einigung auf den Fiskalpakt den richtigen Weg eingeschlagen. Wir sollten die Maßnahmen entschlossen weiter vorantreiben, und nicht ständig mit neuen Vorschlägen neue Unsicherheiten schaffen. Mittel- bis länger­­fristig ist eines entscheidend: ver­­lorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Dies kann den Staaten Europas nur mit einer Politik der Wahrhaftigkeit gelingen – einer Politik, die den Bürgern ehrlich sagt, was sie kostet, einer Po­­litik ohne neue Schulden.

eric-schweitzer-2013-2Der 1965 in Malaysia geborene Autor ist promovierter Betriebswirt. Im Jahr 1990 stieg er ins Management der ALBA AG ein. Seit 1993 gehört er dem Vorstand der ALBA Group an, seit 2011 als Vor­­stands­vor­sit­zender. Dr. Eric Schweitzer ist seit März 2013 Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages DIHK.